wollte sich augenscheinlich in seine seit einiger Zett von chm bevorzugte Gichtbehandlungsmethode vertiefen. In diesem Augenblick aber des Spargel, korbes am Arme seiner Frau gewahr werdend, unterbrach er sich und sagte: । „Na, nu zeige mal her. Hat's denn gefleckt?"
I nu", sagte Frau Dörr und hielt ihm den kaum halbgefüllten Kott hin,"dessen Inhalt er kopfschüttelnd durch die Finger gleiten ließ. Denn es waren meist dünne Stangen und viel Bruch dazwischen.
Höre, Susel, es bleibt dabei, du hast keine Spargelaugen.
„O, ich habe schon. Man bloß hexen kann ich nich."
„Na, wir wollen nich streiten, Susel; mehr wird es doch mch. Aber zuni Verhungern is es." t „ . .
„I, es denkt nich dran. Last doch das ewige Gerede, Dörr; sre stecken,« drin, un ob sie nu heute rauskommen oder morgen, iS ja ganz egal. Eine düchtige Husche, so rote die vor Pfingsten, und du sollst mal sehen. Und Regen gibt es. Die Wassertonne riecht schon wieder, un die große Kreuzspmn,s in die Ecke gekrochen. Aber du willst jeden Dag alles haben; das kannst du mch verlangen." ,, , . „ .
Dörr lachte. „Na, binde man alles gut zujammen. Und den kleinen Murks auch. Und du kannst ja denn auch was ablassen."
,Ach, rede doch nich so", unterbrach ihn die sich über seinen Geiz beständig ärgernde Frau, zog ihn aber, was er immer als Zärtlichkeit nahm, auch heute wieder am Ohrzipfel und ging auf das „Schloß" zu, wo sie siaj S uiij dem Steinfliesenslur bequem machen und die Spargelbündel binden wollte. Kaum aber, daß sie den hier immer bereitstehenden Schemel bis an ine Schwelle vorgerückt hatte, so hörte sie, wie schräggegenüber in dem von bei Frau Nimptsch bewohnten dreifenstrigen Häuschen ein Hinterfenster mit einem kräftigen Ruck aufgestoßen und gleich daraus emgehatt Wurde. Zu, gleich sah sie Lene, die, mit einer weiten, lilagemusterten Jacke über dem Friesrock und einem Häubchen auf dem aschblonden Haar, freundlich zu ihr hinüber grüßte. ~ ,
Frau Dörr erwiderte den Gruß mit gleicher Freundlichkeit und sagte dann: „Immer Fenster auf; das ist recht, Lenchen. Und fängt auch schon an, heiß zu werden. Es gibt heute noch was."
„Ja. Und Mutter hat von der Hitze schon chr Kopfweh, und da Will ich doch lieber in der Hinterstube plätten. Is auch hübscher hier; vorne sieht man ja keinen Menschen." , ,
„Hast recht", antwortete die Dörr. „Na, da Werd ich man ein bißchen ans Fenster rücken. Wenn man so spricht, geht einen alles besser von bet E^,Ach, das is lieb und gut von Ihnen, Frau Dörr. Aber hier am Fenstet is ja grade die pralle Sonne."
„Schad't nichts, Lene. Da bring ich meinen Marchtschrrm mit, altei Ding und lauter Flicken. Aber tut immer noch seine Schuldigkeit."
Und ehe fünf Minuten um waren, hatte die gute Frau Dörr ihre" Schemel bis an das Fenster geschleppt und saß nun unter ihrer Schirm' stellage so behaglich und selbstbewußt, als ob es auf dem GendarmenmarN gewesen wäre. Drinnen aber hatte Lene das Plättbrett auf zwei dicht ans Fenster gerückte Stühle gelegt und stand nun so nahe, daß man sich mit Leichtigkeit die Hand reichen konnte. Dabei ging das Plätteisen emsig hin und her. Und auch Frau Dörr war fleißig beim Aussuchen und Zusammen- binden, und wenn sie dann und Wann von ihrer Arbeit üuS ins Fenstet hineinsah, sah sie, Wie nach hinten zu der kleine Plättosen glühte, der füi neue heiße Bolzen zu sorgen hatte.
„Du könntest mir mal nen Teller geben, Lene, Teller oder Schüssel. Und als Lene gleich danach brachte, was Frau Dörr gewünscht hatte, tat diese den Bruchspargel hinein, den sie während des Sortierens in ihm Schürze behalten hatte. „Da, Lene, das gibt ne Spargelsuppe. Un is so gut wie das andre. Denn daß es immer die Köppe sein müssen, is ja dummei Zeug. Ebenso wie mit'n Blumenkohl; immer Blume, Blume, die reim Einbildung. Der Strunk is eigentlich das beste, da sitzt die Kraft drin. Und die Kraft is immer die Hauptsache."
„Gott, Sie sind immer so gut, Frau Dörr. Aber was wird nur Jht Alter sagen?"
„Der? Ach, Leneken, was der sagt, is ganz egal. Der red't doch. Er will immer, daß ich den Murks mit einbinde, Wie wenn's richtige Stangen waten: aber solche Bedrügerei mag ich nich, auch wenn Bruch- und Stücken- zeug gradeso gut schmeckt wie'S ganze. Was einer bezahlt, das muß er haben, un ich ärgre mir bloß, daß so'n Mensch, dem es so zuwächst, so'n alter Geizkragen is. Aber so sind die Gärtners alle, rapschen und rapschen un können nie genug kriegen."
„Ja", lachte Lene, „geizig is er und ein bißchen wunderlich. — Abe! eigentlich doch ein guter Mann."
„Ja, Leneken, er wäre soweit ganz gut, u» auch die Geizerei wäre nich so schlimm un is immer noch besser als die Verbringerei, wenn er man nich so zärtlich Wäre. Du glaubst es nich, immer is er da. Un nu sieh ihn dir an. Es is doch eigentlich man ein Jammer mit ihm, un dabei richtige Sechsundfünfzig, und vielleicht is es noch ein Jahr mehr. Denn lügen tut er auch Wenn's ihm gerade paßt. Und da hilft auch nichts, gar nichts. Ich erzähl ihm immer von Schlag und Schlag und zeig ihm Welche, die so humpeln und einen schiefen Mund haben, aber er lacht bloß immer und glaubt es nich. 6- kommt aber doch so. Ja, Leneken, ich glaub es ganz gewiß, daß es so kommt. Und vielleicht balde. Na, verschrieben hat er mir alles, un so sag ich weitet nichts. Wie einer sich legt, so liegt er. Aber Was reden wir von Schlag und Dörr, un daß er bloß O-Beine hat. Jott, mein Lenechen, da gibt es ganz andre Leute, die sind so grabe gewachsen Wie ne Tanne. Nich wahr, Lene?"
Lene wurde hierbei noch röter, als sie schon war, und sagte: „Der Bolzen ist kalt geworden." Und vom Plättbrett zurücktretend ging sie bis an den eisernen Ofen und schüttete den Bolzen in die Kohlen zurück, um einen neuen herauszunehmen. Alles war das Werk eines Augenblicks. Und nun ließ sie mit einem geschickten Ruck den neuen glühenden Bolzen vom Feuerhaken in das Plätteisen niedergleiten, klappte das Türchen wieder ein und sah nun erst, daß Frau Dörr noch immer auf Antwort wartete. Sicherheit^ halber aber stellte die gute Frau die Frage noch mal und setzte gleich hinzu' „Kommt er denn heute?"
(Fortsetzung folgt.)
die Hütte mit dem Ziehhund, und von hier aus erstreckte sich auch das Wohl ' fünfzig Schritte lange Doppelmistbeet, mit einem schmalen Gange dazwischen, bis an den großen, weiter zurückgelegenen Gemüsegarten. In I diesem sah es nicht sonderlich ordentlich auS, einmal, weil Torr keinen Sinn für Ordnung, außerdem aber eine so große Hühnerpassion hatte, daß et diesen seinen Lieblingen, ohne Rücksicht auf den Schaden, den sie stifteten, überall umherzupicken gestattete. Groß freilich war dieser Schaden nie, ba feiner Gärtnerei, die Spargelanlagen abgerechnet, alles Feinere fehlte Dörr hielt das Gewöhnlichste zugleich für das Vorteilhafteste, zog deshalb Majoran und andere Wurstkräuter, besonders aber Porree, hinsichtlich dessen et der Ansicht lebte, daß der richtige Berliner überhaupt nur drei Dmge brauche: eine Weiße, einen Gilka und Porree. „Bei Porree", schloß er bann regelmäßig, „ist noch keiner zu kurz gekommen." Er war überhaupt em Original, von ganz selbständigen Anschauungen und einer entschiedenen Gleichgültigkeit gegen das, was über ihn gesagt Wurde. Dem entsprach denn auch seine zweite Heirat, eine Neigungsheirat, bei der ine Vorstellung von einer besonderen Schönheit seiner Frau mitgeWirft und ihr früheres Verhältnis zu dem Grafen, statt ihr schädlich zu sein, gerade umgekehrt den Ausschlag zum Guten hin gegeben unt einfach den Bollbeweis ihrer Unwiderstehlichkeit erbracht hatte. Wenn sich dabei mit gutem Grunde von Ueberschätzung sprechen ließ, so doch freilich nicht von fetten Dorrs m Person, für den die Natur, soweit Aeußerlichfeiten in. Betracht tarnen, ganz ungewöhnlich wenig getan hatte. Mager, mittelgroß und mit fünf grauen Haarsträhnen über Kopf und Stirn, Wäre er eine vollkommene Trivialerfcheinung gewesen, wenn ihm nicht eine zwischen Augenwinkel und linker Schläfe sitzende braune Pocke Was Apartes gegeben hätte. Weswegen denn auch seine Fran nicht mit Unrecht und in der ihr eigenen ungenierten Weise zu sagen pflegte: „Schrumplich is er man, aber von links her hat er so was Borsdorfriges."
Damit war er gut getroffen und hätte nach diesem Signalement überall erkannt werden müssen, wenn er nicht tagaus, tagein eine mit einem großen Schirm ausgestattete Leinwandmütze getragen hätte, die, tief ins Gesicht gezogen, sowohl das Alltägliche Wie das Besondere Seiner Physiognomie "^Uud fo, die Mütze samt Schirm ins Gesicht gezogen, stand er auch heute ^Wieder, am Tage nach dem zwischen Frau Dörr und Frau Nimptsch gesührten Zwiegespräche, vor einer an das vordere Treibhaus sich anlehnenden Blumenestrade, verschiedene Goldlack- und Geraniumtöpfe beiseite schiebend, die morgen mit auf den Wochenmarkt sollten. Es waren sämtlich solche, die nicht im Topf gezogen, sondern nur eingefetzt Waren, und mit einer besonderen Genugtuung und Freude ließ er sie vor sich aufmarschieren, schon im voraus über die „Madams" lachend, die morgen kommen, ihre herkömmlichen fünf Pfennig abhandeln und schließlich doch die Betrogenen sein würden. Es zählte das zu feinen größten Vergnügungen und war eigentlich das Hauptgeistesleben, das er führte. „Das bißchen Geschimpfe ... Wenn ich's nur mal mit anhören könnte."
So sprach er noch vor sich hin, als er vom Garten her das Gebell emes kleinen Köters und dazwischen das verzweifelte Krähen eines Hahns hörte, ja, wenn nicht alles täuschte, seines Hahns, seines Lieblings mit dem Silbergefieder. Und sein Auge nach dem Garten hin richtend, sah et in der Tat, daß ein Häufchen Hühner auseinandergestoben, der Hahn aber auf einen Birnbaum geflogen War, von dem aus er gegen den unten kläffenden Hund unausgesetzt um Hilfe rief. . .
„Himmeldonnerwetter", schrie Dörr in Wut, „das is Wieder Bollmann seiner... Wieder durch den Zaun... I, da soll doch .. .".Und den Geranium- tvps, den er eben musterte, rasch aus der Hand setzend, lief er auf die Hundehütte zu, griff nach dem Kettenzwickel und machte den großen Ziehhund los, der nun sofort auch Wie ein Rasender auf den Garten zuschoß. Eh dieser jedoch den Birnbaum erreichen konnte, gab „Bollmann seiner" bereits Fersengeld und verschwand unter dem-Zaun weg ins Freie — der fuchs- gelbe Ziehhund zunächst noch in großen Sätzen nach. Aber das Zaunloch, das für den Affenpinscher gerade ausgereicht hatte, verweigerte ihm den Durchgang und zwang ihn, von seiner Verfolgung Abstand zu nehmen.
Nicht besser erging es Dorr selber, der inzwischen mit einer Harke herangekommen war und mit seinem Hunde Blicke wechselte. „Ja, Sultan, diesmal war es nichts." Und dabei trottete Sultan wieder auf feine Hütte zu, langsam und verlegen, Wie wenn er einen kleinen Vorwurf herausgehört hätte. Dörr selbst aber sah dem draußen in einer Ackerfurche hinjagenden Affenpinscher nach und sagte nach einer Weile: „Hol mich der Deubel, Wenn ich mir nich ne Windbüchse anschasfe, bei Mehles oder sonst wo. Un denn pust ich das Biest so stille Weg, un kräht nich Huhn nich Hahn danach. Nich mal meiner."
Von dieser ihm von feiten Dörrs zugemuteten Ruhe schien der letztere, jedoch vorläufig nichts wissen zu Wollen, machte vielmehr von feiner Stimme nach wie vor den ausgiebigsten Gebrauch. Und dabei Warf er den Silberhals so stolz, als ob er den Hühnern zeigen wolle, daß seine Flucht in den Birnbaum hinein ein Wohlüberlegter Coup oder eine bloße Laune gewesen sei.
Dörr aber sagte: „Jott, so'n Hahn. Denkt nu auch wunder was er iS. lind feine Courage iS doch auch man fo so."
Und damit ging er wieder auf feine Blnmenestrade zu.
Drittes Kapitel.
Der ganze Hergang war auch von Frau Dorr, die gerade beim Spargel- siechen War, beobachtet, aber nur wenig beachtet worden, Weil sich ähnliches jeden dritten Tag wiederholte. Sie fuhr denn auch in ihrer Arbeit fort und gab das Suchen erst auf, als auch die schärfste Musterung der Beete keine „weißen Koppe" mehr ergeben Wollte. Nun erst hing sie den Korb an ihren Arm, legte das Stechmesser hinein und ging langsam und ein paar verirrte Küken vor sich hertreibend, erst auf den Mittelweg des Gartens und dann auf den Hof und die Blumenestrade zu, wo Dörr seine Marktarbeit wieder aufgenommen hatte.
„Na, Suselchen", empfing et seine befere Hälfte, „da bist du ja. Hast du rooll gesehn? Vollmann seiner war wieder da. Höre, der mufe dran glauben, und denn brat ich ihn aus; ein bißchen Fett wird er wbll haben, un Sultan kanii denn die Grieben kriegen... Und Hundefett, höre, Susel..." und er


