Ausgabe 
23.12.1939
 
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GichenerZamilienbIMer

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang 1959 Samstag, den 25. Dezember Nummer 99

Sanfter, wir brauchen dich.

Dringender war es nie. Bitten dich inniglich, dich und die Magd Marie.»

Anbetung des Kindes.

Von Josef Weinheber.

Als ein behutsam Licht stiegst du von des Vaters Thron. Wachse, erlisch uns nicht, Gotteskind, Menschensohnl

König wir, Bürgersmann, Bauer mit Frau und Knecht;

Schau unser Elend ant Mach uns gerecht!

Gib uns von deiner Güt nicht bloß Gered und Schein! Oeffne das Frostgemüt!

Zeig ihm des andern Pein!

Mach, daß nicht allerwärts Mensch wider Mensch sich stellt. Führ das verratne Herz hin nach der schöneren Welt!

Frieden, ja, ihn gewähr denen, die willens sind. Dein ist die Macht, die Ehr, Menschensohn, Gotteskind.

Weihnachtsabend.

Aus den .Lugenderinnerungen" von Paul E r n st.

Das Schlafzimmer meiner Eltern stieß an das Wohnzimmer. Im Winter stellten meine Eltern mein Bettchen in das Wohnzimmer, damit ich es wärmer haben sollte, und öffneten die Tür. Ich wurde schon um acht Uhr ins Bett gebracht, indessen meine Eltern noch eine Stunde im Wohnzimmer blieben. Ich schlief gleich ein, und es war em wunder- schönes Gefühl der Sicherheit, wenn ich durch die Stabe der Bettstelle zu dem runden Tisch schaute, an dem meine Eltern dicht beieinander saßen, vom Licht des kleinen Oellämpchens beschienen, indessen di« Großmutter in der dunüen Ofenecke halb eingenickt war. Da wirrte S schnell der Traum, und was ich am Tage gesehen und gedacht, vcr- ld sich in wunderlicher Weise mit dem Bild vor meinen Augen, das denn nuno in traumlosen Schlaf verging. Einmal, das war im Dezember, wurde eine große Hobelbank in die Stube gebracht. Nach dem Abendessen sägte und hobelte mein Vater. Meine Mutter laß mit ihrem Strickzeug auf der anderen Seite der Bank. Ich horteausihren Gesprächen, daß Etwas bevorstand. Ich wurde ms Bett gebracht und sah durch das Gitter. Da sah ich, wie ein ganz kleiner Zaun entstand wie mein Vater ein Türchen hineinsetzte, wie er den Zaun um ein ganz großes viereckiges Brett befestigte, in dessen Mitte ein rundes Loch war. Ich stand in meinem Bettchen auf und fragte, was das sei. Die Mutter kam, legte mich wieder hin, beruhigte mich und sagte:Das rst der Christqarten". Sie hatte mir schon vom heiligen Christ erzählt, ich wußte, daß der heilige Christ ein kleines Kind war wie ich, und nun dachte ich, daß mein Vater auch noch einen Buchsbaumweg zimmern werde mtt Stachelbeersträuchern zu beiden Seiten, und daß das Christ lind in den Garten auf und ab ging, der I» sein Eigentum war, und sich ad und zu im Garten eine Stachelbeere pflückte. Diese Vorstellungen gingen allmählich in Traum über, und bald war üh m tief em Schlaf. Als ich am anderen Morgen aufwachte, da waren Hobelbank, We kz g und Christgarten verschwunden. Ich fragte stürmisch nach dem Ehr s garten. Meine Mutter schüttelte den Kopf und tat als ob f« n«g verstehe. Ich schilderte ihr den Christgarten mit dem Zaun und der Tür, dem Buchsbaumweg und dem auf- und.m^gchenden Christ kindchen; aber meine Mutter meinte, das müsse ich wohl alles geträumt H^Nun erzählte mir die Mutter, daß jetzt die Zeit nicht mehr fern sei. da das Christkindchen kommt und den artigen Kinern allerhemd Geschenke mitbringt. Es trägt das Christbaumchen ^r Hand »n dem vie e Lichter brennen und Aepfel und goldene und Nlberne Nüsse haimen. Es hat ein langes, weißes Kleid an und hat fange weche Flügell Ich bestürme mein« Mutter mit Fragen, ob das Kmd durch das 1

hereinfliege, oder durch die Haustür und dann die Treppe heraufkomm«, ob auch die Gardinen nicht anbrennen, wenn es zum Fenster herein- », und ob die Kerzen nicht auf den Boden tropfen und häßlich«

' machen. Nun hing ich den ganzen Tag meiner Mutter am Schürzenband, wenn sie in der Küche war oder in der Stube, und wenn ich meiner Mutter nicht habhaft werden konnte, dann wendete ich mich an die Großmutter. Wir alle drei dichteten daran, wie das Christkind seine Kerzen an den Sternen ansteckte, und wie es vom Himmel her« niederflog, und wie es auf der Straße die Leute nach dem Weg fragte, und wie es bei Kaufmann Engelbrecht Einkäufe machte, und war sonst noch geschehen konnte mit ihm.

An einem Morgen erwachte ich und sah, wie die Mutter die Stub« aufräumte. Ich stand in meinem Bettchen auf und lachte. Meine Mutter eilte auf mich zu, nahm mich aus dem Bettchen und sagte: Jjeute ist Weihnachtsabend, da kommt der heilige Christ". Nun war den ganze» Tag eine fieberhafte Aufregung. Ich fragte die Mutter, aber sie schickte mich fort und sagte, sie habe keine Zeit; ich ging zur Großmutter, di« saß auf der Fußbank und hatte ihr ganzes Zinngeschirr vor sich stehe». Das Zinngeschirr wurde längst nicht mehr gebraucht. Die Großmutter hatte es in ihrem Koffer und holte es zu allen hohen Festzeiten hervor um es zu putzen; dann schloß sie es wieder sorgfältig ein. Sie erzählte, daß es Teller und Schüsseln für zwölf Personen waren. Wahrschein­lich stammte das Geschirr noch aus früheren wohlhabenden Zeiten der Familie. Auch die guten Messer und Gabeln putzte sie, das waren sechs Paar; der Großvater Ernst hatte sie selber geschmiedet und mit knöcher­nen Griffen versehen. Das Zinngeschirr ist später verkauft, aber die Messer und Gabeln sind noch auf mich gekommen. Ich setzte mich auf die Erde zu der Großmutter und fragte sie nach dem heiligen Christ, aber sie sagte:Du mußt mich nicht stören, Junge, ich habe heute viel zu tun, ich weiß nicht, wie mir der Kopf steht".

Der Tag war grau, man konnte am Licht nicht recht sehen, welch« Tageszeit es fein mochte. So fragte ich denn die Großmutter:Ist es bald Abend?" Sie schüttelte den Kopf. Ich lief in die Küche, aus der die Mutter mich schon geschickt hatte, und fragte'die Mutter:Ist es bald Abend?" Sie sagte geduldig:Nein, Paul, es ist erst zehn Uhr". Ich fragte sie:Wie lange dauert es noch bis zum Abend?"Wir haben ja noch gar nicht zu Mittag gegessen", sagte sie. Ich wurde zu Keitels hinunterge chickt, wo die beiden Mädchen in der gleichen Auf­regung waren. S e erzählten mir von einer Anziehpuppe. Eine An­ziehpuppe war auf einen Bogen gedruckt und hatte nur das Hemd an. Neben ihr waren alle ihre Kleider aufgedruckt. Man mußte alles aus« schneiden uni) klebte bann mit Spucke die Kleider auf die Puppe. Die hatte denn ein Alltagskleid, und ein gutes Seidenes und Handschuhe, und was weiß ich sonst Jeßd) für Gegenstände. Die beiden Mäisthen nahmen an, daß das Christkindchen eine solche Puppe bringen würde. Schuster Keitel auf seinem Schemel schmunzelte. Die Ankleidepuppe war nur das Nebengeschenk. Das Hauptgeschenk war für jedes Mädchen ein Paar neue Schuhe, fest, aus derbem Leder, und genagelt.

Die Zeit verging bei Keitels, und meine Mutter rief mich zum Mittagessen. Nun kam der lange Nachmittag, der gar kein Ende nehmen wollte. Ich lief auf die Straße und sah zum Himmel, ob ich dort etwas vom Christkindchen sehen konnte. Aber vom Himmel war gar nichts zu merken, denn dicke Wolken hingen tief über der Stadt. Ich lief zurück und fragte die Mutter, ob das Christkindchen sich auch nicht verirren werde, denn man könne vorn Himmel her Elbingerode nicht sehen. Meine Mutter tröftete mich und sagte, das Christkindchen wisse schon Bescheid. Aber mit solchen Antworten, die mir nichts erklärten, kam st« schön an. Ich fragte sie, woher es Bescheid wisse. In der Verlegenheit antwortete sie:Das lernt das Christkindchen in der Schule". Da fragte ich sie, ob es viele Christkindchen gebe. Das mußte sie ja nun verneine». Aber immerhin hatte ich ja nun eine Anregung für eigenes Nach­denken und ließ meine Mutter für eine Weile in Ruhe.

Gegen Abend wurde ich zur alten ©robben geschickt. Dort sanden sich auch die beiden Mädchen von Keitels ein. Die alte Frau faß in ihrem Lehnstuhl, wir Kinder saßen auf der Erde um sie herum. Es war die Dämmerstunde. Sie erzählte uns vom Herrn Jesus, wie eine Zählung war im Lande Galiläa, genau so wie bei uns, wo Onkel Wod« mit einem großen Bogen gekommen war und alles aufgeschrieben hatte. Da hatten sich (eine Eltern einen Esel gekauft und die Jungfrau Maria hatte sich auf den Efe! gesetzt, und der heilige Joseph hatte den Esel am Holster geführt, und so waren sie nach Bechlehem gezogen. Veth- lei)em aber war ein Stall, in dem ein Ochse stand, neben den wurde der Esel angebunden, da wurde der Herr Jesus geboren, und bann fangen bie Engel, unb die drei heiligen Könige tarnen. Sie brachten Gold, Weihrauch und Myrten, und daher kommt es, daß eine Braut am Hoch­zeitstage ein Myrtenkränzlein trägt. Die alte Frau hatte einen Myrten­stock im Fenster, von dem einst ihr Brautkranz abgeschnitten war, unb st> erzählt« sie denn von ihrem Brautkleid.