des Duldungslahres 1731, als die Vaumrlesen des Parks langsam sich zu verfärben begannen und die ersten Blätter fielen, geriet man unversehens in die tragisch umwitterten Bezirke der Leidenschaft. Der Esprit des fürstlichen Dichters, die lockende Sinnlichkeit der schönen, jungen Frau v. Wreech — es lag ein hoher Spannungsreiz in dieser Freundschaft: und es mag wohl doch ein wenig mehr gewesen sein als „erwünschte Aufheiterung in ländlicher Stille" (so heißt es auf dem Tamfeler Friedrich-Denkmal), die Preußens Thronfolger damals auf dem märkischen Herrensitz sand.
In seinen Briefen an die Freundin, die acht Jahre bereits verheiratet war, blitzte und funkelte es. Der ganze kühne und schrankenlose Ueber- schwang des stolzen Jünglings lebte darin. Aber auf dem Grund« bebte doch immer das ungestillte Verlangen, der brennenoe Wunsch, daß das Lächeln der klug dämpfenden Frau nicht nur für soviel leidenschaftliche Huldigung danken, sondern auch einmal Erfüllung verheißen möge. Wir dürfen annehmen, daß der schimmernde Kelch dieser Liebe nicht bis zur Neige geleert, ja, daß er von Luise Eleonore mehr als einmal unmißverständlich an den hohen Partner des gefährlichen Spiels zurückgewiesen wurde. Indessen war, wie es nur natürlich, solch leises Entziehen nur immer neuer Zündstoff für des Prinzen entflammtes und unerfahrenes Herz. Wie hätte er die Trennung ertragen sollen, ohne der Frau v. Wreech von Küstrin aus in unaufhörlicher Folge huldigende Sonette, humorvoll verbrämte Verse ins Haus zu senden? Ehe die Equipage des Herrn Domänenrats vor das Schloß rollte, mochte der Kurier zuvor schon unzählige Botschaften hierher gebracht haben. Doch das unersorschlich tiefe Geheimnis, das über jeder Liebe ruht, verbirgt den Herzton jener Liaison dem neugierigen Blick. Und der schmerzliche Verzicht gerade, der das Ende einläutete, verleiht er nicht dem Tamfeler Intermezzo eine ganz eigene Süße, gleich einer zart schwebenden Wolke unter blauem Himmel, die im Leben des Kronprinzen vorübersegelt, ehe die schweren Kriegsgewitter des Königs drohend Heraufziehen? Fritzens glückliche Reime hatten, wie er der verehrten Blondine einmal schrieb, „die Dreistigkeit, Si« persönlich und in Ihrem eigenen Schlosse zu überfallen". Aus dem Briefe aber, dem letzten, den er ihr im Februar des folgenden Jahres schickt, hören wir deutlich die Resignation: „So sende ich Ihnen denn mein Bild. Ich hoffe, daß es mich wenigstens dann und wann in Ihre Erinnerung bringen und Sie zu dem Zugeständnis veranlassen wird: er war au fond ein guter Junge, aber er langweilte mich, denn er liebte mich zu sehr und brachte mich oft zur Verzweiflung mit seiner unbequemen Liebe..."
Selten hat eine halb vergessene Stätte den genius loci so bewahrt, wie Tamsel. Noch immer nisten auf jedem zweiten Strohdach des freundlichen märkischen Dorfes die Störche, duften di« Kiefern im sandigen Boden, rumpelt dann und wann eine Holzfuhre durch die mittägliche Dorfstille. Weit ausgreifend umschließt der einst von Hans Adam v. Schöning im 17. Jahrhundert angelegte Park das okergelbe, einfache Schloß mit dem ranken gotischen Kirchlein, das Schinkel erneuerte. Gedankenvoll verliert sich der einsame Besucher auf den Windungen der Parkweg«, ein Rest von Statuen und Gedenksteinen erinnert nodf an die klassische Zeit, vom Hügel grüßt das helle griechische Tempelchen, und ein Blick in das Vestibül des Schlosses gibt die Gewißheit, daß vom Skulpturen-Reichtum der frühesten Zeit noch ein guter Teil betreut wird.
Die letzte Stunde in der Tiefe des raunenden Parks aber gehört dem Denkmal, das Graf Hermann Schwerin, ein Vorfahre des jetzigen Besitzers, vor fast hundert Jahren dem erlauchten Geiste dieser historischen Stätte setzen ließ. „Es ist ein köstlich Ding einem Manne, daß er das Joch in seiner Jugend trage" verkündet der Sockel. Das Joch aber, wenn auch in anderer Gestalt, hat Friedrich bis an sein Ende tragen müssen. Nach der Schlacht bei Zorndorf führte das Schicksal den ergrauten Monarchen noch einmal dahin, wo einst sein Liebeslied erklang. Verwüstet findet er alles wieder, ausgestorben und ausgebrannt, und in einem erschütternden Schreiben bittet er die Geflüchtete, den Schaden wieder gutmachen zu dürfen, auf welchem Briefe dann die Unglückliche notiert: „empfangen in demselben Jahre, in d«m ich alles verlor, das ich mein nannte..."
lieber die „nacktenTatsachen" und den Ginn des Lebens.
Von Georg Foerster.
„Dienst ist Dienst" und „Schnaps ist Schnaps", pflegt der Soldat zu sagen. Eine klare und einfach« Weisheit. Er will damit ausdrllcken, daß man die Dinge ehrlich und geradeaus nehmen soll, nicht so, wie wir sie ?r? Ä* ^°Kten sondern so, wie sie sind. Tatsachen sind Tatsachen, Und Befehl ist Befehl! Das steht fest!
Wenn wir aber sonst ins Leben blicken, bemerken wir dann nicht, daß «s noch viele „Tatsachen" gibt, die uns erhebliche geistige Anstrengung kosten, ja tue uns gerade dazu aufzufordern scheinen, mit ihnen zu ringen? Wenn zum Beispiel ein Kind lügt, hatten sich dann die Eltern sch,", ^^Ueher, sofern fie auch nur einigermaßen begabt sind, an die schlicht« Tatsache der Luge? Urteilen sie ohne weiteres: di« Lüge zeugt auf jeden Fall von einem schlechten Charakter des Kindes, also muß es hart bestraft werden? Nein, sondern sie versuchen, zunächst einmal dahinter zu kommen, weshalb das Kind gelogen hat. Aus Angst? Oder aus abwegiger Phantasie? Aus falschem Geltungsbedürfnis? Oder aus dem geheimen Drang irgend etwas nicht preiszugeben? Oder war es tatsäch- A°sh°'t und Verstocktheit? Vielerlei kann ja die Lüge des Kindes schließlich bedeuten, und erst, wenn sie diese Bedeutung verstanden haben ”*frben ^-Eltern ihre Maßnahmen treffen. Sie werden mehr oder mmder fühlbar bestrafen oder auch freundlich und gütig sein.
rmbselbe in unserer Rechtspflege? Vor einigen hundert aaljren chfu das frerlrch noch anders. Da gatt eben ein Delikt ganz ein- Delikt, man fragte nicht lange nach den besonderen Be- mcggrunben, sondern hielt sich im allgemeinen an die reine Tatsache und
bestraft« drakonisch. Man henkte, räderte, vierteilte, warf ins Gefängnis, prügelte oder hackte die rechte Hand ab — die menschliche und psychologische Bedeutung des Vergehens wurde wenig berücksichtigt. Inzwischen haben wir gerade auch auf diesem Gebiet unsere Methoden beträchtlich verfeinert. Wir wissen, daß es «in gewaltiger Unterschied ist, ob jemand aus Habgier oder aus Not fremdes Gut angetastet, ob jemand mit kali» Ueberlegung oder im Zustand größter Gereiztheit etwas begangen hst, wir wissen, daß man erst das Motiv zur Tat und den Charakter dss Täters nebst dessen besonderen Lebensumständen erkannt haben mutz, um ein gerechtes Urteil fällen zu können. Die reinen Tatsachen? Sie sich natürlich sehr wichtig. Aber das „Bild" von chnen bleibt unvollständig,- solange man ihren Sinn nicht erforscht hat.
Es ist ein sehr reichhaltiges Kapitel, wie wir heute allenthalben, n der Erziehungs- und Rechtswissenschaft, in Psychologie und Philosophie — nach der geistig-seelischen und sozialen Bedeutung der Erscheinung:» Jflh fragen, wie wir das innere Gesetz und Leben der Tatsachen zu begreif» _ suchen. Wollen wir uns damit auf irgendeine Weis« Über die Tatsachm ■ Hinwegsetzen, sie willkürlich umdeuten? Keineswegs! Sie sind ja bas unumstößlich gegebene Material unserer Erfahrung. Aber wir wollm auch hinter sie oder i n fie hineinblicken, denn nur so vermögen wir de Tatsachen aus einer größeren geistigen Tiefe heraus und damit eift eigentlich „richtig" zu werten. Wer sich z. B. mit der rein biologisch» Tatsache des Todes begnügt, bleibt flach! Er muß sich darüber hinaus fragen, was der Tod für uns seelisch oder schicksalsmäßig bedeutet. Auch di« ganze Welk, in der wir stehen, können wir als rein physikalische Tat«! fache nehmen. Damit kommen wir aber nicht weit. Jeder hat das u:- mittelbare Bedürfnis, zu erforschen, welchen letzten oder höchsten geistigen Sinn sie hat. | (
Biele sind recht stolz auf ihren „gesunden Tatsachensinn". Aber jo einfach ist das nicht. „Schnaps" ist zwar ohne Zweifel „Schnaps", ab er „Tatsachen" reden häufig in einer geheimen Sprache zu uns, und biej( Sprache eben müssen wir verstehen, um mit den Tatsachen ins reim kommen zu können. Was wollte das Schicksal z. B. einem Mensche „sagen", dem es einen großen Erfolg, Glück oder Aufstieg beschieden hoe! Am Ende gar nichts? Oder doch vielleicht, den Erfolg, das Glück finnvoll zu nutzen, den Aufftteg nicht egoistisch, sondern als eine Verpflichtung anderen gegenüber zu verstehen? Mancher hat da jedenfalls, wenn ihm das Schicksal hold war, die Sprache solcher erfreulichen Tatsachen nich begriffen, und weil er fie nicht begriff, hat er drauflosgelebt, und an skh gerafft, bis alles wieder in ein Nichts zerrann. Um den tieferen geistige i, und man kann ruhig sagen, den ethischen Sinn unserer Lebenstatsachen zu kämpfen, darin besteht eben unsere unablässige Aufgabe — gerade airi) dann, wenn es uns das Schicksal einmal „schwer" macht, wenn es uru „trifft .
Wo käme der hin, der sich nur an die Tatsache eines Verlustes, eines Fehlschlages, einer Enttäuschung hielte? Er würde vielleicht sogar bann zugrunde gehen, während derjenige, der tiefer schaut, die tröstliche Ahnung bekommt, daß es wahrscheinlich „Aufforderungen des Schicksals" flirt, sich in Zukunft richtiger zu verhalten, besseres zu leisten, klarer um) mutiger zu sein. Niemand von uns darf ohne weiteres annehmen, dch ihm das Schicksal oder das Leben übet will; jeder sollte begreifen lerne», daß es meistens sinnvoll ist, was geschieht. Bielleicht will das Schicks«! dem einen nur „sagen", daß er sein Leben wirtschaftlich auf eine kleinere, aber dafür gesunde Basis stellen soll? Dem zweiten vielleicht, sich färben- hin an treuere Menschen zu hatten? Dem. dritten, feine eigenen menschlichen Grenzen klarer zu sehen, wesentlicher zu werden oder dem Menschen, mit dem er verbunden ist, mehr Verständnis entgegenzubringenll Hundert Möglichkeiten gibt es da, und es sind mitunter recht hohe Ansprüche an unsere geistig-seelische Lebendigkeit gestellt. Wer da nur bM Äordergrund der Dinge steht, ist bald am Ende seiner Weisheit: ausgeliefert den rohen Tatsachen — und schließlich nichts als ihr Spie (Ml ihr Sklave.
Kommt nicht falscher Tatsachenglaube auch in der Ehe vor? Ist M nicht schon geschehen, daß jemand die reine „Tatsache" seiner Verheir» tung vollzog und nun wähnte, damit gleichzeitig auch der Ehe in ihm- ganzen lebendigen Bedeutung habhaft geworden zu sein? Er hatte M dann wahrscheinlich darüber zu wundern, daß sich trotz jener Tatsache kein wirklicher innerer Kontakt, keine Schicksalsgemeinschaft ergab. Uni) er hat hoffentlich noch rechtzeitig begriffen, woraus es anfommt: auf dem lebendigen, wertwilligen Menschen, der sich zwar auf Tatsachen stützen, ihnen aber auch gleichzeitig das innere Gewicht, den geistig-seelischer Gehalt, die sinnvolle Richtung geben muh. Zeigt sich das nicht überhaupt: in jeder Gemeinschaft, sei es nun Familie, Werkskameradschaft oder Volk" Das bloße Nebeneinander macht es nicht! Das ist nur formell! Ist mech» nisch. Auf die lebendig« Bedeutung, die wir der Gemeinschaft verleih«»: oder die wir in ihrer Tat sächlichkeit erkennen, kommt es am, denn daraus erst erwächst aus dem Nebeneinander ein Miteinander i» verantwortlicher Bindung.
Im Größten und im Kleinsten führt uns falscher Tatsachensinn iw- Leere: richtiger Tatfachensinn dagegen macht uns schöpferisch. Wir könnte« ja auch die Geschichte unseres Volkes nicht verstehen, wenn wir uns w die bloßen Tatsachen der Schlachten und Siege, aller der konkreten Sreifl' Nisse hielten. Es fehlte uns jeglicher Sinnzusammenhang. Erft indem a>iu auf die Sprache solcher Dinge lauschen, die uns aus dem Blut und Geist unseres Volkes entgegentönt, begreifen wir die innere Bedeutung unseren Geschichte, spüren wir den geheimen Sinn und Plan, der in ihr liegt.
Die „Kultur" des Menschen ist wohl um so höher, je klarer er bin Tatsachen seines Lebens durchschaut und ihre verborgene Redeweise er kennt. Aber nur der größte Mut und die äußerste Ehrlichkeit kann uns hier nützen, denn sonst „lesen" wir am End« etwas aus ihnen 6 er aus aber in sie hinein, was gar nicht da ist. An uns liegt es, die Tatsachen lebeirdig zu machen.
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