Ausgabe 
23.10.1939
 
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All eins.

Von Heinrich Hart.

Nacht flieht in Tag und Tag in Nacht, Der Bach zum Strom, der Strom zum Meer In Tod zerrinnt des Lebens Pracht, Und Tod zeugt Leben licht und hehr.

Und jeder Geist, der brünstig strebt, Dringt wie ein Quell in alle Welt, Was du erlebst, hab ich erlebt, Was mich erhellt, hat dich erhellt.

All sind wir eines Baums Getrieb, Ob Zweig, ob Ast, ob Mark, ob Blatt Gleich hat Natur uns alle lieb. Sie, unser aller Ruhestatt.

Heimle,,,.

Von Alice Fliegel.

Als sich Dorothea plötzlich entschlieht, die drei Urlaubswochen, die der lies ihr in diesem Jahr zugestanden hat, aus Hof Förde zu verbringen, 1(1 es nicht Heimweh, sondern eher das Pflichtgefühl, das sie nach Hause »ücksührt. Es bedrückt sie, als ihr eines Morgens, während sie ihren Sippen mit etwas Rot nachhilft, zum Bewußtsein kommt, daß fünf Winter und fünf Sommer vergangen sind, ohne daß sie Hof Förde, Matter und Geschwister wiedergesehen hat. Das Kind ihrer Schwester Imnt sie nur nach Fotograsien.

Als Sekretärin des Chefs einer großen Fabrik nimmt Dorothea im Wro eine Sonderstellung ein. Ihre Ueberficht und ihr Fleiß machen sie la|t unentbehrlich. Bis jetzt hat ihr Urlaub immer nur aus wenigen Itgen bestanden, aber sie hat ihn öfters im Jahr bekommen. Dann ist lit in die Nähe Berlins in irgendeinen Badeort gefahren. Und sobald sie mmal ausspannte, spürte sie die Müdigkeit in allen Gliedern. Aber sie betäubte dieses Gefühl und stürzte sich in den fröhlichen Trubel des belebens, zog sich hübsch an und tanzte jeden Abend. Sie freute sich, nenn bewundernde - Blicke sie ansehen. Es merkte ihr keiner an und sie Mgaß es selbst, daß sie als Schulmädel barfuß über das Feld gegangen mr, um dem Vater das Essen zu bringen.

Der Vater starb plötzlich, von einem Pferd an einen Baum geschleu- krt. Da begann die Not auf Hof Förde. Die Mutter, der gerade mündig Kiordene Bruder und die Schwester arbeiteten unermüdlich, um den zu erhalten. Dorothea hatte damals oft ein unklares Gefühl, daß (li mit ihrer zarten Gesundheit das Brot nicht verdiente, das sie. Es mr ihr wie eine Befreiung, als der einzige Bruder des verstorbenen Ariers sie in fein Haus nach Berlin nahm und für ihre Ausbildung Kote.

Dorothea gewöhnte sich schnell an die Stadt. Sie lernte gut, und nach Dei Jahren bekam sie ihre erste Stellung. Immer mehr versank Hof $irt>e in ihrer Erinnerung. Aber einmal erkannte sie in einer stillen Lunde, als sie einen kurzen Spaziergang durch den Tiergarten machte, laß sie sich das Gesicht der Mutter nicht mehr in allen feinen Zugen erstellen konnte. Sie erschrak, und ein heißes Heimweh wachte m ihr ns. Doch bis die Urlaubstage kamen, wurde sie ruhiger und faßte andere Entschlüsse, durch eine Liebe gebunden, die dann nichts als Leib liitterlieh.

In alle den Jahren kam nur einmal ein Bote aus der Heimat zu il)r Peter Altringer, der einzige Sohn des nachbarlichen Hofes. Er war lirer landwirtschaftlichen Ausstellung wegen in Berlin, und sie ver- Inufjten einen Abend zusammen. Aber der Jugendsreund war schwer- lilliq und schweigsam, und seine Blicke gingen mit einem fast schmerz- lidien Ausdruck, den sie sich nicht erklären konnte, prüfend über sie hin. Einmal begegneten sich ihre Augen. Da wurde Dorothea rot und ärgerte K darüber. Als man sich trennte, hatte sie ein leeres Gefühl im Herzen. 5r den Händen hielt sie einen halbverwelkten Strauß Rosen. Sie waren 'M dem Strauch gepflückt, den sie als halbes Kmd zusammen Mit Peter Stringer am Tor feines Gartens gepflanzt hatte. Erst im Augenblu Abschieds gab ihr Peter zögernd diese Blumen. Er suhlte wohl, daß die Erinnerung an jene zarte Jugendliebe in ihrem neuen Leben kein n 8 ^AU^diest^Gedanken gehen Dorothea durch den Kopf, als stein dem Sun sjkt ;>er sie in die Heimat bringt. Sie hat ein banges Gefühl, als Le sie'nicht in die Heimat, sondern in die Fremde. Di« wemgen kurzen Briefe der Mutter sind in den Jahren der Trennung fast die einzige »in fung an die Vergangenheit gewesen. Es waren unbeholsene u d s !t>merzliche Fragen, die da die alte Frau nach dem Leben der ch >.

«Is "Dorothea auf der kleinen Bahnstation ankommt stehen zwei schwere Pferde ungeduldig vor einem Wagen, den sie in seiner alt- Nfdischem behäbigen Form sofort wieder erkennt. Der Bruder der auf Km Back sitzt, gibt Dorothea durch fröhliche Zurufe zu verstehen, daß >r die Ziere? die noch nicht eingefahren sind nicht alleinlasten kann. Ster zwei feste, nicht ganz saubere Jungenhande nehmen ihr ben ßeber- lo ier ab. Ein blauäugiger Knirps steht neben ihr der st ählend agt M kann ihn tragen? Tante Dorothea!" Es .st ef e der h er

^Iwester so ähnlich ist, daß sie ihn auch ohne das klemeBckd auf ü) «hreibttsch erkannt hätte. In einer ungewohnten Rührung streicht 1

kleinen Burschen über den Hellen Schopf. Miei-n vorbei

t Wie im Traum fährt Dorothea an den Feldern undW.esen^vmDen hat gerade geregnet, und würziger Duft wie non fr schg brinat jjn Linden und brauner, nasser Erde füllt die Luft. D s . Vorsätze v^rothea ein Stück Heimat zurück, mehr als es Briefe und gute Borsage

Dann^faßt sie die harten, verarbeiteten Hände der Mutter zum Will­

kommen und steht Tränen In den Augen der asten Frau. Da preßt sie die Lippen aufeinander, um nicht laut auszuweinen. Wie konnte sie ben stillen Glanz dieses Gesichtes in sich verblassen lassen!

Sie läßt sich von der Mutter in die kleine Stube unter dem Dach führen, und wieder ist es der Geruch des alten Holzes und der srisch- gescheuerten Dielen, der ihr die Kindheit lebendig macht. Die blendend weißen Mullgardinen sind ein wenig gestärkt wie immer, und als der Wind sie bläht, der durch das offene Fenster kommt, denkt sie daran, wie sie sich als kleines Mädel oft ausgemalt hat, es feien Segel eines Schiffes, das in die weite Welt fährt.

Es ist ein oft fast unwirklich scheinendes Leben, das Dorothea in den drei Wochen ihres Urlaubs an sich vorüberziehen läßt. Gegenwart und Vergangenheit lösen sich ab. Jahre verlieren ihre Entfernung. Sie ist das glückliche Landkind, dem das Blühen der Blumen, das Früchtetragen des Gartens und der Felder Inhalt des Lebens bedeuten. Dann wieder sehnt sie sich nach Berlin, das ihr eine zweite Heimat geworden ist.

Oft besucht Dorothea die Schwester in dem Haus mit dem niedrigen Strohdach, vor dem die alten Linden stehen und sieht immer wieder ergriffen das Gesicht der Mutter in den vorzeitig gealterten Zügen. Der Schwager verdient [ein bescheidenes Brot mit einer Bienenzucht, die er mit dem Haus von einem alten Imker übernommen hat. Einmal hat Dorothea ein Erlebnis, das sie am Tage nachdenklich macht. Als die Schwester im groben Arbeitskleid, den schon etwas krummen Rücken über die Schüssel geneigt, das Esten austeilt, faltet Dorothea unwillkürlich die Hönde wie als Kind, wenn sie das Tischgebet sprach. Mitleid mit der Frau, die nur Arbeit und Sorge kennt und nie an sich denkt, will Doro­thea überkommen. Aber da strömt plötzlich Mitleid mit sich selbst in ihr unsicher werdendes Herz. Das Leben der Schwester ist erfüllter als das ihre, denn Dorothea hat immer nur an sich gedacht, nur für sich gesorgt. Sie hat für die hübschen Kleider gearbeitet, die sie haben wollte, und für alles das, was sie Leben und Freude nannte. Aber diese stille, selbst­lose Frau schenkt alles, was sie an Liebe und Arbeit geben, ihrem Mann, ihrem Kind und dem kleinen Haus, das sie alle drei zu einem großen Glück vereint.

Auch mit Peter Altringer ist Dorothea viel zusammen. Sie sprechen nicht von dem Abend in Berlin. Es ist, als ob hier auf der heimatlichen Erde das erste Wiedersehen sei. Der junge Bauer hat die letzten Jahre viel erreicht. Mit Stolz zeigt er die neue Dreschmaschine und die erst vor kurzem erbaute Scheune. Auch ein Stück Wiesenland hat er dazugekauft, und nun grenzen Hof Förde und der Hof der Altringer erst wirklich zusammen.

Am letzten Sonntagmorgen, an dem die Sonne aus dem sanft im Wind wogenden Korn ein goldenes Meer macht, stehen die beiden jungen Menschen vor dem Rosenbusch am Gartentor. Erinnerung steigt da mit der Kraft einer neugewordenen Liede in ihnen auf, daß sie befangen die Augen voneinander wenden. Peters Herz fängt wie unsinnig vor Freude zu 'Hopfen an. Das Mädchen vor ihm hat alles Fremde von sich ab- gemorfen wie ein geborgtes Kleid. Aber es ist noch nicht so weit, um davon sprechen zu können.

Sie muß von selbst zu mir kommen, ich rufe sie nicht..." denkt er und schneidet für Dorothea ein paar Rosen zum Abschied.

Hat Dorothea des Mannes Gedanken erraten? Als er sich zu den Rosen neigt, berühren ihre Lippen die seinen in einem schnellen, zarten Kuh. Wie damals, als sie den Strauch zusammen pflanzten, schlingt sie die Arme um feinen Hals. Dann läuft sie fort, Tränen in den Augen...

Der Mann, der Dorothea in seinen zärtlichen Gedanken so oft geküßt hat, sieht ihr erschüttert nach, als die Wirklichkeit ihm das Erleben seiner Träume schenkt. Er nimmt diese Stunde wie ein heiliges Versprechen in die Treue feines Herzens. Er weiß nun, daß Dorothea wiederkommen wird für immer.

oas Liebeslied von Tamser

Von Werner Schumann.

Die Festung Küstrin hat aus dem jungen Kronprinzen Friedrich einen Mann gemacht: doch der Hautboist, Poet und Philosoph war darum noch lange nicht gestorben. Insgeheim glühte die Flamme weiter und wartete nur auf den Augenblick, um als ein Lebenselement sich immer wieder zu bestätigen. Die Herren Offiziere und Räte der kleinen Garnisonstadt in allen Ehren! Aber wie sollte ein so leidenschaftlicher und empsanglicher Geist wie der des königlichen Gefangenen auf die Dauer im Umgang mit ihnen Genüge finden? Noch immer trug er den schlichten hechtgrauen Bürgerrock mit schmalen, silbernen Tressen, noch verweigerte die ergrimmte Majestät zu Berlin dem Oberstleutnant das Tragen der Uniform. Dem pflichteifrigen Kriegs- und Domänenrat jedoch, als der er in der neu- märkifchen Kammer Sitz und Stimme hatte, waren als besondere Ber- günstiguna die Tore der Festung schon geöffnet worden, damit er oie königlichen Domänen der Umgebung bereisen und seine Kenntniste dort unter Beweis stellen konnte.

Der Vogel war frei, und was lag näher, als daß er wieder hinaus» zufinqen begann, westen fein Herz voll war? Fast immer sind es die schönen und klugen Frauen, die den Geist der Männer, der jungeri unö nicht selten auch der alten, mit einem Lächeln entbinden. Und der Kron­prinz von Preußen des Jahres 1731 war ein anderer als der ergraute und kränkelnde König nach der Schlacht bei Zorndorh die ihn abermals, als alten Feldherrn, in die wälderdurchrauschte Landschaft an der Warthe führte, jene verhalten-liebliche Landschaft, in der leise Schatten über die

2lls Neunzehnjähriger kam der junge Fritz zum ersten Mal in das an Störchen reiche märkische Dörschen und lernte hier d,e Frau des Obersten Adam Friedrich von Wreech kennen. Die vierundzwanz,gjahrige Schloh- herrin wird uns von Zeitgenossen als em Wesen von bezaubernder Anmut aetoilöert blond, heiter, geistvoll, mit einemTeint wie Lilien und Rosen", wie es in einem Briefe heißt. Der Prinz hatte °I?e harte Reftunasieit hinter sich, ihn hungerte nach Witz, Geist und Schönheit. Doch au- den goldenen Spielen der Galanterie in jenen Spätsommertagen