In dieser Weise verging die Zeit, da wurde leise ange klopft, meine Mutter steckte den Kops durch den Türspalt und nickte mir zu. Ich lief schnell zu lhr hin, sie nahm mich an die Hand, und wir gingen die Treppe hoch. Oben tat sich unsere Stubentür auf, und da stand der Weihnachtsbaum, brennend mit vielen Lichtern, mit Aepfeln und goldenen und silbernen Nüssen, mitten in dem Christgarten. Ich blieb auf der Schwelle stehen und starrte ihn entgeistert an. Der Vater nahm mich auf den Arm, und Mutter und Großmutter zeigten mir die Geschenke. Da war eine Arche Noah, das war ein Schiss mit einem Häuschen darüber; die Fenster waren sauber mit Gardinen bemalt. Noah und seine Familie standen jedes attf einem runden grünen Brettchen; sie hatten blaue Anzüge an, und auf jeder Backe waren sie schön rot. Ihre Augen waren himmelblau, und es war, als ob sie alle lächelten. Man konnte nicht recht erkennen, welches Männer und welches Frauen waren, denn der Teil unterhalb der sehr schmalen Mitte war nur ein ungeteilter Holzpflock. Die Tiere waren sehr viel kleiner und hatten keine Brettchen, auf denen sie standen, so daß sie gelegt werden mußten; aber von jeder Art war ein Paar da: ein Stier und eine Kuh, ein Paar Schweine, ein Paar Schafe, ein Paar Hunde, ein Paar Tauben und wohl noch mehr. Alle Tiere hatten die gleiche Gröhe. Meine Mutter zeigte mir die Menschen und die Tiere, jedes einzeln, und ließ sie in der Hand tanzen. Ich konnte gar nichts sagen vor Glück; aber da wurde ich müde und rieb mir die Augen. Meine Mutter nahm miet) dem Bater ab, zog mich schnell aus und legte mich ins Bett; noch während sie mich auszog, verschwamm der strahlende Weihnachtsbaum vor meinen Augen.
Christnacht.
Von Ruth Schaumann.
Gefrorner Schmerz der Engel, fällt der Schnee Auf meine Stirn vorüber jeder Schläfe Und meine Füße gehn fo bang, als träfe Ihr nächster Schritt auf ein verschneites Reh.
Baum wird zum Berg und Straße liegt als Schla Und Strom als Tod, nur Lächeln steht in Hassen Gleich jenem Hirten, der die Stalltür assen und Gott als Kind in einer Wiege traf.
La madre de Dios.
Von Otto Gmelin.
Es war am Weihnachtsabend vor ungefähr 27 Jahren in Mexiko-City. Mitten heraus aus der Feier in der Villa in der Colonia Roma, wie jenes Fremdenviertel heißt, fuhren wir in eine andere Welt. Heraus aus einer für den Weihnachtsabend nach heimatdeutschen Begriffen etwas zu lauten und reichen Feier, wo man schon vor dem Dinner beim brennenden Weihnachtsbaum mit CocktaU Napoleon die Stimmung gelockert hatte. Zur Poularde trank man Chateau Fälan Sögur und zur Eisbombe ich weit, nicht mehr welchen französischen Champagner. Einige Chefs großer deutscher Jmporthäuser mit ihren zum Teil mexikanischen Damen. Ich selber eigentlich Fremdkörper im Kreis. Meine Tischdame, junge Frau eines Bankiers, Tochter eines deutschen Hünen und einer dunkelhäutigen Mexikanerin, trug — ich sehe es heute noch vor mir — ein altrosa Seidenkleid mit motten Goldborden und am bräunlichen Hals eine Kette echter mattbläulicher Perlen, die erste, die ich am Hals einer schönen Frau sah. Mein Spanisch reichte eben, um mit ihr die Sprache zu sprechen, die ihr am meisten lag. Ihre Kohlenaugen, aus einem ovalen, ebenmäßigen, leichtgepuderten Gesicht leuchtend, fesselten sofort, weil sie eine träumerische Sanftmut verrieten. Ich weih nicht, wovon wir sprachen, aber sehr bald war das entstanden, was man Kontakt nennt. Erst war es mir nur interessant gewesen, mit so einer hübschen, exotischen, eleganten Erscheinung zu plaudern, dann aber war alles, wie sie sagte, wie sie lächelte, wie sie ernst wurde und wieder aufleuchtete, mehr als Form, und ich gewann Freude an diesem zwar ganz leichten, aber darum doch mit wärmerer Teilnahme geführten Spiel. Nach dem Essen sahen wir in einer Nische zusammen. Die Rede kam auf deutsche Weihnachten; ich erzählte von ben Kindersreuden dieses Festes. Sie wiederum gestand, feit ihren Mädchentagen sei das schönste an Weihnachten die große Nachtmesse in der Kathedrale. Dann huschte jenes lievliche Aufleuchten über ihr Elfenbeingesicht: Wir wollen heute in diese Messe fahren, sie wolle sie mir zeigen; ich müsse das sehen, das gehöre zu Mexiko; draußen schlafe der Chauffeur in ihrem Auto, der uns hinfahren könne. Und schnell — mit eben jenem warmen Lächeln — erwirkte sie die Genehmigung ihres Gatten, obwohl er, aus kleinen alkoholischen Augen zwinkernd, diesen Plan absurd sand. Eine halbe Stunde spater surrten wir durch die Asphaltstraßen der nächtlichen Stadt, den Paseo de la Reforma hinunter.
Aber in dem Augenblick, als ich allein neben ihr im Wagen sah, neben dieser schönen fremdartigen, eleganten Frau, überkam mich erst die ganze Wunderwelt dieses Abends und die dankbare Hingezogenheit zu ihr. Sie selber sprach von der Mutter Gottes, madre de Dios, ohne die sie sich das Weihnachtsfest nicht denken könne. Ihr Parfüm und die tiefe Fülle ihrer Stimme steigerten dies warme Mitgehen meinerseits.
Cs war spät. Die Orgel brauste uns schon entgegen. Wir trennten uns. Ich schlich in eine Ecke auf der Männerfeite. Sofort umhüllte mich der große Barockraum mit feiner einzigen wogenden Fülle von Licht. Taufende von Glühbirnen und Kerzen wirbelten aus allen Ecken, Nischen, Kapellen, ein tobendes Geflimmer, und durck) das Lichtgetöse dröhnte und quirlte die Orgel. Obwohl ich in wenigen Augenblicken im einzelnen alles vergessen hatte, was in den Stunden vorher gewesen war, war ich doch dadurch aufgeschlossen und verwandlungsfäbig, bereit zur Entrückung. Ich erlebte kaum mehr das Besondere der Feier; nur dies „Madre de Dios" drang zum Bewußtsein, mein Körper wurde davon burdjriefelt und durchtränkt. Ringsum flutete Licht, brach fick) am Malachit der Säulen,
zerriß sich, wendete sich, füllte die Wett, füllte mich selber. Die matten und dunklen Farben von Heiligenbildern, die ich nicht im einzelnen erkennen konnte, die satteren, tieferen der Stoffe, das Gold der zahllosen geschwungenen Leuchter, des riesigen Hauptaltars, brannte verhalten. Die Wölbungen erschienen farblos, nur aus Schleiern von Weihrauch und zartem Licht, fo daß sie die Endlichkeit des Raumes zugleich verbargen und ahnen ließen.
Und als alles zu Ende war, fand ich mich plötzlich, noch kaum diese Wirklichkeit um mich begreifend, von der drängenden Menge geschoben, draußen in der kühlen Tropennacht, zwischen blauen bleichen Scheinen von Bogenlampen und pfeifenden, surrenden, hupenden Autos. Plötzlich dann, während ich an der Mauer entlang ging, dem Orte zu, wo wir uns zu treffen vereinbart hatten, in der Dunkelheit zwischen Schatten von Pfeilern und massig schwarzen Baumkronen, war ein Laut neben mir, der durch den Lärm der Autos und der sich zerteilenden Menge fremd hindurchgesickert war. Ich wandte mich: In der Ecke eines Sockels gekauert — an der Erde —, ich erkannte erst nach und nach, meine Augen gewöhnend, was da war — ein schwacher Schein; er muhte durch die Blätterlücke des nahen Baumes von einer Bogenlampe her kommen. Aber der schwache Schein umgab seltsam das Haupt eines Jndioweibes, das junge bräunliche Gesicht einer Frau, die in Lumpen gehüllt in der Ecke hockte. Jetzt sah ich es deutlich: sie hielt in einem Bündel ein Kind an ihre entblößte Brust, an der die zuckenden, gierenden Händchen des Kleinen fingerten. Ich blieb stehen, nur einige Augenblicke; über mir warfen sich die Töne der Glocken gegen das gewöhnliche Hupen und Quietschen,der Wagen und das tausendfältige Gewimmel der Menge. Aber unbemerkt von allen saß hier in der Finsternis und Verborgenheit der Zeit die Gottesmutter, Gott selber an der Erde, vom bläulich silbernen Schein der ewigen Liebe umstrahlt. Das Weib schlug die Augen auf. Und da fühlte ich es wissend: es waren dieselben kohlschwarzen, inbrünstig mütterlichen Augen wie die meiner Tischnachbarin. Ihre Lippen bewegten sich: „Madre de Dios" verstand ich, sonst nichts. Ihre weiche, gekrümmte Frauenhand streckte sich mir entgegen. Ich legte ein Geldstück hinein. Im selben Augenblick fiel mir ein, daß man mir erzählt hatte, meine Tischnachbarin sei guter Hoffnung. So wurde seltsam auch diese Huldigung, denn es war kein Almosen, was ich gab, zu einer Huldigung der anderen ober vielmehr beide waren ein und dieselbe.
Als ich zum Auto kam, saß meine Gefährtin schon in feinem Dunkel und lächelte abwesend. Ich sauste neben ihr durch die Nacht. Wir sprachen nichts. Erst als der Wagen draußen beim Cuautemoc-Denkmal links einbog, begann ich zu erzählen, gehemmt, langsam, von der Gottesmutter im Dunkel. Ich fühlte den fragenden Blick aus den dunklen Augen, das zitternde Staunen. Aus dem Ausschnitt ihres Halses zwischen Pelz und altrosa Seide glänzte matt die Perlenkette auf ihrer Haut. Und bann, als ich mit meinem Bericht zu Ende war, fügte ich zögernd, mich besinnend hinzu: „Glauben Sie nicht, daß jedesmal Gott geboren wird, wenn eine Mutter ein Kind zur Welt bringt? Cs ist immer eine Weihnacht." Es blieb still. Hatte ich sie in ihrem Glauben verletzt, der solche Deutung leicht als Lästerung verstehen konnte? Ich fürchtete es fast. Wir fuhren an einer Laterne vorüber; einige Herzschläge lang sah ich ihre weichen fraulichen Züge; ihre milden Augen — die Annen jenes Weibes in der Ecke — sahen mich groß an, ein Blick wie der Flügelschlag des verkündenden Engels. „Madre de Dios" dachte ich. Nein, sie hatte mein Wort nicht mißdeutet. Ich hörte Glocken und Orgel.
Da hielt der Wagen.
„Mei^nachtskunst."
Von Dr. Johannes Günther.
Manch einer wird jetzt wieder Ernst Moritz Arndts „Katechismus für den deutschen Kriegs- und Wehrmann" zur Hand nehmen, weil es ein wundersam starkes Trostbuch ist. Mit einer stillen Weihe gibt es dem Soldaten bas Schwert in bie Hände, und die Hänbe falten sich unb er barf beten. Cs ist ein männliches Trostbuch. Wer es anbächtig lieft, ber fühlt sich unter das Schicksal gestellt, ber fühlt sich berufen, der wirb bescheiden — gerade im Bewußtsein seiner Kraft. Der Leser dieses Büchleins lernt, wie auch der Krieg ihn umdrängen mag, warten unb hoffen unb vertrauen. Ein Ehrenplatz ist es, an ben er gestellt würbe; er ist stolz barauf unb bankbar unb still
Wer von biefer Gesinnung, von dieser Arndtschen, biederen Frömmigkeit erfüllt ist, der vermag in der Kriegszeit Weihnachten zu feiern, der wird mit dem begnadet worum ein Liederdichter, ber im bitterlichsten aller Kriege, im Dreißigjährigen, ausgewachsen war, betete:
0 Jesu, schöne Weihnachtssonne, Bestrahle mich mit deiner Gunst, Dein Licht fei meine Weihnachtswonne Und lehre mich bie Weihnachtskunst, Wie ich im Sichte roanbeln soll Unb fei bes Weihnachtsglanzes voll.
Eine „Kunst" ist nicht etwas, was jcber ohne weiteres bat, eine Kunst ist etwas Besonderes, ist eine Veranlagung, die ausgebildet und geübt werden muß, daß sie dem Begnadeten selber unb allen, bie an ber Schönheit des Kunstwerks teilnehmen dürfen, zugute kommt. Was Ist „Weih- nachtskunlt?" Die Fähigkeit, im Dunkeln das Licht zu sehen, in Schwierigkeit, in Sorae, Not und beänaftigenben Eindrücken zu verträum, zu glauben unb sich der Liebe zu freuen, die ja dock, noch, froh allem untä-ckich vielfachen Leide, wie ein lind wärmendes Tuck, über bie Welt hingebreitet ist. Diese Weihnachtshinft hat mancher Soldat in sich entdeckt und hat sie weiter gegeben, hat sie in Brieten ben Daheimgebliebenen wie ein Vermächtnis, wie ein Sakrament ^gereicht.
„Bei uns roejhnarhtet es sehr, schon seit Wochen", schrieb einer 1014. „In ben weilten Bäckchen, bi» wir erhalten. sind Tannen^weiae. Ich habe einen Stützbalken in meiner Deckung ber ift aant verliert nut deutschem lannenreis unb Weihnachtskarten. Das muß ein schönes Weihnachten


