SiehenerZaliiilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Zchrgang 1939 Montag, den 23. Januar Nummer 7
Ser kerMacher von Sankt Stephan
An heiterer Liebesroman von Alfons v. Lzibulka
<lopt>right bu 3- <S. ilotta'lche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart
17. Fortsetzung.
.Das schreckt mich nicht, Kaunitz. Die Mächte haben mir schon ein- i® nicht den Stuhl lassen wollen, auf dem ich saß ..."
.Bedenken Jhro Majestät, daß der König in zwei Wochen in Wien jtelen kann!"
.Daun wird kein Narr gewesen sein. Er marschiert wohl schon, und Dhüfc wird halten."
Der Kanzler hebt die Schulter: „Vielleicht."
„Also was rät Er?"
„Daß sich Jhro Majestät unverzüglich mit dem ganzen Hofstaat nach 8t: 3 begeben."
Die Kaiserin fährt auf: „Flucht?! — Niemals!"
.Flucht ist nur ein Wort ... Ich beschwöre Eure Majestät, Wien M verlassen."
r .Nie könnte ich auch nur mehr eine Minute vor Gott und meinem ^Wissen ruhig atmen."
Maria Theresia erhebt sich, tritt dicht an Kaunitz heran. Sie ist jetzt Hin in ihrem Zorn. Ihr Blick senkt sich in die Augen des Kanzlers: LH werd Ihm etwas sagen, Kaunitz. Ehe ich fliehe, will ich lieber alle vliriner und Frauen mit Sensen und Zaunlatten bewaffnen und an hr-r Spitze Stadt für Stadt, Dorf für Dorf defendieren und, wenn >< ans letzte geht, den König zum Zweikampf herausfordern auf ßifiülen, Pulver und Blei!"
' So täpfer wie ihre Kaiserin waren die Wiener nicht. Schon am lösten Morgen fieberte die Stadt vor Erregung. Ueberall auf den röi-jen, in den Gassen und Straßen, unter den Haustüren und vor den Säten standen Gruppen von Menschen beisammen, flüsterten und uso eiten mit ernsten Gesichtern, wiegten bedeutsam die Köpfe und siebten die dümmsten Gerüchte, iieberängstliche luden in den Häfen chrn Kisten und Hausrat auf Kutschen und Leiterwagen. Die Fuhrleute ylterten goldene Tage.
!3on alledem wußte Matthias Wimmer nichts, als er aus seinem w trat um sich rasieren zu lassen, ehe er seine Singerbuben in der Mükantorei zu plagen begann. Die Menschengruppen fielen ihm wohl inj Aber er kümmerte sich nicht darum. Neugierig war er nicht. War l'bei wieder einmal ein Unglück geschehen, vielleicht ein Verbrechen. 'Ein Melodie pfeifend, die ihm beim Frühstück eingefallen war, strebte r einem Barbierladen in einem Seitengäßchen der Wollzeile zu. Der l&rjang, der in der warmen Jahreszeit die Türe ersetzte, war zurück- B lagen, aber der Laden war leer. Weder der Haarkräusler, noch ein 1 ÄLlfe oder ein Kunde waren zu sehen. Nur ein kohlschwarzer Kater aj auf einem der beiden Barbierstühle, machte einen Buckel und präsen- ittie mit dem Schwanz. Wenn der Meister Zanelli feierte, mußte es iramftens einen Kindsmord gegeben haben. Matthias Wimmer trat löet er in die Gasse hinaus. Wo steckte der Zanelli bloß? Da sah er ihn iwf schon zwei Häuser weit in einer Gruppe von Menschen vor dem liBiti ölbe des Lederhändlers stehen. Den Kamm im gelocktem Haar, i e’c e er erregt auf die ihn Umstehenden ein. Zur Bekräftigung seiner reckte er immer wieder seins Haarschere gegen den Himmel wie ilitten weisenden Degen. Meister Zanelli war ein waschechter Wiener. !®e- die Wiege seines Großvaters hatte noch in Neapel gestanden. ! Ben ihm hatte er noch einen Schuh welschen Temperaments im Blute.
Nr Regenschori rief ihn an. Mit sichtlichem Mißvergnügen löste |G der Haarkräusler aus der Gruppe, nicht ohne noch einmal beschwö- i eit seine Schere zu heben. Als er den Regenschori erkannte, tänzelte 11 ilfertig näher. Matthias Wimmer war ein guter Kunde. Aus an- ! jfbtrener Bosheit pflegte ihm feine Ehehälfte das Rasierwasfer eiskalt iWeii die Waschschüssel zu stellen. Meister Zanelli praktizierte einen it ifuf}, hob den Vorhang und ließ den Regenschori ein. Dann ent- i Arne er mit einem raschen Griff ins Genick das fauchende Katzenvieh.
l: mer nahm Platz, bettete den kurzen Nacken behaglich in das ! Viper des Stuhls.
hanelli begann den Seifenschaum zu schlagen. Er schnaufte vor । Rngung und Neugier: „Darf ich fragen, was die Meinung des Herrn !ü:a Nschor! ist?"
„Was für eine Meinung?" knurrte Wimmer. Klatsch liebte er nicht. ,.8; wer umbracht worden. oder hat's bräunt?"
Der Barbier ließ erstaunt den Pinsel sinkens „Ja, weiß denn der Jijttt Regenschori noch nicht...?"
„Redens halt schon! Was is denn los?"
Meister Zanelli bepinselte aufgeregt Wimmers Blasengelgesicht: „Herr Regenschori wissen also nicht, daß die Preußen .. "
Wimmer war Pessimist aus Lebenskunst. Es gab dann um so angenehmere Ueberraschungen. Er fragte: „Haben wir eine aufs Dach kriegt?"
„Das nicht. Wenigstens noch nicht, Herr Wimmer. Wenn manche Leute es auch schon behaupten. Aber ich habe ihnen eben bewiesen, daß der Herr Feldmarschall Daun sich nicht so leicht schlagen läßt." Er setzte das Rasiermesser an und begann zu schaben. „So rasch nicht. Aber selbst, wenn es dazu kommen sollte, sind wir auch noch da." Er beschrieb mit dem Messer einen temperamentvollen Bogen, als wollte er einem unsichtbaren Feind die Gurgel durchschneiden. „Wenn wir Männer sind, hab ich gesagt ..."
„Jetzt redens einmal vernünftig, Zanelli. Was is denn g'fchehn?" Der Barbier klemmte Wimmers Kopfnase zwischen Daumen und Zeigefinger und rasierte die Oberlippe: „Olmütz ist belagert!"
„Wer hat Euch denn den Bären auf’bunben?"
„Ein Kurier ist gekommen. In der ganzen Stadt erzählt man sich's doch schon."
„Deswegen braucht's noch lange nicht wahr zu fein."
Zanelli war gekränkt: „Aber, Herr Regenschori, der Herr Hofsekretär Sampl, der vor einer Stunde bei mir war, hat es doch selbst gehört, wie der Kurier gestern während des Karussells in der Hofreitschule der Kaiserin gemeldet hat, daß Olmütz belagert ist ... Der Leutnant Rabenau vom Regiment de Signe is g’roefen ... Blessiert ist ec auch ..."
Wimmer wandte so plötzlich den Kopf, daß Zanelli gerade noch einen Schnitt ins Ohr vermied. So, also der Rabenau war wieder hier! Nur ein Glück, daß die ßifl vor einer Woche, Ende April, ins Piestingtal gefahren war! Sonst hätte das Theater am Ende von neuem begonnen Aber feine Meinung wollte er dem Rabenau jetzt sagen. Hoffentlich war er sozusagen vernehmungsfähig, trotz seiner Wunde. Wimmer fragte: „Blessiert ist der Seufnant. Was fehlt ihm denn?"
Zanelli näherte sich mit Barbierbecken und Schwamm: „Soviel ich weiß, ist es nur ein Streifschuß. In acht Tagen wird er wieder gesund fein ... Daß Olmütz belagert ist, ist jedenfalls schlimmer ..." Dec Regenschori hörte nicht mehr auf das Geschwätz. Er starrte- schweigend zur Decke hinauf und überlegte, was er dem Rabenau alles sagen wollte. Der konnte sich freuen!
Aber Zanelli deutete das Schweigen des Regenschori anders. Ec glaubte, er habe Angst wegen Olmütz. Er wollte ihm beweisen, daß dazu kein Grund sei. Er ließ die Brennschere, mit der er eben Wimmers rötlichen Haarkranz zu Socken formen wollte, durch die Suft wirbeln und sagte: „Aber das Schlimmste ist die Belagerung von Olmütz auch noch nicht. Denn wenn wir nämlich Männer sind ..."
Was dann geschehen sollte, wenn sie Männer waren, konnte er leider auch diesmal nicht näher ausführen. Der Regenschori sprang auf, nickte einen kurzen Gruß und rannte aus dem Baben wie ein gereizter Stier. Anständigen Bürgermädeln den Kopf zu verdrehen und bann mit einer andern echappieren! lieber diese andere hatte er ja inzwischen auch noch allerlei gehört. Der würde jetzt was erleben, der Rabenau!
Erst hatte der kleine Regenschori geradenwegs vom Barbierladen zum Seutnant von Rabenau gehen wollen. Aber dann fand er es geratener, die Sache noch einmal zu überschlafen. In der ersten Wut soll man nicht handeln. Und wenn Matthias Wimmer in Zorn geriet, gab es aus.
Mit dem lieberlegen hätte es noch Zeit gehabt. Als er nämlich am nächsten Vormittage im Stadthaus der Rabenau, in der Himmelpfort- gaffe, die Glocke zog und den Diener fragte, ob er dem Herrn Leutnant eine Visite machen dürfe, bekam er zur Antwort, daß der Herr Baron leider Wundfieber habe. Es fei nicht schlimm, aber vor drei Tagen werde er kaum das Bett verlassen, habe der Doktor Dari ©mieten gesagt.
Nach drei Tagen kam der Regenschori wieder. Rabenau war auf, aber er fühlte sich noch ein wenig matt und zerschlagen. Einen anderen Besucher hätte er wohl nicht empfangen. Als ihm der Diener aber den Regenschori von Sankt Stephan meldete, fiel ihm ein, daß dieser ja an jenem Nußdorfer Sonntag im Februar im Schlitten der Demoiselle gewesen war. Vielleicht konnte er von ihm etwas über die schöne Elisabeth Brand erfahren, die er so wenig aus seinem Herzen zu verbannen vermochte, wie sie ihn aus ihrem. Wovon er freilich nichts ahnte. Er hatte sich ohnehin gleich am ersten Tag seines Wiener Aufenthalts nach ihr erkundigen wollen. Vergessen konnte er sie noch immer nicht, trotz des Raudenberger Abenteuers. Aber bann war dieses dumme Wundfieber gekommen. Der Regenschori kam ihm gerade recht.
Zorngeladen stieg Matthias Wimmer hinter dem Bedienten die Treppe hinauf. Dieser Herr von Rabenau würde sich wundern! Mit


