Ausgabe 
22.9.1939
 
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Da wandert der Alte die Straße zur Stadt, als sie im Acht des klaren Mondes weiß daltegt, und die Schatten der Bäume, die auf das Helle Band fallen, sind wie die Sprossen einer Leiter, daß Schaff glauben könnte, auszustei-gen zum himmlischen Richter über Bose und ®ute.

Eine lange Straße, und doch eine kurze Nacht nur von seiner menschenfernen Einsamkeit bis zur Stadt, die ihn mit vielen Straßen, grauen Häusern und hastigen Menschen empfängt. Verwirrend das alles für einen alten Mann, der gewohnt ist, in der Stille von Wiesen und Wäldern der Welt verloren zu sein!

Ein Mann, der Eile hat zu seiner Arbeit zu kommen, sieht halb erstaunt, halb ärgerlich auf den Alten im wirren, weißen Haar, der ihn angehalten hat und ihm ein Papier zur Erklärung vorweist.Ja, was soll das? ... Ach so, zum Gericht wollen Sie." Er zeigt ihm die Rich­tung und nennt ihm die Straßen, die er gehen muß.Aber es ist doch noch viel zu früh! " meint der Mann und zieht seine Uhr aus der Tasche. Ja, es ist zu früh. Mag sein.. Balthasar Schaff besitzt keine Uhr. Sein Tag reicht vom Morgen bis zum Abend nach dem Gebot der Jahreszeit.

Schaff findet hin zu dem nüchternen Gebäude aus roten Backsteinen. Er sieht die achtunggebietende Fensterfront, die mit hundert wissenden Augen hineinblickt in die Welt der Untaten und des Schuldigwerdens. Treppen, ein kahler Flur, von welchem Gänge ausgehen nach links und rechts. Und im Halblicht der Gänge sind Menschen zu sehen, ver­bittert, böse, verstört, mit gemachter oder echter Gleichgültigkeit den Aufruf erwartend.

Sonst hingegeben an das Sein der natürlichen Dinge, der Erde und der Wolken, ist dem Alten dies Dasein in dem lichtarmen und von dumpfer Luft erfüllten Gängen fremd und wie abgetrennt von seiner hellen Welt. Aber Gericht, denkt er, müsse eben etwas Sonderliches sein. Wieder weist er seine Vorladung, und ein Mann in einer Uniform zeigt ihm den Weg zu einem andern Gang, wo auch schwache Lampen vergebens gegen die Dunkelheit kämpfen. Wartende Menschen auch hier; und Schoss meint, er habe sie alle schon einmal gesehen. Aber es ist das Trostlose ihres Wartens, das die Menschen so gleich macht zur Kreatur mit dem Gesicht der Hofsnungsarmut.

Es sei noch Platz auf der Bank, sagt man ihm. Wie denn? Soll er sich gleichgültig auf eine Bank setzen, so selbstverständlich wie er sich am Abend auf die Bank vor seinem Hause setzt? Ach, ihr wißt wohl nicht, was Gericht heißt! Kommen und Gehen ist um ihn, der da steht wie ein alter vielästiger Baum, den man aus Pietät oder weil man ihn zu fällen vergaß, in der baumlosen Wüste einer grausteinernen Vorstadt stehen gelassen hat...

Zehn ferne blecherne Schläge irgendwoher aus dem Wirrsal der Gänge: da weiß Schoss, daß seine Stunde gekommen ist; seine Stunde, zu der er durch die Nacht hinwanderte unter den Sternen; seine Stunde, die ihn vor den Richter ruft, daß er seine Aussage in die Waagschale der Ge­rechtigkeit werfe. Er geht ruhig und gemessenen Schrittes auf die Tür zu, vor der man ihn warten hieß. Was soll das? Wer will ihn hindern otnzutreten? Kaum hat er die Tür geöffnet, da kommt wieder ein Mann in einer Uniform und fragt ihn leise, was er denn eigentlich wolle.

Schoss zeigt die Vorladung. Er zeigt auf das Geschriebene, das er nicht lesen kann.Zehn Uhr", sagt er.Balthasar Schoss. Das bin ich."

Aber er muh zurück aus der Helle des großen Raumes in das Zwie­licht des Flurs, wie ein Mensch, der von der Gnade noch verwiesen ist an einen Ort der Läuterung. Er schüttelt den Kopf. Daß sich das Gericht, das unfehlbare Gericht, in der Zeit sollte geirrt haben, das ist unbegreif­lich dem Alten, der in der unumstößlichen Ordnung der Natur zu leben gewohnt ist und die fragwürdige Ordnung der menschlichen Organisation nicht kennt. Ein Fremdling steht zwischen den Wartenden, die über seine Ungeduld lächeln, wie Unwissende immer lachen über die Dinge, die sie nicht verstehen.

Aber es kommt doch die große Stunde, auf die er seit Tagen wartet. Cs kommt der Augenblick, da das Gericht sich des Balthasar Schaff erinnert.

Parteien Balzuweit und Zeuge Schaff!"

Jetzt ist es so weit.

Hier bin ich!" ruft der Alte laut, dann geht er taumelnden Schrittes durch die Tür, die ihm nicht mehr verwehrt wird.

(Beriet*--Gericht--. Sein Gang wird unsicher--er wankt

--sucht nach einem Halt--seine Arme schlagen durch die Luft wie Flügel,füer bin ich!" ruft er noch einmal mit letzter Kraft. Dann fällt er vornüber auf sein Gesicht und ist tot.

Was kostet der Nebel?

Von Br. Francs.

Daß der Nebel wohl die unangenehmste aller Witterungserscheinungen ist, wird wohl niemand bezweifeln, daß er aber die gefährlichste von allen ist, das wissen bloß die Seeleute. Die aber nur zu gut. Man muß so einen Nebeltag auf einem vielbefahrenen Meer nur einmal mitgemacht haben, um das zu verstehen. Noch hinterher fühlt man sich wie der Reiter überm Bodensee. Nur zu tief haftet mir solche Erinnerung an die qualvoll langen 36 Stunden, die wir hn Mai im englischen Kanal zwischen Brighton und Terschelling wie die Schnecken krochen. Die Herbst­sachen bei sich, den Rettungsgürtel umgeschnallt, todmüde in der nassen Kälte auf dem Verdeck, jeden Augenblick gefaßt auf einen Zusammen­stoß, übernervös durch das fortwährende Heulen der Sirene, der rechts und links, nah und fern andere antworte»!. Und ringsum eine blendend grauweiße Nebelwand, gleichsam körperlich wie Watte, so dicht, daß man kaum fünf Meter vor sich sah.

Die Zahl der Unglücksfälle durch Nebel auf See übertrifft die aller Stürme und sonstigen Unfallsmöglichkeiten um ein Vielfaches. Und auch auf dem Lande ist Nebel «ine der wichtigsten Gefahrenquellen. Für den

Verantwortlich:

vr. Fr. W. L a u g e. Druck und

Verkehr der Autos, der Radfahrer, der Eifenbahnzüg«, der Flugzeaze.. Das schlimmste aber ist: diese Gefahr nimmt ständig zu, und dieserhllbx wurde auch dieser Artikel geschrieben. Die Wissenschaft beschäftigt sich nämlich seit einiger Zeit sehr intensiv mit diesem Problem und hat in einigen Punkten wertvoll» neue Erkenntnisse gewonnen.

Was ist eigentlich Nebel? Es kann mit einem kurzen Satz gejagt f werden. Nebel ist eine Wolke, die auf dem Boden.sitzt. Jede Wolke istf ein in der Luft schwebender Nebel. Also ist Nebel sozusagen das Häusigjie, - was es gibt. Um Klagenfurt sind zum Beispiel nur Juli und Augusl nebelfcei. Die Luftfeuchtigkeit scheidet sich dabei in Tröpfchen aus. $8etm| diese sehr klein sind, nicht den Durchmesser von 0,02 Millimeter iibr- s schreiten, dann sind sie undurchsichtig, und man nennt das Nebel. Siad! sie größer, dann sind sie mehr oder weniger durchsichtiger und man spricht! von Regen. Die Witterungskunde hat sich eine Tabelle geschaffen, in ter X sie den dichtesten Nebel mit 0 bezeichnet. Null ist ein Nebel, in dem man! auch bei Dag nur bis 50 Meter weit sehen kann. Reicht die Sehweite! 50 bis 200 Meter, dann ist es Nebel Nr. 1, für 200 bis 500 Meter liatl man Nr. 2, und Nr. 3 gilt für den schwachen Nebel, bei dem man tausend s Meter sieht. Darüber hinaus spricht man nicht mehr von Nebel, sondern von Dunst.

Stadtirebel kann aber ganz etwas anderes fein, als diese ziemlich! zahme Tabelle angibt. Die berüchtigsten Städte sind in dieser Hinsicht! London und die englischen Industriestädte, im Reich ist es Hamburg, säi! einiger Zeit auch Berlin. Auch die amerikanischen Jndustrieorte erroerbtn! sich darin immer mehr üblen Ruf. Diese zehn Monate im Jahr mögliche I aber besonders im Winterhalbjahr häufigen Stadtnebel unterscheiden sich | von den anderen besonders durch drei Eigenschaften. Durch ihre Häufiz-1 (eit, ihre chemische Verunreinigung und die dadurch mitbedingte beson-1 dere Undurchsichtigkeit. Dazu kommt noch ihre besondere Hartnäckigkeit I Weil Stadtnebel Rußteilchen mitträgt, ist er gelb oder braun, übtfc riechend, sogar übelschmeckend, besonders undurchsichtig und will niht I weichen. Er wird dadurch sogar klebrig und überzieht in den schlimnstm I Fällen alles mit einer häßlichen Schmiere. In der Nähe der Flüsse i|t er etwas reiner, aber besonders dicht, in den Fabrikvierteln aber hat er I die übelste Beschaffenheit. Und dazu hat er seine besondere Tageseintn-1 lung. In den Morgenstunden ist er am häufigsten da und zugleich am schlimmsten. Nachmittags kehrt er gern wieder und erreicht dann zwischen sieben und acht Uhr abends seine größte Dichte. Dabei vermag er lit Temperatur so herabzudrücken, daß zum Beispiel bei dem großen Neb'i, der fast ganz Europa (so etwas gibt es!) vom 17. bis 23. Dezember 1935 in einer Schicht von 800 Meter Höhe bedeckte, die Temperatur an $e> wissen Beobachtungsstellen im Nebel3 Grad Celsius war, währet dort über dem Nebel 13,8 Grad Wärme herrschten. Das ist eine Beobich tung, welche jeder Schifahrer vom Gebirge her kennt, aber immer wieder mit freudiger Ueberraschung empfindet.

Neue Untersuchungen haben gezeigt, daß dieser unangenehme nun von Jahr zu Jähr häufiger wird. In Budapest hat man in ixn dreißig Jahren vor 1900 jährlich nur 26 Nebeltage gezählt, seit 1900 aber durchschnittlich 46! Zwischen 19301938 stieg das auf 56. In anbenn Städten ist die Nebelhäufigkeit im Durchschnitt um 86 v. H. gewachsen. Die Ursache liegt nicht in einer Klimaverschlechterung, sondern in ber Zunahme der Industrien, in der gesteigerten Heizung, in den Ai» auspuffgafen. Der Nebel ist gleichsam eine Kulturkrankheit geworden. Noch dazu eine, die uns sehr viel kostet. Das hat man neuerdings In England, das besonders anNebel" krankt, sehr gründlich berechnet. M" hat herausgebracht, daß ein Nebeltag England einen .Schaden von 3S,;> Millionen Pfund bringt. Die Eisenbahnen verlieren an Einnahmen 45U*M Pfund, die Mehrkosten der Beleuchtung betragen 200 000 Pfund. E« Stunde Nebel kostet London tausend Pfund Stromkosten und fünftauseÄ: Pfund Gasrechnung. Dazu kommen die Verkehrsbehinderung, die Hn glücksfälle, das Ansteigen der Krankheiten. »

Infolgedessen arbeitet man eifrig an der Schaffung von Mitteln, M dem entgegenzuwirken. Abschaffen kann man den Nebel nicht; er schein!* ein unzertrennlicher Begleiter der Zivilisation zu sein. Aber man M doch schon einiges herausbekommen und ersonnen. Zunächst hat für England bei Nebeltagen besondere Verkehrsvorschriften eingeführ! und verschärft. Das hat etwas geholfen. Noch zahlreicher waren gewiß! optfche Studien über die Sichtbarkeit farbigen Lichtes im Nebel. Leikm ist im dichtesten Nebel, im Nuller und im Einser, jede Farbe ausgelöscht und man hat in London Nebel beobachtet, bei denen man schon auf.nfl Meter die Sicht verlor. Aber bei 200 Meter Sichtweite bringt gelbes urb rotes Licht besser durch das jedes andere (Angaben von M. Wolff) uv®' damit ist schon manches geholfen. Eine Umgestaltung der Signale rw diesem Gesichtspunkt, besonders bei Schiffen und auf der Eisenbahn wird die Verkehrssicherheit bei Nebel erhöhen.

Das alles ist zwar erst ein Anfang und noch immer ist Nebel enw größere Gefahr als Sturm und Regen. Aber es hat sich doch gejeiffit daß wir nicht mehr ganz hilflos sind gegenüber dem grauen Untier, t*9 fast das ganze Jahr bereit ist, die Zivilisation zu hemmen und unfe« Gesundheit zu bedrohen.

ftür cwiq

Von Johann Wolfgang Goethe.

Denn was der Mensch in seinen Erdeschranken Von hohem Glück mit Götternamen nennt, Die Harmonie der Treue, die kein Wanken, Der Freundschaft, die nicht Zweifelsorge kennt. Das Licht, das Weisen nur zu einsamen Gedanken, Das Dichtem nur in schönen Bildern brennt, Das halt' ich all in meinen besten Stunden

In ihr entdeckt und es für mich gefunden.

Verlag: Brühlfche Universitätsdruckerei, R. Lange,

Gießen.