„And die Wolken und die Liebe fliegen auf gen Hlmmek, Und der Himmel ist nicht mehr allein.
Wind und Wolken sind im Licht vergangen.
Wo mag meine unruhvolle Liebe sein?"
Labatut wäre am liebsten aus dem Zimmer gegangen, wenn er es über das Herz gebracht hätte, Ann mit dem Preußen allein zu lassen. Es wäre eine doppelte Kundgebung gewesen, einmal gegen den Preußen, und zum andern gegen Ann, die sich so weit vergaß, dem Eroberer etwas vorzuspielen.
„Hoch am Himmel träumen aber tausend Sterne, Jeder Stern schickt seinen Traum zu mir.
Jeder Traum ist schwer und voll von Sehnsucht,
Denn an jeden Stern hing ich den Traum von dir .. .*
Ann entdeckte, daß Kellings Gesicht ganz entrückt war. Nach einer Weile sagt er leise: „Ich danke Ihnen."
Sie blickte auf Labatut, der finster dasaß und sagte leichthin: „Es war nichts Besonderes. Das Instrument ist verstimmt. Und ich habe auch für Herrn Labatut gespielt."
Kelling lächelte, denn er hatte verstanden, daß Ann dem Gastgeber etwas Gutes sagen wollte. Herr Labatut war auch in der Tat versöhnt. Er sah jetzt aus wie ein Musikfreund, der dankbar genossen hat.
„Morgen bin ich nicht mehr in Mereville", sagte Kelling und wandte sich an Labatut: „Infanterie löst uns ab. Bis dahin bleibt die Mairie unter Bewachung!"
Labatuts Wolkenhimmel klärte sich auf. „Der Herr Premierleutnant nehmen nicht in meinem Hause Quartier?"
„Nein, ich bin drüben in der Schule, bei meinen Leuten!"
Der Maire fühlte Steine von seinem Herzen fallen. Ach, er hätte sonst in dieser Nacht nicht geschlafen! Er hätte fein Lager vor der Tür Ann Morelands aufgeschlagen, denn man hatte die Ulanen als Teufel geschildert, und er glaubte es. Und noch jetzt hockte das Mißtrauen in allen Kammern seines Herzens.
„Miß Moreland! Ich durfte Sie nicht passieren lassen! Die Straße war nicht frei und ist es auch jetzt nicht. Sie verstehen das?" sagte Kelling.
„Sie müssen Ihre Pflicht tun, ich verstehe!" erwiderte sie.
„Ich habe natürlich nicht nachgeprüft, was mir dieser kutschierende Stationsvorsteher erzählt hat. Aber von Ihnen weiß ich, daß Sie nach Calais wollen! Weisen Sie sich bei dem neuen Ortskommandanten aus! Ich denke, es wird sich für Sie als Engländerin ein Weg aus dem Kriegsgebiet finden! Ich wünsche es Ihnen!"
Kelling sah aus Ann wie auf ein entgangenes Glück. Sie war für ihn ein Segel, das fern vorüberzieht und das man mit Sehnsucht belädt, weil man mitreifen möchte. Er grüßte und ging.
Labatut sagte frei und befreit: „Jetzt sind wir ihn kos!" Aber wenn er genau hingefehen hätte, wäre ihm nicht entgangen, daß beider Blicke, als sie sich zum letztenmal trafen, wie Funken waren, die zusammenstoßen, um eine Flamme zu entzünden.
Wie konnte Labatut es erkennen, wenn nicht einmal Ann es wußte. Nur ihr Herz verwunderte sich wiederum. Ihm war bang.
Sie fei müde und möchte allein fein, entschuldigte sie sich und ging auf ihr Zimmer. Sie dachte noch lange an die Worte des Offiziers. Sie erkannte, daß er sich feit der Begegnung auf der Landstraße mit ihr beschäftigt haben mußte, und daß hinter feinem Rat eine schlichte und gute Fürsorge stand.
Sie hatte noch nicht an ihre Papiere gedacht, «n den gezeichneten und gestempelten Paß. Sie nahm ihre Reisetasche und suchte ihn. Sie durchstöberte sie ganz. Sie warf den Inhalt heraus. Sie kehrte die Tasche dreimal um.
Dann erinnerte sie sich: Gilbert mußte den Paß an sich genommen haben. Und gemach wurde ihr klar, was das Fehlen des Passes bedeutete: Die Vögel sind frei unter dem Himmel. Der Sperling ist ein Sperling, die Taube ist eine Taube und der Bussard ein Bussard: man kennt sie nach dem Aussehen, geordnet im Reiche der Natur. Ann Moreland war vogelfrei — und nichtso frei wie ein Vogel. Denn wie wollte Ann Moreland beweisen, daß sie Ann Moreland war?
An diesem Tage starb übrigens die alte Ordnung der Stadt Mereville mit einem Schlage. Sie wurde durch die Ulanen umgestoßen. Am nächsten Morgen marschierte preußische Infanterie unter Hauptmann Baernburg ein und pflanzte die neue Ordnung, kerzengerade und sauber wie eine Fichtenschonung.
Premierleutnant Kelling stellte dem Hauptmann den Maire vor, dann stieg er zu Pferde und machte gegen den Kameraden eine lachende Geste, als schenke er ihm ganz Mereville. Aber eigentlich lachte er aus schlechter Laune.
Auf der Landstraße sangen die Ulanen einen Kanon, den Krätke ihnen beigebracht hatte:
„Faul wird jeder im Quartier, Uebermorgen reiten wir, Hol der Teufel das Quartier, Faul wird jeder im Quartier."
Es klang sehr schön und klang auch durcheinander, mit dem Quartier meinten die Ulanen Blisseron.
Es war viel kleiner als Mereville. Doch schien es nach Baernburgs Bericht nicht ohne Bedeutung, weil Blisseron der Kreuzungspunkt mehrerer Anmarschstraßen war.
Ein Ulan schätzt die Ehre, Kreuzwege zu bewachen, nicht gar hoch. Man wäre lieber, eingefügt in die Schwadron, auf Paris marschiert. Ader gegen einen Befehl darf nicht gemault werden, weder laut noch stumm. Einen Kanon zu fingen ist freilich eine andere Sache.
Der Teufel konnte aber öffenbar die Ulanen nicht leiden, denn er tat ihnen den Gefallen, das Quartier Blisseron zu holen, nicht.
Und als die Ulanen in dem Dorf einzogen, war es wohl der liebe Gott, der sie geleitet hatte.
Hauptmann Baernburg legte bas Geschäftszimmer 6er Drfsfommait- bantur in den Amtsraum des Maire. Es würden sich nun, meinte er, mancherlei Schreibarbeiten ergeben. Er wünsche, daß der Maire solcher Belastung gewachsen sei.
Als Labatut dies bedachte, entstand in ihm ein Plan von hämischer Art. Seit sich Bregnon gegen ihn aufgelehnt hat, konnte ihn ßabatut nicht leiden. Es war für den Maire kein Vergnügen, Mittler zwischen der Bevölkerung und den Eroberern zu sein, sollte nur jemand diese» --Mißvergnügen teilen!
„Da ist der Stationsvorsteher Bregnon, ein zuverlässiger Mann", begann ßabatut vorsichtig.
„Das Ist Ihre Sache", erwiderte Baernburg und kümmerte sich nicht mehr um den Maire.
ßabatut bemerkte es, fühlte sich überflüssig und eilte zu Bregnon. Er riß die Hausklingel, aber das Haus blieb still.
Deschamps, ein alter Bahnarbeiter, stand wie eine Vogelscheuche in Garten. Er hatte Möhren aus dem Boden gezogen, reinigte sie un> taute das rote Gewächs.
„Herr Bregnon hat mir erlaubt, aus feinem Garten zu nehmen, roa» brauchbar ist. Es braucht nichts zu verderben", sagte Deschamps.
„Wo ist Bregnon?" schrie der Maire erbost. Deschamps bewegte die Arme in Richtung der Schienen. Die Geste glich der Gebärde einer Kindes, das „weit, weit" anbeuten will.
Durch ein umständliches und hartnäckiges Verhör bekam ßabatut herai»s, daß Bregnon mit Deschamps die Draisine aus dem Schuppen geholt hatte. Es war den Männern gelungen, sie auf das noch gesunde Geleise zu schieben. Dann brachte Bregnon feine Frau und einiges (gegärt auf die Draisine und fuhr, heftig den Hebel des ßaufroagens bewegend, davon. Sicher hatte der Stationsvorsteher einen der noch nicht von den Preußen besetzten Bahnhöfe oder gar Paris erreicht.
Der Maire zwang den Neid nieder, der in ihm mächtig wurde. Dann sann er über einen geeigneten Ersatz nach und fand ihn in einem alten Pensionär, dem Gerichtsschreiber Adamaux, der bei seinem Schwiegersohn in Mereville die Tage beschaulich verbrachte. Er bat ihn zur Mairie.
Auf dem Wege beruhigte Herr ßabatut einige aufgeregte Bürger. Er nahm sich Zeit, denn es gelüftete ihn nicht nach dem Aufenthalt in der Amtsstube, die von den Befehlen des fremden Offiziers dröhnte.
Der Maire tat, als stände er mit verschränkten Armen über allen Ereignissen. Sie waren, so schien es den Männern und Frauen, vor seinem Angesicht wie der Wind, der vorüberzieht und eine Stätte hat.
Herr Adamaux fragte dienstbeflissen, ob er vorausgehen sollte. Die Ruhe des Herrn Maire sei Del auf die Wogen der Erregung, die nun einmal im Städtchen walte! Und es könnte im Augenblick nicht genug Del vergossen werden!
So kam der pensionierte Gerichtsschreiber allein in das Amtszimmer, nannte seinen Nomen, macht eine artige Verbeugung und setzte sich an den Schreibtisch.
Als sein Rücken sich über einen Konzeptbogen krümmen" konnte, als er die trockene Tinte von der Feder putzte, fühlte er sich glücklich- Er war zwischen Tinte und Akten grau geworden. Da ihm nun Geruch und Staub dieser Dinge in die Nase wehte, wurde er zwar nicht jung, aber fein Gemüt wurde leicht. Slüerbings nur beinahe, denn als Patriot vergaß er nicht, daß er dem Feinde diente, und das tat ihm weh.
Ader eigentlich ging er ja dem Maire zur Hand, und Herr ßabatut mußte wissen, was recht war.
„Wo ist das Schloß?" fragte Baernburg den Schreiber, denn er gedachte im Schloß Quartier zu nehmen.
Es gab keinen Flecken, kaum ein größeres Dorf in dieser Gegend ohne Schloß oder schlohähnliches Bauwerk. Es schien, als habe Gott in Frankreich mit reicher Hand ritterliche Wohnsitze ausgefät. Freilich Halle im Gang der Zeit mancher Bürgerliche den ursprünglichen adligen Grundsassen verdrängt, aber die Schlösser blieben als mehr oder weniges verträumte Herrenhäuser gebettet in große Parks und in den guten Schatten uralter Bäume, erhalten.
Adamaux erwiderte sanft, es gäbe kein Schloß in Mereville. Es sei schon in grauer Vorzeit zerstört worden. Die <5age#on einem Schloß war seit Uroäterzeiten im Schwange, aber vielleicht hatten mitleidig« Märchenerzähler sie gebildet, um den beschämenden Mangel zu entschuldigen, daß Mereville ohne Schloß oder wenigstens Schlößchen gleichsam nackend und jeder Romantik bar vor seinen gleich großen oder kleineren Geschwistern stand.
Genaues wußte - niemand. Neugierige blieben ganz auf die Phantasie der alten Weiber angewiesen.
Baernburg trat nun auf dem Place b’armes, betrachtete sinnend das Haus des Maire und stellte fest, daß es das angenehmste, vornehmste Haus am Platze war.
Es war kein Schloß, aber es hob sich aus feiner Umgebung heraus, wie es sich für einen ordentlichen Mittelpunkt geziemte.
Baernburgs Blick strichen die Fensterfront entlang. Dann stutzte er. Der Hauptmann hatte scharfe Augen. Er glaubte hinter einer Gardine ein weibliches Wesen gesehen zu haben.
Celestine wischte durch den Flur, sie stob bei seinem Nahen davon wie ein gescheutes Kaninchen. Er rief sie an. Ader da sie, wie er inzwischen herausbekommen hatte, taub war, mußte er schreien: „Ist der Maire verheiratet?"
„Nein", schrie sie.
„Ober hat er eine Tochter?"
Aber diese Frage empfand Hauptmann Baernburg sogleich im Zusammenhang mit der ersten als ein kühnes Versehen, darum verbesserte er:
„Ich meine, wer wohnt noch in diesem Hause?"
Mademoiselle Celestine besaß ein schlechtes Gehör, aber ein feines Gefühl für unausgesprocheene Dinge. Sie hatte wohl bemerkt, daß ßabatut die Fremde nicht mit den Deutschen zusammenbringen wollte. Darum stellte Celestine sich, als verstünde sie die Frage nicht.
^nrtfetzung folgt.)


