Ausgabe 
22.9.1939
 
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Hreitag, den 22. September

Jahrgang 1939

Nummer 75

MehenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Herz, wo liegst du im Quartier?

Ein heiterer Roman von Kurt Heynlcke

Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart

8. Fortsetzung.

Hälft du mich für toll?"

Mitunter, mitunter", kicherte Theophil und kniff sie In ihr Sitzfleisch, diß sie kreischend auffuhr.

Sie wollte ihn anschrein, daß man in einer solchen Stunde nicht faße, als sie aber fein grundzufriedenes Antlitz erblickte, blieb ihr der schimpf im Munde stecken.

Mel Ulanen?" fragte er.

Sie schüttelte den Kopf.

Die werden auch wieder verschwinden. Aber ich sehe ein, daß es ermöglich ist, mich jetzt zu meiner Truppe durchzuschlageni Das glaubst h doch auch?"

Sie nickte. , m

Ich habe die Pflicht, mich zu erhalten. Ich darf daher nicht in Ge- imgenschgft geraten, denn die Unfern werden bald wiederkommen!"

Er glaubte es nicht, aber er redete es sich ein. Germaine glaubte es nd nickte. .

Wo aber", sagte er,wäre ich sicherer als bei dir?

Sie stutzte einen Augenblick, aber als sie begriffen hatte, erkannte ft die Freuden, die ihrer harrten, wenn es gelang, den Geliebten vor t>n Augen der Welt zu verbergen.

Und mit einem Iubelruf sank sie an seine Brust.

In der Mairie gab Kelling Herrn Labatut jene Befehle, die bei der üesetzung einer Ortschaft notwendig waren und die Unterordnung der diirgerlichen Obrigkeit unter die Befatzüngstruppen regelten

Kelling bemerkte, der Herr Maire möge sich nicht verfuhren lassen, «ifonderliche Anstrengungen zu machen und einen Uebereifer zu zeigen, bti mehr verwirr« als ordne. Er wünsche einen ruhigen Gehorsam, n<f)t mehr und nicht weniger. Jede andere Haltung könne em Donner­wetter herbeizaubern, so gewaltig, daß es eine ewige Erinnerung sur ö-n Herrn Maire sein würde. ___

Labatut erwiderte, er wisse, daß er der Not gehorche, wenn er gchorche. Dieses Bewußtsein leite ihn und sei Bürgschaft genug.

Darnach eilte der Maire zu Ann. , .4C.

Er kam, getragen von den unsichtbaren Wellen des Triumphes. »Pas habe, ich Ihnen gesagt? Si« kommen nicht durch! Hatten Sie auf Äch gehört! Dieser Phantast Bregnoni Ich hoffe, daß er Sie nicht b'Ieidigt hat?"

Wer?" fragte sie.

Meser^°Ba"rbar" hatte sie umkehren heißen. Aber ihr schien dieses $ort lächerlich klein und dumm. Es war em Wort, das nur Nebel

Ueber dem jungen Neiteroffizier schwebte, so fühlt« sie gerecht, der ! Auch wc?s?m einer entsetzlichen Laune denn erst jetzt wurde ihr 'Itr. daß sie jemandem erlaubt hatte, ihren Eigensinn zu brechen . Nicht daß dies geschehen war, kränkte sie, sondern daß sich chr.Herz ^rvach und ihr Mund stumm, jedenfalls beinahe stumm verhalten .'Wenn er «in Barbar ist, so war er ein liebenswürdiger Barbar , ^D?erschra?Labatut, denn sein gallisches Herz empfand diese Bemer- bng als eine Sünde, doch erinnert er sich rechtzeitig daran, daß eme

*ÄÄS?d.. m ** -ÄWiK »ig ist", meinte er traurig, »vielleicht haben S.e Gelegenheit, die !-ebenswürdigkeit de; Offiziers für Ihre Reife ausiunutzei l

So verließ Labatut das Zimmer, das er ohne Aerger betreten ha ,

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--Äch bin kein junger Mann mehr, sagte der Mair p .

weiß es. Meine Angst um Sie mag darum unbeholfen scheinen, denn mir fehlt die Unbekümmertheit der Jugeiid, die ihren Gefühlen folgt, ohne an die Verpflichtung zu denken, die das Herz damit dem Charakter auferlegt."

Er hatte feine Rede vorher in Gedanken wie Mosaiksteinchen har­monisch gefügt.

Ann horchte bei dem feierlichen Ton aus und sah ihn groß und verwundert an, anstatt, wie er erwartet hatte, die Augen niederzu­schlagen. Das verwirrte ihn, es entstand eine unglückliche Pause.

Um sie zu beenden, ließ er den Faden, den er abzuwickeln begonnen halte, schneller lausen.

Aber solche Eile paßte wenig zu dem Sinn seiner Worte:Es ist das Schicksal, das Sie nach Mereville und damit zu mir geführt hat. Das Schicksal streckt einem oft die Hand hin, ich bin nicht so unklug, diese Hand zu übersehen. Wie unglücklich war ich, als Sie mit Bregnon davonfuhren, wie glücklich bin ich, daß Sie nun wieder an meinem Tisch sitzen. Das Schicksal läßt Sie nicht fort, es will Sie hier haben, und ich bin sicher, Mereville würde Ihnen gefallen. Ein Mair« ist auf seine Art ein König ein König ..."

Sie hatte ihn während der ganzen Rede allzu aufmerksam ange­sehen, denn als er bei dem Worte König angekommen war, hatte er nichts Königliches an sich. Er war verlegen geworden.

Sie schenkte ihm ein freundliches, dankbares Lächeln, das ihn zu jeder anderen Stunde froh gemacht hätte.

Aber in diesem Lächeln war zuviel Gewürz; es war mit einer Prise Spott, einem Schuß Rührung, einigen Löffeln Ironie und mit sehr viel Nachsicht versetzt. ,

Oh, er spürte es wohl! Er hatte feine Rede herrlich aufgebaut, und der Gipfel der Rede sollte das seurig-^rnste Bekenntnis seiner Liebe fein.

Doch sollte er diesen Gipfel heute nicht mehr erreichen. Kelling kam. Sein Eintritt wurde zu einer Huldigung für Ann. Er sah nur sie.

Der jungen Engländerin entging das Leuchten im Antlitz des Ulanen nicht, die reine Bewunderung und das Entzücken in' seinem Blick wärmten ihr Herz.

Das Herz verwunderte sich, denn es geschah zum erstenmal, daß ihm ein wenig bange wurde Der Ulan hatte kein Wort gesagt, und es zitterte doch.

Doch bald suchten Kellings Augen, als fürchteten sie, allzu deutlich bewundert zu haben, ein neues Ziel.

Ah, ein Flügel!" sagte er mit einem Ausdruck, als sei es der erste Flügel, den er in seinem Leben sah. Labatuts Frau hatte das Instru­ment oft gemartert, Zeit unil> Staub hatten das ihre getan, es zu verstimmen.

Kelling steuert« hin und hob den Deckel.Spielen Sie?" fragte er Ann.

Labatut hatte sich während der ganzen Zeit ausgelöscht gefühlt. Aber jetzt versteinerte sein Antlitz in stummer Mahnung. Ann war ein Gast Frankreichs und durfte auch dem liebenswürdigsten Feinde keine Freundlichkeiten erweisen.

Nein", sagte sie,ich spiele nicht!"

Kelling kniff ein Auge ein und ließ den heitersten Zweifel sehen: Oh, Sie könnten wohl, aber sie wollen nicht", sagte das eingekniffene Auge.

Dann setzt« er sich selbst an den Flügel und begann zu phantasieren.

Es verschlug Labatut fast den Atem, daß einer der gefürchteten Ulanen ein Musikinstrument beherrschte. Denn man hatte ein ganz anderes Geschrei von diesen Reitern gemacht. Aber der Maire ließ sich nicht täuschen die Wölfe zeigten einen Schafspelz, um die Lämmer desto gewisser zu zerreißen.

Es ärgerte ihn, daß dieser Offizier von den Gegenständen des Hauses, also auch von dem Flügel, auf eine Weise Besitz ergriff, als gehöre alles ihm und als fei er feit Jahren mit den Dingen vertraut.

Kelling schloß feine Phantasie ab. Ann hatte versonnen zugehört. Selbst die verstimmten Töne waren wie Vögel, die der Sommer zusammengeführt hat, ein Streit zärtlicher und wilder Akkorde wurde Melodie.

Nun", fragte der Ulan,spielen Sie noch immer nicht?" und lud sie mit einer großen Geste an den Flügel.

Und mehr aus dem unbewußten Dämmern, in das sie geführt war, als aus der wachen Wirklichkeit sagte sie:Vielleicht?"

Doch!" bat er.

Spumantes Lied kam ihr in den Sinn. Aber das verwarf sie. Sie begann zu dem etwas hölzernen, scheppernden Klang der Saiten:

Meine Liebe ist wie eine kleine weiße Wolke.

Alle Wolken liebt der Wind so sehr

Und die Wolken reifen mit dem Winde-

Mit den Wolken reist die Liebe übers Meer!"

Sie fang nicht. Aber sie legte die Worte mit einer behutsamen Sprech- ftimme über die Töne.