9fm Dtrme.
Von Annette von Liroste-Hülshoff.
Ich steh auf hohem Balkons am Turm, Umstrichen vom schreienden Stare, Und laß gleich einer Mänade den Sturm Mir wühlen im flatternden Haare; O wilder Geselle, o toller Fant, Ich möchte dich kräftig umschlingen Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand Auf Tod und Leben dann ringen!
Und drunten seh ich am Strand, so frisch Wie spielende Doggen, die Wellen
Sich tummeln rings mit Gekläff und Gezisch Und glänzende Flocken schnellen, O, springen macht ich hinein alsbald, Recht in die tobende Meute, Und jagen durch den korallenen Wald Das Walroß, die lustige Beute!
Und drüben seh ich ein Wimpel wehn So keck wie eine Standarte, Seh auf und nieder den Kiel sich drehn Von meiner luftigen Warte;
O, sitzen möchte ich im kämpfenden Schiff, Das Steuerruder' ergreifen Und zitternd über das brandende Riff Wie eine Seemöve streifen!
Wär' ich ein Jäger auf freier Flur, Ein Stück nur von einem Soldaten, Wär' ich ein Mann doch mindestens nur. So würde der Himmel mir raten: Nun muh ich sitzen, so fein und klar, Gleich einem artigen Kinde, Und darf nur heimlich lösen mein Haar Und lassen es flattern im Windel
Von der guten, gerechten Sprache.
Von BrunoBrehm.
Der Dichter Bruno Brehm wurde mit dem Nationalen Buchpreis des Jahres 1939 ausgezeichnet.
Wenn ich als Kind krank war (und ich war so viel krank, daß ich meine heutige Gesundheit ehrlich verdient habe), gab mir mein Vater drei Bände ins Bett, die er mir sonst vorenthielt, da er aus mir lieber einen Naturwissenschaftler als einen Soldaten gemacht hätte. Es war dies die „Illustrierte Geschichte der k. k. Armee. Dargestellt in gemeiner und spezieller culturhistorischer Bedeutung von der Begründung und Entwicklung an bis heute".
Ein unverständlicher Titel und drei gewichtige Bände, von denen der dritte wohl etwas schmäler war, dafür aber in farbigen Tafeln die Geschichte der Uniformen sowie der Orden und Ehrenzeichen enthielt.
Von ihrem Anfang an hatte ich wohl diese drei Bände nie gelesen, aber immer wieder bald hier ein Stück und bald dort eines, wie die Texte gerade zu den vielen Bildern paßten.
Viel Kopfzerbrechen verursachten mir solche Stellen: „Die Oberen und Commandanten der Regimenter sind gemeintich an derlei exzehe, sactionen und unzuläßliche conduite ihrer Subalternen Schuld, die ge- memlich daher rühren, wenn sie nicht mit der Jntegritet, wie sie sein sollen, und unsere Pflicht mit sich bringt, gouverniren."
Jin Bett hatte ich genug Zeit, um darüber nachzudenken, was das wohl heißen möge, und warum man also gesprochen und geschrieben habe. Der Reihe nach suchte ich aus den angeführten Briefen, Dienstvorschriften und Gefechtsanordnungen ähnliche Stellen heraus, deren Fremdheit mich gleichermaßen anzog und abstieß. Fragen wollte ich nicht, warum war damals so geschrieben und gesprochen worden; ich hätte vielleicht auch die Erklärung gar nicht verstanden.
Neben diesen nebelhaften Anführungen aus alten Büchern, Befehlen und Briefen fand ich aber auch Stellen von einer Deutlichkeit, die mein Herz erfreute, so z. B. die Tischregeln, die Erzherzog Wilhelm im Jahr« 1640 zu Wien erlassen hatte, von denen die letzten lauteten: „4. Item mit der Hand nicht in die Vorlegeschüssel langen oder die abgekiefelten Seiner zurück oder hinter den Tisch werfen. 5. Item nicht an den Fingern mit der Zunge schlecken, auf die Teller speien oder in das Tischtuch schneuzen. 6. Item zu letzterem nicht zu viechisch humpieren, daß man vom Stuhle füllt oder nicht mehr gerade gehen kann."
Das war eine saftige Sprache, die ließ'sich verstehen, die nannte alles beim rechten Namen.
Aber was ich in diesen drei Bänden, die wohl weitab von aller Literatur lagen, gelernt habe, das habe ich dann für immer behalten.
Ich habe späterhin alle Bücher so gelesen, wie diese drei Bände, ich habe in allen immer wieder den Grimmelshausen oder die Tischordnung mit ihren saftigen Ausdrücken gesucht oder die klaren Worte des Exerzierreglements Erzherzog Karls, die ihre. Krönung in dem einzigartig schönen Eid der Armee gefunden haben.
Denn es müssen ja nicht nur Fremdwörter sein, die so falsch an das Gewand der Sprache angenäht sind, daß sie mit ihrem Gebimmel deren schlichten und derben Laut übertönen. Es können ja auch Wörter der eigenen Sprache sein, die man so bombastisch aufbläst, daß st» nur auf dem Papier, nimmer aber in eines Menschen Mund möglich sind. Das
sind dann so recht die grellgefärbten Papierblüten im lebenden Blumenstrauß, an deren Heftdraht man sich die arglose Nase blutig sticht. Wahrhaftig, da waren mir noch alle Fremdwörter lieber als jenes Zeug, das von keiner Gefühlsjauche jemals zum wirklichen Blühen kominen kann.
Rätselhaft ist es mir immer geblieben, woher man sich den Wortfusel holte, und wer diesen Menschen den Mut gibt, solche Sätze zu brauen. Vom Himmel und aus der Vorzeit werden die Vergleiche geholt, es wird georgelt und gegeigt, getrommelt und gepaukt.
Da gibt es „cherubschlanke Fenster, durch die das von hauchzartem Opfergewölk verhängte Gralslicht aus mystischen Abgründen herüberdämmert," da „werfen blondgelockte Burschen trotzig das Haupt in den Nacken", da zündet ein Beleuchtungsmeister Abend- und Morgenröten an, je nachdem sie gerade gebraucht werden, und da vergißt man, daß es einen großen Beleuchtungsmeister gegeben hat, vor dem sich diese Effektbrüder alle verstecken können, nämlich Jean Paul, der. wohl auch eine trunkene, nimmer aber eine besoffen« Sprache geschrieben hat.
Freilich, der Roman als Kunstart ist es, der dergleichen Unarten gezüchtet hat. Er hat so viele Sätze, daß er hin und wieder auf vielbefahrenen Gleisen daherbrausen muh, und das sollte man ihm, dem zweifelhaftesten Sohn der Kunst, nicht allzuübel nehmen. Aber wenn nun einer zwischen jedem Schienenstück ein süßes Wortblümchen ein« pflanzt und so glaubt, das Ganze aufputzen zu können, muß man an sich halten, um nicht tobsüchtig zu werden.
Solche Satzgeleise nützen sich bald ab und müssen wieder erneuert werden. Am deutlichsten kann man das im Kino sehen, da ja der Film getreulich alle Unarten des Romans übernommen hat. Einmal erfindet ein geschickter Regisseur eine wirkungsvolle Bilderfolge: den heranbrau- senden Schnellzug oder die im Auto fitzenden und von der Bewegung geschüttelten Personen. Das erste Mal ist es verblüffend, das zweite Mal nimmt man es wie eine geschickte Ueberleitung, das dritte Mal ist es zu einer Phrase geworden, zu einem notwendigen ober überflüssigen Gelenkstück, das einen gänzlich gleichgültig läßt. Und so ist es auch mit allen Redensarten im Roman selbst, die einmal neu waren und dann durch noch so viel Reiben nicht mehr auf Glanz zu bringen sind. Aber alle diese Kunststücke tun der echten und guten Sprache keinen Abbruch: sie lebt und rauscht linier' den Büchern weiter, und derjenige, der sie hört, der mit ihr sparsam und behutsam umgeht, kann sie immer wieder zum Blühen bringen.
Denn da erscheinen mir auch heute noch jene Sätze des Sprachgemisches, das Friedrich der Große schrieb: „mit meljr vivacite ju agieren" ober „aber in allen Fal ist mein Ernstlicher Befehl bis am letzten daran, zu Wagen umb Berlin zu Maintenihren" groß und heftig, besser jedenfalls als jene rein deutschen Sätze, deren bllnngeschnittenes Brot mit der Kunstbutter deutscher Kraftworte fingerdick Überkleistert ist. Und aus jenen deutschen Sätzen und Redewendungen, die in den französischen Briefen der Kaiserin Maria Theresia eingestreut sind, weht uns mehr an vom Atem der Sprache als in jenen Tausenden von Seiten zu spüren ist, die wohl kein Fremdwort entstellt, in denen aber nichtsnutzige Dummheit alle Ausdrllck zu einem Mansch von Großartigkeit und Plattheit zusammengepanscht hat.
Als einmal ein Pastor mit einem alten schwedischen Bauern über die christliche Religion sprach, da sah der alte Mann sänge still und sagte dann schließlich: wie dies alles sei, wisse er nicht, er habe sein ganzes Leben immer nur zu dem gerechten, alten Gott gebetet.
Sv wie diesem Bauer geht es mir auch mit der Sprache; ich habe stets nur an die gute, gerechte Sprache geglaubt, die sich nicht verschütten und verunstalten läßt. Die all das Fremde, das man ihr ange- hängt hat, wieder ausstöht, mit Fieber zwar und Schüttelfrost des Sturms und Dranges, aber die doch wieder Herr im eigenen Hause wird, wie sehr man sie auch entstellt und entmachtet haben mochte. Nun, sie wird auch diesmal wieder mit den Säuslern ebenso fertig werden wie mit den Prahlern, denn sie setzt den Unrat, der in sie gerät, nicht anders ab als ein Fluh, der mit den Abflüssen aus den Kanälen fertig wird.
Denn immer wird das größte und einfachste Wunder in der Sprache das fein, daß jemand ein einfaches Wort an den richtigen Platz jetzt. Ob dies nun ein großer Dichter tut ober ein kleines Kind, das ist dasselbe. Im böhmischen Erzgebirge saß einmal ein kleines, dickes Kind auf einem Handschlitten. Jemand, der varbeikam und sich wunderte, daß dieses Kind ja still sitze, fragte, was es denn da mache. „Anlehnen", gab bas Kind zur Antwort.
Eigentlich wäre darüber nun weiter gar nichts zu jagen, denn darin ist alles enthalten: Die Freude am Besitz eines Schlittens, das Wohlgefühl, allein zu [ein und sich gegen die Lehne zu stemmen und wie ein König zu thronen; und ich hätte auch kein Wort mehr hinzugefügt, wenn ich nicht wüßte, daß viele Menschen den Sinn dieser schönen Antwort erst über den Umweg des Nachdenkens erfassen können. Denn die wunderbaren, Kraftbrühen zusammengekochter Sätze haben den Sinn für bas Einfache verdorben, daß es nur wenige mehr hören und sühleck können.
Wie sehr aber das Einfache das Rätselhafte und das Klare das Geheimnisvolle ist, kam mir einst zum Bewußtsein, als ein schwedischer Freund mich bat, ihm bei der Uebersetzung von vier Zeilen Hölderlin zu helfen. Wir saßen einen Nachmittag lang und versuchten es immer wieder, von einer verwandten Sprache in die andere das Gedicht allmählich hinüberzuschieben, ohne daß die Worte ihr Gewicht und ihren Sinn verloren hätten. Wir mühten uns umsonst. Und es war ein ganz einfaches Gedicht, nämlich eines der schönsten, die je geträumt worden sind:
Das Angenehme dieser Welt hab ich genossen, Die Jugendstunden find wie lang! wie lang! vekslossen April und Mai und Junius sind ferne, Ich bin nichts mehr; ich lebe nicht mehr gerne.
Der«intwvrtltch: Dr. Hans Thhriok. — ®turt und Derlag: Brühlsche Ilniversttäksdruckerei R. Lange, Gießen.


