Ausgabe 
22.5.1939
 
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Auf den Tod eines kleinen Kindes.

Von Hermann Hesse.

Jetzt bist du schon gegangen, Kind, Und hast vom Leben nichts erfahren, Indes in unfern welken Jahren Wir Alten noch gefangen find.

Ein Atemzug, ein Augenspiel, Der Erde Lpft und Licht zu schmecken, War dir genug und schon zu viel;

Du schliefest ein, nicht mehr zu wecken.

Vielleicht in diesem Hauch und Blick Sind alle Spiele, alle Mienen Des ganzen Lebens dir erschienen, Erschrocken zogst du dich zurück.

Vielleicht wenn unsre Augen, Kind, Einmal erlöschen, wird uns scheinen. Sie hätten von der Erde, Kind, Nicht mehr gesehen, als die deinen.

Knabenerlebnis.

Von Hermann Hesse.

Der Schlosser Mohr, Hermann Mohrs Vater, den wir Mohrle nann- iti. wohnte am Eingang der Badgasse in einem alten, merkwürdigen und Mas finstern Haus, zu dem ein steiler, gepflasterter Ausstieg und dann Mh einige Stufen aus rotem Sandstein hinansührten. Neben dem Tor tn Schlosserwerkstatt, die ich nie betteten hab«, führte dicht hinter der hmstür eine steile, enge Treppe zur Wohnung hinaus, und auch diese lseustür, die e steile Treppe und diese Wohnung habe ich nur em einziges Mil betreten; es ist lange her, und seit Jahrzehnten ist die Familie Nhr aus meiner Vaterstadt weggezogen und verschwunden, und auch it selber bin seit Jahrzehnten fort und fremd geworden, und die dortigen Mge Bilder und Ereignisse gehören der fernen Vorwelt der Jugend nii» der Erinnerung an. In Jahrzehnten habe ich Tal und Stadt nur »lige Male für wenige Stunden wiedergesehen, aber nie mehr ist eine *re Stadt in den Landern, in denen ich seither gewohnt habe und «leist bin, mir so bekannt geworden; noch immer ist die Vaterstadt für ui) Vorbild, Urbild der Stadt, und die Gassen, Häuser, Menschen und Schichten dort Vorbild und Urbild aller Menschenheimaten und Men­st ngeschicke. Lerne ich in der Fremde Neues kennen, eine Gasse, ein Tor, men Garten, einen alten Mann, eine Familie, so wird das Neue mir ir in dem Augenblick wirklich und voll lebendig, wo irgend etwas an ihn mich, fei es noch so leise und hauchdünn, an das Dorf und Damals

Winnert.

Die Familie Mohr war mir nicht eigentlich bekannt. Was ich kannte, kl war ihr Haus, vielmehr das Aeußere ihres Hauses mit dem steilen lifstieg, dessen Pflastersteine wenig Sonne sahen und immer etwas hd)t und finster waren. Da war die offenstthende Werkstatt, manchmal M man hinten durch ihre Schwärze ein kleines Schmiedefeuer sprühen hörte den schönen, vollen Ton des Ambosses, und außen am Haus tciben Bündel von dünnen Eisenstangen schräg angelehnt, so wie beim Eignet die geschälten Eschenstämme standen, und es roch hier winklig und tr# ng, etwas nach Feuchte und Stein, etwas nach Ruh und Eisen und tvas nach Haarwasser und Pomade, von dem kleinen Friseurladen her, ki etwas tiefer daneben lag und wo ich alle Halbjahr das Haar geschoren klom.

V Weiter kannte ich von den Mohrs die t>rei Söhne. Sie galten alle ftir scheit und aufgeweckt, einer war schon in einer Lehre oder Jtuoierte, Der »eite, ein Jahr älter als ich, ging gleich mir in die Lateinschule, uns ki dritte, Hermann, der Mohrle, gehörte, noch ehe ich ihn kannte, für nich mit zum Anblick des Hauses, denn selten kam ich dort vomiber, ohne il)r fitzen und irgendwelche Kunstwerke verferttgen zu sehen. Er sah ent- kber hoch über der finsteren Gasfe, auf der Mauerbrüstung neben feiner faustür, oder auch ein Stockwerk höher am Fenster, ein kleiner, sehr Mer, zart und kränklich aussehender Knabe, mehrere Jahre junger als «h Und dieser Mohrle galt für noch begabter und merkwürdiger als sein« Av-ßen Brüder. Er schien immer zu Hause zu sitzen und'immer auetn » sein und war jederzeit mit zarten, sinnreichen Handarbeiten beschäftig. Wentiid) tat er sich als Zeichner hervor, er galt für em Wunderkind, pb man sprach in der Nachbarschaft mit Respekt von Hm, obwohl er Mich in einer der ersten Schulklassen war. In der Schule wußte man da- Mls nichts vom Zeichnen; er hatte sich ohne Lehrer und Vorbild auf kise Kunst geworfen, und was ich davon zu sehen bekam, weckte jedes- y meine Bewunderung und auch meinen Neid. Manchmal brachte sein wilder eine Zeichnung von ihm mit in die Schule und zeigte sie herum, Ifib alle bewunderten sie. Und wenn ich ihn auf der Gassenmauer oder tarn Eckfenster sitzen und zeichnen sah, dann hatte ich nicht das JU- MMen, hinaufzugehen, mich hinter ihn zu stellen und ihm zuzusehen, wie 4 es allzu gern gemacht hätte, sondern es schien mir richtig und gebo- h.>, die einsame Arbeitsamkeit des Wunderkindes zu achten und seine |ötalle nicht durch Neugierde zu stören. Wäre er nicht gar so klein gew-

Io hätte ich versucht, ihn zu meinem Freunde zu machen. Aber er P-r vier, fünf Jahre jünger als ich, und mochte er auch ein Genie fein,

»erbot es mir doch meine Schülerehre, mich naher mit. einem 1 tarnen einzulassen. Dennoch liebte ich ihn und blickte gern hinüber, wenn

er so schmächtig und gebückt vor seinem Hause saß und an einer Zeich­nung strichelte ober eine seiner vielen erfinderischen Arbeiten aus den Knien liegen hatte, etwa das Speichenrad einer kleinen Hammermühle, den Rumpf eines Segelschisses aus Tannenrinde oder die Hülse einer Schlüsselbüchse. Während wir andern in Hausen durch die Gassen spran­gen, spielten, Lärm machten und viele Streiche verübten, führte der bleiche, kleine Wundermann abseits mit Griffel, Bleistift, Hammer oder Schnitzmesser sein besonderes und abgetrenntes Leben, zufrieden, fleißig und nachdenklich wie ein Alter.

Vielleicht war der kleine Knabe sehr frühreif und war in seiner Seele schon der Leiden und tiefen Wonnen fähig, welche in jungen Jahren dem Künstler seine noch unerprobten Kräfte bescheren, und vielleicht glaubte er an eine glänzend« Zukunft, den trotz seiner Kränklichkeit und Einsam­keit schien er uns und unsre Spiele weder zu beneiden noch zu entbehren, er war zufrieden. Etwas später, als in mir die erste Leidenschaft für die Studien und für die Dichtkunst wach wurde, dachte ich manchmal an ihn und wäre jetzt vielleicht wirklich sein Freund geworden, aber da war er schon nicht mehr da.

Bald nämlich umgab sich der Mohrle mit einem noch tiefem Ge­heimnis und entrückte sich unferm Umgang und Verständnis noch völliger. Er sollte nicht die Kämpfe und Enttäuschungen erleben, die auf seines­gleichen warten; er sollte auch nicht an jenen Scheideweg kommen, vor den jeder Künstler einmal gestellt wird, wo es zu wählen gilt zwischen Vorteil und Kunst, zwischen Bequemlichkeit und Kunst, zwischen Treu« und Verrat, und wo die meisten untreu werden. Das blieb ihm alles erspart.

Eines Tages fehlt« der Mohrle in der Schule, andern Tag fehlte auch sein Bruder, und am nächsten Tag hörte ich, daß er gestorben sei. Die Nachricht bewegte mich wunderlich.

Und dann traf ich auf der Gasse seinen Bruder und war sehr in Ver­legenheit, was ich zu ihm sagen solle. Er war nur ein Jahr älter als ich, aber viel reifer und fertiger, ein geschickter und etwas flotter Knabe, und mir zwar nicht anKinderstube", aber an Auftreten und Anpassung weit überlegen.

Dein Bruder ist ja gestorben", sagte ich zögernd.Ist es denn wahr?"

Er erzählte mir, was für eine Krankheit er gehabt hab« und wie und warum er gestorben fei; es waren Ausdrücke, die ich alle nicht verstand.

Und zuletzt sagte er etwas, was mich bis ins Herz hinein erschreckte und beängstigte. Er sagte:Willst du hinauskommen und ihn sehen.

Er sagte es in einem Ton, aus dem ich erfuhr, daß er mir damit eine Artigkeit und Ehre erweisen wolle. Ach, aber ich wäre am liebsten auf» und davongelaufen, ich hatte noch niemals einen Toten gesehen und begehrte auch nicht danach. Mer vor dem Blick des alteren Knaben schämte ich mich, ängstlich ober wehleidig zu scheinen, ich durfte und wollte nicht nein fagen; es hätte ihn vielleicht auch beleidigt, und fo gmg ich schweigend mit. Ich folgte ihm wie ein JBerurteWer über d,e Gasse, und am Brunnen und am grifeurlaben vorbei, die !chkupfrigen Pflaster­stein« hinan, ins Haus und die steile Treppe empor. Das Herz stand mir still vor Angst und zugleich spürte ich eine grausige Neugierde; es Drang lauter Neues, Feindliches, Wildes auf mich ein, aus den kühlen Worten Des Bruders, aus dem Knarren der Treppendielen und am meisten aus dein Geruch, von dem ich nicht wußte, ob er immer in diesem Haus sei, ober ob er von einer Arznei herkomme, ober ob es der Geruch des Todes sei. Es war kein heftiger Geruch, er war herb, essigartig und zog die Kehle etwas zusammen, es schien mir ein fataler, ein böser, liebloser, vernichtender Geruch zu sein; ich roch alles darin voraus, was ich über Den Tod und das Sterben noch nicht wußte. Ich ging immer langsamer. Die letzten Stufen der Treppe machten mir große Muhe.

Jetzt öffnete Wohrles Bruder leise ein« Stubentür, und hinter ihm, von der bösen Macht gezogen, trat ich in die Kammer, wo der kleine Tote «ufgebatjrt lag. Da blieben wir stehen, und der Bruder hatte aus einmal Tränen in den Augen, wollte es verbergen, gab es dann aber auf, und bald lächelte er wieder ein wenig Ich ftonb und starrte auf das tote Kind, noch nie hatte ich so etwas gesehen. Das Körperchen sah un­scheinbar aus, so dürftig und flach, und vom Gesicht war die untere ftalfte ebenfalls traurig, kümmerlich anzusehen; uralt und zugleich doch kinberhast. Ader auf Nase und Stirn und Augenlidern lag etwas Schones und Würdiges, über dem weißen, faden Wachs der starren Haut schim­merte es magisch beseelt. Die feinen, alabasternen Schlafen, bläulich unter- laufen, und. die Stirnwölbung hatten ein wunderliches Licht, das ich an- starrte, ohne zu wißen, ob es mich anziehe ober abstoße.

«u Ebren des Toten waren nebenan auf einem Tisch einige Zeich- nunaen von ihm aufgelegt. Ehe ich sie betrachttte, blickte ich nod) einmal scheu auf di? weißen, kleinen Knochenhändchen, die diese Stricks noch vor einigen Tagen gezogen hatten. Ich brachte es nicht fertig, die Blatter anzufasstn so wenig, wie ich den Toten selbst hätte berühren können Das Ganze, was ich da erlebte, war ein schreckliches Gemisch von Gröhe und Widrigkeit, von Anklang an Gott und Ewigkeit und elendem Los Der Kreatur' es schmeckte bitter und giftig, man konnte es nicht lange ertragen. Die Zeichnungen lenkten ab, ich blieb eine Wette vor ihnen stehen. Es war eine geharnischte Germania auf einem der Matter ge­zeichnet, auf einem andern eine romantische Schloßrumc im Wald, ober ich hatte jetzt wenig Aufmerksamkeit für sie, sie waren wertlos gewor- Den, man würde sie aufbewahren und zeigen und dann vergessen.

fiel nadi kaufe, sobald ich wich hatte losmachen können, es war Menb idi ging in ben ©arten, ich roch an den Kapuzinern und Levkojen, um den Todesgeruch los zuwerden, und hatte, bis es nach Tagen per» tlunaen war ein Gefühl, als wenn etwas Kleines, ein Zahn ober Knoch- lein$in meinem Leib mord) geworben und ins Brodeln geraten wäre. Plötzlich aber gelang es mir, das ganze Erlebnis für eine lange Zeit vollkommen zu oergeffen.