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Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Nummer 39
Montag, den 22. Mai
In der Miene des Kanzlers war die vorwurfsvolle Frage zu lesen, ob «hm Herr Heinrich durch eine plötzliche Laune lang erwogene Pläne
dk zurückgebogenen Schnabl 'Bogner', scherzte er und
err', fuhr der Kanzler mit ernsthaftem Spotte fort, plötzlichen Wandlungen gehört hast, die mit einem
■ Papst in
!uzen werde.
König ergriff seinen Becher und leerte ihn fröhlich. .Ich will ' Primas setzen, darob sie sich wundern werden, _______ .... ______-mer und unbefleckter Sitte, einen spitzfindigen iophen und dazu einen mir ergebenen Mann und geborenen Gegner
«ii au!
fiten Fugen: du unter der Mitra, und oem wenigen -uaier macieit me iirige auf dem Kopfe! Schach und Schachmatt!'
Ich weiß nicht, Herr', fuhr der Kanzler mit ernsthaftem Spotte fort, ii> du je von jenen plötzlichen Wandlungen gehört hast, die mit einem »nschen vorgehen können, der sein Kleid wechselt und ein geistliches ievand anzieht! Es ist kein Geringes, den Hirtenstab zu ergreifen, den jetzt in der Glorie Stehende in den Händen getragen haben: der Wie Lanfranc, der die Frucht der Aehre und des Weinstockes als den «i* und das Blut Gottes erkannte, und der heilige Anselm, der den " rgründlichen ergründete. Wenn ich nun durch ein Wunder zu einem kuren Bischof würde? Das käme dir unerwartet und ungelegen!'
Thomas, zügle deine Zunge!' drohte ihm der König mit dem Finger, leide keinen keiliae Dinae! 9ßobl ist es schon lange, bi
Ws päpstlichen Wesens.'
kjerr Thomas aber erwiderte mit einem ungläubigen Lächeln: .Ich Ci- meine Blicke, o Herr, durch deinen Klerus wandern, aber sie suchen ;6ein en Erwählten vergebens.'
Du errätst nicht?' drängte der König, ,ich will dir zu Hilfe kommen! St sage dir, wahrlich keiner wird auf dem Stuhle des Primas fitzen
hkrei
der König ergriff feil ncn Pfaffen einen Pi n Mann von vornehi
dieses Reich lange Jahre regiert, mit welchen Mit- ------- Bestechung, Worlbruch ... und mit schlimmem, die nicht ausiprechen mag. So werden die Reiche der Welt verwaltet, ich bin es müde. Was ist mir dieses Engelland? Ich bin kein Nor- l'ne nicht einmal ein Sachse! Fremdes Blut fließt in meinen Adern, lad die Schätze, mit welchen du mich. Großmütiger, überhäufst — für jammle ich sie? — Für den Rost und die Motten!'
wer sah ich gleich, daß Herr Thomas an den Tod von Gnade dachte, 1 auch der König war davon gerührt. Eine Träne rollte auf seiner °nge, denn Herr Heinrich hatte ein weiches Herz.
wmt lacrimae rerum', murmelte der Kanzler vor sich hin.
«an wem ist dieser Bers, Armbruster? Du warst ja ein Kleriker!
tli du!'
Der Kanzler blieb ruhig, aber in allmählichem Erblassen wich jede garbe aus seinem Antlitz. Er lehnte sich in seinen Sessel zurück. Dann wendete er, den Anblick des Königs vermeidend, seine dunkeln Augen sn-värts zu mir. Mit zwei Fingern seiner lässig herabhangenden Rechten ho! er eine Falte seines Purpurgewandes langsam in die Höhe, so daß dk zurückgebogenen Schnäbel seiner köstlichen Schuhe sichtbar wurden.
Bogner', scherzte er und streifte mit einem verächtlichen Blicke seine Di' Edelsteinen schimmernde Kleidung, .beschaue dir einmal den heiligen Stan! ... Diesen Täufer Hans, der die weichen Kleider verschmäht, die tun an den Höfen der Könige trägt — betrachte dir diesen guten Hirten, di das verirrte Lamm aus den Schultern heimholt und sein Leben läßt sii die Herde.' . . ,
Der König stieß ein grelles Gelächter aus — mir aber ward übel Itei zumute.
■ Inzwischen hatte sich der Kanzler mit kaltem Angesichte gegen den Söiiig gewendet. .Hoheit', sagte er, .diese Wahl ist nicht dein Ernst. Sie i'l ine unmögliche in den Augen deiner Bischöfe, deiner Normannen und »er Sachsen. — Soll der englische Klerus, als feinem Pater, einem ckchmeidigen Höfling gehorchen, weil dieser einmal in seiner Jugend M Zufall oder um eines Vorteils willen die erste Weihe empfangen bi — soll ein Sachse die Seelen deiner Normannen oder ein Abtrünniger - wie sie ihn nennen — die Seelen deiner Sachsen weiden? Herr, dein lmzler widerrät dir diese schlechte Wahl.'
Sie ist die vortrefflichste', behauptete Herr Heinrich hartnäckig. — ’ if dem Stuhl von Canterbury, und der Thron St. Petri kracht in Fugen: du unter der Mitra, und dem Heiligen Vater wackelt die
Zchkgang (939
So begab sich der Kanzler mit unbeschränkter königlicher Vollmacht im Gehorsame seines Herrn nach Engelland zurück, und dort formte und bildete er mit seinen geschickten Fingern die Bischöfe, die den Primas zu wählen hatten, wie geschmeidigen Ton, bis sie aus seiner Meisterhand als seine Geschöpfe hervorgingen und ihre Stimmen zu seinen Gunsten vereinigten. Alles verlief aufs beste. Herr Thomas wurde ernannt, und der normännische Bischof von Wineester legte ihm mit bittersüßer Miene und großer Feierlichkeit seinen brüderlichen Segen aufs Haupt.
Da gelangte eines Tages eine unglaubliche Mär in die Normandie. Meinem Herrn und Könige wurde berichtet, sein Kanzler habe alle Pracht des weltlichen Lebens mit einem Male und gänzlich von sich getan. Zu dem üblichen Gastmahle feiner Bischofsweihe habe er gegen alle Art und Sitte nicht feine Brüder, die Bischöfe, und übrige vornehme Pfaffheit nebst der Blüte des normännischen Adels geladen, sondern er habe Armut und Schwären, die Bettler und Krüppel von den Landstraßen und Zäunen holen lassen, um feine weiten Säle und feine bischöfliche Tafel würdig zu füllen.
Der König hielt dieses staunenswerte Ereignis für erfunden oder wenigstens von den Neidern und Feinden seines Lieblings ins große getrieben. Er machte sich über feine normännifchen Hofleute luftig, die solches neue und unerhörte Ding verdroß. .Herren', schäkerte er mit ihnen, ,das müßt ihr meinem Kanzler schon lassen, über Miene und schickliche Tracht jeden Standes weiß er Bescheid. In allem zeigt er Geschmack! Euch hat er in der Vollendung des Höflings vorgeleuchtet und euch alle an feinem ritterlichen Anstand übertroffen. Jetzt gibt er feinen neuen Standesgenossen, den Bischöfen, das hohe Beispiel der echten apostolischen Lebensart. Ein seltener, oh, ein einziger Mann!' —
Als neue Kunden die erste bestätigten, hinzufügend, der Primas habe sein kostbares Bischofsgewand gleich nach der feierlichen Handlung der Weihe wieder abgelegt und wandle mit magerem, verfastetem Angesicht in einer groben Kutte durch die Straßen von Canterbury, seine Gäste, die sächsischen Bettler, wo er gehe und stehe, hinter sich herziehend, da wurde Herr Heinrich unsicher, und die scherzhaften Anwandlungen vergingen ihm; doch bald hatte er erraten, daß der unvergleichlich Kluge die Maske eines heiligen Mannes nur vorgenommen, um gegen den ~ “ :.i den bevorstehenden Unterhandlungen über die geistliche Gerichtsbarkeit in Engelland eine Macht zu gewinnen.
Immerhin beschloß er, selbst zu der Sache zu sehen, und beschleunigte seine Ueberfahrt nach Engelland
wandte er sich von neuem gegen mich, als wollte er die Maske des Gleichmutes, die einen Augenblick gefallen war, wieder vornehmen.
.Von dem römischen Poeten Virgilius', antwortete ich ohne Anstand, .und er bedeutet, daß man die menschlichen Dinge nicht zu stark pressen soll; denn sie sind innerhalb voller Tränen.' Also wollte ich meinem Herrn und Könige zu Hilfe kommen.
.Nimm mir ab das alte Joch', bat der Kanzler, .statt mir ein neues aufzubürden, das mich zum Doppelsinnigen und Zweideutigen macht.'
Einen andern Kanzler suchen? Unmöglich. Herr Thomas war unentbehrlich, und das konnte nicht fein Ernst fein. So sagte sich Herr Heinrich, wie ich es mir denken muß, denn er brach plötzlich in die Worte aus: ,Du bist ehrgeizig, ehrgeizig, ehrgeizig! — Du machst dich kostbar, du Uebertluger, weil du dich unersetzlich weißt. Sieh, Thomas, das gefällt mir nicht. Ein fröhlicher Geber, ein fröhlicher Nehmer!'
.Dein Kanzler muß ich bleiben, denn ich glaube, unsere Sterne und unsere Geburtsstunden stehen zueinander in Beziehung', erwiderte Herr Thomas; .aber zwinge mich nicht, dein Primas zu werden!'
.Greif zu, greif zu!' schrie Herr Heinrich, durch diesen Beginn von Nachgiebigkeit angefeuert.
.Halt ein, o König!' rief zu gleicher Zeit der Kanzler — mit einem Blicke, ehrwürdiger Herr, den ich nie vergesse, mit dem Blicke eines Sterbenden. Er fuhr mit der Hand an die Stirn, als brenne ihn dort eine Wunde, und feine Stimme sank zum Geflüster herab: .Wohin werde ich geführt? In welche Zweifel? In welchen Dienst und Gehorsam? In welchen Tod?'
Dann erhob er sich wieder fast drohend zur Frage: .Bist du meiner gewiß, o König?'
.Gewisser als meiner selbst', versicherte Herr Heinrich, der kein feines Ohr besaß und deshalb die geflüsterten Worte überhört hatte. .Genug des Rätselns! — Ich brauche dich, Thomas! Und sage nicht: was geht mich Engelland an? Meine Gunst hat dich längst über die Sachsen weggehoben, und ich habe mehr für dich getan als für irgendeinen Normannen.'
Hier verzog ein Blitz des Hohns das Antlitz des Kanzlers; aber Herr Heinrich achtete dessen nicht und schrie ungeduldig: .Keine Widerrede mehr! Ich erhebe dich, so hoch ich will, und du gehorche!'
Da neigte Herr Thomas fein bleiches Haupt und sprach: .Was du verhängst, das geschehe!'
Neuntes Kapitel.
leide keinen Spott über heilige Dinge! Wohl ist es schon lange, daß «lanfange, dich zu durchblicken. Du hast arabische Philosophie eingesogen *■ 311 folgst einer Geheimlehre und bist kein demütiger Christ; ich aber to1 "ls ein solcher (eben und sterben!'
Du kannst nicht glauben, o König', antwortete Herr Thomas traurig toi deutete auf feine Brust, .daß auf diesen abgestorbenen Baum noch 'n Tau des Himmels fallen möge — und du haft wohl recht! Aber auch fite Frömmigkeit kann man der Wett müde werden. Unter den glugeln *«wr Macht habe ich dieses Reich lange Jahre regiert, mit welchen Mit-
Mit Gewalt, Bestechung, Wortbruch ... und mit schlimmem, die
DER HEILIGE
Novelle von Conrad Ferdinand Metzer
7. Fortsetzung.


