Ausgabe 
21.8.1939
 
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Llm Mitternacht.

Von Eduard Mörike.

Gelassen stieg die Nacht ans Land, Lehnt träumend an der Berge Wand: Ihr Auge sieht die goldne Waage nun Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn: Und kecker rauschen die Quellen hervor, Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr Vom Tage,

Vom heute gewesenen Tage,

Das uralt alte Schlummerlied, Sie achtet's nicht, sie ist es müd': Ihr klingt des Himmels Bläue siißer noch, Der slücht'gen Stunden gleichgeschwungenes Joch, Doch immer behalten die Quellen das Wort, Es singen die Wasser im Schlafe noch fort Vom Tage,

Vom heute gewesenen Tage,

Oie Heimkehr.

Eine Tiergeschichte aus Deutsch-Ostafrlka.

Bon Herbert F. Schidlowsky.

Irgendwo im unermeßlichen Raume Ostafrikas lag inmitten ein­samer, sanft hngekiger Buschsteppen ein kleines, von einem Regendach gespeistes Gewässer, Es war selbst den rastlos um-herschwetsendsn Ein- geborenenjägem völlig unbekannt, obwohl es sich zur Regenzeit, wenn ihm der Bach aus dem nahen Berglande immer neue Wassermasssn zu­führte, mitunter in einen weiten See verwandelte. Jetzt, da sich der Himmel längst wieder in makelloser strahlender Bläue über der Land­schaft wölbte, war es kaum mehr als ein seichter und stark versumpfter Weiher, nur dem Steppenwildle als willkommene Tränkgelegenheit ver­traut. Wasser bedeutet Leben und so hatte denn die tropische Natur hier ungehemmt und in verschwenderischer Ueppigkeit ihren ganzen farbenprunkenden Zauber entfalten können. Leuchtend grüne, lianen- durchrankte Pflanzenmauern umrahmten schützend die schilfbestandenen Ufer, während der dunkle Wasserspiegel mit rosafarbenen Lotosblumen und den weißen oder gelben Riesenkelchen der Wasserrose wie besät erschien.

Dieses stille verborgene Paradies beherbergte neben einer Unzahl verschiedenartigster Wasservögel auch eine kleine Herde von Flußpferden, die hier ein beschauliches, weder durch Nahrungssorgen noch durch menschliche Verfolgung getrübtes Dasein führten. Tagsüber, wenn die Tropensonne erbarmungslos auf die gelben ausgedörrten Steppen her­abglühte, lagen. die Dickhäuter meist wie riesige graue Felsblöcke in fauler Unbeweglichkeit auf den sandigen Uferbänken oder weideten, prustend auf- und niedertauchend, mit gemächlichem Behagen die saftigen Ranken der Wasserpflanzen ab, um sie mitsamt dem schlammigen Wurzelwerk als große triefende Bündel in ihren unersättlichen Rachen­schlünden verschwinden zu lassen. Bei Anbruch der Dunkelheit dagegen, sobald das ohrenbetäubende Doppelkonzert der Frösche und Zikaden ein- jetzte, pflegte die kleine Schar auf altgewohnten, tunnelartig den Wald­gürtel durchhöhlenden Wechseln zur nahen Steppe zu ziehen, um hier eine bestimmte, leicht salzhaltige Grasart zu äsen, die den Riesentieren nach all der weichlichen Wasserpflanzenkost eine ebenso angenehme als zuträgliche Abwechslung bot. Unbestrittener Führer bei solchen gemein­samen Unternehmungen war ein uralter Bulle, leicht erkennbar an den gewaltigen gelben Eckzähnen und dem fehlenden linken Auge, das vor Zeiten dem schmetternden Prangenhieb eines angriffslustigen Löwen zum Opfer gefallen war. Sein Wille allein galt. Er war es auch ge­wesen, der die Herde hierher geführt hatte einst, als ihr dis prasselnde Glutmauer eines verheerenden Steppenbrandes den Rückweg zum heimatlichen See versperrte ...

Seitdem waren viele Jahre vergangen, in jmmer gleichem Kreislauf sich erfüllend: Nächte waren auf Tage, Regenzeiten auf Trockenzeiten gefolgt, ohne daß irgendein widriges Ereignis den Frieden der kleinen versprengten Gemeinschaft gestört hätte. Längst war ihr das einsame weltverlorene Wasserparadies zur zweiten Heimat geworden. Selbst die Erinnerung an das Einst schien völlig ausgelöscht. Doch nichts ist ewig. Was die Natur -einst in langen Jahrzehnten erschuf und bewahrte, sollte sie an einem einzigen Tage wie in spielerischer Laune wieder ver­nichten!

Das Werkzeug, dessen sie sich hierzu bediente, wat ein entwurzelter dickstämmiger Brotfruchtbaum, der sich zu Beginn der neuen Regenzeit in den gurgelnden Fluten des Baches zu Tale treibend, kurz vor der Einmündung in den Weiher an einer schluchtartig verengten Stelle des Bachbettes festkeilte. Wenige Stunden genügten, um aus angeschwemmten Baumteilen, Gras und Geröll einen Damm entstehen zu lassen, der den Bach immer höher auftaute und sein Wasser schließlich zwang, sich steppeneinwärts ein neues Bett zu wühlen.

Die unmittelbare Folge davon war, daß der seines einzigen Zu­flusses beraubte Weiher in der darauffolgenden Trockenzeit rasch und unaufhaltsam auszutrocknen begann. Der Wasserspiegel sank fast zu­sehends, die Schilfstengel zeigten dürre Spitzen, das sonst so üppig leuch­tende Grün der Büsche und Bäume wandelte sich in fahles häßliches Gelb ... Unerbittlich näher und näher rückte der Tag, da das letzte Restchen offenen Wassers verschwunden sein würde aufgesogen von der tropischen Sonne, die Tag für Tag wie eine sengende Fackel im wolkenlosen Rund des Himmels stand.

Niemand hätte es sagen können, welches der Tiere zuerst den Plan gefaßt oder gar das Signal gegeben hatte, als sich die Dickhäuterschar

eines nachts ganz plötzlich vor der Bachmündung versammelte und iit vollster Ordnung, ohne Zögern und ohne die geringste Unschlüssigkeic auszog ins Ungewisse, um eine neue Heimat zu suchen. Es waren ins­gesamt acht Tiere, darunter zwei noch saugende Junge. Wie stets, hall, der alte einäugige Bulle die Führung.

Sie bot einen komischen und doch fast großartigen Anblick, dies: seltsame Prozession urwelthaft plumper Riesentiere, die sich im Ganse­marsch unter dem grellen Licht des Vollmondes nordwärts bewegten, eilig und wie in stummer, trotziger Entschlossenheit: denn hinter ihm« her schritt drohend das Gespenst des Dursttodes, unsichtbar zwar, doch jedem einzelnen der Tiere in seiner gnadenlosen Schrecklichkeit instintt mäßig wohl bewußt.

In der Regenperiode hätte eine solche Wanderung kein besondere> Wagnis bedeutet. Jetzt herrschte aber noch die Trockenheit, in der di- Landschaft einer trostlos öden Wüste glich. Nirgends, soweit das Augs reichte, war eine Spur von frischem Grün zu entdecken. Fahlgelb un$ ausgebrannt lagen die Steppen, und wenn der Wind über sie hinstrich knisterte jeder Halm vor Trockenheit ...

Immerhin verliefen die beiden ersten Nächte und Tage ohne Zwischenfall. Die Grassteppe wurde rasch durchquert, die Herde trat nun in lichten Wald aus Akazien und Borassuspalmen ein, der ihr tags­über leidlich gute Lagerplätze bot. Doch nirgends war Wasser. Alle Bach- betten und Dümpel tagen staubtrocken.

Gleich zu Beginn des dritten Nachtmarsches begannen sich bei len beiden Kälbern die ersten Anzeichen von Entkräftung zu zeigen. Immer häufiger taten sie sich nieder, streckten die wundgelaufenen und vor Er­müdung zitternden Läufe von fich und verlangten mit kläglichem Miesen nach der gewohnten Nahrung. Ratlos, mit hängenden Köpfen, ftarrt-n die Muttertiere umher: sie vermochten nicht zu helfen, denn die Mich in ihren Eutern war längst versiegt. Wieder und wieder mußte der alte Leitbulle halt machen und die Zurückgebliebenen mit ungeduldiz grollender Baßstimme zur Eile mahnen.

In dieser kritischen Nacht, gegen Morgen, als schon das erste Früh- rot den dunkelglühenden Himmel säumte, stieß die Herde auf eine Pflanzung junger Sisal-Agaven. Acht Fluhpferdmägen haben eine ge­waltige Fassungskraft und so wäre die in mühseliger Farmerarbeil angelegte Plantage sicherlich bald rettungslos verwüstet worden. Doch die Gier machte die Halbverschmachteten taub und blind gegen alle Gefahren, die sich aus der Menschen-Nähe ergaben. Plötzlich dröhnten Schüsse durch die Morgenstille und ließen die Herde in wilder staubumhüllter Fluch! in die Steppe davonstürmen. Zwei der Kolosse blieben bald zurück, be­gannen zu taumeln und brachen dann schwerfällig zusammen, um nicht wieder aufzustehen ...

Von dumpfer, panischer Furcht getrieben, wanderte die zusammen­geschmolzene Herde weiter, rastlos, mit verdoppelter Eile. Diesmal! machte der alte Bulle erst halt, als die Sonne bereits hoch am Himmel! stand. Nirgends war Schatten, völlig flach und eintönig dehnte sich ringsum die Trockensteppe ein uferloses, heißllberflimmertes Gras­meer, aus dem nur hier und dort gleich zackigen Felsklippen die Ter­mitenhügel emporragten. Schutzlos der Sonne preisgegeben, die wie mit! wilder und haßerfüllter Inbrunst ihre Flammenschwerter auf sie nieder­stieß, von Dürft gequält und Fliegenschwärmen bis zur Raserei ge­peinigt, verbrachten die Riesentiere einen furchtbaren Tag.

Als dann endlich die Nacht und damit die Stunde des Aufbruchs ge­kommen war, blieben die beiden Kälber teilnahmslos liegen. Zu spät kam die wohltätige Kühle des Nachtwindes. Stumm, in hoffnungsloser' Ergebung, starrten die Mütter den davonziehenden Gefährten nach. Sa- stark das Herdengefühl in ihnen auch war, so wach der Instinkt, unu jeden Preis zusammenzubleiben die Mütterlichkeit war stärker .... Sie blieben zurück, um das Los ihrer Jungen zu teilen.

Wieder stieg über der Wildnis flammend und sengend ein neuer Tag empor. Er traf den alten Bullen allein ... Sein letzter Begleiter lag reglos am Rande eines kleinen Dorngestrüpps, von Erschöpfung hin-- gestreckt, und über ihm am hohen, kobaltblauen Himmel kreisten schon wachsam die Geier. Einsam stampfte der Alte mit letzter Kraft vor­wärts, fliegenumfummt und grau vom Staub des langen, endlosen Weges. Sein stumpfer Blick war starr geradeaus gerichtet, der klobige Schädel so tief gesenkt, daß die Schulterblätter zu beiden Seiten des Nackens kantig aus der faltigen Haut hervortraten. Es schien saft, als folgte er so seinem eigenen Schatten, den der aufsteigende Sonnenball seltsam dünn und langbeinig vor ihm herschwanken ließ.

Plötzlich hob er mit unsicherer und seltsam fahriger Bewegung den Kopf. Witternd weiteten sich die breiten Nüstern. Hastiger schritt er aus, als habe ein Strom neu gewonnener Kraft hin jäh belebt.

lieber eine hügelige Bodenwelle stampfte er hinweg, über eine Zweite, eine dritte: dann stand er plötzlich, still und wie gebannt vor dem leuchtenden Bild eines gewaltigen hügelumrahmten Sees mit be­waldeten Inseln und Dogetüberflatterten, schilfumsäumten Buchten ...

Ganz regungslos stand der Koloß, wie ein aus Erz gegossenes Standbild, und starrte. Langsam, schwerfällig begann in seinem stumpfen Hirn eine Erinnerung aufzudämmern, die unauslöschlich in seinem Innern gelebt hatte: es war die alte Heimat, die da vor ihm lag im Glanze der Morgensonne strahlend, weit und gastlich aufgetan wie ein goldenes Tor zum schon verloren geglaubten Leben ...

Schwankend setzte sich der Alte wieder in Bewegung langsam erst, ruckweise und wie zögernd, bann aber rascher und rascher, hügelabwärts durch dichtes Dorngestrüpp. Am Rande des Schilfgürtels machte er aber­mals halt, drehte den Kopf und stieß aus weitgeöffnetem Nachen ein langgezogenes Brüllen aus, tief und rollend wie ein Orgelton. Doch alles blieb stumm. Ohne Widerhall schwiegen die hitzeflimmernden Weiten. Langsam wandte sich der alte Riese wieder ab. Wenige schwer­fällige, torkelnde Sätze noch bann verschwand der Heimgekehrte m» einem dumpfen Grunzen, bas fast wie ein Stöhnen klang, in der hoch auffpritzenden retteniyn Flut.

Verantwortlich: l)r. Hans Thhriot. Druck undDerlag:BrühlscheUnibersitätsdruckereiA. Lange,Gießen.