inb Standpunkte durch ste, Gemessen an dieser vielartigen Strahlungs- !cast ist der Platz, den eine nachfolgende Betrachtung ihr zugewiesen lat, ungenau bestimmt geblieben. Als Las gesamte Carossasche Werk ,aller in Lae Oeffentlichkeit Übergang, schob sich der Erzähler vor den inriter. Dabei ist es im großen ganzen bis heute geblieben. Gattungs- liihig ist dagegen sicher nichts einzuwenden. Aber es wirkt schief, will uan, wie es gelegentlich geschehen ist, den Lyriker Carossa qualitativ i nter den Erzähler einreihen. Das ist kleine Baukastenmethodc. Hans larossa ist eine komplexe Natur. Daß er Arzt ist, ein überdurchschnitt- jcher, selbstfchöpferischer Arzt, das weiß man. Fügt man bei, daß er lotanische und zoologische Forschung betreibt, daß er im Dichterischen xben Lyrik und Epik auch bas Dramatische, dies in sehr eigner Fvrrn- «uffassung einbegreift, dann ist die angedeutete Schachtelung motivisch war begreiflich, aber ebenso sicher ist, daß ein Ueberblick dieser Art zu »rmal bleiben muß.
Carossa hat reich und wissend empfangen. Ebenso reich und wissend lat er gedankt. Sein blähend maßvolles „Führung und Geleit" sagt's lus Und mir selber bleibt es unvergeßlich, wie wir zusammen am »aschoftisch Goethe- und Mörike-Gedichte hersagten, und er dabei die Gegenwärtigkeit seines Dankgefühls und den Adel seines Gewissens ftcklich bezeugte. „Ist es nicht merkwürdig", meinte er, „daß die Mädel u Katharinenstift nicht lachten, als Mörike beim Literaturvortrag statt cnes Taschentuchs ein Stück Vorhang aus der Tasche zog?" Isolde furz, die noch mit Mörike in Bebenhausen zusammen war, hatte ihm lie Geschichte erzählt, die er nun, sich selber damit ehrend, benutzte, um lern orphisch süßen Lautzauberer seinen Dank abzustatten.
Das Carossasche Traditionsgefühl ist vorbildlich, und es ist beileibe feine ästhetische Angelegenheit allein. Der Mann, der diese Bindungen >ihlt, ist derselbe, der die sentimentalisierende Form des naturalistischen itedichis im eigenen Werk fast völlig Übergeht, der die Neuromantik und hren farbigen Eklektizismus negiert und der dafür, bis ins sttllfte hm- en verbunden ist mit der srifchen und körnigen Liedkraft des echt ieutfchen Gedichts, mit feiner freien Naturekstase, feiner Melodieflüssig- M, feiner Spruchschönheit, seiner ernsten didaktischen Weite und feinen Wen und stillsten Hauchen, der verbunden ist mit dem Sprachgenius les deutschen Volkes selber. Kann es da wundern, daß die Traditionsreue ihn in keiner Weise gehemmt hat, daß die naturgegebene, wache Mugabe an unser großes Erbe ihn nicht hindern konnte, schon früh die cgne Substanz in einem eignen Ton herauszufiltern? Ich weih von dem lichter, daß er den „Elterngarten" als Zwanzigjähriger geschrieben hat md das glückselig ausgehende und hinschimmernde „Und wie manche 7acht" als Neunzehnjähriger, Und das werden nicht die einzigen
Händchen von 1929, das ich der neuen
Stüde fein!
Auch stofflich sind Ligenart und Selbständigkeit früh gesichert Zwar iringen „Frühling", „Die Fremde auf meiner Bank" und „Der B inde^ «länge an das Sozialgedicht um die Jahrhundertwende, „Der Blinde »gar mit der Pointenhaftigkeit des Moralischen, aber zusammen sind sie mr Zeugnisse eines sorgfätligen Fühlens und Spürens. Der, der sie '«schrieben hat, will in der Reihe sein, er will im Ganzen stehen, weil iie Verantwortlichkeit es so gebietet. Die Weiterentwicklung macht liefen „Standpunkt" deutlich genug. Vom Augenblick der menschlichen iigensindung an, der spezifischen Carossaschen Selbstklarung verschwin- iet jede stimmungsmäßige Zugabe, soweit sie äußerliches Dekor sein lönnte, und übrig bleibt eine durch und durch geschlossene Ausdruckskraft, iie der strengsten künstlerischen und menschlichen Prüfung unterstellt ist.
Diese nunmehr autonomen Stücke des Carossaschen Gedichtwerks snd klein an Zahl. Aber was für Kunstwerke sind das! Wie schon sind t . . «V ; , . .1.f.* in rrofhhrmtnPTl
K und tüte I
leuchtet ihr Sinn! Schlag ich sie auf in dem gelbbraunen «uuuuuieii uurt 1929, das ich der neuen Ausgabe vorziehen muß weil ich mit ihm gelebt habe, so weih ich nie, was ich 5\ierft merten fou,.bas Dunder ihrer starken Form ober den Glanz der Sittlichkeit, bte fre vermitteln. Am unmittelbarsten unter ihnen wirken btejemgen Stucke, die ier Lefchreibung und Verherrlichung der he 'mailiche n Landsch ast mid lern Landschaftlichen Überhaupt gelten. Es sind Bildgedichte in einem reichen, geklärt-naioen Sinn, Ein guter Mensch hat sie geschrieben, einer, ier hinströmen lassen kann, weil er selber von dem Syofjen, Un-gejabr- I leben Feuer dankbarer Ergriffenheit durchsttomt ist. So stellen sie die 'flexionslosesten Gebilde in Carossas lyrischer Arbeit dar. Sie md wie fin absichtsloser Gang durch die Natur selber, ^edes romanksterende verquicken von Landschaft und Individuum ist ausgeschaltetauchDew langen im Sinn einer bewußten Präzision de- Wortes w e twa bei Hilke, finden wir nicht. Das einzige Gesetz das sie fuhrt und halt ist ihr ast liedhaftes Gleichgewicht, das auch dort noch wirkt, wo es sich nn keine direkte Liedschöpfung handelt. Es sind wunderschone Derse v !mfter Festlichkeit und stumm machender Fried>chkeit, in ^en allen iehen „die Sterne vollzählig überm Land, sichtbar ober unsich Ier, und manchmal rührt sich bas Legendenhafte .uud Mht burch die Gedichte Sabei regiert eine Bildlichkeit kühnster, leidenschaftlichster Art Sie eine herrliche Annette von Droste-Hülshasf ausgenommen 1)01^ I sachgoethesche Welt keinen Dichter zu repräsentieren, der über e,^ ^nliche, im Letzten metaphysische Exaktheit des Aug s f g ■ tinnen wir das noch anderswo so bestimmt findeneinen . Snjt nne Locken von Asbest", einen Mond, der „hellgoldenes Eis ist, und Gmstr Irische, die „Gold aus heißem Sande" ziehen?" Und bst Verlauf - lörungen eines schon fast Mythenhaft zu nennenden Natursinns fchw^ öen die Durchschnittskraft des Gedichts in keiner Weise s Z ncht, sie sprengen den Liedsluß nicht, sie fu^n sich chm em mcht^a^ers s»s der gangbarste, simpelste Reim. So helfen sie' kleine W lernen, weil sie in ähnlicher Körnigkeit und festlicher Belebth Goethe und Mörike in ihren großen Augenblicken gelungen sin •
Der Weg von ihnen zu den gleichzeitig geschaffenen „ c'em ^dichten, wie ich sie nennen möchte, erscheint fürs rj d bie (je ;®lan unterschätzt den seelischen Prozeß und die L finbet auch ■ Ennzeichnen, im allgemeinen um ein. „nerreithten Schau -
Ooblgefinnterroeife, diese in ihrer liebreichen Astest unerreich en m
ungen gern als zu reflexiv. Aber wäre ein Irrtum ausgeschlossen? Könnte nicht der Charakterillusionismus unserer Tage in ein jalsches Mahnehmen hineingeraten sein und klein und groß verwechselt haben? Diese Stücke erzählen den ebeln Makrokosmus der Welt von neuem, und der sie schrieb, besitzt Glaubensmaße von einer nicht leicht zu fassenden Gröhe und Helligkeit. Könnte der rasche Mensch von heute nicht etwa bewußt nennen, was in Wirklichkeit nur eine größere Läuterung bar« stellt? Hier ist ein freundlicher, aber fester Gesetzeshalter am Werk. Er will das alte Edle, er will, das im Schönen das Gute walte. Die Denkbilder Platos, in ihrem „überhimmlischen" Ort geschaut, sollen kein Scherz der Jahrhunderte bleiben, sie sollen wiedergefunden werden in innerer Schauung und Klärung. Weih man das, dann ist die Haltung dieser Gedichte faßlich geworden, und ihre Lautkraft, ihr beschwörender Hymnus können nicht mehr mißverstanden werden. Man erkennt mit einem Male denselben guten Menschen, der sich die Bildgedichte erwandert hat, und man betätigt gern, daß hier die Seele in ihrem weiten Raum dasselbe tut, was dort die Augen und eine hohe äußere An- chauung geleistet haben. Die Gestaltgebung aber, das werden wir dann agen, ist nicht weniger elementar, das kristallhast-nüchterne Singen überblitzt sogar manchmal jene gerundeten Formungen durch das Selig- fein des willigen Herzens.
Die Eigenart der Caroffaschen Gedichte in ihrer Gesamtheit wird noch stärker fühlbar, wenn man sie mit den Schöpfungen unserer drei Großen vergleicht. Nennt man Goethe, Eichendorfs, so fühtt man, daß das wie von selber quellende Melos dieser Künstler von Carossa nicht immer erreicht wird, Goethes Seelenflut findet das vielfältigere Wort, den beftürzenderen Liedklang, die unmittelbarere Prägung. Mörike steht mehr in der Wonne, fein Liedklang ist kindlicher, und Eichendorfs schließlich übertrifft durch das Glück feines Singenkönnens, er sieht kaum Schranken, vor denen man haltzumachen hätte. Alle drei aber bezaubern durch die Mühelosigkeit eines offenem Temperaments. Carossas Schöpfungen wirken dagegen besonnen, gesammelt, trächtiger und blutiger. Verfügen jene mehr über die Gnade des Instinkts, so er über die Gnade des Gewissens. Er kommt zur Tiefe, wo der Liedlaut entstehst, wie ein Taucher, der arbeitsam und verantrportlich in seiner Glocke niedersteigt, um seine Arbeit zu tun. Er ist bewußter als die andern, aber er ist auch ruhiger, glücklicher und in einer breitem Weise elementar. Das gibt feinen Gedichten etwas Rezitatiohaftes. Sie wirken wie Texte für chvri- feben Kultdienst, und ihre schönste Würde ist, daß sie williger dem Wik gelten als dem Ich. Ihre Segenskraft aber, ihre Weih «Hastigkeit, die etwas Testamentartiges in sich hat, kann von den besten Stücken jener drei nicht übertroffen werden.
So steht er vor uns mit der seltenen Bürde seiner Schönheiten, ein Künstler nobelsten Geblüts und ein Sittehalter von Rang. Und konnte die Welt unseres Jahrhunderts je wieder fo gebunden fühlen, daß es ihr mehr als Vergnügen bedeutete, in der Fülle des Herzens Heine Weihegefchenke auszuteilen und zu empfangen, wie eine glücklichere Welt es einmal getan hat, so sollten zwischen den Blumen, Fruchten und schönen Scherben die einfachen Blätter nicht fehlen, auf denen Carossasche Gedichte stünden. Und dürfte ich wünschen, felbst ein Blatt zu empfangen, so säh ich es als schöne Gunst an, wenn es jenes wäre, das den Band der Gedichte von 1929 befchließt, jenes Großgelassene vom Kind und Gast des heimatlichen Hauses. Nur müßte ich auch bann noch dem Dichter widersprechen dürfen, wie ich es schon einmal getan habe, als er mir dieses über alles schöne Gedicht bescheiden als Fragment bezeichnete. Denn es ist niemals Fragment, ist es niemals gewesen. Im Gegenteil: es ist vollendete Geschlossenheit, klanglich und visuell, und es ist das weihehafteste Ruhgedicht deutscher Zunge, bas lauterste Volksibvll des deutschen Menschen.
Lied des Apfelbaumes.
Von Willy Arndt.
Kühl in dunkler Waldesruh quillt und quillt es mir herzu.
Fasern feine, Mund an Mund, trinken Krug um Krug im Grund.
Erbe, die den Saft mir gor, Erbe will in mir empor: _
drängt, daß rauh die Rinde klafft, durch die Ringe in dem Schaft —
treibt Gezweig« strack und kraus, bricht in Blatt und Blüten aus —
hebt, befreit, ihr Angesicht atmend in das Himmelslicht —
spielt mit Vögeln, seufzt im Wind, schauert, wenn der Regen rinnt — reift im lieben Bauerngrunb mir die Früchte füß und rund — muß verschwenden enbelos, Same sein und Mutterschoß — strömt hinab mit meinem Blut, fällt mit welkem Blatt und ruht.


