Ausgabe 
21.8.1939
 
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Frankreich und für di« Alliierten arbeiten. Keinen Sinn mehr, den Kampf rafch beenden zu wollen, nein, er soll dauern, er soll Deutschland noch mehr zermürben. Frankreich kann warten; denn Amerika kommt!

Jede weitere Kriegswoche läßt die Lebensmittel tat Deutschland mehr und mehr hinschwinden.

Jede weitere Woche bringt neue Materialschiffe aus Amerika, aus allen Ländern und Kontinenten nach Frankreich.

Von Tag zu Tag schwinden die deutschen Reserven. Di« Neunzehn­jährigen rucken ins Feld, halb ausgebildet, schlecht ernährt. Bald wird die ausgepumpte, arm gewordene Heimat nichts mehr hergeben können, weder Menschen noch Material.

Von Tag zu Tag strömen sie drüben, in den USA., zu den Fahnen, alles junge, kräftige, gesunde, überernährte Menschen, wie bei uns im Jahre 14. Hunderttausende melden sich als Freiwillige für diesen Krieg, den sie in jungenhaftem Leichtsinn alslächerliche Sportangelegenheit" bezeichnen.

Von Manat zu Monat wird das deutsche Material schlechter, ge­ringer. Die Geschützrohre sind ausgeleiert, verschlissen. Trotz größter Opserbereitschaft können die Waffen- und Munitionsfabriken mit dem Verbrauch kaum noch Schritt halten. Und dabei wird der Tag kommen, an dem Rohstoffmangel selbst für Geschützrohre und Granaten eintreten muß.

Von Monat zu Monat steigern die amerikanischen Munitionsfabriken ihre Erzeugung. Rekordziffern werden ausgestellt und am Ende des nächsten Monats schon wieder weit überboten.

Rohstoffmangel? Unbefriedigter Bedarf? Bah, was ist das?!

Hunger peinigt die deutsche Heimat, Hunger peinigt die deutsche Front. Mit den geringen, fast fettlosen und kalorienarmen Portionen der Feldgrauen könnte keiner der an gutes Essen gewöhnten Soldaten der Alliierten durchhalten, geschweige denn kämpfen. Deutsches Soldatenbrot, unansehnlich und kraftlos geworden, bildet beim Feind einen Gegenstand des billigen Witzes. Und doch, es wird noch kraftloser, noch unansehnlicher im Laufe der kommenden Wochen und Monate, das armselige deutsche Brot.

Hunger?--Was ist das? Was wissen die satten Soldaten der USA.

von Hunger und Entbehrungen? Bei ihnen wird ein deutsches Kartoffel­mehlbrot mit einem Wagen voll Weizen ausgewogen, mit zwei Wagen voll Weizen, wenn es fein muß.

Fett?--Lächerlich, mit Fett heizt man die Feldküchen. Jawohl,

dieKüchenbullen" der amerikanischen Kompanien werfen faustgroße Fett- klumpen in die Glut, um sie zu entfachen. Fett?! Der amerikanische Soldat hat alles, hat Fleisch, Brot, Genußmittel in Hülle und Fülle.

Für jede fettarme deutsche Fleischkonserve da drüben eine ganze Tonne argentinisches Gefrierfleisch! Nein, der Soldat unter den Fahnen der Alliierten braucht nicht zu darben.

Für jede deutsche Granate hundert, tausend, zehntausend feindliche Granaten, wenn es sein muß.

Man wird sie endlich kriegen, endlich!"

Mit Material wird man sie niederzwingen."

Unter der Uebermacht erdrücken."

Aber, man wird sie kriegen!"

Jeder Tag arbeitet jetzt für Frankreich und feine Alliierten. Keine Eile mehr nötig! Kein Durchbruch mehr erforderlich! Eines Tages wird Deutschland am Ende sein. Eines Tages das rechnen sie kühl und sachlich aus wird das letzte deutsche Rekrutendepot leer sein--keine

Menschen mehr da.

Und dann wird Amerika zwei Millionen frischer Soldaten in Europa stehen haben. Und es werden zwei weitere Millionen Soldaten auf den Abtransport nach Europa warten, auch drei Millionen, wenn es fein muß. Spielt keine Rolle. Menschen spielen keine Rolle.-----

Nein, Frankreich braucht vorläufig keine großangelegte Schlacht mehr. Nur noch warten können muß Frankreich, warten. Die Zeit arbeitet und arbeitet haarscharf. Und arbeitet genau so, wie es die nüchternen Rechner erwartet haben.

Der Feldgraue indessen kämpft!

Der Feldgraue ist das geduldigste, opferbereiteste und zäheste Wesen in dieser Hölle von Tod und Vernichtung.

Der Feldgraue ist Sieger über Tod und Teufel.

Abgeblasen die Durchbruchsschlacht, aber der tägliche, aufreibende Zer- mürbungstrieg geht weiter:

»Wieder steigerte sich die Kampftätigkeit an der flandrischen Front", meldet der deutsche Heeresbericht. Und weiter:

An mehreren Stellen der Artois-Front kam es zu heftigen Kämpfen. Längs der Aisne und im Westteil der Champagne nahm die Artillerie­tätigkeit erheblich zu und blieb an vielen Stellen auch im Laufe der Nacht lebhaft.--

An der Msne-Front schwoll das Feuer zeitweise zu erheblicher Stärke an--

In Flandern war der Artilleriekampf südöstlich von Ypern und nördlich von Armentiöres stark--

Von neuem versuchten die Franzosen, die ihnen kürzlich entrissenen Graben bei der Hurtebise-Ferme wiederzugewinnen.

Längs der Aisne auflebendes Geschützfeuer.

Bei Vauxaillon, nordöstlich von Soissons, stürmten gestern, nach kurzer starker Minenwerfervorbereitung, Kompanien einiger aus Rheinländern, Hannoveranern und Braunschweigern bestehenden Regimenter die fran­zösische Stellung in 1500 Meter Breite. Der durch bewährte Sturmtrupps Artillerie und Flieger gut unterstützte Einbruch in die feindliche Linie erfolgte für den Gegner völlig überraschend; einzelne Stoßgruppen drangen durch die Annäherungswege bis zu den Reserven vor und machten auch dort Gefangene. Die blutigen Verluste des Feindes sind schwer; über 160 (Befangene und 16 Maschinengewehre wurden zurückgebracht, einige

Minenwerser gesprengt. In den gewonnenen Gräben sind tagsüber heftig Gegenangriffe der Franzosen abgewehrt worden.*"

In jener seltsamen Frühsommernacht, während höchste Alarmbereitschaft besohlen war, oben auf dem Alsen­berg, in der windigen Lafsaux-Ecke, wo das Feuer saft nie abriß, kamen drei Rückläufer, drei aus französischer Gefangenschaft geflohen Feldgraue, und erzählten vom müden Heer da drüben.

Und ihre Worte, um die sich damals sehr bald ein Mythos spann, wurden zum Anstoß für diesen Bericht.

Der Krieg aber schritt, nach jener Nacht, weiterhin seinen unerbittlichen Weg, noch 500 Tage und 500 Nächte--

P. C. Ettighossers ErzählungEine Arm«« meutert" erschien als Buch mit zahlreichen Bildern in Verlag C. Bertelsmann in Gütersloh, in Leinen gebunden 4,40 RM.

Oer alte Brunnen.

Von Hans Carossa**.

Lösch aus dein Licht und schlasl Das Immer wache Geplätscher nur vom alten Brunnen tönt.

Wer aber Gast war unter meinem Dache, Hat sich stets bald an diesen Ton gewohnt.

Zwar kann es einmal sein, wenn du schon mitten 3m Traume bist, daß Unruh geht ums Haus, Der Kies beim Brunnen knirscht von harten Tritten, Das helle Plätschern setzt auf einmal aus,

Und du erwachst, dann mußt du nicht erfchreckenl Die Sterne stehn vollzählig überm Land, Und nur ein Wandrer trat ans Marmorbecken, Der schöpft vom Brunnen mit der hohlen Hand.

Er geht gleich weiter. Und es rauscht wie immer.

O freue dich, du bleibst nicht einsam hier.

Viel Wandrer gehen fern im Skernenschimmer, Und mancher noch ist auf dem Weg zu dir.

Oer Lyriker Hans Caroffa.

Von Paul Appel.

Ist man befugt, schon zur Stund« vom Carossaschen Gedicht aCi einem in sich abgeschlossenen und deutbaren Typ zu reden? Die 33e rechtigung erscheint zunächst zweifelhaft. Karoffas letzte Jahre war» von schönster Produktivität ausgefüllt, und das neue Jahrzehnt, miir wissen es, wird kaum geringer darin fein. Künstlerische Kräfte, in Harter Selbstbescheidung gesammelt, solange der tägliche Berus es gebett strömen auf und lassen Gutes und innig Tonendes erwarten. Aber troig- dem: die Gedicht-, die Sprachstruktur werden nicht mehr verändert, f» werden nur vertieft und ausgeweitet werden. Einmal sagen es so di < Schlußepistel aus denGeheimnissen", die form- und feelenmäffig bot bisher geübte Haltung zeigen; und weiterhin bekundet es di« in de« Gedichten" vorgelegte Auslese selber. Zwar zeigen sich hier formmäfri« Schattierungen, sogar entzückende und entwicklungsmäßig intereffantes, aber diese gehören samt und sonders zur Frühproduktion. Vom Augen­blick der menschlichen Eigenfindung an ist eine selbständige Form g« schassen, die seitdem nie wieder auf gegeben wird. Und was traft einte durch drei Jahrzehnte hindurch geübten menschlichen Haltung feinen StA uneingeschränkt erhalten konnte, darf wohl mit Recht als Coroffasches Gedicht angesprochen werden.

Diese Lyrik, nicht groß an Umfang, hat eine helle und strenge Misi sion erfüllt. Mit ihrer ästhetischen Untadeligkeit, ihrer sonst glühendem Energie, mit ihrem Gewissensakt hat sie in tausende Seelen hineingo- funden, hat herausgelächelt, was drin schmerzte, hat zurechtgerückt, was verschoben und verschroben war, hat an dos gewissenhafte und fähige Menschenherz appelliert, hat dem Kranken unauffällig geholfen und dem Gesundenden seinen Weg weitergewiesen. Dazwischen hat sie frohlock und königlich gepriesen, vom Stein in der Erde bis zum Stern Inn Aether droben.

Hinzu tritt ihr« rein bildungsmäßige Intensität. Einer ganzen jungem Künstlergeneration ist sie Bild geworden, wahrhaft großes Bild vom Heller Neutralität und Bündigkeit. Diese Rolle näher zu beleuchten be­dürfte es einer eigens dafür angesetzten Stubie, so elementar Ist den Einfluß gewesen. Aber auch die angrenzenden Geistesgebiete hat sie be­einflußt, Philosophie und Literaturwissenschaft ersuhren Einstellungem

* Dieser Heeresbericht betrifft einen kühnen Vorstoß, den Teile des Reserve-Infanterieregiments 258, dem Verfasser des vorliegenden Berichte« angehörte, zusammen mir Teilen des Schwesterregiments 259 und dem Sturmbataillon 7 am 20. Juni durchführten. Das Minenfeuer bauerte damals nur drei Minuten, war aber von nie vorher gehörter Wucht uni* Gewalt.

** Wir entnehmen dieses schöne Gedicht mit freundlicher Erlaubnis desc Insel-Verlages zu Leipzig der von Carossa getroffenen Auswahl aus feiner Lyrik, die unter der Jubiläumsnummer 500 in der Insel-Bücherei ttWw und früher schon hier angezeigt wurde.