SieWerZamilienblimer
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
jahrgang |939 Montag, den 2(. August Nummer^
Eine Armee meutert
SGHICKSALSTAGE FRANKREICHS 1917
Lin Vericht von p. C.Ettighoffer
<topytlgl>t b y Bertelsmann Gütersloh
(Schluß.)
($5 wird gehetzt, es wird gerufen. Mehr braucht es nicht. Die Kom- Wien treten zusammen und wählen Sotbatenräte. Ein Revolulions- bbunal bildet sich, um Gericht über unbeliebte Offiziere zu halten. Den elften Offizieren gelingt noch die Flucht aus dem Lager. Wahrenb- bijfen verteilen sich russische Kompanien in der Gegend. Sie durchstreifen Lindernd die Dörfer und Lager der französischen Truppen und Hetzen «ich hier zum Aufruhr. Die Internationale wird gebrüllt. Eine Ver- btüberimg scheint unausbleiblich. Erneut gewinnt die Meuterei Oberhand, hnauegetragen auf den Schultern der toll gewordenen fünftausend Men. Aber diesmal wird man kurzen Prozeß machen und so verehren, wie man drüben in Rußland im Falle einer Meuterei handeln mürbe, gäbe es bort noch einen allmächtigen Zaren.
Der russische Kommandant, der sich mit knapper Not dem Zugriff bir Rebellen entziehen konnte, fordert sichere französische Truppen an. saoaUerie-Regimenter und Republikanische Garde, zusammen mit Felb- f nbarmen, rollen herbei. Artillerie fährt auf. Und bann werben bie Nüssen dreimal aufgesordert, sich zu ergeben.
Sie antworten übermütig mit Gewehrsalven und Malchinengewehr- uer. Und da heulen die Granaten heran und bersten in den Vager* fjen. Die Geschosse durchfahren die dünnen Gebäude und Baracken, len Tod und Verderben. .
Mehrere Stunden lang schießen bie Batterien, bann f(utUrt an e nem Achnenmast ein Bettuch hoch, als Flagge ber Uebergabe. Die funftaufenb Nüssen, ober jene, bie noch von ihnen übrig sind, ergeben sich auf Gnade
Sie kommen aus dem Lagertor, mutlos, kleinlaut. Die Kriegsgerichte fielen zusammen. Und bann müssen die erdbraunen Gestalten sich drüben ist Massengrab schaufeln. h
Eine Stunde später bläst ber russische Formst zum Gebet — und [ tunn nach einer Weile, während alles noch barhäuptig steht, knattert dis Maschinengewehr des Exekutionskommandos — — —
Die Meuterei ber russischen Hilfstruppe ist blutig erstickt. Du Ueber- jtoenbcn werden entwaffnet und fortan nur noch im Etappendienst ver wnbt. Biele treten später in bie Fremdenlegion. . . h
Nack einiae Tage flackert ber Aufruhr, knurrt bie Meuterei m der f sianzösischen Armee. Aber es wirb von Stunbe zu Stunbe weniger. Die Ivisiziere haben wieder die Oberhand. Fieberhaft arbeiten die Kriegs- I» richte. Gewehre knallen. In vielen Regimentern werden die besten
hith(ter Not kann nur mit dem allerbesten und dem kostbarsten Blut IjÄnt und abgewaschen werden. Die Besten der Nation müssen^bluün
» mit das Vaterland weiter leben und weiter kämpfen kann. De„ knzelne, noch so wertvolle Mann ist nichts, das Raterland s ^ Endlich, am 13. Juni, können die Armeesuhrer dem ^berkommam terenben melben, daß überall, bei allen Truppenteistn Ordnung und Eifaipltn wieder eingekehrt sind. Es ist em großer Tag f r F ) -chicksalstag für den weiteren Verlauf des Weltkrieges .denn.
--in diesem Augenblick nähert sich der französische Küste em Kriegsschiff. Viele hohe Offiziere warten am Ufer. Das Sch ff torm » den Hasen und wird vertäut. Und über die rasch ge 9 9
schreitet ein hoch aufgeschossener Mann. Es rft General 45 )) g, iberkommandierende der amerikanischen Truppen.
Die Krankheit der französischen Armee ist "berwunden und^e Amerikaner nahen. Ihr Truppenführer hat schon st men Fuß s F>-a richs Erde gesetzt, und nach ihn. werden die 'Regimenter "en^me kmsionen, die Armeekorps und die Armeen. Und über ei I h
I" ® Hunberte, Hunberttausenbe fein, bann wirb es weit __
ftn mit Waffen, Tanks, Lebensmitteln und Munition ohne Enbc
V Das Material rollt.
, »Die Amerikaner kommen. Die Amerikaner sind dal Amerika^mar- W\" Hoffnungsschreie hallen durch Frankreich, Jawohl ümer "«rschiert. Heule ist's erst der Dbertommanbierenbe aber morgen Ma Zierden die Quartiermacher kommen. Und sie werben g nz
ein die ein die die
Und Deutschland?
Deutschland hat nur noch die Tapferkeit feiner Sühne. Kein Material mehr. Nur noch die lebendige, pulsende Tapferkeit der Männer.
Männer gegen Material!
Das Antlitz des deutschen Frontsoldaten wird eisenhart. Wenn es lacht, dann lacht es grimmig, und doch wiederum jungenhaft — ehrlich, weil man das Leben noch besitzt. Das Leben ist ein Falter geworden: Ruht nur noch als Gast auf deinem Ich. Eine Bewegung, ein Zufall, Nichts, und der Falter entflattert, und nichts holt ihn zurück. Und Kameraden sehen den Falter flattern und wissen, daß es morgen anderer sein wird, übermorgen du, ober ich, ober er — — Und Gesichter lachen, weil sie (eben. Von den Toten, von jenen, denen Falter entflohen, spricht man nicht. Heilige Scheu verbietet, davon
schäften in Mittel- und Südfrankreich antaufen, um neue, gewaltige Munitionslager, Truppenlager, Lebensmitteldepots und Exerzierplätze zu errichten. Mag die Aehre schon schnittreif auf dem Halm stehen, einerlei, man wird sie niederwalzen, in den Boden stampfen. Keine Zeit mehr zur Ernte. Denn: schon sanden die ersten Hunderttausende Granaten und die ersten Tausende Kilometer Geleise. Alles muh gestapelt werden. Neue Landschaften entstehen. Traktoren durchrattern die Felder. Leben, Leben und Tempo! Die Hauptsache: Tempo! Denn:
Amerika marschiert!
Amerika wird diesen schläfrig gewordenen Krieg aufrütteln, aufpeitschen und vernichten.
„Hallo, wo ist sie denn, eure verdammte Schießbude, wie?!"
Fremde Männer warten mit sehnsüchtigen Augen auf den Tag des Einsatzes. Sie kennen den Krieg noch nicht. Spielerei ist er nach für sie.
Riesenbomber burchbrüllen die Luft mit dem Donner nie gehörter Schwerstmotoren. Unb so etwas kann fliegen! Eine fliegenbe Festung! Nein, zehn, hundert, fünfhundert solcher fliegender Festungen wirft Amerika in die Waagschale.
zu sprechen.
So formt sich das Antlitz des deutschen Soldaten, das ewig gütige, harte, eiserne, jungenhaft-männliche Antlitz unter dem Stahlhelm, der die wissenden Augen beschattet. Keiner spricht vom Drlog; jeder erlebt, erduldet ihn. Kamps ist dies Leben, Kampf ist dein Schicksal. Weil du Deutscher wurdest, weil eine deutsche Mutter dich gebar.
„Es ist unmöglich, es ist übermenschlich, es ist heldenhaft, was ihr dort littet und wie ihr dort strittet", werden sie uns in zwanzig, in hundert, in taufend Jahren sagen.
Und wir: „Was--was taten wir? Es mußte doch so fein--1
Es war gut so! Alles war gegen uns. Die Menschen waren gegen uns. Das Schicksal war gegen uns! Das Material war gegen uns, das verdammte Material, weißt du--es hat uns erdrückt. Und ihre Zahl
hat uns erdrückt. Deshalb sind wir so hart geworden, ab 17. Deshalb hat der Krieg ein anderes Gesicht bekommen damals, nach der Landung der Amerikaner. Frankreich warf eine Welt in die Waagschale. Und mir--mir hatten nur unsere Stirn, unsre Brust, unsre Pflicht!"
Amerika marschiert!
Vorbei ...!
Versunken im Schoß der Vergangenheit die wilden unb tragischen Sage unb Wochen am Damenweg. Tragisch waren sie sür Frankreich, well sie die Nation an den Rand des Abgrundes gebracht hatten, tragisch für Deutschland, weil die Gelegenheit, den Krieg rasch unb vielleicht mühelos zu beenden, durch einen Vorstoß, der diese ganze morsche Feindfront zerschlagen hätte, von uns nicht erkannt und nicht ^^'"Erst^s'päl^er sahen wir klar", schreibt Ludendorff in seinen Kriegs - erinnerungen.
Das Schicksal lud ein schweres Los auf unsere Schultern. Und wir, die Feldgrauen, wir nahmen dies eherne unb männliche Kämpfenmüssen an unb schritten bie lange Straße des Krieges, wissend, ernst unb hart.
General Nivelle, den tragischen Feldherrn der Gegenseite, trafen wir nicht mehr Er blieb verschwunden unb für den westlichen Kriegsschauplatz vergessen. Nur seine Feuerwalze, das systematische Abklopfen einer Landschaft mit Feuer, Rauch unb Explosionen blieb zurück. Und der rücksichtslose Einsatz vieler Kräfte unb vieler Mächte zum Niederringen der Deutschen, dies alles blieb zurück.
Den grimmen Mangin sollten wir erst spater, in den tragischen Aerbftroodien von 1918, noch einmal kennenlernen. Ihm, dem hartschabe- ligen Lothringer, blieb es vergönnt, seine Schwarzen boch noch °n den Rhein zu führen unb somit Rache für die Panik vom 16. April zu nehmen.
Vorbei bie Wochen ber aussichtslosen Angriffe am Damenweg! Niebergelegt vorläufig jeber Ourchbruchsgedanke. Warum auch Durchs bruch? Warum jetzt noch eilen unb hasten? Jetzt muß bie Zeit für


