Ausgabe 
21.7.1939
 
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Der Schwager Ambrosius bat seine Schwägerin zu einem Tanze und schwang sie zu den andern, von den Stühlen aufgesprungenen Paaren.

Silvester spielte einen Ländler. Die hüpfende, muntere Weife riß die tanzenden in ihren Wirbel. Du bist schön! jubelte die Harmonika. Dein Haar hatte einen dunkelgoldenen Schimmer wie das Getreide im Morgen­grauen! Ihr Kleid streifte beim Vorllberwehen sein Knie. Er vermeinte einen zarten Rosenduft zu verspüren, und sogleich schimmerte vor seinem inneren Gesicht ein Rosenstock mit Blüten, so rosig wie ihre zarten Wangen Run wußte er, woran sie ihn gemahnte. Rosenstöckchen! lockte er in seinem Herzen, und die Musik sprach das Liebeswort mit vielerlei Ungestüm und Kraft aus. Da wurde, wie er zu sehen glaubte, die Rosen­farbe ihrer Wangen noch leuchtender oder rührte der Schimmer nur von der Bewegung her, dem raschen Schwung und Wirbel, mit dem sie ihre Tänzer vorüberschwenkte? Silvesters Augen folgten ihr aufmerksam und schickten ihr das Sprühfeuer seiner Klänge nach, di« nie so ein­schmeichelnd und begehrlich erbraust waren wie heut«, da er lieber getanzt als gespielt hätte.

Aber so war es nun einmal: der Musiker spiele und schaue zu. Sein Lohn sei der Augenlohn, er begleite das schöne, zitternde und rosig glühende Leben mit seiner Tanz- und Liebesweise, mehr habe er nicht. Andere halten das Mädchen im Arm, andere umfassen die Tänzerin. Es wäre denn, ihn träfe zum Dank ein Blick, so flüssig hell und unwahr­scheinlich tief aufschimmernd wie der, mit dem das Mädchen ihn jetzt beschenkte, da sie sein heran schwebte, nahe, ganz nahe, und rasch weg­gedreht wurde und von ihrem Strahlenblick nichts blieb als eine leise, selig machende Blendung in Silvesters Brust.

Er senkte den Kopf, schloß für ein paar Herzschläge die Augen, um diesen Glanz und Blick nicht in sich brennen zu fühlen, und spielt« noch schmelzender, leidenschaftlicher. Die Töne zitterten und jauchzten: froh­lockend priesen sie das Leben, den Sommer und die Zeit, lachten und weinten im Klangaufrausch mit hundert Zungen sangen sie dem schönen Mädchen ihre Liebesbeschwörung.

Bruckner.

Bon Alfred Drei

Als mit dem Tode Franz Schuberts die Zeit der großenklassi­schen" Meister in Wien, dem damaligen geistigen Zentrum der Ostmark, ihr Ende gefunden hatte, schien es, als habe der Boden dieses Landes all feine Kräfte dahingegeben, als fei es fein Schicksal, nunmehr von der Vorrangstellung zurllckzutreien, die es während fast eines Jahrhunderts in der deutschen Musik eingenommen hatte. Anderwärts wirkende Künst­ler bestimmten ihren Weg in die Zukunft, einen Weg, der nicht eine Fortsetzung des Pfades bedeutete, den Beethoven die deutsche Ton­kunst geführt hatte, sondern der, aus anderen geistigen Bezirken Wesen und Kraft empfangend, nach jenen Richtungen vorstieß, die wir heute etwa durch die Namen Robert S ch u m a n n auf der einen Seite Liszt und Wagner auf der anderen gekennzeichnet sehen. Und doch war schon der Künstler geboren, der düzu ausersehen war, auf dem Gebiet der monumentalen, reinen Instrumentalmusik nicht nur den Weg über Beethoven hinaus machtvoll voranzugehen, sondern durch fein Schaffen d'e überlieferte Sendung der Ostmark im deutschen Musikraum von neuem zu erfüllen. In der stillen Abgeschiedenheit feiner oberöfterreichi- fctjen Heimat wuchs Anton Bruckner heran, gewärtig des Stich­wortes, mit dem ihn das Schicksal auf den Plan rufen sollte, auf daß er uui der Macht feiner überragenden Künstlerschaft bestimmend in das deutsche Musikgeschehen eingreife.

Bäuerliche Umgebung ist es, in der der Ansfeldener Schullehrerssohn heranwachft, bäuerliche Umgebung, in der er sich in weitem Maße wäh­rend seiner eigenen Schullehrerszeit bewegt, bis er, 32jährig, als Dom- orgamft 'n der Landeshauptstadt Linz sich ganz der Musik zu eigen gibt. Ser Weg bis dahin, der ihn über die Sängerknabenzeit in St. Florian

k *Wrpraparanbe in Linz zum Landschulmeister in Windhaag a.b Watfrf) Kronsdors und St. Florian führt, ist nicht nur für fein per >o">'ches Wesen, sondern auch für fein Künstlertum bestimmend. Das wichtigste Erlebnis während dieser Zeit ist wohl dos des eigenen Volks- uni». Bon etwa 1400 bis 1733 sind die Vorfahren Bruckners als Bauern üblich von Wallsee nachgewiesen worden, erst der Urgroßvater wandte ich dem Binderhandwerk zu, der Großvater wurde schon Lehrer in Ans- «lden: das gesunde, urtraftige bäuerliche Blut mag also sicherlich noch in 2tnton Bruckner lebendig gewesen sein. Deutsche stammliche Eigenart hat sich in diesem Bauerntum noch unverfälscht erhalten und all die besonde- ren Eigenheiten des Volkstums feiner engsten Heimat mögen durch den SJeitebr, durch dos Leben im Volk bei Bruckner nur noch verstärkt worden fern. Die ruhige Sicherheit des auf gesegneter Scholle wohnenden Bauern, lene gesunde Lebensbeiahung, die auch derber Lust nicht abgeneigt ist ba-bei aber auch wieder die jeglicher Hast abholde Bedächtigkeit und Wohl- »iberlegtheit des Öberösterreichischen Bauern in dem donaubeherrschten Tell des Landes, all dies erlebte Bruckner als etwas Selbstverständliches, Hn .!m9CSC^Cllor Ue'& r2,nV5 ?Is $eil seines eigenen Wesens in sich auf. Unechte, rem Aeußerliches hat hier keinen Raum und rote lächerlich mutet

roenn 'S , Eduard Hanslick in feinem Antrag auf Ab-

(cbnung i>°n Bruckners Gesuch um eine Lehrstelle für Theorie an der Umuerfitatbarauf fjmroeift, daßfein ausfallender Mangel an jeglicher w, senschastlicher Vorbildung" ihngerade für eine Universität am0min= be[ erfüllen (affe. 3n biefer Beurteilung kommt aber schon

ber tiefe Gegenfaß zum Ausdruck der zwischen Bruckner und dem Geist

'"."gebenden Zeit bestand. Dem Intellektualismus, der damals beu ifl ltn^-hnn"'« 1,(111 ge.m"ck)t hatte, stand das unverfälschte deutsche Bolkstum Bruckners gegenüber, das feine künstlerische Kratt nicht Xn llnn 'nh,"Bildung" verdankte, sondern der'ursprüng- nrnlih " m 5k'|en gelegenen Veranlagung. Wie sehr das un- m' t(lbr, Volkhafte, Deutsche in Bruckners Kunst von den nicht mit Vorurteilen ihr gegenuberiretenden Hörern empfunden wurde, zeigt schon

die Tatsache, daß es gerade die barnafs sogenanntennationalen" Kreis, besonders in der akademischen Jugend waren, die sich geschloffen biniei Bruckner und seine Kunst stellten. Daß diese unverfälscht völkische Gcmb. läge von Bruckners Wesen und Kunst auf völliges Mißverstehen, ja auf gehässigste Feindschaft in fremdrassigen, jüdischen Kreisen stoßen wüste ist selbstverständlich. Das deutsche Wesen von Bruckners Kunst wurde ahr noch verstärkt und von besonderer Eigenart erfüllt durch das tiefe Erich >« der Heimat, der oberösterreichischen Landschaft des Donautales, das Brut, ner in feiner Kindheit und Entwicklungszeit zuteil wurde.

Roch ein drittes Erleben kennzeichnet aber Bruckners Entwicklung,- | zeit: St. Florian. Ansfelden war eine Pfarre dieses reichen Stiftes, urh der Blick feiner Bewohner war weit mehr zum Grundherrn, dem Stil von St. Florian, als nach Linz, der weltlichen Zentrale gerichtet. In ihn verkörperte sich der Begriff der Macht und gar als der Sängertnabe uij später der vchullehrer diese im prunkvollen Rahmen des Barockbains des Stiftes und insbesondere seiner Kirche kennen und erleben lernt«, mußte der empfangene Eindruck der ganzen Geisteshaltung des Mensch«, und Künstlers ihren Stempel aufdrücken. Man hat Bruckner als eine, Künstler bezeichnet, der sich nicht aus dem kirchlichen Rahmen zu befreien vermochte, seine Sinfonien nannte manMessen ohne Text". Nichts it irriger als dies. Wohl ist Bruckner ein tief religiöser, ja noch mehr, eil in seiner ererbten katholischen Religion dogmatisch gläubiger MenschI aber schon di« Tatsache, daß von dem Augenblick an, als er den Weg ;ur üinfonie gesunden hat, die Kirchenmusik in seinem Schaffen völlig in bei Hintergrund tritt, zeigt, daß es nur die äußeren Verhältnisse und die j Umgebung waren, die ihn vorerst sein Schaffen in den Dienst der finfb sichen Zweckkunst stellen ließen. Religion und Glaube waren Dinge, bii I für Bruckner außerhalb jeglicher Diskussion standen und gerade das Pr» \ blematische und Kämpferische in seinen Sinfonien liegt keineswegs auf | religiösem Gebiet.

Bruckners Lebensweg führt vom mufikalifcheii Schullehrer, der feil« bescheidene Kunst in den Dienst des Kirchenchores stellt, auf den ihn bit f amtliche Verpflichtung ruft, zum Musiker, der auch als Lehrer tätig ist Schon als Stiftsorganist von St. Florian gibt er der Kunst immer tnw teren Raum in seinem Leben. Und gar, als er die Last des Lehrberufe:) abschütteln und als Domorganist in Linz ganz der Kunst leben tanm. 1 kommt das Künstlerische in ihm machtvoll zum Durchbruch. Zum erfteir mal kommt er im Rahmen des Musiklebens der Stadt mit der weltliche Kunstmusik in nähere Berührung. Neues, bisher Ungekanntes ftürmt aim ] 'hn ein und sein erstes Streben ist, es sich zu eigen zu machen. In !8ruit' I ners Sprache übersetzt, heißt dies: lernen. So fährt der Lstrzer Don» organift jahrelang zum strengsten Hüter musiktheoretischer Tradition, M Simon Sechter, nach Wien und eignet sich in rastlosem Eifer ein« Kenntnis der musikalischen Satzkunst an, wie sie vielleicht außer seinem Lehrer niemand besaß. Ueberbies trat ihm in der weltlichen Musik eiiw 'hm völlig neue Welt musikalischen Klanges und künstlerischer Gestaltung entgegen. Auch hiefür findet er in dem Linzer Theaterkapellmeister Otto Kitzler einen Fachmann, der ihm den Weg zur technischen Erkenntnis weist. Und nun erfährt Bruckner das letzte und maßgebende (Erlebnis Richard Wagner. Das Studium derTannhäufer"-Partitur und bis darausfolgende Aufführung des Werkes in Linz ließen alle Fesseln, im Oie eine für unantastbar gehaltene Ueberlieferung Bruckner geschlagen i k leAr?1,'allen'Je^ l>oi der Künstler seine Freiheit errungen, jetzt sieht er ben Weg vor sich, auf dem er seine künstlerische Sendung innerlich un« gehindert erfüllen kann.

Und hier zeigt sich nun die ungeheure künstlerische Krast, die in Bruck- ner schlummerte und nur gleichsam der Stunde ihrer Befreiung geharrt! hatte. Er wird nicht zum Wagner-Epigonen, zu dem ihn noch jahrzehnte j lang kritischer Unverstand stempeln will. Er erlebt Wagners Kunst nicht: eigentlich in ihren geistigen Grundlagen, sondern im rein musikalische» Sinn. Er ist innerlich so gefestigt, daß er imstande ist, die Errungen schäften, die die Musik auf dramatischem Gebiet Richard Wagner ju bauten hatte, ihr im allgemeinen dienstbar zu machen. Es ist eine Musil von völlig verschiedenem Ethos, die uns bei Bruckner und bei Wagner begegnet. Wagners Ziel, der Glaube, ist Bruckners Ausgangspunkt, hier allerdings dogmatisch gebunden, dort allgemein ethisch zu verstehen. Aus dieser eigenartigen, nicht von geistigen, sondern lediglich von musikalischen Problemen erfüllten Einstellung Bruckners zu Wagners Kunst erklärt es sich auch, daß schon in den ersten Werken Bruckners, die dem Sennen- ernen desTannhäuser" folgen, keine Nachahmungen dieses Werkes, sondern eher Eigentümlichkeiten des späten Wagner-Stils sich bemerkbar machen. Bruckner erlebt nicht eigentlich Wagner, sondern vielmehr dessen Musik. Damit findet aber das innere Erleben Bruckners soweit es von außen hervvrgerufen wird, sein Ende. Der Künstler in Bruckner ist zue vollen Reife gelangt, feine weitere Entwicklung bedeutet nur mehr eine Vertiefung nach dem eigenen Innern hin.

Ueberreich ist der Anteil, der der Ostmark im Lauf der Jahrhunderte an der deutschen Musik zukommt, doch keiner von all den Künstlern, bie ße °em deutschen Volk schenkte, verkörpert in solchem Maße das Wesen dieses Landes wie Anton Bruckner, Sein unlösliches Heimatverbunbsn- fem wurde ihm geradezu zum künstlerischen Schicksal. Fast scheint es unse­rem ruckfchaueyden Blick begreiflich, daß es noch Jahrzehnte nach dem Tode des Meisters dauerte, bis fein Werk zum Gemeingut des deutschen Volkes wurde, Sonderbestrebungen verhinderten in weitem Maße bas volle Verständnis für die stammlichen Eigenheiten. Bruckners Kunst er­schien als eine provinzielle Angelegenheit der Ostmark. Erst die Ver­schmelzung des ganzen deutschen Volkes zu einer vielfältigen Einheit machte auch die Bahn frei für das Erfühlen des volkhaften deutschen Wesens der ostmarkischen Kunst Bruckners. Vier Jahrzehnte nach dem Tode des Meisters bedeutete der feierliche Staatsakt, mit dem der Führer des deutschen Volkes einem feiner größten Söhne den Platz in der Wal- baUa zu Regensburg anwies, den endgültigen Sieg von Bruckners Kunst, -'tu" 'st sie zum ganzen deutschen Volk Heimgekehrt, ans dessen ostmär- kifchen Stamm sie erwuchs.

Verantwortlich: Dr. Hans Thyniot. - Druck und Verlag: Brühlfche Universitätsdruckerei A. Lange, Gießen. ~