Nach Sevilla.
Don Clemens Brentano.
Nach Sevilla, nach Sevilla!
Wo die hohen Pvachtgsbäude In den breiten Straßen stehen, Aus den Fenstern reiche Leute, Schön geputzte Frauen sehn, Dahin sehnt mein Herz sich nicht.
Nach Sevilla, nach Sevilla! Wo die letzten Häuser stehen, Sich die Nachbarn freundlich grüßen, Mädchen aus den Fenster sehn, Ihre Blumen zu begießen, Ach, da sehnt mein Herz sich hin!
In Sevilla, in Sevilla!
Weih ich wohl ein reines Stübchen, ■ Helle Küche, stille Kammer, In dem Hause wohnt mein Liebchen, Und am Pförtchen glänzt ein Hammer, Poch ich, macht die Jungfrau ans.
Kastilien.
Bon Peter Bamm.
(Nachdruck verboten.)
I stunde um Stund« sind wir gefahren durch die Tierra de Campos, die hdebene des alten Königreichs Kastilien. Wie die Dünung eines Ozeans Rchn sich die Hügelketten bis an einen Horizont, der in unerreichbarer feie zu liegen scheint. Das Land ist leer. In weiten Abständen tauchen 6iri?r aus, aus braunem Lehm auf brauner Erde gebaut. Jedes einzelne iiitr Dörfer sieht wie eine Festung aus, von Menschen gesetzt als Boll- Btt! gegen die überwältigende Einsamkeit dieser Landschaft. Am Aus- ta eines Dorfes liegt ein Kastell aus Lehm, uralt, mächtig, verfallen, lii Menetekel der Zeit. Verweht find di« Spuren derer, die es gebaut gcitn. Verweht auch die Spuren derer, die es fchrecken sollte. Namenlose pt. Geisterzinne, von Geistern errichtet.
I Sie Akteure dieser großartigen und tristen Bühne der Schöpfung sind IHt Wirten mit ihren Herden. Es sind biblische Hirten und biblische Her- k- Der Mann, der da, auf seinen Stab gestützt, einsam in den Himmel ai dieser kastilische Hirte scheint dazustehen seit Erschaffung der Welt, in Stück des Horizontes Gottes, ein Denkmal, errichtet ■ zu Ehren des [fe'djen. An diesen Hirten ist die Geschichte vorübergezogen seit Jahr- Wfnden. Ungeheure, unbekannte Dramen haben sich vor ihren Augen icibgen. Völker sind gekommen und gegangen, wie eine Wolke vor der pirie vorüberzieht. Alte Sagen gehen davon noch heute an den nächt- Idüt Feuern um. Dann kamen geschichtliche Zeiten, von denen wir Hn. Kellen brachen von Norden, Karthager von Süden in das Land. Der» kamen Römer, dann kamen Goten, dann kamen Mauren. Sie alle । gelebt, geherrscht, geliebt, gemordet, geschachert und gebaut. Kriege Durben gewonnen und gingen verloren. Weltreiche wurden gegründet M zerfielen wieder in Nichts. Erbe wurden geschaffen, und Erbe wurde Mm, Jahrhundert um Jahrhundert.
I Sie Hirten Kastiliens haben über ihre Herden hinweggeblickt in den r nhaften Horizont hinein, bis zu jenem großen Augenblick, da die südliche Ferne sie losrih von der braunen Tierra de Campos und sie itbcachen über alle Grenzen hinaus, der abendländischen Menschheit die 6l>t zu erobern und das Reich zu errichten, in dem die Sonne nicht Hl)t unterging. Es gibt keine zureichend« Erklärung für diesen ungeheu- i<i Aufbruch der spanischen Nation, mit dem das Mittelalter zu Ende t'g und die Neuzeit ihren Anfang nahm. Aber wir wissen, daß die alten
' ireiche von Kastilien, Leon und Aragon die politischen Kernzellen Stutiens sind. Zwar Kolumbus war Genuese, aber die katholische 2sa- die ihm die Mittel zu seinen kühnen Plänen zur Verfügung stellte, ttr Königin von Kastilien. Noch heute gründet sich der Stolz des Spa- J*r: aus dieses großartig« halbe Jahrhundert von Isabella bis zu Phi- «!p II. Nichts beweist, allen Einwänden zum Trotz, die kulturelle Kraft Spaniers von 1500 eindringlicher, als die Tatsache, daß die Länder, damals von Spanien in der neuen Welt erobert wurden, obwohl sie Mifjd) wieder verloren gingen, katholische Länder spanischer Sprache ^spanischer Sitte geblieben sind. „
Q egen Abend, während wir uns Salamanca nähern, taucht am Hori- M die schneebedeckte Sierra auf, die Altkastilien und Leon von Esire- ynta und Neukastilien trennt. Wir fahren durch das Tal des Duero. Eidlich tröstend ist das Grün dieser kleinen Flußtäler. Von einer siirlichen und bescheidenen Schönheit nach all der unheimlichen Erhaven- m der Hochebene. Wunderbar die wie von Silber überstaubten Stein- fr« mit den Blüten des Ginsters im Unterholz. Die Natur, die Harle Wim der braunen Einöde, hier belohnt sie das einsame Herz. Wie lehr M ein Mann, der Kastilien zur Heimat hat, diese Täler lieben, die es ®'iii, dieses Silber, diesen leisen Ton, mit dem das Wasser unter der °We über die Steine springt. Dieses karge Land, das von lockenden Wen rings umgeben ist, muß ein Land unendlichen Heimwehs sein sur y! die es verloren haben. Denn auf den alphabetischen Wiesen träumt Mensch von einer Distel, die zwischen den Steinen feiner jungen Iw' wächst. ,,, .
'Jenige Meilen vor Salamanca ist von der Stadt noch niajas Zu sehen.
auf einmal liegt es vor uns im Schein der untergehenden Sonne, J1, einer wunderbaren Silhouette, das alte Salmantica mit feinen prad)t= Türmen und Palästen, der ehrwürdig« Platz mitteiaIterücher ® » 'e‘r"imteit, die glanzvolle Stätte spanischer Königsherrlichkeit. Wir sitzen i, ier Plaza Mayor in einem urbanen Gewimmel von mm schon ganz ■Her Lebhaftigkeit. Die vier Fassaden, die den Platz rings omschließsn ^mur Tore für die Straßen lassen, sind strahlend erleuchtet, eme Archi- in Licht. Ueder den Platz zieht eine stille Prozession von Kindern,
die Kerzen in den Händen tragen, um dem Himmel zu danken für eine Güte, die sie noch nicht verstehen. Ihre unschuldigen Gebete steigen mit dem Rauch der Kerzen zu den Sternen, die über den Lichtern der Menschen scheinen. Die Haut brennt von der Sonne Kastilien. Der Cafe negro labt die vom Staub der Geschichte ausgedörrte Kehle. Wir sind nicht so einsam m diesem Gewimmel, wie es scheinen mag. Wir sind die jüngsten Glieder einer langen Kette von Generationen. Denn einige hundert Semester lang ist Europa nach dieser Stadt gepilgert, um von den Gelehrten der Hohen Schule zu Salamanca die Weisheiten Arabiens zu lernen und die Schätze der Antike zu übernehmen, die arabische Wissenschaft über dunkle Zeiten hinweg bewahrt hatte. Nicht zufällig gibt es in Salamanca noch heute ein irisches Priesterseminar. Irische Mönche und arabische Gelehrte teilen sich in die Ehre, di« griechisch« Ueberlieferung Europa erhalten zu haben in jenen Jahrhunderten, da im Zerfall des Römischen Reiches auch das Wunder von Hellas der Vergangenheit anheimzufallen drohte. Wunderliche Wege, die die Vorsehung nimmt, wenn sie zwischen Zerstören und Erhalten ihre undurchschaubare Entscheidung trifft. Während es römische, ja punische Reste in Spanien noch zahlreich gibt, während die Felsbilder einer unvorstellbar lange vergangenen Epoche noch erhalten sind, ist die Spur der Westgoten auf eine unheimliche und unerklärliche Weife fast vollständig verschwunden. Doch was auch immer das Ergebnis der menschlichen Bemühungen sein mag — ewig groß ist die unerschütterliche Standhaftigkeit des menschlichen Herzens, das in der Nacht vom Morgen träumt und nicht aufhört, den Göttern Trotz zu bieten.
Das Mädchen und der Musikant.
Von Friedrich Schnack.
Am Samstagabend nach dem Essen ertönte im Hofe ein fcharser Trillerpfiff.
Silvester blickte aus dem Fenster.
„Komm in den Gartensaal, es gibt Bier! Sollst aufspielen", rief es von unten.
Silvester nickte, nahm seine Ziehharmonika und ging hinunter.
Die Arbeitsleute des Gutshofes saßen im erhellten Gartenzimmer. Er setzte sich, und als er im Halbkreis der Anwesenden umblickte, gewahrte er zu seiner Linken ein junges fremdes Mädchen. Er grüßte sie und reichte ihr freundlich die Hand.
Das Mädchen, feinen fragenden Blick bemerkend, sagte, sie sei zu Besuch bei ihrem Schwager, dem Tischler Ambrosius. Im selben Augenblick trat der Tischler zu ihr und meinte: „Das ist Silvester, unser Musikant! Aber auch ein guter Mäher." Und zu Silvester: „Meine Schwägerin Linda besucht uns."
Silvester nickte dem Mädchen noch einmal zu und begann zu spielen. Aber das schöne und eigentümliche Gesichtsbild, in das er soeben geblickt, Ijatte sich urplötzlich in sein Inneres eingeprägt. Er schmetterte in der Aufwallung von Gefühl und Erstaunen einen rauschenden Marsch in das Stimmengewirr der Leute und Kinder, die al,obalb verstummten. Wie wenn ein klingendes Geisterheer durch den Raum zöge, hervorgezaubert von Silvesters kunstvollen Fingern und den vielfachen Zungen feiner Harmonika, fo hörte sich der feurige Marsch an. Die alten Soldaten unter den Siedlern trommelten sacht mit den Fäusten, die stampfenden Marschtritte nachahmend, und einer schüttelte sogar ein leeres Bierglas, in dem sich zwei Blechlöffel befanden, wirbelnd und stieß den Ellbogen gegen die Holztäfelung der Wand, eine lärmend scheppernde Begleitung zur Musik hervorbringend.
Indes Silvester spielte, seinen Harmonikabalg hingebungsvoll aufzog und zusammenpreßte, blickte er mit scheu spähendem Auge zur Seite nach der schönen Besucherin. Er sah ihren Blick einen Augenblick lang auf sich gerichtet, mit einer dunkelschimmernden, berückenden Rätselhaftigkeit. Nie hatte er eine fo feine zierliche, wie fluchtige Mädchengestalt gefehen. Sie war überaus zartgliedrig. Womit sollte er sie nur vergleichen? In ihrer Art war etwas, das sich nicht begreifen, nur ersehnen ließ.
(Eine Blume ist sie, meinte er. Aber was für eine Blume, erriet er nicht. Oder war das Fräulein gar einem kleinen Singvogel ähnlich? Mit feiner Vogelkenntnis war es nicht weit her. Er kannte Lerchen, Spatzen, Amseln und Finken. Keiner von diesen wäre als Vergleich ihrer zerbrechlichen Zartheit würdig gewesen. Er vermochte sich ihr Bild nicht zu deuten, und so verwirrte es ihn noch tiefer im Herzen.
Ihr stiller Zauber und ihre städtische Kleidung wirkten wie feierlich. Die Männer, inmitten des Saales an der blankgewetzten hölzernen Tragsäule lehnend und zu beiden Seiten des Eingangs umherstehend, schickten wohlgefällige und bewundernde Blicke auf die schöne Besucherin, die so gar nicht der Frau des Tischlers, ihrer Schwester, ähnlich war.
Die Kinder beugten sich aus der Sitzreihe vor, mit großen Augen die seine Fremde betrarfitenb. Die Frauen am Enbe der Gruppe musterten eindringlich, teils zustimmend, teils ablehnend, ihre Erscheinung Von den groben Arbeitskleidern, den Kattunblusen und blauen verblichenen Schürzen stach bas einfache, bvch geschmackvolle, geblumte Kleib bes Mäbchens beinahe aufreizenb ab. ,--•
Silvester beobachtete bie Gesichter scharf, sah er bvch bann bte Schone gespiegelt. Dabei jagte er seinen Geistermarsch ber Reiter kraftvoll und saftig durch den Gartensaal, während draußen das Dunkel der Nacht hinter den Fenstern stand.
In der Pause wurde ihm von einem Kameraden mit einem Scherzwort ein Glas schäumenden Bieres gereicht. Silvester nahm einen Schluck, wagte aber nicht seiner reizenden Nachbarin zuzutrinken, die sich mit einem Glas Milch begnügte.
„Sie verschmähen Bier?" fragte er sie. .
Aus Bier mache sie sich nichts, antwortete sie mit leichter, schwebender Stimme, auf gute Milch aber habe sie sich schon lange gefreut.
Dabei ruhten ihre Augen glänzend in feinem Blick.
„Spielen!" rief man, „wir wollen tanzen!"
„Wir haben sehr gute Milch", sagte Silvester noch, und bann fiel bie Stimme der Harmonika in das kleine Zwiegespräch.


