Ausgabe 
21.7.1939
 
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Punkt 6 Uhr, hat sich die Landschaft plötzlich belebt. Aus der Erde ist eine waffenstarrende, horizontblaue Front gewachsen, eine lebendige, bewegliche Mauer aus Hundcrttausenden von Menschenleibern, aus Hunderttausenden von Stahlhelmen, aus Hunderttausenden von drohenden Bajonettspitzen.

Grell und aufreizend blasen die Clairons das alte Sturmsignal in den Morgen:

La monteras4u, la cote?!"

Und nun setzt sich auch die Nivcllesche Feuerwalze in Bewegung. Zwi- schen 70 und 100 Metern vor der horizontblauen, anrückenden Infanterie- mauer rollt die Wand aus ragenden Geschossen, aus Einschlägen, aus Wirbeln, aus Erdfontänen, aus Tod und Vernichtung über die gequälte Landschaft. Noch einmal ducken sich die letzten überlebenden deutschen Feldgrauen in ihren Trichtern, noch einmal spüren sie den Gluthauch der Explosionen am Rande ihrer Erdlöcher. Und dann hören sie die Feuerwalze nach hinten rücken, ganz langsam.

Und nun ist ihre Zeit gekommen. Die klammen Hände reißen die vor Nässe schützenden Zeltbahnen weg, legen, die Gewehre und leichten Maschi­nengewehre frei, werfen sie auf den Rand der Granattrichter. Greifen dann zur verkrusteten, verdreckten und verrosteten Leuchtpistole. Rote und grüne Sperrfeuerraketen zischen empor, verteilen sich als bunter Stern­reigen. Und dann---

Die stahlblaue Angriffsmauer kommt unverdrossen näher. Der Höllen­tanz kann beginnen. Die deutschen Schützen liegen fiebernd auf dem An­stand. Sie wollen den Gegner herankommen lassen, noch näher, immer näher.

Es gehört eine gesunde Nervenkraft dazu, jetzt nicht abzudrücken, los­zubelfern, blindlings draufloszuschießen. Nein, ruhig zielen die Schützen hinter Gewehr und Maschinengewehr, das rechte Auge eiskalt über Kimme und Korn auf die anrückenden Jnfanteriemassen gerichtet. Im Halse pocht wild das Blut.

Roch 200 Meter--noch 150 Meter--

Bei 100 Meter setzt plötzlich, wütend und mahlend das deutsche Klein­feuer ein, kichert, peitscht, zischt und tobt. Jeder Schuß ein Treffer, jede Garbe mäht und mäht ---Es ist kühle und sachliche Wut in diesem Raitern

der Maschinengewehre. Es ist die Erlösung aus der Hölle des Trommel­feuers, es ist Rache für das, was man zu erdulden hatte, da man ohnmächtig lag, Tag um Tag, Nacht und Nacht, die Finger in den nassen Lehm gekrallt, Verzweiflung und dumpfen Zorn in der Seele.

Nein, es ist keine persönliche Feindschaft, es ist nur die unbändige Lust, dieses Tier Materialschlacht zu töten, diese $)t)bta, die hunderttausendköpfig aus dem Trichterfeld wächst und sich den Geschoßgarben bietet, Brust an Brust, Kopf an Kopf, hunderttausend schreiende Münder, derenVive la France den Orgelsang der Schlacht überbraust, hunderttausend jäh entsetzte Augenpaare, die erkennen, daß der Feldgraue immer noch steht, immer noch!

Nein, es ist nicht möglich, es ist ein Trugbild. Gespenster sind's, da drüben, die Menschen, nein, jene Dreckklumpen, deren rotmüde Augen über Kimme und Korn starren.

--, das Hämmern der Maschinengewehre,-- I

Aus den Trichtern und durchwühlten Geländefalten, überall, wo die Feuerwalze hundertmal den Tod säte und zwei oder drei Mann vergaß, schießen sie jetzt, diese zwei oder drei Mann.

Hier und da, dort und hier und drüben zwei oder drei Mann, zwei oder drei todesmutige, entschlossene Männer. Nur hie und da wenige Soldaten, das ist die dünnbesetzte, vorderste deutsche Linie, die sich wehri und kämpft und die bereit ist, zu sterben. Vorerst aber kämpft der schwache deutsche Schützenschleier aus allen Mündungen.

Und da beginnen die blauen Gestalten zu laufen, stürzen sich nach vorne auf die deutschen Schützenlöcher. Macht ein Ende mit dem deutschen Spul, Kameraden, ein blutiges Ende I Handgranaten krachen, Gewehrgranaten dazwischen. Leichte Minen flattern von irgendwo her und reißen Erdson- I tönen hoch.

Um die vordersten deutschen Stellungen, die nur noch von schwacher Schützenschleiern gehalten werden, entspinnen sich erbitterte Nahkämpse. Spaten blitzen und wuchten auf Stahlhelme, Handgranaten werden zu Hiebwaffen. Es geht Mann gegen Mann.

Und währenddessen eilen die deutschen Reservetruppen aus den Unter­ständen, aus den Grotten und Naturhöhlen, deren Eingänge selbst das lang anhaltende Artilleriefeuer nicht zusammentrümmern konnte. Mit jeder Sekunde greifen neue Maschinengewehre ins Gefecht. Die horizontblaue Front aus Menschen, Stahlhelmen und Bajonettspitzen, diese vorrückende Wand, ans der ständig Handgranaten und Gewehrgranaten wie dichter Hagel fallen, hat sich der vordersten deutschen Linie bemächtigt, die dünnen Schützenschleier überwältigt und zerschlagen.

Todesmutig bis zum letzten Atemzug, bis zur letzten Patrone haben die schwachen deutschen Einheiten aus ihrem Platz ausgehalten. Keiner ba> um Pardon, keiner bekam ihn. Die Schützenschleier sind vollständig autz getieben. ,

Um 6 Uhr 25 gelangt die Nachricht von der Einnahme der ersten deutschen Stellung ins Hinterland. General Duchesne weiß nun, was er zu tun hat Jetzt ist auch seine Stunde da. Er befiehlt das Vorrücken seiner Verfolgung^ armee. Zwischen der V. und VI. Armee im Bezirk des Winterberges um der Hurtebise-Ferme werden seine Sturmregimenter und seine Kavallerie- Divisionen die gebrochene deutsche Front in breiter Linie durchstoßen. DM I ist der Sieg, das ist die resllose oeutsche Niederlage!

General Duchesne marschiert siegesbewußt in die Berfolgungsschlachf; Um 7 Uhr 25 haben seine vordersten Bataillone die zweite französische L>n> erreicht und sind im Begriff, darüber hinaus vorzudringen, genau wie e der festgelegte Plan erheischt. Aber siehe, diese zweite Linie ist noch n'w frei. Rein, noch drängen sich in den engen Gräben, Unterständen und ©touc zahlreiche Poilus der vordersten Sturmregimentcr zusammen. Die brüt unb vierten Sturmwellcn liegen noch hier im Reservegrabcn.

1 (Fortsetzung folgt.)

fein; sie werben mit fliegenden Standarten und mit schmetternden Trom- ] peten über die durchbrochene deutsche Front reiten, würdige Nachfahren I der alten napoleonischen Schwadronen. I

Die fünf Kavallerie-Divisionen des Generals Duchesne ^warten. Am Abend werden sie ihre müde gelaufenen Pferde in den Kavallerrebaracken des Truppenübungslagers Sissonne unterstellen können. Von ihrem der- I zeitigen Quartier bis nach Sissonne sind es etwa 40 Kilometer. Eme I Kleinigkeit! ,, , , .

Siegesbewußt geht der Poilu in Stellung. Zwischen der Infanterie, I die marschiert, und der Artillerie, die etwas fröstelnd und abwartend un fahlen Dämmer hinter den Schutzschilden der überall aufgefahrenen Batte­rien zu erkennen ist, fliegen Scherzworte hin und her:

Macht's gut, ihr Bumsköpfe, und schießt uns nicht, in den Rücken, wenn wir gleich so schnell Vordringen werden!" rufen die Infanteristen, schießt lieber etwas weiter vor als zu kurz." Und die Artilleristen antworten:

Ohne uns geht's mal nicht. Ihr müßt euch schon bequemen, langsam zu gehen unb auf bet Stelle zu treten, bis wir unsere Flinten em paar Kilometer weiter vorgebracht haben. Ja, ja, ihr werbet noch nach uns schreien, wie bet Säugling nach bet Mutter."

Die einzelnen Regimenter unb Truppenteile begrüßen sich mit Zu­rufen im jeweiligen Heimatbialekt. Die Bretonen allein marschieren schweig- I sam. Sie gelten als Elitetruppe, als Dickschäbel. Unb von ihnen geht die scherzhafte Sage, daß nicht einmal ein deutsches Panzergeschoß ihre Dick- schäbeligkeit durchdringen könne.

Anders die Pariser Truppenteile. Offiziere und Mannschaften schreiten fast tänzerisch leicht dahin. In hohen gutturalen Lauten wird hin und her geredet trotz des umfangreichen Gepäcks, das jeder Infanterist und jeder Pionier zu schleppen hat. Da sind zuerst einmal je Mann 160 scharfe Pa­tronen. Ein erhebliches Gewicht, diese 20 Päckchen in grauem Papier! Gewehr und Vierkantbajonett towgen auch nicht leicht. Dann ist der Tornister prall gefüllt mit Lebensrnitteln, Sardinen, Hartbrot und Schokolade. Natürlich hat man die für jeden Vormarsch notwendigen Strümpfe und ein zweites Paar Schuhe nicht vergessen. Der kalten Jahreszeit wegen mußte um jeden Tornister, neben der Zeltbahn, eine Decke gerollt werben.

Prall unb schwer hängen bie Brotbeutel. Unb boneben, in bet blauen Felbslasche, gluckst bet Pinarb, bet unvermeibliche Rotwein, ohne ben ein Poilu in diesem Krieg nicht zu denken ist. Gasmaske, Handgranaten unb Gewehrgtaiiaten vervollständigen die schwere Last. Ja, der Poilu schreitet schwer dahin, trägt sein Hab unb Gut, seine Waffen unb seine ganze Wehrhaftigkeit für mehrere Tage bei sich. Es muß so sein, denn ba hinten, weit in bet beutschen Etappe, wirb man so schnell keine Lebens­mittel unb keine Munition auftreiben können. Es bürste schon 24 ober 48 Stunben bauern bis zum Rachrücken bet Munitions- unb Proviantkolonnen. I Das weiß bet Poilu, unb deshalb murrt er nicht. Wie käme er auch dazu, jetzt zu murren, jetzt, da et zum Sieg schreitet. Federnd und froh schreitet bet Poilu zur Schlacht, bie ein Sieg sein Wirb, bie nut ein Sieg sein kann.

In ben beutschen Ttichtetstellungen bet vordersten Kampflinie liegen nur noch dünne Schützenschleier. Punkt 4 Uhr blitzt.es drüben am fahlen Horizont. Mit elementarer Gewalt schlägt das Trommelfeuer wieder in I die deutschen Linien. Die französischen Sturmstellungen sind jetzt voll- gepsropft. Jede Rücksicht auf bie georbnete Ablösung ist überflüssig. Ein letztes Mal trommelt Rivelle aus allen Rohren, ans allen Schlünden unb Münbungen. Zwischen Reims unb Soissons dampft unb kocht bie Erbe wie ein schwärender Vulkan. Die dünnen beutschen Schützenschleier werben teilweise zngebeckt, vernichtet unb zerstampft. Unb drüben wartet bie Blüte bet französischen Armee auf bieStunde H".

Um 5 Uhr bricht aus allen deutschen Rohren ein rasender Feuerüberfall auf die französischen Stellungen nieder. Ganze Regimenter stehen fast ungedeckt in den engen Gräben. Die Stollen und Unterstände sind schon längst alle durch Telephontrupps und Sanitätsmannschaften besetzt, oder als Verbandsplätze eingerichtet. Deshalb steht die Masse der Poilus draußen in den engen Sappen, ja sogar noch Mann hinter Mann in den Laufgräben. Und in diese Masse schlägt nun das deutsche Vernichtungsfeuer.

Verluste häufen sich. Geschrei und Verderben durchzieht die Gräben. Aber das deutsche Feuer setzt bald wieder aus. Nut fünfundzwanzig Minuten hat es gedauert, dann können bie französischen Verbände sich wieber orbnen, ihre Lücken schließen unb sich zum bevorstehenbeu Kampf bereitmachen.

Gewiß, bie Verluste sind empfindlich, aber spielen sie auch schon eine Rolle im Vergleich zu ben hier eingesetzten Kräften!? Nein, bie paar hunbert Mann, bie ins Gras beißen mußten, bie zwei- ober breitaufenb Verwunbete, bie mit Splittern im Leib nach rückwärts hasten, bie zählen ja nicht. Das nimmt man nicht tragisch. Bei ben Deutschen Wirb es gleich noch anbere Verluste geben. Hört, wie das Trommelfeuer tobt unb mahlt! Wie eine riesige Mühle mahlt unb zermahlt seine rohe Kraft bie deutschen Jnfanterie- stellungen unb alles, Was barin lebt unb atmet.

Die besten französischen Sturrntrüppen stehen bereit. Ihre Offiziere schauen auf bie Uhr. Von brüben melbet sich nichts mehr. Keine Leucht­kugel, keine Maschinengewehrgarbe, nicht einmal ein Gewehrschuß,--

nichts mehr. Endgültig unb für immer ist der Feldgraue tot und verdorben, niedergestampst und vernichtet. Und mit den Batterien da drüben wird man ein grausiges Spiel treiben. Gleich beim Vorrücken werben fünf französische Batterien je eine beutsche Batterie vornehmen unb mit fünf­facher Ueberlegenheit bie beutschen Geschütze mit einem Höllenhagel von Granaten einfachen, bie Kanoniere in bie Deckungen jagen, um ben vor- rüdcnben Poilus freie Bahn zu schaffen.

Unb nun ist's 6 Uhr. Die StundeH" desTages I" hat gefchlagen--

. . . . ist heute morgen in breiten Abschnitten die Jnsanterieschlacht entbrannt."

Es ist fast schon heller Tag. Der Schnee fällt nur noch dünn, rieselt leise in auffrischendem Wind. Um 5 Uhr 59 Minuten ist das weite Schlacht­feld noch völlig menschenleer. Keine Bewegung als nur das nimmermüde Emporwirbeln der Erdfontänen. Kein Laut als das Johlen, Pfeifen, Heulen unb Schreien von Granaten, Splittern und Ausbläsern. Und jetzt,

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