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Nummer 55
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Keine Zeit mehr für Phrasen. Nur noch eine Zusammenstellung darf es sein, ein letzter Auftakt.
Er ruft einen Ordonnanzoffizier und befiehlt die Niederschrift des letzten Tagesbefehls, dieses Befehls, der einstmals — so glaubt Nivelle — in die Geschichte der französischen Armee eingehen wird, den man in hundert Jahren noch in Frankreichs Schulen mit Ehrfurcht nachsprechen soll — einen Befehl von napoleonischer Kürze und napoleonischem Elan:
„Die Stunde ist gekommen t--
Vertrauen!
Mut!
Es lebe Frankreich!"
Dieser letzte Tagesbefehl wird vervielfältigt. Zehn, hundert, tausend Fernsprecher summen und geben die kurzen Sätze weiter. Hunderte von Schreibmaschinen klappern, Hunderte von Hektographiermaschinen vervielfältigen ihn, Hunderttausende von Handzetteln nehmen die männlichen Worte auf. Stoßweise werden diese Blätter an die nach vorn marschierende Truppe verteilt. Stoßweise gelangen die Handzettel auch zu der bereits in Angriffsstellung liegenden Truppe, werden weitergereicht von Mann zu Mann durchgesagt und mit Uebermut vernommen.
Den farbigen Regimentern des Generals Mangin übersetzt man den Tagesbefehl. Allen Soldaten genügt der Wortlaut. Er enthält alles---
Nur der kommandierende General des XXXII. Armeekorps fühlt sich veranlaßt, diesem Nivelleschen Befehl noch einen eigenen Kommentar anzuhängen. Er gibt seinen Infanterie-Regimentern folgenden Wortlaut durch:
„Helden der Marne, von Wern, aus den Argonnen, von der Somme und von Verdun! Gestützt auf unsere furchtbare und genau schießende Artillerie, zusammen mit andern Divisionen, die stolz auf eure Kameradschaft und entschlossen sind, mit euch zu kämpfen, werdet ihr noch einmal einem unwürdigen Feind die Kraft eures Mutes zeigen. Dieser Feind hat eure Häuser geplündert und verbrannt, euere Frauen geschändet, euere Kinder und Greise verstümmelt und gemordet, unsere gefangenen Kameraden gemartert. So denkt daran, wenn ihr euere Gräben verlaßt, um zu stürmen. Es werden dann die Toten ans der Erde steigen. Und ihr werdet diese herrlichen Geister, umstrahlt vom Schimmer ihres unsterblichen Ruhms, segnend und euch begleitend über euch schweben sehen. Denn sie wollen den Angriff der Kameraden vom 32. Korps mitmachen. Deshalb seid würdig euerer Helden."
Dieser Korpsgeneral weiß nicht, wie unendlich kleinlich sein Befehl wirkt, und um ivietiiel besser es gewesen wäre, zu schweigen, besonders nach dem soldatischen Tagesspruch des Oberbefehlshabers. Vielleicht aber will dieser General nur noch die niedrigen Instinkte seiner Soldaten aufpeitschen, indem er ihnen die bekannten Greuellügen der Northcliff-Presse auftischt. Der Feind aber wird zu beweisen haben, daß er nicht unwürdig ist. Und er wird diesen Beweis antreten. Der Feind des 32. Armeekorps, der Feind all dieser 42 frischaufgefüllten Sturmdivisionen des „Generals Durchbruch", dieser aus 15 ausgebluteten und abgekämpften deutschen Divisionen bestehende Feind wird sich auch seiner eigenen bisher ruhnr- reichen soldatischen Vergangenheit würdig zeigen.
Er steht gerüstet!
Der „Tag I" zieht fahl und eisigkalt aus dem Dämmer der Ewigkeit. Die „Stunde H" naht!
Deutscher Heeresbericht.
Großes Hauptquartier, 16. April 1917.
Von Soissons bis Reims und im Westteil der Champagne hat der Feuerkampf bei stärkstem Einsatz der Artillerie und Minenwerfer angehalten.
Nach Scheitern feindlicher Erkundungsvorstöße am 15. April ist heute morgen in breiten Abschnitten die Jnfanterieschlacht entbrannt.
Der Erste Generalquartiermeister: Ludendorff.
Niedrig dahinziehende Wolken schütteln dünnes Schneegestöber über die Landschaft. Ein gutes und für Gasangriffe günstiges Wetter kündet sich an. Die Schluchten und tiefen Geländeeinschnitte am Damenweg dampfen vom abziehenden Qualm der Geschoßeinschläge. Die Artillerie- schkacht hat seit 3 Uhr etwas nachgelassen. Und auch die deutsche Gegenwirkung ist nicht mehr nennenswert. Die Gegner wollen sich nicht stören und die Franzosen möchten anscheinend ihrer Sturminfanterie den Gang zur vordersten Linie erleichtern.
In den Quartieren außerhalb der Feuerzone, hinter der französischen Front, herrscht um diese frühe Morgenstunde Hochbetrieb. Die Verfolgungsarmee des Generals Duchesne ist alarmiert. Langsam schiebt sich schon Regiment um Regiment in den Angriffsraum, dicht hinter die Stoßarmee. Nur die fünf Kavallerie-Divisionen bleiben noch etwas zurück. Sie wollen vorläufig die grundlos gewordenen Straßen und Anmarschwege nicht noch mehr verstopfen. Gleich nach Wiedereinsetzen des Feuerorkans zur letzten Sturmvorbereitung werden sie vortraben und sich in Wäldern und Wäldchen .bereitstellen Erst um die achte Morgenstunde wird ihre Zeit gekommen
Eine Armee meutert
SGHICKSALSTAGE FRANKREICHS 1917 Ein Bericht hon p. C. Ettighoffer
opyrlght b y Bertelsmann Gütersloh
10. Fortsetzung.
In den Haag vereinigen sich in diesen Tagen mehrere Männer ... iolitik und der Oeffentlichkeit aus dem Lager der Alliierten zu schwerwiegen- ut Beratungen. Anschließend gehen sie gemeinsam zu Tisch. Ein politisches iankett, auf dem man nichts, aber auch gar nichts von irgendwelcher diegsnot merkt. Kosten spielen keine Rolle. Die Alliierten zahlen alles. !t>er nein, es ist noch einer da, der zahlen wird. Der Poilu, der armselige femzösische Frontsoldat wird zahlen. Mit seinem Blut wird er zahlen ild Sühne leisten für eine Unbedachtsamkeit, die Champagnerlaune
zeugte.
Mehrere höhere Offiziere, Franzosen und Briten, sind zu diesem Bankett paden. Man schreibt den 14. April 1917. Und einer der französischen tifiziere wird übermütig, als zwischen Käse und Mokka das Gespräch »i immer noch tobende Artillerieschlacht an der Aisne berührt. Frohgelaunt n!lärt er:
„Uebermorgen früh werden wir sie haben! Am 16. April bei Tages- ikbruch werden unsere Poilus die deutsche Front zwischen Reims und Bissaus überrennen."
Er sagt es und tut lvichtig mit seiner Nachricht. Und ringsum horchen st auf, Alliierte und Neutrale. Der Offizier fühlt sich im Mittelpunkt des K'teresses und erivühnt noch weitere Einzelheiten. Und wenige Stunden ' feitet ist's kein Geheimnis mehr, daß am 16. April, bei Sonnenaufgang, K Nivellesche Feuerwalze rollen wird.
Der deutsche Nachrichtendienst arbeitet gut und erfaßt diese Unbesonnen- 5t, nutzt sie richtig aus. Die deutschen Armeestäbe lverden alarmiert.
' ldungen schwirren nach vorne, verteilen sich fächerförmig bis zu den Visionen und lveiter zu den Regimentern. Und darin heißt es:
„Achtung! Französischer Angriff scheint für 16. April bei Sonnen- luigang geplant."
, In allen Reservestellungen und bei allen Angriffsregimentern und in tiefgelagerten Naturgrotten und Höhlen rüsten die Feldgrauen ihre 8fifen zum großen Angriff. Aber auch die deutsche Artillerie steht nun p diese Stunde bereit. Ihr Schießen läßt im Lause der Nacht zum 16. April «ngsam nach. Die Rohre müssen neu gerichtet und abgekühlt sein, die Mu- Uivusstapel ergänzt werden. Nichts darf fehlen, wenn gleich die bunten Mergarben der deutschen Signalraketen das rasende Sperrfeuer anfordern.
Seit Tagen schon stehen die Trümmer der vom Trommelfeuer schwer Mütterten fünfzehn Divisionen bereit. Nun aber wissen sie mit einiger «iherheit, daß am 16. April in aller Frühe ihr tapferes Ausharren seine «ohuung finden wird. Dann endlich werden sie den Gegner vor ihre -Bildungen bekommen und nicht mehr ohnmächtig sein, nicht mehr kampflos * Trichterfeld liegen müssen, machtlos und ohne Gegenwehr.
Auch ohne die Warnung aus dem Munde eines unvorsichtigen fran- w chen Offiziers, der vielleicht auf dem Bankett in den Haag in reiner ^schußsreude zuviel auf den bevorstehenden großen Sieg getrunken steht die deutsche Abwehrfront bereit. Aber nun ist's ihr ein Trost, J'li die Qual des Ausharrens unter dem Trommelfeuer nicht noch einen vielleicht gar noch eine lange Woche dauern wird. Am 16. April, l11 Sonnenaufgang, wird es sein!
Inzwischen überlegt General Nivelle seinen letzten Tagesbefehl. Er ,'3, daß er jetzt, wenige Stunden vor dem Sturm, am Rande des „Tages 7, dicht vor der „Stunde H" seiner Truppe etwas sagen muß. Soll er Uuioch einmal die taktischen Ziele vor Augen führen? Nein, es ist alles S!l(0t, was gesagt werden mußte. Ein kurzer, markiger Tagesbefehl soll es M etwas, das auch der einfachste Soldat behält, das man von Trichter ^ Trichter, von Unterstand zu Unterstand, von Schulkerwehr zu Schütterer durchgibt, durchflüstert, durchraunt. Etlvas, das die Masse der Poilus Westert, etwas, das ans Herz greift und ein letzter Mahnschrei zur Pflicht- Wung ist.
. .General Durchbruch" richtet sich auf, atmet tief. Ueber der Brust ra«t sich das blaue Tuch seiner Uniform. Seine mahlenden Backenknochen «Mten Willen und Kraft. Mit weitem Blick schaut er durch die Wände seines z^ptquartiers in Dormans, und sein Geist ivandert hinüber zum fernen "'iweniöeg, wo seine Soldaten sturmbereit in der Ausgangsstellung liegen. J. *iun weiß er, was er diesem verkrusteten, verlausten, verdreckten, aber
'»bereiten und pflichttreuen Poilu zu sagen hat, diesem armen Hund, o ®we zu murren und ohne zu zaudern seine unerhörte Pflicht tun wird. *'Oe* Oberbefehlshaber weiß es. Große Worte sind nicht mehr am Platz.
®iefjener$amilkiiblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger


