Ausgabe 
21.4.1939
 
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geführt worden sei, ober er wollte, rote es der spätere Herausgeber ausdrückt,versuchen, ob man nicht unter dem Zucker solcher Liebes­beschreibungen auch eine Würze nützlicher Künste und ernsthafter Staats­fachen, besonders auch der Gewöhn- und Beschaffenheit Deutschlands mit einmifchen und also die zärtlichen Gemüter hierdurch gleichsam spie­lend und unvermerkt ober sonder Zwang auf den Weg der Tugend leiten und hingegen ihnen einen Ekel vor andern unnützen Büchern er­wecken könnte." Der Dichter hat ein vielseitiges Wissen in dem schwer übersehbaren Werk (2868 doppelspaltige Quartseiten!) niedergelegt. Be­merkenswert bleibt die nachdrückliche Mahnung an das deutsche Volk, sich der Ueberwäliigung vom Rhein her zu widersetzen. Diese Mahnung bedeutet kein Schlagwort der Zeit. Lohensteins Beruf als Syndikus der Stadt Breslau ließ ihn die Gefahren der Rheinpolitik Ludwigs XIV. in ihrem ganzen Umfange erkennen.

Doch ist fein Ruf mit dem gleichen geringen Widerhall verklungen wie der des Philosophen Leibniz anläßlich des Raubes von Straß­burg. Aber die darin bekundete Gesinnung wirkte fortzeugend, um über die Befreiungskriege hinweg die nationale und völkische Einigung der Deutschen herbetzuführen. Deshalb darf man wohl bei deren Erfüllung gelegentlich ihrer Vorstufen gedenken, zumal wenn sie gerade ein Biertel- jahrh ändert zurückliegen. ,

Oie Mär vom Schimmel ohne Kopf.

t Erzählung von Wolfgang Goetz.

Diese Geschichte ist buchstäblich wahr, so lügenhaft sie zu erzählen, vnd wenn auch ihre Achs« geradezu eine grobe Unwahrheit ist. Richt als oft wir uns zu jenen Rationalisten rechnen wollten, da die behaupten, Schimmel ohne Köpfe gäbe es nicht, haha! Blödsinn, so was zu glauben! Ach, meine Herren, der große Helmholtz hat einmal mit der ganzen Wucht seiner Autorität erklärt:Der Mensch wird nie fliegen können, das würde ja dem Gesetz der Schwerkraft Hohn sprechen." Seitdem sind mir olle apodiktischen Urteile etwas bedenklich. Ich selbst habe noch nie einen Schimmel ohne Kopf gesehen, doch gibt es viele Flecke in deutschen Landen, wo sich ein solches Gespenst gezeigt hat, wie einwandfreie und redliche Zeugen versichern. Was dieses Unwesen eigentlich bedeutet, wüß­ten wir nicht zu sagen. Ist es vielleicht das dem Wotan heilige Rotz, dem die christlichen Priester den Kopf abschlugen und das sich nun auf solche Weise rächt? Ach, Fallada, daß du hangest. Nun aber, das ist im Augenblick nebensächlich, denn wir wollen ja eine wahre Geschichte er­zählen und nicht Mythendeutung treiben.

Es lebt da also in der Nähe von Berlin ein wackerer Handwerker, man darf sagen, ein Künstler in fernem Fach. Wo viel Licht, da viel Schatten. Besagter Mann hat sogar zwei Schatten. Er ist unsagbar furcht­sam und huldigt dem Trünke. Welche dieser beiden Untugenden die Ur­sache und welche die Wirkung ist, wüßten wir nicht zu entscheiden. Viel­leicht wuchsen beide aus dem gleichen Stengel: aber auch das geht uns hier nichts an, weil wir ja eine wahre Geschichte erzählen wollen.

lieber die Angst ist die Gattin unseres Freundes nicht sehr unglücklich, ja, hin und wieder ist sie recht zufrieden. Hingegen ist sie eine ausge­sprochene Feindin des Alkohols, nicht an sich, aber des Alkohols, den ihr Ehewirt zu sich nimmt. Denn sobald er seine zehn Mollen hinter der Binde hat, ist er gar gewaltig, erlöst er die Welt, hält sich für den größten aller Menschen untz schwatzt einen erklecklichen Blödsinn zusammen.

Diese unerträgliche Haltung geht auch den Dorfbewohnern heftig auf die nicht eben allzu zarten Nerven. Auch haben sie ihn alle gern, wenn bloß der verfluchte Suff nicht wäre. Erst haben sie ganz fröhlich mit ihm getrunken, denn nach der fünften Molle gibt es meist Stubenlagen: er kann sich das leisten, denn er ist, wie gesagt, ein tüchtiger Kerl sonst und verdient hübsche Talerchen. Aber für Welterlöser haben die Dörfler nicht viel übrig und wenn einer zwei Stunden lang seinen Mitbürgern erzählt, was für ein fabelhafter Bursche er sei, so wird das auf die Dauer lang­weilig, zumal ja männiglich weiß, daß er in der Tat viel kann.

Also beschlossen sie, sich die Stubenlagen nicht mehr gefallen zu lassen. Wenn der Wackere nach einer solchen brüllte, erklärten sie mit düsteren Mienen, daß sie keinen Durst mehr hätten. So was nimmt man ja übet. Die Methode schlug fehl. Denn wenn er sonst befriedigt über seine Groß­herzigkeit gegen elf den Dorfkrug verließ, so brütete er jetzt bis Mitter­nacht und paßte auf, daß kein anderer sich noch was bestellte und trank brummig die elfte Moll«, weil er sich grämte über die Mißachtung feiner wohltätigen Seele.

Eines Abends war er über Land, und man beriet in feiner Abwesen­heit, wie dem liebel abzuhelfen fei. Keiner wußte Rat. Da war der Lehrer hereingekommen, hatte gefragt, was los fei, man hatte ihn belehrt, und der Lehrer hatte gegrinst. Das würde er schon machen, aber sie müßten alle mitspielen und nicht feixen. Was er denn anzustellen gedenke, fragten sie den Lehrer. Aber der sagt«, das wäre nicht gut, wenn er fein Geheimnis verriete, sonst ginge die Sache womöglich schief. Also nicht feixen und mitfpielen.

Nun muß man wissen, daß der Lehrer die lebendige Chronik des Dörfleins ist, daß er jeden Flurnamen kennt und deutet, die Märchen und Sagen sammelt, und daß er demnach als der beste Gewährsmann anzusprechen ist. Sie sollten ihn also verstohlen benachrichtigen, wenn unser Held mal wieder in Fahrt sei, bann würde er die Sache schon schmeißen, sagte der Lehrer. Das versprachen di« Bauern, und so geschah es denn auch am nächsten Tage.

Der Lehrer kam, als unser Freund noch nicht bei seinen Wefterlösungs- foeen angelangt war der Stellmacher hatte ihn 'geholt laut Verspre­chen, und sagteGuten Abend!"

Guten Abend", sagten die andern.

Der Lehrer war ein seltener Gast im Dorfkrug, und so entstand denn itin Schweigen. Auch unser Held schwieg; er war erst bei der dritten

Molle, und da hatte er noch Respekt vor einem andern, und nun gar vor dem Herrn Lehrer. Die andern aber wußten: jetzt tommts.

Tja", sagte der Lehrer.

Hm, hm , bestätigte der Chor der Dörfler.

Wieder Stille.

Letzte Nacht", sagte der Lehrer und fuhr sich mit der rechten Hand über die Stirne,letzte Nacht ist er wieder gesehen worden."

So?" sagte der Schmied.

Wer denn?" fragte der Zimmermann.

Der Schimmel ohne Kopf", erwiderte der Lehrer.

Hm", fugten die Dörfler und nickten mit dem Kopfe.

Wo denn?" fragte der Zimmermann.

Na, wie immer, an der Brücke über den Schäfergraben, beim Kuschel- dusch."

Pause. Es feixte keiner.

Ja. sagte der Schmied mit gefurchter Stirn,vor zwei, drei Wochen hab' ich ihn auch geseh'n."

Hier ist nun einzufügen, daß jeder Schauspieler vor Neid erbleichen muß, wenn so ein Dorfschmied Theater macht.

So, so", sagte der Bäcker und räusperte sich.

Nun blickten alle versonnen vor sich hin, und jede Bühne müßte auf solche Statisten stolz sein.

Indessen hatte sich unser Held gefaßt und fragte:Was?"

Der Lehrer verbarg sein leichtes Gähnen.Na, ja", sagte er bann, der Schimmel ohne Kopf."

Beim Kuschelbusch am Steg über den Schäfergraben?"

Wo denn sonst?" sagte der Schmied ungeduldig und steckte sein« Zigarre an.

Haha", machte unser Freund, es klang aber sehr verzweifelt und sein Antlitz war fahl.

Uebrigens", sagte der Bäcker,wißt ihr schon, daß Lademanns'Her- mine den Jüngsten von Mochow heiratet?"

Ahoi" sagte der Chor.

Beim Kuschelbusch am Steg über den Schäfergraben?" fragte noch­mals unser Meister, den die Verbindung der Familien Mochow und Lademann offenbar wenig anging.

Herrgott nochmal I" sagte der Bäcker,du kommst doch jede Nacht da vorüber. Ist er dir denn nie begegnet?"

Nein", röchelte der Belehrte und sah nach der Uhr.

Das war ja eigentlich klar, daß Lademanns Hermine den jüngsten Mochow nimmt. Sind ja Nachbarskinder."

Ich weiß nicht", sagte der Welterlöser,mir ist heute gar nicht gut, ich glaube, ich muß gehen. Wann zeigt sich denn der Schimmel? Ich meine, es ist ja alles Unsinn. Wann soll er sich denn zeigen, der komische Schimmel?"

Zwischen elf und eins", sagte der Lehrer sehr rasch.

Na, dann werde ich ihn ja heute nicht sehen. Mir ist wirklich nicht gut", sagte der Welterlöser und versuchte sich ganz umsonst an einem Gelächter.

Das ist aber schade, daß Sie schon gehen wollen", meinte der Lehrer.

3a, das ist schade, aber, wirklich, mir ist nicht gut."

Hiermit ging er. Die Uhr vom uralten Kirchturm Fontane schätzt ibn auf 1250 schlug just die zehnte Stunde.

Alles verharrte in eisigem Schweigen, bis keine Möglichkeit mehr war, daß der Heimkehrer einen Schuß im Dorfkrug hätte hören können. Dann aber freilich war das Gelächter und Getobe dem Gekrach einer Kartaum nicht unähnlich.

Guten Abend", sagt« der Lehrer und empfahl sich vergnügt.

Er hätte ein volles Recht gehabt, vergnügt zu sein, der Herr Lehrer. Und man war auch ein paar Tage vergnügt. Denn das Objekt dieser Gemeinschaftserziehung erschien wirklich eine Woche lang nicht im Dorf- trug.Das hat geholfen! Das hat er fein gemacht, unser Herr Lehrer, sagten die Leut. Und die Gattin des Furchtsamen erklärte beim Bäcker, ihr Mann sei ganz verändert und sie könne sich das gar nicht vorstellen, wie und woher.

Ja, aber Welterlösungsideen und Alkohol müssen eine außerordentliche Anziehungskraft besitzen. Denn nach dieser Woche der Einkehr war er wieder da, der Gute. Und nun bleibt er bis zwei Uhr sitzen, damit er dem Schimmel ohne Kopf beim Kuschelbusch am Steg über den Schäfer­graben nur ja nicht begegnet.

Man soll doch nicht lügen, selbst in bester Absicht nicht. Solches be­weist diese schöne und vollkommen wahrhafte Geschichte. Oder sollte jemand anderer Meinung sein?

Mir tut ja lediglich der Schimmel ohne Kopf leib. Er kann gar nichts dafür. Denn er ist überhaupt nicht am Kuschelbusch am Steg über den Schäfergraben zu sehen, obschon ich selbigen zwischen elf und zwei hin und wieder überschritt. Ader das mag Zufall fein, daß ich ihm nicht be­gegnete, dem Schimmel ohne Kopf, dem guten, indes die Kufchelbufch- roipfel ihr Nachtlied säuseln.

Das sind sehr nachdenkliche Dinge.

Sieh da, mein Welterlöser kommt. Ich erhebe mich schleunigst. Es ist erst sechs Uhr. Es ist demnach gar keine Aussicht, dem Schimmel ohne Kopf zu begegnen. Außerdem es mögen so viele Schimmel ohne Köpf« in deutschen Landen herumlaufen an unserem Schäfergraben wurde er bestimmt nicht gesichtet. Leider. Das macht die Lüge. Sonst käme es mir wohl entgegengestrebt, das Untier. Ich möchte ihn doch so gerne sehen, den Schimmel ohne Kopf oder die weiße Frau, selbst den Fall eines Unglücks gesetzt. Ich möchte.

Aber die Geister und Gespenster lassen sich nicht rufen. Sie sind nach ihrem eigenen Gefallen da und weg.

Schade!

Verflucht, aber wir lügen ja alle. Oder nicht? Schimmel mit und ohne Kopf. Es ist bettüblich.

Deranttvortlich: Dr. Han» Thyrtot. - Druck und Derlag: Brühlsche Aniversttätsdruckerei «.Lange, Gießen.