Ausgabe 
21.4.1939
 
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Hreltag, den 2b April

Nummer 5(

Zhrgang (959

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um wären, dann mausre er sich, dann ginge die ganze schülbrige Häut ab, und dann hab er «ine Haut wie ein Baby. Und er täte das alles aus Eitelkeit, denn ein glatter eleganter Teint sei doch eigentlich das Beste, was man haben könne. Und dabei sah er mich so an, daß ich nicht gleich eine Antwort finden konnte. Ach, ihr Männer! Aber das ist doch wahr, ich hatte von Anfang an ein rechtes Attachement für ihn und nahm nicht Anstoß an feiner Redeweise, die sich mitunter in langen Ausführungen, aber doch viel, viel lieber noch in einem bestän­digen Hin und Her erging. Einer seiner Lieblingssätze war: ,Ach kann es nicht leiden, wenn ein einziges Gericht eine Stunde lang auf dem Tische steht; nur nicht immer dasselbe, mir ist es angenehmer, wenn die Gänge rasch wechseln.' Und so sprang er immer vom Hundertsten ins Tausendste."

Nun, da müßt ihr euch freilich gefunden haben", lachte Botho.

Haben wir auch. Und wir wollen uns Briefe schreiben, ganz in dem Stil, wie wir miteinander gesprochen; das haben wir beim Abschied gleich ausgemacht. Unsre Herren, auch deine Freunde, sind immer so gründlich. Und du bist der gründlichste, was mich mitunter recht bedrückt und ungeduldig macht. Und du mußt mir versprechen, und so zu sein wie Mr. Armstrong, und ein bißchen mehr einfach und harmlos plaudern zu wollen und ein bißchen rascher und nicht immer dasselbe Thema."

Botho versprach Besserung, und als Käthe, die die Superlative liebte, nach Vorführung eines phänomenal reichen Amerikaners, eines absolut kakerlakigen Schweden mit Kaninchenaugen, und einer faszinierend schönen Spanierin mit einem Nachmittagsausfluge nach Limburg, Oranienstein und Nassau geschlossen und ihrem Gatten abwechselnd die Krypt, die Kadettenanstalt und die Wasserheilanstalt beschrieben halte, zeigte sie plötzlich auf die Schloßkuppel nach Charlottenburg und sagte: Weiht du, Botho, da müssen wir heute noch hin, oder nach Westend, oder nach Halensee. Die Berliner Luft ist doch etwas stickig und hat nichts von dem Atem Gottes, der draußen weht und den die Dichter mit Recht so preisen. Und wenn man aus der Natur kommt, so wie ich, so hat man das, was ich die Reinheit und Unschuld nennen möchte, wieder liebgewonnen. Ach, Botho, welcher Schatz ist doch ein un­schuldiges Herz. Ich habe mir fest oorgenommen, mir ein reines Herz zu bewahren. Und du muht mir darin helfen. Ja, das muht du, ver­sprich es mir. Nein, nicht so; du muht mir dreimal einen Kuß auf die Stirn geben, bräutlich, ich will keine Zärtlichkeit, ich will einen Weihe­kuh ... Und wenn wir uns mit einem Lunch begnügen, natürlich ein warmes Gericht, so können wir um drei draußen sein."

Und wirklich, sie fuhren hinaus, und wiewohl die Charlottenburger Luft noch mehr hinter demAtem Gottes" zurückblieb als die Berliner, so war Käthe doch fest entschlossen, im Schloßpark zu bleiben und Halensee fallen zu lassen. Westend sei so langweilig und Halensee sei noch wieder eine halbe Reise, fast wie nach Schlangenbad, im Schloß­park aber könne man das Mausoleum sehen, wo die blaue Beleuchtung einen immer so sonderbar berühre, ja, sie möchte sagen, wie wenn einem ein Stück Himmel in die Seele falle. Das stimme dann an­dächtig und zu frommer Betrachtung. Und wenn auch das Mausoleum nicht wäre, so wäre doch die Karpfenbrücke da, mit der Klingel dran, und wenn dann ein großer Mooskarpfen käme, so wär es ihr immer, als käm ein Krokodil. Und vielleicht wär auch eine Frau mit Kringeln und Oblaten da, von der man etwas kaufen, und dadurch im kleinen ein gutes Werk tun könne, sie sage mit Absicht eingutes Werk", und ver­meide das Wort christlich, denn Frau Salinger habe auch immer gegeben.

Und alles verlief programmäßig, und als die Karpfen gefüttert waren, gingen beide weiter in den Park hinein, bis sie dicht an das Belvedere tarnen mit [einen Rokokofiguren und feinen historischen Er- innerungen. Von diesen Erinnerungen wußte Käthe nichts, und Botho nahm deshalb Veranlassung, ihr von den Geistern abgeschiedener Kaiser und Kurfürsten zu erzählen, die der General von Bischofswerder an eben dieser Stelle habe erscheinen lassen, um den König Friedrich Wil­helm II. aus seinen lethargischen Zuständen oder, was dasselbe gewesen, aus den Händen seiner Geliebten zu befreien und ihn auf den Pfad der Tugend zurückzuführen.

Und hat es geholfen?" fragte Käthe.

Nein."

Schade. Dergleichen berührt mich immer tief schmerzlich. Und wenn ich mir dann denke, daß der unglückliche Fürst (denn unglücklich muß er gewesen fein) der Schwiegervater der Königin Luise war, so blutet mir das Herz. W i e muß sie gelitten haben! Ich kann mir immer in unserem Preußen solche Dinge gar nicht recht denken. Und Bischofs­werder, sagtest du, hieß der General, der die Geister erscheinen ließ?"

3a. Bei Hofe hieß er der Laubfrosch."

Weil er das Wetter machte?"

ötmngen Wirrungen

Roman öon Theoöor Fontane

(Schluß.)

Fünfundzwanzig st el Kapitel.

Es war ein herrlicher Morgen, der Himmel halb bewölkt, und in hit leisen Westwinde, der ging, saß das junge Paar aus dem Balkon uO sah, wahrend Minette den Kaffeetisch abräumte, nach dem Zoologi­en und seinen Elefantenhäusern hinüber, deren bunte Kuppeln im torgenbämmer lagen.

Ich weiß eigentlich noch nichts", sagte Botho,du bist ja gleich ein- zxchlafen, und der Schlaf ist mir heilig. Aber nun will ich auch alles »pien. Erzähle."

Ja, erzählen; was soll ich erzählen? Ich habe dir ja so viele Briefe lud)rieben, und Anna Grävenitz und Frau Salinger mußt du ja so gut tunen wie ich oder eigentlich noch besser, denn ich habe mitunter mehr schrieben, als ich wußte."

Wohl. Aber ebenso oft hieß es, .davon mündlich'. Und dieser Mo- ts nt ist nun da, sonst denk ich, du willst mir etwas verschweigen, i n deinen Ausflügen weiß ich eigentlich gar nichts, und du warft dich in Wiesbaden. Es heißt zwar, daß es in Wiesbaden nur Obersten uO alte Generale gäbe, aber es sind doch auch Engländer da. Und bei Tgländem fällt mir wieder dein Schotte ein, von dem du mir erzählen

SiehenerZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

raiöteft. Wie hieß er doch?"

Armstrong; Mr. Armstrong. Ja, das war ein entzückender Mann, Hb ich begriff seine Frau nicht, eine Alvensleben, wie ich dir, glaub M schon sagte, die beständig in Verlegenheit kam, wenn er sprach. lli> er war doch ein vollkommener Gentleman, der sehr auf sich hielt, mit) dann noch, wenn er sich gehen ließ und eine gewisse Nonchalance )qte. Gentleman bewähren sich in solchen Momenten immer am besten. i"inst du nicht auch? Er trug einen blauen Schlips und einen gelben -immeranzug und sah aus, als ob er darin eingenäht wäre, weshalb 11 na Grävenitz immer sagte: Da kommt das Pennal. Und immer ging n mit einem großen ausgespannten Sonnenschirm, was er sich in Indien »gewähnt hatte. Denn er war Offizier in einem schottischen Regiment, k* lange in Madras oder Bombay gestanden, oder vielleicht war es ach Delhi. Das ist aber am Ende gleich. Was der alles erlebt hatte! .« Mne Konversation war reizend, wenn man auch mitunter nicht wußte, f,en, Mr ei* man's nehmen sollte."

--O »Also zudringlich? Insolent?"

t ,Jch bitte dich, Botho, wie du nur sprichst. Ein Mann wie der;

" Malier comme il faut. Nun, ich will dir ein Beispiel von seiner wt zu sprechen geben. Uns gegenüber saß die alte Generalin von ® beU, und Anna Grävenitz fragte sie (ich glaube, es war gerade der »chrestag von.Königgrätz), ob es wahr fei, daß dreiunddreißig Wedells » Siebenjährigen Kriege gefallen fein? was die alte Generalin bejahte, - 'i.Zusetzend, es wären eigentlich noch einige mehr gewesen. Alle, die Machst saßen, waren über die große Zahl erstaunt, nur Mr. Arm- nnng nicht, und als ich ihn wegen seiner Gleichgültigkeit scherzhaft ft Rede stellte, sagt er, daß er sich über so kleine Zahlen nicht auf- ie«en könne. .Kleine Zahlen', unterbrach ich ihn, aber er setzte lachend, um mich zu widerlegen, hinzu: von den Armstrongs seien ein- kndertdreiunddreißig in den verschiedenen Kriegsfehden seines Clans Metommen. Und als die alte Generalin dies anfangs nicht glauben »Ute, schließlich aber (als Mr. A. dabei beharrte) neugierig frug: ob 2 n alle hundertdreiunddreißig auch wirklich .gefallen feien'? sagte er: in, meine Gnädigste, nicht gerade gefallen, die meisten sind wegen » rdediebstahl von den Engländern, unseren damaligen Feinden, ge- ;e kt worden.' Und als sich alles über dies unstandesgemähe, ja, man wohl sagen, etwas genierliche Gehenktwerden entsetzte, schwor er, 131 täten unrecht, Anstoß daran zu nehmen, die Zeiten und Anschau- «»en änderten sich, und was seine doch zunächst beteiligte Familie be- W«, so sähe dieselbe mit Stolz auf diese Heldenvorfahren zuruck. Die httische Kriegsführung habe dreihundert Jahre lang aus Viehraub und ! rdediebstahl bestanden, ländlich sittlich, und er könne nicht finden, 1(1 Ein großer Unterschied sei zwischen Länderraub und Diehraub.

».Verkappter Welfe", sagte Botho.Aber es hat manches für sich. . i,iZ'®ero*6- Und ich stand immer auf seiner Seite, wenn er sich m wjen Sätzen erging. Ach, er war zum Totlachen. Er sagte, man jllfe nichts feierlich nehmen, es verlohne sich nicht, und nur das WMein sei eine ernste Beschäftigung. Er angle mitunter vierzehn |pe lang im Loch Neß oder im Loch Lochy, denke dir, solche komische i^men gibt es in Schottland, und schliefe dann im Boot und mit ; 'C,nenaufgang stünd er wieder da, und wenn dann die vierzehn Tage