Ausgabe 
20.11.1939
 
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Mozart-Melodien.

Von Rudolf Paulsen.

Meine Geige singt, Wie mein Herz erklingt. Meine Lieder sind So liebleidvoll und leise.

Summend wie der Wind Und ein Frühlingskind, Das sich zierlich schwingt So großen Augs im Kreise.

Immer abendlang Geig' ich sanften Sang, Bis ich Frieden fand. So müd im süßen Traume.

Fährt ein Boot zu Land' An den Heimatstrand, Und nun ruht der Klang So selig unterm Baume.

Sieh doch, wie sich schon der Baum begrüntl Hör' doch, wie dort schon ein Bogel singt! Singe du nun auch!

Grüne wie der Strauch!

Und werde wieder frühlingsfroh!

Tu du wie Strauch und Vogel so!

Geige, stimme mir ein Liedchen an!

Hör' doch, was die kleine Geige kann!

Wie sie Töne sprüht!

Blüht nicht dein Gemüt?

Ja, Lieder spricht dein Frauenmund Und macht dein Herz den Blumen kund.

Was ich geige, ift für dich gegeigt; Zeige, Liebe, was die Herzuhr zeigt, Die nun rascher schlägt, Sacht vom Wind bewegt!

Run höre doch: wir schwingen schon. Wir zwei, in einem reinen Ton.

Verantwortlich: l)r. Fr. W. Lange.- DruH und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei, R. Lange, Gieße".

Deutsche Musik.

Von Dr. Erwin Kroll.

Daß die deutsche Musik Weltgeltung hat, können auch unsere Feinde nicht leugnen. Mag man Italien als das Mutterland der Tonkunst bezeichnen, in Deutschland hat diese Kunst chren höchsten Flug ge­nommen, hier ist sie über allen schönen Schein hinaus Offenbarung des Unaussprechlichen, Metaphysischen geworden: diefaustischste" aller Künste. Was wären Konzerte in Paris und London, in Kopenhagen und Stockholm, in Neuyork und Buenos Aires, in Kapstadt, Sidney und Tokio ohne Bach, Mozart, Beethoven, Schubert und Brahms? Was finge man in den Opernhäusern des Auslandes ohne Wagner an? Mag auch Beethovens und Schillers HoffnungAlle Menschen werden Brü­der" noch immer nicht verwirklicht sein, die Herrschaft der deutschen Musik umspannt den ganzen Erdball. Und wie steht es um di« Aus­nutzung der musikalischen Bildungsmöglichkeiten, die unser Land ge­währt? Noch bis vor wenigen Wochen strömten sie aus aller Herren Länder zu uns, um zu lernen: Engländer. Skandinavier, Slawen, Ro­manen, Amerikaner, Inder und Japaner. Es gab und gibt erstaunlich viele Komponisten, Dirigenten und Lehrer, die unserer deutschen Musik Entscheidendes verdanken. Deutschland in der Welt voran das gift schließlich auch für die Erzeugnisse des deutschen Jnstrumentenbaues, für unsere Orgeln, Klaviere und Harmonikas.

Aber die Wirkung unserer Musik geht noch tiefer. Sie hat in vielen Ländern Schule gemacht, und erst durch sie sind zahlreiche National- musiken in der Welt entstanden. Das zeigen uns gleich die europäischen Nordstaaten. Der Dichter Jens Vaggesen sagte einmal:Die deutsche Schule hat Dänemark die erst« dänische Musik gebracht, und zwar o tief von Grunde der Quelle, daß kein Däne sie so lauter bringen wird." Der bekannte deutsche Liederkomponist I. A. P. Schulz und nach ihm F. L. A. Kunzen, C. E. F. Weyse und Fritz Kahlau waren es, die um 1800 herum in Dänemark für Oper, Lied und Instrumentalmusik eine nationale Sprache schufen. Auch I. P. E. Hartmann, ein Haupt- Vertreter der dänischen Oper zur Zeit der Romantik, war deutscher M>- kunft, und sein Schwiegersohn N. W. Gade, der dänischste unter diesen Komponisten, kommt aus dem Kreise der Leipziger Komponisten und war begeisterter Schumannianer. Aber der Einfluß Robert Schumanns beschränkt sich nicht nur auf die Nordstaaten, sondern ist auch sonst im europäischen Auslande spürbar und wird später nur durch den Richard Wagners übertroffen.

Die neuere Musik Norwegens, Schwedens und Finn­lands ist der deutschen gleichfalls stark verpflichtet. E. Grieg, Eh. Sinding, I. Svendsen und H. Kierulf waren Schüler des Leipziger Kon­servatoriums und folgten den Spuren Schumanns oder Wagners. Auch der Norweger G. Schfelderup, der schließlich ganz nach Deutschland über- siedelte, ist Wagnerianer. In der schwedischen Musikgeschichte begegnen uns deutsche Meister I. G. Naumann und Abt Vogler. Sie waren als Organisatoren und Opernkomponisten vor 1800 in Stockholm tätig. C. M. Bellmann, der geniale Improvisator, und F. Berwalb, bekannter Instrumentalkomponist, sind deutschen Geblüts, und neben Hallström waren es wieder drei Musiker Leipziger Schulung, die eine national- schwedische Musik begründeten: A. I. Södermann und A. Hallen, beide begeisterte Anhänger Liszts und Wagners. Die Väter der finnischen Nationalmustk sind die Deutschen F. Pacius und R. Faltin, jener in Hamburg, dieser in Danzig geboren. M. Wegelius und R. Kajamus, die ihnen folgten, bildeten sich gleichfalls in Deutschland, vornehmlich in Leipzig, aus, und der Großmeister der finnischen Musik, I. Sibelius, hat in Berlin und Wien studiert.

Als erster bewußt russischer Komponist gilt der um 1830 wir­kende M. Glinka. Er war Schüler von S. Dehn in Berlin und erhielt von diesem die Anregungen zu seiner in Rußland epochemachenden Oper Der Leben für den Zaren". Als gereifter Künstler reiste er noch ein­mal zu seinem hochverdienten Lehrer nach Berlin, um sich mit ihm über die Harmonisierung der russischen Volkslieder und geistlichen Gesänge zu beraten und so, wie er meinte,den abendländischen, (d. h. deutsches Fugenstil mit den Grundbedingungen der russischen Musik durch die Bande einer legitimen Ehe zu verknüpfen". Es war die Zeit der deut» schen Romantik, die in ganz Europa eine Besinnung auf das Völkische in Kunst und Leben heraufführte. Die schöpferischen Anregungen der deutschen Musik zeigten sich in Rußland weiterhin vor allem an Tschai­kowski und Rimski-Korssakow. Jener bekennt sich zu Schumann und Liszt, dieser zu Liszt und Wagner. Daß Polen, was feine Musik angeht, fast als ein Kolonialland unseres Reiches angesehen werde» muß, ist in diesen Tagen öfter bargetan worden. Als Schöpfer der pol­nischen Nationalmustk wird der in Schlesien geborene I. Elsner an­gesehen. Er war auch Lehrer der beiden betont polnischen Komponisten F. Ehopin und St. Moniuszko. Chopin sagte in den letzten Tagen seines Lebens zu seinen trauernden Freunden:Als Andenken an mich spielt Mozart."

In Böhmen und Mähren hat sich deutsche und slawische Musil von jeher durchdrungen, wobei die deutsche durchaus in der Führung war. F. Smetana, der als Erster eine national-böhmische Tonkunst schuf, erfreute sich der Gönnerschaft Liszts, und seine vaterländischen symphe- Nischen Dichtungen zeigen ihn als Komponisten in der Nähe seines Meisters. A. Dvorak, der zweite große böhmische Musiker, wurde vorn Brahms gefördert. Von Ungarn wissen wir das meiste durch Brahms Ungarische Tänze und die Ungarischen Rhapsodien Liszts, der seinerseits auf F. Erkel, einen der bedeutendsten einheimischen Musiker und Schöp­fer nationlgetönter Werke, starken Einfluß hcftte. In E. Dohnanys Schaffen begegnen sich Wagnersche und Brahmsche Einflüsse. Im übrigem gibt es eine lange Reihe von deutschen Meistern, die vorübergehend im Ungarn weilten und ihre Werke schufen. Sie reicht von Haydn uh» Schubert bis zu R. Volkmann. Wie stark auch in den südslawi­schen und den Balkan-Ländern die Bindungen zur deutschem Musik sind, hat sich gerade in den letzten Jahren gezeigt. Als Kuriofuim sei erwähnt, daß die rumänische Nationalhymne (wie übrigens auch dE lettische, finnische und estnische) von einem Deutschen stammt.

Wechseln wir zu den Westromanen hinüber, so zeigt sich d^ Mitschöpfer der spanischen Nationaloper, F. Pedrell als begeistertes Wagnerianer. In Lissabon haben mehrfach deutsche Musiker als Lehre« gewirkt, z. B. E. Humperdinck. Eine der einflußreichsten Persönlichkeitem im Musikleben Portugals, I. Dianna da Motta, war Schüler Liszts un® Bülows. Die Namen Gluck und Händel sind ein Beweis dafür, daß auG die französische und englische Musikentwicklung zeitweise stark unter dem» sch em Einfluß stand. Glucks Reform, begonnen durch den Pariser Sie« seiner ,Lphigenie", wies der französischen Oper neue Wege, und Händel» der England seine Oratorien schenkte, eröffnete die Reihe der groß? deutschen Musiker, die, gastweise in London weilend, das englische Musu- leben stark anregten. Ehr. Bach, I. Haydn, C. M. von Weber unD M. Bruch sind die bedeutendsten unter ihnen. . . _

Welche große Rolle die deutsche Musik in Uebersee spielt, M* erfahren wir am besten durch die Berichte unserer reisenden Dirtuojen- Man muß einen Kempff oder einen Backhaus erzählen hören, mte »e- geiftert man drüben in Amerika oder in Japan die Kunst Bachs un Beethovens, Mozarts und Schuberts aufnimmt, wie ernstlich man o » müht ist, sich mit ihrer Ton weit vertraut zu machen und damit Brua nach Deutschland zu schlagen, di« jeder Zerstörung trotzen. .

berechenbareTrotzdems" überspringt. Doch wäre es denkbar, daß einer ein Genie der Anlage nach ist und dennoch kein Großmeister wird, well das Fehlen von Glück und Stern kein entsprechendes Lebenswerk hat Zustandekommen lassen. , m r m .

So müßte man wohl unterscheiden zwischen Großmeisternaus Genie und Leistung" und Kleinmeistern, die entweder nur Talente oder frag­mentarische Genies barfteUen. Es mag seltene Grenzfälle dazwischen geben fiugo Wolf wäre vielleicht einer) aber meist wird die Entschei­dung nach obigen Gesichtspunkten klar gefällt werden können. Wozu noch bemerkt werde, daß ein Talent ersten Ranges kulturell hachwertooll sein kann und es deshalb töricht ist, die Bezeichnung alsKlemmeister kränkend zu finden (wie es mir manche Künstlerwitwe in entschuldbarer Gereiztheit oargewarfen hat, der ich in meinerGeschichte der deutschen Musik" gerade den Kleinmeistern größte Liebe zugewandt habe). Ich sagte die Entscheidung zwischen Graß- ober Kleinmeister lasse sich gerade wegen ihrer gegensätzlichen Wesensart meist unschwer treffen freilich gehört dazu Intuition. Und wenn diese Anschauungskraft dem Volks- ganzen zuzutrauen ist, wieviel mehr nach Abzug der erwähnten ich- tümlichen Begrenzungen dem zeitgenössischen Künftlerurteil den schaf­fenden Meistern selbst als höchster Volkstumsblüte. So wird auch ,chie Musikgeschichte" das Urteil eines Pfitzner über Seinesgleichen nie bevor- munden dürfen, sondern stets mit Ehrfurcht als wichtigsten Material­beitrag zu verbuchen haben. Die Endentscheidung fteilich steht keinem Einzelrichter, sondern dem Volk als Ganzem zu.