Mozart-Quartett.
Von Hugo Salus.
Tempel der Kunst, wie bist du, Wort, y.ut wahr!
Vielhundert Menschen füllen deine Halle Und fromm begeistert sind ein Lauschen alle. Vier Priester halten Hochamt am Altar.
Rhythmisch bewegte Luft! Wie wunderbar: Mit ganz verschiednen Wünschen kamt ihr alle, Mann, Weib, Greis, Jugend; jetzt dem schönen Schalle Beut dürstend ihr die gleiche Sehnsucht dar.
Ihr fühlt euch erdentrückt und atmet kaum.
Gewährt euch Seligkeit der Heilige Geist, Daß euer Auge taubefeuchtet glänzt?
Kein Geist, doch reinste Schönheit füllt den Raum, Wohlklang, der eure Seelen aufwärts weist, Daß eine Rosenkette euch umkränzt.......
inner«
Die heilige Dreizehn der deutschen Musik.
Von Professor D. h. c. Dr. Hans Joachim Moser.
Hans Psitzner, den ich als den in seiner Schaffensart deutschesten unter den lebenden Tonschöpfern verehre, hat seinen viel- deachteten Vortrag „Robert Schumann — Richard Wagner, kine Sternenfreundschaft" im „Innern Reich" drucken lassen und damit ein bisher zu unrecht meist übersehenes oder auf den bekannteren Antagonismus Wagner-Brahms umgebogenes Thema, das tief in die Künftler- psychologie hineinleuchtet, in der für Pfttzners temperamentvolle Blick- weise und Darstellungsform bezeichnenden Gestalt kräftig angeschlagen. Cs ließ sich zu diesem Gegenstand noch vieles beibringen — z. SB., daß zu der erdenbeschränkten Feindschaft beider Kulturkreise sicher auch der instinkthafte Widerstreit der Frauen Clara und Cosima vieles bei-
«tragen hat, die über das, „was sich ziemt" in der Kunst, der gegensätzlichsten Meinung gewesen sind. Gewiß wird von Pfitzners Abhandlung noch mancher fruchtbare Anstoß aüsgehen. Daß der Meister im Verlauf einer Darlegungen einmal schließt „darüber entscheidet die Musik- Schichte", mag es begründen, daß ich als Musikgeschichtler zu einem ier von ihm angeschnittenen Sonderproblem das Wort ergreife. Nicht «ls wäre der Musikhistoriker „der" Entscheidende, sondern weil er immerhin der sachbefahte Sekretär der von der Historie selbstherrlich getroffenen Beschlüsse heißen darf;
Pfitzner erzählt: „In München, im großen Odeonssaal, waren zehn kroße Büsten ausgestellt derjenigen zehn Meister, die den Begriff Deutsche Musik' so recht erschöpfen. Es waren die Büsten von Bach, handel, Gluck, Haydn, Mozart, Beethoven, Weber, Schubert, Schumann, Wagner. Gewiß die rechte Wahl! Eines schönes Tages verschwand die Büste von Robert Schumann und an ihrer Stelle war die von Kranz Liszt zu sehen... In den Ehrensaal der schaffenden deutschen Nusiker, der genialen deutschen Komponisten gehört Liszt nicht hinein. ?ch habe nun doch die große Freude erlebt, daß die Schumann-Büste wieder an Stelle der anderen im Odeonssaal aufgestellt ist."
Soweit Pfitzner. Da er an Liszt anderseits den wunderbaren Menschen, den begnadeten Reproduzierenden, den hochverdienten Organisator voll anerkennt, so läßt sich seiner Bewertung von Liszt und Schumann 0I5 Komponisten voll beistimmen — es kommt bei der Frage nicht darauf an, wieviel zukunftskräftige Anregungen von Liszt ausgegangen sind, sondern was die Werke selbst an Ursprünglichem und Bollendetem enthalten.
Di« Frage jedoch, die ich anfchneiden möchte, ist diese: ob mit den ^nannten zehn Meistern tatsächlich der Begriff Deutsche Musik fo recht erschöpft ist? Ich glaube es nicht. Wohlverstanden und begreiflicherweise dreht sich die Unterhaltung nicht um die noch Lebenden. Es war ein weiser Grundsatz König Ludwigs I., daß die Standbilder von Be- nihmtheiten er st vierzig Jahre nach ihrem Tode in der W also lla aufgestellt werden sollten — und selbst diese „Bewährungsfrist" ist wch keineswegs endgültig; denn wieviele Namen, die man im Gang tord) den Regensburger Ruhmestempel antrifft, grüßt man heut schon mit lächelnder Verwunderung über die Wandelbarkeit des Ruhms... Mit Staunen sieht man auch im Schinkelsaal des Staatlichen Schauspielhauses in Berlin, wer vor 120 Jahren zu den größten deutschen Ton- setzern gerechnet worden ist — wer kennt noch heute etwa Peter Winter?!
kann also nur um die größten, körperlich verstorbenen Meister der Kutschen Musik gehen. „ ...
Daß der Aufstellungsort jener Büsten, ein Konzertsaal, nicht für die Auswahl entscheidend gewesen fein kann und sein soll, zeigen die Namen °on G l u ck und W e b e r , die auf dem Podium eine nur geringe Rolle Ip-elen. Daß Pfitzner diese beiden trotz ihrer fast nur auf das Theater beschränkten Nachwirkung als voll gelten läßt, ist nicht nur bem Dpern= meister zugute zu halten (er hat selbst einmal fast überspitzt gefmnebeii, Neber sei wesentlich nur dazu geboren worden, um den „Freischütz zu schreiben), sondern will sichtlich statt der kompendiösen „Grotze die Nesensdichte gerade des Deutschgearteten an ihnen bezeichnen. Daß dabei ®l u tf trotz der beschämend geringen Aufführungsziffern unlerer Spiel- Piine (Puccini zu Gluck fchätzungsweise wie hundert zu eins!) nicht aus- hächaltet wird, fei Pfitzners Qualitätsinstinkt hoch angerechnet. Denn die -Seutschheit" Glucks empfiehlt sich nicht geradeswegs durch Stabreim, hierbannfanfaren und Meisterappell (worin sie ja auch bei Wagner nur ®r die Obenhinfehenden besteht), sondern sie wird trotz italienischer und s'onzösifcher Libretti und antikischer Stoffwahl, bie eben zur <jeit- ikbundenheit rechnen, ummegig und dennoch eindrücklichst aus Der ge- ^ltigen Charakterleistung des unmusikantischen „Willens zum heroi chen £iama" deutlich. Wenn wir also trotz der einseitigen Bezogenheit auf die Musikbühne diese zwei deutschen Schaffenden unter den Großmeistern "lerer Tonkunst nicht missen möchten, so wird man auch zwei anderen,
sür deren Ausnahme ln diesem yedachien Krels der Erlauchtesten Ick werben möchte, die Einseitigkeit ihres Hauptschassensdezirks nicht vorwerfen dürfen: evangelische Kirchenmusik dem einen, Symphonik dem anderen: ich meine Schütz und Bruckner.
^.Wer entgegnen wollte, Heinrich Schütz fei eine nur noch geschichtliche Gröhe, der würde damit nur beweisen, daß er das wirkliche musikkulturelle Geschehen der letzten fünfzehn Jahre gerade an feiner erfreulichsten Front selig verschlafen hat. Schütz ist, das läßt sich aus den Verlags- und Aufführungsstatistiken mehr äußerlich und an dem Echo in unserm Schrifttum wie in den Herzen vieler Zehntausende mehr inner- Uch beweisen, nun in einem über hundert Jahre währenden und zuletzt machtvoll anschwellenden Crescendo zu einer Kulturmacht nicht nur in der protestantischen Kirche (eine Reihe seiner Werkkreise reichen auch ins Katholische und ins Weltliche hinüber), sondern in der musizierenden Jugend und in der hörenden deutschen Welt überhaupt in einem Umfang geworden, daß sich seine Auswirkung heute weit über diejenige Glucks und Webers, ja vielleicht sogar über diejenige von Schubert und Schu- mann erhebt. Es soll Pfitzner kein Vorwurf daraus gemacht werden, daß er des Riefen aus dem Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges nicht gedacht hat — es gehört zu dem eigentümlich vielzelligen Bau der deutschen Musikwelt, daß aus seiner Generation, von seiner Musikdramatik und von „München" (ich meine in weiterem als nur dem geographischen Sinn) her diese umfassende Schütz-Bewegung vielleicht noch nicht so erschaut worden ist. Aber sie ist da, und gerade daß sie so spät rind so allgemein kommt, unterscheidet sie von der weit eher „gemachten" und darum Episode gebliebenen, löblichen „Bewegung" der HäiÄelschen Opern» renaissance. Daß es sich bei Schütz neben allem herrlichen Absolut-Künstlerischen und religiös Bedeutsamen obendrein gerade auch um die außerordentliche Intensität feiner Wesensdeutschheit handelt, glaubte ich in einer großen Schütz-Biographie kürzlich gezeigt zu haben. So gut niemand unter dem Dutzend größter italienischer Tonsetzer Palestrina wird missen wollen, so wenig ist meiner Ueberzeugung nach Heinrich Schütz künftig mehr aus dem Areopag der größten deutschen Tonschopser Hinwegzudenken.
Das wäre der Elfte. Der zwölfte ist A n t o n B r u ck n e r. Ob er nicht jene Wagnersche Annahme, die Pfitzner zutreffend für den Urgrund der Bayreuther Schumann-Feindschaft hält, nach Beethoven „dürste" es keinen großen deutschen Symphoniker mehr gegeben haben, noch ganz anders als Schumann widerlegt hat? Natürlich ist das vergleichende „Messen" künstlerischer Persönlichkeiten ein Unfug, fo daß es primitiv wäre, wollte man dekretieren: „Schumann hat die .kleineren' Symphonien als Bruckner geschrieben, dafür ist ihm aber noch das Liedschaffen und die Klavierliteratur sowie manche herrliche Kammermusik gutzu- schreiben, was alles bei Bruckner fehlt." Was heißt da „größer" und „kleiner"? Es kommt nur darauf an, ob der „Pantheonskandidat" an sich eine deutsche künstlerische Größe erster Ordnung ist ober nicht.
Ich glaube mich aus mündlichen Gesprächen mit Pfitzner zu erinnern, daß er persönlich Bruckner und auch — ich greife vor, meinen dreizehnten und letzten Unsterblichen, Johannes Brahms — persönlich nicht so hoch einstuft. Aber das wird wohl aus jener für den Selbst- schaffenden berechtigten subjektiven Blickart heraus eben als persönlich bedingt anzusehen fein. Gerade aus geringerem Zeitabstand heraus sträuben sich beim schöpferischen Künstler leicht zu eigner Bewahrung gegen andere Mitmeister Abwehrorgane, wo der nicht primär Schaffende zur Aufnahme bereiter ist und damit dankbarer als jener erscheint. Wenn man das deutsche Wesen in der Musik durch eine geistige Areopag- versammlung „erschöpfend" ausgedrückt sehn möchte, wird wohl durch die bereits getroffene Entscheidung der realen „Musikgeschichte" Bruckner als der reinste und großartigste tonkünstlerische Vertreter der oberösterreichischen Donaulandschaft neben dem österreichisch-schlesischen Schubert, dem Burgenländer Haydn und dem salzburgisch-schwäbischen Mozart nicht fehlen dürfen — und ebensowenig Brahms als der größte musikalische Wahrzeuge des Niedersachsentüms, dieser obendrein auf ein Lebenswerk gestützt, das an Vielfältigkeit der mit Meisterwerken bedachten Gattungen kaum überholt werden wird. Es ist wohl für den, der Pfitzners eignen, feingliederigen Personalstil stark an sich erlebt hat, verständlich, daß Brahmsens „starkes Wühlen" gerade diesem Meister nicht sonderlich behagen kann. Ader schon wenn man bedenkt, wie die seltsame Mischung von altmeisterlichen Rückschau-Idealen und seelischer» Neuland-Eroberungen Brahms und Pfitzner gemeinsam ist, so könnte man hier, ohne eine „Erdenfeindschaft" von Pfitzner gegen Brahms ftabi» lieren zu wollen, von einer „Sternenfreundschaft" beider im Sinn notwendiger Ergänzung im Gebiet des Liedes, des Solokonzerts, der Kammermusik sprechen.
Die Zeiten der vor fünfzig Jahren meist auf die „sieben Weltwunder" begrenzten Gipsbüsten im Konzertsaal sind gottlob vorbei und wir wollen die Direktion des Odeons nicht in weitere Kosten und Verlegenheiten stürzen. Nur die Christenmissionare haben vormals die altgermanisch hochheilige „Dreizehn" zu einer Unglückszahl umgeredet, so daß unser Appell, die zehn Großen durch Schütz, Bruckner und Brahms auf dreizehn zu erweitern, kein Unheil herauszufordern braucht! Wen die „Vierzehn" als christliche Zahl der heiligen Nothelfer mehr anfpricht (sie tritt auf manchem alten Orgelprofpett als Verdoppelung der feit Urzeit geheiligten Siebenzahl hervor), der warte die Zukunft ab und freue sich vorläufig, daß die Zahl der größten deutschen Tonfetzer sich für unser Allgemeinbewußtsein im letzten Halbjahrhundert fast verdoppeln konnte.
Im übrigen ist das Zählen ja nicht wichtig; wesentlich aber ist die Frage nach der prinzipiellen Unterscheidung von Schassenden erster und zweiter Ordnung, von Groß- und Kleinmeistern. Das ist keine Unterscheidung nach der Größe (denn wo wollte man da die Formatgrenze an» setzen?), sondern eine nach der Wesenheit. Man könnte sie ungefähr übereinstimmen lassen mit der Unterscheidung von ©enieunblalent: das Talent als Hochsteigerung aller oder doch vieler guter künstlerischer Eigenschaften, fo daß die bedeutende Leistung immer noch als bloße Wirkung von rational verfolgbaren Ursachen erscheint — das Genie dagegen als das göttliche Wunder, das jenes einfache „Weil" durch un-


