Mnb einen her Ärmsten feiner Kameraden ein „famoses" Mas D!ek zu bezahlen, woraus die beiden Jungen sehr luftig wurden und großen Lärm machten. .
Grietje hat im ersten Stock gedeckt. Die Speisen sind noch unter einem weißen Tuche verborgen: die schrecklichen Austern, Gänselebern, die einen zugrunde richtet, der Hummer, der ins Krankenhaus führen muß, und dann die Hammelkoteletten, dieses teure Fleisch ... Roosje setzt sich, nachdem sie soeben den Kaffee gebracht, dessen fader Geruch eine Meile weit den Ueberfluß an Zichorie verkündete.
Grietje deckt wieder ab und stellt zwischen die Schüsseln die beiden Trauerkerzen, die jetzt Kerzen des Lachens und der Freude geworden find. Sie hat Feuer im Kamin entzündet; es riecht angenehm, und zum ersten Male wird es in diesem großen Zimmer etwas warm.
Roosje betrachtet still das Mahl; die fünfundzwanzig Franken, die es kostet, lösen sich in ihren Augen auf in Fünsfrankenstücke mit grinsenden Gesichtern, die wie Kugeln eines unsichtbaren Spieles auf dem Tifche herumfpringen. Seit sieben Uhr morgens hat sie nichts gegessen — jetzt ist es neun Uhr abends. Die schrecklichen Austern, die zerrüttende Gänseleber, der Hummer, der ins Krankenhaus führt, die Hammelkoteletten, deren Soße erstarrt, und sogar der Wein, der ebenfalls auf ihre Rechnung geht, erregen in ihr einen wilden Appetit, einen unüberwindlichen Durst, und bald folgt deren Wirkung. Sie hat selbst vorgelegt und eingegossen; die großen Stücke und bas große Glas, ein Halbliterglas, nimmt sie für sich. Sie ißt nicht, sie schlingt, sie trinkt nicht, sie schüttet den Wein in die Kehle. Es ist ja ihr Geld, das wieder in den Kasten zurückkehren soll, zwar nicht in den Geldkasten, aber in den Naturkasten, ein zugleich trauriges und ergötzliches Schauspiel für Grietje und Paul.
Auch sie essen und trinken, aber sie essen nur kleine Bissen, unruhig und hastig, wie Vögel, sie trinken in tiefen Zügen und stoßen miteinander an; „sie klingen", wie die Flamen sagen, um damit den Glockenton zu bezeichnen, den der Zusammenklang der Gläser hervorruft. Und dabei sind sie nachdenklich und tauschen Blicke unbegrenzter Leidenschaft.
Nicht der Wein, nicht das Herdfeuer macht sie so heiß; ihre Herzen sind entbrannt. Sie glauben aus einem zugleich stürmischen und sie doch sanft wiegenden Meere in einem Boot zu treiben, dessen heftigste Stöße sie als angenehm empfinden. Sie schauen sich an und sprechen kein Wort. Austern, Oänfeleber und Hummer erscheinen ihnen als rohe, gemeine Dinge. Selbst der Wein, der rot im Glase blinkt, hat nicht das Feuer, das in schimmernden Fluten ihren Augen entströmt, das Zimmer erleuchtet und erwärmt. Roosje ißt und ißt.
In Grietjes Herzen ist die Liebe erstanden. Sie betrachtet Paul schon ’ als ihren Herrn und Meister, findet alles richtig, was er tut, und ahmt feine Art zu effen und zu trinken nach; da sie ihn ernst sieht, wie Leute, die viel beuten, wagt sie nicht zu lachen, aus Furcht, ihm zu mißfallen. Durch ben Wein angeregt, zeigt sie ihm ganz und naiv ihre Zuneigung; sie rückt ihren Stuhl in die Nähe des feinen und will schließlich nicht nur keinen Teller, kein Messer und keine Gabel für sich haben, sondern auch aus dem Teller ihres Freundes effen und aus feinem Glase trinken.
Sie kann ihre von kindlicher Bewunderung erfüllten Augen nicht von ihm lassen; feinem geringsten Wunsch kommt sie zuvor, schneidet ihm Brot, gießt ihm ein und ahnt jeden feiner Wünsche voraus, ehe er nur ein Wort gesprochen hat. Wenn er laut oder leise spricht, erblaßt Grietje oder gewinnt ihre natürliche Gesichtsfarbe wieder. Mit zusammengepreßten Lippen und weit geöffneten Nüstern, tief ernst, blaß, nachdenklich, scheint die scheue Jungfrau zu glauben, sie gebe sich kühn und vertrauensvoll, aus dem Drange zu lieben, ganz hin.
Manchmal entschlüpfen ihr, fast unbewußt, Worte wie: Ihre Stimme ist so angenehm, Herr Doktor! Wie gut Sie sind! Alle Leute lieben Sie, nicht wahr? Lernt man alle die schönen Dinge, die Sie da sagen, aus den Büchern?
Paul fühlte sich diesen kindlichen Lodsprüchen gegenüber ganz klein. Wie gerne hätte er in diesem Augenblicke seine Wissenschaft, seine Bücher, feine bereits große Lebenserfahrung vergessen, um die Seelengröße des schönen Kindes mit dem herrlichen Antlitz zu besitzen; ihr Lächeln war so sanft und rein, wenn aus ihrem vertrauensvollen, von Begeisterung erfüllten Herzen Liebesworte drangen, anmutig wie der Gesang der jungen Grasmücke, die im Lenz ihr erstes Lied versucht.
Er konnte sich nicht mehr demütig und klein machen; so wollte er sonst und gut sein. Auch ihm schlug feit langem das Blut zu stark in den Adern. Auch er fühlte, wie sich das Leben in seinem ganzen Wesen verdoppelte: die Ergebenheit, die Großmut, das Gefühl der Stärke, das Bedürfnis, das geliebte Wesen zu beschützen, dem er einen weichen Platz im Leben, ein warmes Nest in seinem Hause bereiten wollte; alle diese edlen Gedanken blühten in feinem Herzen gleich Rofen auf. Die Liebe war da! Sie war es, die ihn schön, stark und bewundernswert machte.
Roosje war zunächst nichts aufgefaUen, aber als ihre Ehlust befriedigt und ihr Durst gelöfcht war, wandte sich ihre Aufmerksamkeit ihrer Tochter zu, und sie bemerkte mit schmerzlick)er Gewißheit, von Eifersucht gepeitscht, wie sich ihr inniggeliebtes Kind von ihr trennte, um sich einem andern zu geben. Wäre ihr die Brust mit Eisennägeln zerrissen worden, sie hätte keinen größeren Schmerz empfunden. Ihre Tochter, die sie mehr liebte als ihr Geld, mehr als alles in der Welt, Grietje dachte nicht mehr an ihre Mutter, kümmerte sich nicht mehr um sie; sie schenkte einem Manne, dem ersten besten, der kam, ihre Zärtlichkeiten, ihre sanften Worte.
Grietjes Stuhl berührte in diesem Augenblick den Pauls. Nachdenklich, die Hand auf den Tisch gelegt, betrachtete Paul Grietje, die unschuldig, einem natürlichen Wunsche nach Liebkosung gehorchend, ihre Hand auf die [eine legte. Roosje sah die Bewegung und brach los. Sie ergriff heftig Grietjes Hand, schlug mit ihr auf den Tisch und schrie: „Ist'das das Benehmen eines jungen Mädchens? Seit wann nähert ein junges Mädchen in Flandern feinen Stuhl derart dem Stuhl eines jungen Mannes, seit wann legt es die Hand auf feine? Haft du denn gar kein Schamgefühl? Geh weg von dort!"
„Nein", widersprach ©riefle, enkrllstel, so falsch verstanden zll sein, „nein, ich tue nichts Böses hier."
„Gehorche!"
„Nein!"
Roosje tat, als ob sie meinte: „Das kommt davon, wenn man [eine ! Kinder verwöhnt." Dann [etzte sie fehr sanft hinzu: „Grietje, mein Töchterchen, bist du mir nicht deshalb- ungehorsam, weil ich dich zu sehr liebe?' I
Grietje sprang auf, fetzte sich auf Roosjes Knie und umarmte sie, fo fest sie konnte: „Mutter, ich will nicht, daß du weinst!"
Die beiden Frauen hielten sich umschlungen, und Paul, den diese liebevolle Bewegung Grietjes glücklich machte, sah nur das lange braune Haar des jungen Mädchens und die Adleraugen Roosjes, die ihn trotzig anfahen.
Roosje hielt Grietje immer noch umarmt, als ob sie fürchte, sie könne ihr entgleiten. Sie brach das Schweigen mit den Worten: „Schulde ich Ihnen noch etwas, Herr Doktor?"
„Nein", erwiderte er.
„Sie haben weder Hunger noch Dürft?"
„Nein!"
„Dann werde ich mit Grietje hinuntergehen; wir werden zu dreien nicht zu viel fein, um die Gäste zu bedienen, die bis Mitternacht bleiben.*
„Ich verstehe vollkommen diese freundliche Verabschiedung, die mich ganz einfach vor die Tür setzt", sagte Paul.
Grietje sprang von den Knien ihrer Mutter: „Vor die Tür?" rief sie. „vor die Tür? Mutter hat das nicht gesagt. Nicht wahr, Mutter, du hast das nicht gesagt?"
Roosje hatte Angst vor dem Zorn ihrer Tochter; sie wollte in der drohenden Aussprache dem Aeuhersten aus dem Wege gehen und sagte: „Ich habe nicht die Absicht, den Herrn Doktor vor die Tür zu setzen, um so weniger, als unser Haus ein Gasthaus ist, bas jedermann offensteht. Er kann immer kommen und etwas verzehren. Das ist alles. Im übrigen haben wir jetzt viel zu tun. Zwei Tage habe ich mit Weinen zugebracht, wir haben jetzt wer weih wieviel Stunden mit dieser Schwelgerei vertan, das ist genug verlorene Zeit und verschwendetes Geld. Komm, Grietje, zum Schanktisch, komm, mein Kind!"
„Wenn es fo ist", jagte Grietje entschloßen, „fo werde ich nie mehr an den Schanktisch gehen, nie mehr!"
Paul, den sie dabei ansah, runzelte die Augenbrauen; sie glaubte, daß ihr Ungehorsam ihm nicht gefiele.
„Ich werde doch gehen", beschwichtigte sie, „aber man darf meinen Freund nicht vor die Tür setzen."
„Das wird man nicht tun, geh jetzt hinunter!"
„Nicht sofort, nicht gleich, nicht wahr, Mutter? Sonst..."
Roosje zögerte. M
„Sonst... , wiederholte Grietje, „ ... nie mehr an den Schanktisch.* „Gut", sagte Roosje naebgebenb.
So vergingen zehn Minuten. Als bann der Doktor, der entschlossen war, nicht als Schmarotzer im Hause Roosjes zu erscheinen, bei Siska vorbeiging, drückte er ihr fünfzig Franken in die Hand.
„So", meinte er, „hier ist dein Unterrock; der liebe Gott hat mich beauftragt, ihn dir zu geben. Aber schweige!"
„Was sagen Sie zu Siska?" fragte Roosje.
„Ich riet ihr, schnell hinaufzugehen, um zu sehen, ob nicht etwas Gänseleber für sie übriggeblieben ist."
Roosje beeilte sich, um dem Mädchen, das sich nicht von der Stelle rührte, zuvorzukommen.
Die auf einmal gewonnenen fünfzig Franken, all diese ans Wunderbare grenzenden Ereignisse, nagelten das arme Mädchen an den Fußboden fest; sie war nahe daran, sich einzubilden, St. Davon sei in bet Gestalt des Doktors vom Himmel herabgestiegen, eigens um Grietje zu retten.
Grietje brachte Paul bis zur Tür. Dort sagten sie sich lange und zärtlich unter einem grauen Himmel, von dem der Schnee in großen Flocken fiel, Lebewohl.
14.
Der Doktor wohnte in Uccle. Nach Gent zu einem Kranken gerufen, suchte er nach dem Besuch im ersten besten Gasthof Unterkunft. Es war der Gasthof „Zum kaiferlichen Wappen".
Da er vorher in einem andern Gasthof geschlafen hatte, stand er um acht Uhr morgens auf. Es war ein richtiger kalter Wintermorgen, den er herrlich sand. Erhobenen Hauptes schritt er dahin und trug, entgegen [einer sonst bescheidenen Haltung, die Nase recht hoch. Bleich und frostig drang das Morgenlicht durch die schneeerfüllte Luft. In der Nacht hatte es gefroren; die Spatzen suchten auf der eisigen Straße vergeblich Nahrung, denn seit dem Vorabende waren kerne Pserde dort vorübergekommen. Blasse, ausgehungerte und stierende Gassenjungen stellten den Spatzen Fallen, einfache mit Vogelleim bestrichene Ruten mit einer Brotkrume darauf. Einige Vögel liehen sich auch so fangen. Die Schutzleute, blau vor Kälte in ihre Umhänge verkrochen, jähen dieser vor ihren Augen begangenen Wilddieberei zu, ohne einzufchreiten.
Pauls Herz war von edelsten, menschlichen Empfindungen erfüllt; bedächtig in seiner Freude, wehmütig bei aller Glut, näher dem Weinen als dem Lachen — fo schwer war ihm das Herz vor Wonne, von einem tiefen, unaussprechlichen Glücksgefühl. Es zog ihn zu Margarete wie den Magneten zum Eifen, den Strom zum Meere. Sie nahm ihn ganz ein, erfüllte fein Herz, feine Gedanken und Träume mit Bildern, Worten und mit ihrem Lächeln, mit ihrer bezaubernden Gestalt, über die schnell jener seltsam keusche Schleier der Liebe fiel. Er liebte nur noch sie au! der Welt; und [eine armen Kranken, des war er gewiß, würde er aus Liebe zu ihr nun noch bester pflegen und schneller heilen. Der (itjane Morgenwind drang in feine Lunge wie edler Wein in die Kehle des Trinkers. Die Laternenpfähle, an denen er oorübertam, hätte er an liebsten umarmt.
(Fortsetzung folgt.)


