Ausgabe 
20.11.1939
 
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SietzenerZamilienbMek

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang 1959 Montag, den 20. November Nummer 90

Die Hochzeitsreise

Roman von Charles de Coster

Deutsche Übertragung von Arthur Seiffhart

3. Fortsetzung.

I>u mußt hundert Austern, sechs Hammelkoteletten, ein Huhn, einen Hummersalat und einen Napf Gänseleber bringen."

Sehr gut", sagt« Roosje,soll das alles gleich sein?"

,,Si« sind ein Herr und gut angesogen", antwortete der Lehrling, Sie können sich bringen lassen, was Sie wollen, aber ich, der ich nur Lumpen anhabe, ich kann all das ohne Geld nicht holen. Geben Sie mir also Geld", bat er und streckt« die Hand aus. /

Der Doktor zeigt« auf Roosje, die sich taub stellte und sehr aufmerk­sam di« Zimmerdecke betrachtete.

Der Lehrling klopfte ihr auf die Schulter.

Geld, Baesinl"

Roosje antwortete nicht.

Der Lehrling klopfte ihr ein zweites Mal, jetzt aber etwas stärker, auf den Arm.

Roosje wandte sich zu Paul und fragte:Wieviel muß ich denn diesem Taugenichts geben, damit er Ihre Mahlzeit aus Austern, Hum­mer, Gänseleber und andern kostspieligen Leckereien bezahlen kann?" Fünfundzwanzig Franken", erwiderte Paul.

,Hch habe nur einen Zwanzigfrankenschein. Werden Sie die fünf andern dazugeben?"

Nein", sagte Paul.

JMber Mama!" rief Grietj« ganz beschämt.

Siska hat sie vielleicht in der Schublade des Schanktisches. Ich werde sie fragen."

Mama, du hast Fünffrankenstücke in deiner Tasche, ich höre sie klingen", meinte Grietj«.

,^Das ist wahr", sagte Roosje, an sich haltend, aber schon fast außer K).Hier, du Blutegel, hier sind sie. Hole das Essen für die Sein- mecker, die noch einmal betteln gehen werden. Und wenn du mir das herausgegebene Geld nicht bis auf einen Centime und die genaue, quittierte Rechnung bringst, so schleife ich dich an den Ohren zum Polizeikommissar." , ,

Gut", sagte der Lehrling,aber ich gehe nicht fort, ehe man mir nicht ein Trinkgeld gibt."

,Lch nicht", sagte Roosje.

Aber ich", sagte Paul. . , .

Der Lehrling witterte einen Scherz und ging freudestrahlend fort. $r liebte Roosje nicht, die ihm nicht einmal ein Alas Wasser gegeben roättc.

Roosje, Grietje und Paul waren still geworden und hörten die Arbeiter, die, von Siska aufgefordert, auf die Gesundheit des Wunder­doktors und der wiedererstandenen Grietj« tranken, des wackeren Mädchens.

Roosjes schlechte Laune dauert« nicht lange an. Sie hatte, rote sie glaubte, ein Mittel gefunden, den Arzt selbst zum Polizettornmistar zu schleppen, mit dem der Junge zu tun haben sollte, wenn er das Geld richt richtig zurückgeben würde. Gewiß hatte sie die Austern, die Ham­melkoteletten, die Gänseleber und den Hummer bezahlt, aber wer halle dieses kostspielige Mahl bestellt? Der Doktor.

Der Lehrling konnte es nötigenfalls bezeugen. Wer bestellt, bezahlt!

Ein Gastwirt gibt Kredit für das, was ein Gast verlangt, ihm iruf den Tisch zu stellen; aber er hat das Recht, das Bestellte sich durch den Gast bezahlen zu lassen. Das war vollkommen klar.

Nötigenfalls würde sie bis zum Richter gehen, den sie schon, vor sich sah, einen Idioten, der fast immer betrunken oder tm Begriff »ar sich zu betrinken, der auf dem rechten Ohr taub war und aus dem linken schwer hörte. Roosje sah schon im Geiste den Beklagten v liefern bedeutenden Mann erscheinen und gezwungen fern, tm; »e Klägerin, die Auslagen zu erstatten: erstens für einen Napf Ganse- leber, zweitens für sechs Hammelkoteletten, drittens für einen Hummer, viertens für Salat, Essig und Del, fünftens für die Zubereittrng des M zweit genanten, zusammen 27,50 Franken. Äußerem für .-stzustellende Anzahl von Flaschen Bordeaux, die suh nach dem Durst es Beklagten bemessen wird ... wenigstens stchsFlaschen ie mitgetrunken haben würde. Der Wein also, die.Flasche enlAegen »mmend mit 15 Franken berechnet: 90 Franken. Das ergab für die

entzückte Roosje insgesamt: eine reichliche, durch einen Dritten bezahtte Mahlzeit, einen Gewinn von fünf Franken an der Zubereitung der sechs Koteletten und an dem nie erwarteten Berkaus von Wein 90 Franken. Deshalb war ihre gute Laune wiedergekommen, und sie betrachtet« Paul mit der unterwürfigen, etwas unsicheren Achtung des Gläubigers gegenüber einem zahlungsfähigen Schuldner.

Die Austern, die Koteletten, der Hummer und die Gänseleber be­kamen in ihren Augen eine ganz andere Wertschätzung; nicht mehr ihr Geld, ihr Fleisch und Blut würde man essen und trinken, vielmehr war es die saftige Frucht der Dummheit des Doktors.

Ihre Freude war so groß, daß sie nicht mehr an sich halten konnte.

,r$>err Doktor", sagte sie,Sie sind großmütig gegen mich gewesen» und ich mutz Sie daher fragen, was Sie für den Besuch rechnen. Zwei Franken, nicht wahr?"

Der Doktor merkte die Falle; da er aber die Rettungsmedaille nicht länger als Verdienst beanspruchen wollte, entgegnete er:So lasse ich mich niemals bezahlen."

Ha", rief Roosje,und wie lassen Sie sich denn bezahlen?"

3e nach der Krankheit."

Und die Regierung duldet das? Dann können Sie ja von mir ver­langen, was Sie wollen ... Sogar zwanzig Franken, und ich wär« gezwungen, sie zu bezahlen."

Sogar hundert Franken!"

»»Hundert Franken, sagen Sie? Sie könnten auch vor dem Richter hundert Franken von mir verlangen?"

Dieser Richter erglänzte in ihren Augen wie ein Gott, umgeben von einem Strahlenkränze, auf dem sich seine Gestalt mit gläsernen Augen und wunderlichen Bewegungen abzeichnete.

,La, und das ist durchaus gerecht", antwortete Paul. ,Jch habe mehrere Stunden gebraucht, um Ihr Kind zu pflegen; ich habe selbst die Arzneien bereitet, ich habe sie vom Tode gerettet. Ich könnte, ohne mich schämen zu müssen, fünfhundert Franken verlangen."

Fünfhundert Franken! Aber das ...?"

,/Sie werden das Abendessen bezahlen", sagte Paul, den Gedanken- gang Roosjes vollendend,und Sie werden sich glücklich schätzen, daß Sie so billig daivonkommen."

Roosje versuchte ju schmeicheln: ,Hch bin eine arme Frau." Nein", versetzte Paul.

Die unglückseligen zehntausend Franken, die Sie bei mir gesehen haben, machen mich noch lange nicht reich", seufzte sie.Sehen Sie, Herr Doktor, Sie sind gut. Sie verdienen Geld, Sie verdienen Geld wie Heu, und ich das tft alles, was ich besitze. Sie lachen. Ich schwöre es Ihnen."

Schwören Sie nicht!"

Soll ich Ihnen zeigen, ob ich lüge?"

Nein!"

Sie glauben mir nicht, und ich sagedoch die Wahrheit. Heber- legen Sie", sagte sie ganz sanft,wollen Sie das Essen bezahlen? Ich werde das Getränk übernehmen."

Sie werden alles bezahlen."

Alles!" rief Roosje,also wollen Sie nicht mit uns essen?"

Ich werde mit Ihnen essen, andernfalls ... Die Kosten für eine Heilung rote diese ... können sich auf fünfhundert, vielleicht auf tausend Franken belaufen, zahlbar Ende Dezember ..."

Mein Gott!" rief Roosje bestürzt. Sie betrachtete ihn mit einem Blick, der zugleich Achtung barg; denn er hatte sie gezähmt. Er drohte! Gerne hätte sie ihn erdolcht.Ich lad« Sie also ein, mit uns zu Abend zu essen", sagt« sie bann. Und sie wünschte im Grund ihres Herzens, daß der Teufel aus der Hölle käme und ihn an der ersten Auster er­sticken liehe.

.»Jetzt, Frau Roosje, habe ich Sie noch um etwas zu bitten."

Was?" fragte Roosje erbleichend.

Machen Sie uns Kaffe«, eh« man das Abendessen bringt." Kaffee? Warum denn auch noch Kaffee?"

Damit das Fräulein sich wieder ganz erholt. Aber er muß sehr

stark sein."

Ein Lot für drei Personen?" meinte Roosje, die nahe daran war, verzweifelt aufzuschreien.

Drei Lot? Wollen Sie denn die Mauern des Hauses zum Tanzen

bringen?"

3a", sagte er,aber nachher werden sie desto fester stehen."

Drei Lot!" wiederholte Roosje, während sie das Zimmer verließ. Das werden wir ja sehen, ich bin doch noch nicht ganz verrückt ge­worden."

13.

Der Lehrling war zurückgekommen, und Paul hatte ihm ein an­sehnliches Trinkgeld gegeben, das den Lehrling veranlaßte, für sich