Ausgabe 
20.10.1939
 
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Deutsche Kunst in Polen.

Von Ernst o. N i e b e l s ch ü tz.

So wenig das ehemalige Königreich Polen sich einer bodenständigen, vom Volksgeist ins Leben gerufenen Architektur rühmen konnte, so wenig hat es nennenswerte eigene Ploiftik und Malerei gehabt. Selbstverständlich fehlt es dem Historiker, dessen Ehrgeiz die Lückenlosigkeit der Darstellung ist, nicht an polnischen Künstlernamen, aber sie besagen nicht viel und wiegen noch weniger, da sie im Fahrwasser einer deutschen oder italieni­schen Akademie treiben und ihre Träger gerade das vermissen lassen, was man bei ihnen sucht: eine nationale Sonderart. Jede noch so objektive Betrachtung der polnischen Kunst führt zu dem Ergebnis, daß alles Be­deutende deutsch oder italienisch ist. Dabei hat das deutsche Element wert­mäßig den Vortritt, denn die zahlreichen Italiener, die im 16., 17. und 18. Jahrhundert am Krakauer und Warschauer Hofe und in dem damals polnischen Wilna im Dienste der polnisch-katholischen Reaktion Beschäfti­gung sanden und das Land geradezu in eine italienische Kunstprovinz verwandelten, sind doch mehr in die Breite wirkende Propagandisten als wahrhaft schöpferische Geister. Ganz anders die Deutschen; sie schicken nicht ihre zweite und dritte Garnitur, sondern ihre Kerntruppen in den pol­nischen Raum. Man kann sehr wohl ohne Berücksichtigung Polens eine italienische Kunstgeschichte schreiben, während einer deutschen im gleichen Falle etwas Wesentliches fehlen würde.

bs'ch, ein Schiller Dürers, war bls 1518 Angehöriger der Kolonie utiblf hat dort einige Altartafeln hinterlassen. Viel ausgerichtet haben i)ie Deutschen in der Folge nicht mehr. An ihre Stelle traten die nach der Heirat König Sigismunds I. mit der Mailänder Herzogtochter Bona Sforza massenhaft einwandernden Italiener.

lieber den deutschen Anteil in den beiden Jahrhunderten des polnische Wahlkönigtums, dem 17. und 18., können wir uns kurz fassen, da en mehr sporadisch ist und die Namen der in Polen arbeitenden Bildhauers und Maler nur oie Spezialforschung angehen. Neben einem Mart!« Kober aus Breslau, der unter König Stephan Bathory im fpütin 16. Jahrhundert Hofmaler in Warschau war, hören wir von einem anbenni Breslauer, Johann Pfister, der 1612 in Lemberg eine große Bild. Hauerwerkstatt gründete und die freilich nur an Größe und Malericl- pracht hervorragenden Fürstengrabmäler der Kathedrale von Tarno» lieferte. Ein Schlesier scheint Karl Dankwart gewesen zu sein, bei» die Wallfahrtskirche in Tschenstochau und die Annenkirche in Krakau ihr« um 1700 gemalten großen Fresken verdanken. Von Peter von btt Rennen, einem Danziger Goldschmied niederländischer Schulung, stau«, men die Silbersarkophage des Hl. Stanislaus im Krakauer Dom 1671 und des Hl. Adalbert in Gnesen (1662). Ob das Giebelrelief am Warschauer Kraszinski-Palais von Andreas Schlüter ist, muß unentschiedm bleiben, solange die Akten schweigen.

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Es ist verständlich, daß den deutschen Stadtgründungen in Polen, die grundsätzlich das Magdeburger Recht annahmen, auch die bildende Kunst der Heimat gefolgt ist. Ganz abgerissen sind diese rückwärtigen Kultur­verbindungen nie; besonders lebhaft waren sie im 18. Jahrhundert, der Blüteperiode einer bürgerlichen, vom Stadtgeist getragenen Kunst. Zeitlich mit an erster Stelle steht die herrliche Steinmaria von etwa 1420 in der St.-Johann-Kirche zu Thorn, deren Herkunft in Oesterreich oder Schle­sien zu suchen ist: eine der anmutigsten aus der im deutschen Südosten beheimateten Familie der -schönen Madonnen", die der Hoheit der Himmelskönigin einen Zug fraulich-mädchenhafter Holdseligkeit beimischt, der unwiderstehlich ist. Gegen das Ende des Jahrhunderts mehrt sich die Produktion und erreicht gleichzeitig, kräftig gefördert von den deutschen Kolonien, den ihr beschiedenen Höhepunkt. Man kann nicht sagen, daß diese Jmportkunst sich in vielen Kanälen gleichmäßig über das ganze Land verteilte, vielmehr sind es zwei durch die Umstände besonders be­günstigte Kulturzentren, wo wir das Meiste und Bedeutendste an treffen: Posen und die alte Jagiellonenresidenz Krakau. Ein Erzbildner und ein Plastiker in Holz und Stein, Peter Vischer und Veit Stoß, beides Nürnberger, sind die Hauptträger der Ende der siebziger Jahre einsetzenden, aber schon nach 1510 langsam welkenden Hochblüte. Das Lebenswerk der beiden Meister und ihrer Schule läßt sich ohne Kenntnis ihrer polnischen Schöpfungen nicht voll würdigen.

Von Veit Stoß, dem wir als Bürger der deutschen Kolonie von 1476 bis 1496 in Krakau begegnen, stammt außer dem für die Ma­rienkirche gefertigten Schnitzaltar, seinem umfangreichsten und bedeutend­sten Werk, und dem Marmorgrabmal für König Casimir IV. in der Kathedrale des Wawel, in dessen Arbeit er sich mit dem Passauer Bild­hauer Jörg Huber teilte, noch eine Reihe von Grabplatten, die seinen Namen zu einem der klangvollsten, zwar nicht der polnischen Kunst, wie die Polen meinen, wohl aber der deutschen Kunst in Polen machen. Es ist das Liegegrabmal des Peter Bnina in der Kathedrale von Wlocta­rn e k und die Rotmarmorplatte für den Erzbischof Olssnicki im Dom zu Gnesen. Auch der Entwurf der Grabtafel für den gelehrten Kanzler und Prinzenerzieher am Hofe König Casimirs, den aus feiner Heimat vertriebenen Florentiner Humanisten Filippo Buonacorfi, genannt Callimachus", im Dom zu Krakau, wird ihm zugeschrieben, wenn auch die Ausführung in Erzguß aus der Vifcherfchen Werkstatt stammen wird, Von Stanislaus, dem Sohne des Veit Stoß, wissen wir, daß er des Vaters Krakauer Werkstatt nach dessen Wegzug zwanzig Jahre lang weiterführte, ehe auch er nach Nürnberg zurllckkehrte. Der Stanislaus- altar in der Marienkirche und der imAftstil" der späten Gotik gehal­tene Johannisaltar in der Florianskapelle zu Krakau sind feine be­glaubigten Werke.

Gleichzeitig mit Stoß lieferte die Vischersche Gieß Hütte tu Nürnberg eine Fülle von Bronzegrabplatten für den polnischen Bezirk. In ihnen feiert der mächtig erwachte Ruhmsinn, der im persönlich auf- gefaßten Porträt der Vergänglichkeit ttotzt, seine ersten großen Triumphe. Gravierte Platten mit Ritzzeichnung, die eine alte niederländische Tra­dition aufnehmen, wechseln mit solchen in flachem Relief. Der Posener Dom ist reich an ausgezeichneten Werken dieser auch in Deutschland weitverbreiteten Gattung, die den Verstorbenen unter einem gotisch ver­ästelten Baldachin in ganzer Figur zeigen und im letzten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts in der Werkstatt des älteren Peter Vischer entstanden sind. Am schönsten und reifsten die Relieftasel für den Domherrn Bern­hard Lubranski. Sie schlägt bereits die Brücke zur Renaissance, deren Formenschatz aber erst des Meisters Sohn, Peter Vischer der Jüngere, in seinen Krakauer ©rabmälern ganz aufnimmt. Die Gra­vierung, die nur noch in der Platte für den Kardinal Johann Casimir vorkommt, macht nun dem mehr körperlichen Relief Platz die gotischen Anklänge verschwinden, und Charaktergestalten von der Art des Peter Salomon in der Marienkirche ober des Woiwoden Kmita im Dom erfüllen den Grund mit blutvollem Leben.

Was sonst noch von Einheimischen ober Italienern um 1500 in Polen entstanden ist, reicht an diese Glanzleistungen der deutschen Erzplastik auch nicht entfernt heran. Eine bedeutende Nachfolge war ihnen freilich nicht beschieden, was wohl damit zusammenbängt, daß die deutsche Kolonie in Krakau bald allerlei Drangsale zu leiden hatte. Zwar hielt sich noch Durers jüngerer Bruder Hans von 1526 bis zu seinem Tode 1538 als Hofmaler in der polnischen Hauptstadt, und auch HansvonKulm-

Verantwortlich: Dr. Fr. W. Lange. Druck und Verla

Oie falschen Locken.

Eine Jean-Paul-Anekdote von K. R. P o p p.

Jean Paul Richter saß wieder einmal in derRollwenzelei" ütit Bayreuth und schaute lächelnd in die fröhliche Sommerlandschaft hinein, hinüber zu Eremitage und Fantaiste, deren Zauber er in dem eben bl­endetenSiebenkäs" so schön geschildert hatte. Gedanken und Bilder fiele« ihn dabei an, und wie immer tarn er unter fortwährenden geistigen urb geistreichen Seitensprüngen dabei vom Hundertsten ins Hunderttausendße und hott« gerade an diesem kuriosen Rankenwerk seiner eigenen Phantast die hellste Freude. Vor ihm stand ein Bierkrug, und auf dem Fenster­brett tag ein duftender Damenbrief, der glühende Worte einer fernen Verehrerin einschloß, Worte, die in der bringenden Bitte gipfelten: Göttlicher, eine Sorte! Eine Locke von Ihrem Haar für unsere Lippen!'

Eine Locke! Seufzend fuhr sich der friedlich-behäbige Jecm Paul üfat die hohe Stirn und mochte dabei denken, was später sein Kollege Vusih in lockeren Worten aussprach:Vornerum ist alles blank ..." War « ein Trost, daß an den Seiten noch einige rötliche Locken schimmernd trau entschwundener Pracht kündeten? Der Dichter war ein galanter Mam und hatte ein weiches Herz. Weiblichen Bitten gegenüber schmolz alles Eis seines Widerstandes wie Butter unter der Sonne, und gar, wenn et so gebeten wurde! Lange schwebte Jean Paul zwischen zwei gleich schm- ren Entschlüssen: Der Dam« die Bitte abzuschlagen und damit das einer Verehrerin tödlich zu treffen, oder oie letzten der Locken dahinM geben, eine Vorstellung, die ihn eingedenk der Fülle feiner Freunde erschauern ließ, denn der Fall würde Schule machen und die Sitten würden sich häufen...

Da war es fein treuer PudelPaios", der sich an ihn schmiegte um) dem Dichter den rettenden Gedanken eingab, einen Gedanken, Oer zu­gleich des großen Humoristen würdig war.

Eine Woche später hing eine rötliche Locke sie war unterdessen do « vielen schönen Damen und sentimentalen Herren unterAch!" undOh!' an die Lippen gepreßt worden auf einem Atlaskissen und umrahmt von getrockneten Veilchen unter Glas.

Um diese Zeit erhielt Jean Paul einen überschwänglichen Dank«»- brief, den er lächelnd, und das rötliche Haar seines Pudels streichelnd, las. Es tarnen noch viele Briefe und viele Bitten nach Oberfranken ge­flogen, und von dort her flatterten umgehend und rötlich schimmernd bu Sorten des Dichterhauptes zurück...

Jahrzehnte später erhielt eine Studentin der Physiologie ein Mikroi- skop und untersuchte nach Anfänaerart alles, was ihr in die Hände kam Als die Mutter einmal abwesend war, wagte sie sich sogar an die g» rantiert echte Socke Jean Pauls heran, die als kostbarstes Stück bw mütterlichen Herzenssammlung unter Glas und auf weißem Atlas alt­bewährt wurde. Sie legte ein Haar der heiligen Socke unter das Glas und entdeckte zu ihrem Entsetzen, daß es ein Hundehaar man Fieberhast untersuchte sie weiter und kam immer wieder zu dem gleiches Ergebnis. Ms sie aber damit der heimkehrenden Mutter aufgeregt ent1? gegenftürmte, erhielt sie umgehend eine durchaus unsentimentale Ohrfeiget und die Sorte wurde von zärtlichen Händen wieder im Heiligtum ro ­mantischer Erinnerungen untergebracht.

Die Tochter aber tief zu allen Bekannten und Unbekannten und sam­melte Haare von den Locken Jean Paul Richters. Sie erhielt eines aus dem Besitz der Ludmilla von Affing: es war ein Hundehaar. Sie errang eines von der ererbten Locke Flora Philipps: es war das Haar ein«» Hundes.

Nun wußte die Studentin freilich genug. Da aber auch in ihr ein« zukünftige Dichterin schlummerte, war ihr in diesem Augenblick«, als sei« sie über dem Hundehaar wie in einer Vision bas gemütliche Gesicht b«s «wig lächelnden, seligen Jean Paul und daneben seinen luftigen Pudel Patos mit dem rötlich schimmernden Fell. Dabei umschwirrten sie bi* sonderbaren Titel aller Werke des Dichters mitsamt ihren Unterteilung^ in Jubelperioden oder Hundsposttage und da war ihr nun, als fönn* er ganz gut in diesem Augenblick im Elysium eine Abhandlung.3 schreiben beginnen:lieber das ungewöhnlich große Glück, einen Pu«« mit rötlichen Locken zu besitzen."

g: Brühlsche Unloerfitätsbrutferei, R. Lange, Gießen.

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