Ausgabe 
20.10.1939
 
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Herbstaben-.

Von Peter Bauer.

Die Schatten wachsen früh ums Haus, Der Wind spricht leiser mit den Bäumen, Im Garten gehn die Lichter aus An Dohlienbusch und Astersäumen.

Es schauert kühl aus Stein und Kies, Die Stube wird uns Wärme schenken, Im Schein, den uns die Dämmerung ließ, Laß uns des Tages dankbar denken.

Er war uns überraschend gut, Kein böser Blick ist uns begegnet.

In meiner Hand die deine ruht: Ihr Werken war von Gott gesegnet.

Oie Künstler und ihre Zeit.

Don Bruno Brehm.

Der ostmärkische Dichter Bruno Brehm wurde in diesem Jahre mit dem nationalen Buchpreise ausgezeichnet.

Es gibt fast keinen großen Künstler, der allein in seiner Zeit ge- stmden wäre; immer haben sich zu ihm eine Reihe mitstrebender Kräfte sesellt, die seinen Weg begleiten und erst dann, wenn sie seinen weit- «usgreifenden Schritten nicht mehr folgen können, zurücksinken und bei teil Plänen und Träumen ihrer Jugend verharren. Die kleineren Ge- sthrten, der große Chor der Kunst, sie sind es, die das bilden, was man Stil nennt, auf den Stil berufen sie sich, aus ihn schwören sie, an ihn glauben sie, die ihn selbst kaum entwickeln. Das, was sie Fortschritt «ennen, ist die Entwicklung des Sttles. Die Zeitgenossen des Bernini Md des Carracci sahen in den Werken dieser Meister einen Fortschritt Der die Kunst des Michelangelo hinaus. Dieser Chor aber ist not- vendig, denn er allein bildet den Grund und Boden, auf den die Nieisterwerke errichtet werden. Wir, die Spätergeborenen, sehen zurück- bickend immer nur die großen Werke und übersehen dabei die breite Grundlage in den damaligen Zeiten, übersehen die vielen Anläufe und tie vielen gescheiterten Versuche, die notwendig sind, damit das eine kallendete Werk dann aus des einen Meisters Hand hervorgehen kann.

Wenn daher in Zeiten der so oft gehörte Ruf ertönt, daß sie keine kroßen Kunstwerke hervorbringen könnten, so liegt das wahrlich nicht laran, daß ihnen die Künstler fehlen. Denn es leben die großen genau j) unter uns wie die kleinen Künstler.

Daß Menschen, wenn der Ruf an sie ergeht, immer da sind, dafür laben wir Beispiele in Hülle und Fülle. Denken wir nun an die vielen fldatischen Begabungen, welche die französische Revolution auf rufen tonnte, Leute, die in einer anderen Zeit ein kleines Leben geführt und mgenannt und unbekannt gestorben wären. Denken wir daran, welchen Schwarm von Künstlern der italienische Barock über die ganze Welt hin lersireitt hat, nach Südamerika, nach Petersburg, nach Dresden, Warschau, Wien und Stockholm: Maler, Architekten, Bildhauer, Sanger, Schauspieler und Komponisten. Ein Vorgang, der vielleicht nur noch ein Gegenstück in der Verwendung der Ingenieure der nordischen Völker im R Jahrhundert gefunden hat.

Wie, wird man fragen, wenn nun diese Künstler heute ebenso da tären, wie zu jenen Zeiten die großen Künste, warum hört man und seht man von ihnen so wenig? Warum also halten sich jene, die doch Eenthalben gerufen werden, fo geheim im Verborgenen? Mögen sie ins doch ihre Werke vorlegen! Wir wollen sie prüfen, wir werden sie, toU Sehnsucht wir wir nach ihnen sind, mit Jubelruf willkommen heißen!

Darauf wäre nun folgendes zu sagen: Der Chor, der den Werdegang der Größten begleiten sollte, ist zu schwach, er begleitet sie kaum bei ben ersten zögernden Schritten. Denn stockte die breite Masse nur bei d:n letzten Werken, so wäre dies verständlich, denn bei t^nen gat die Seit wohl immer versagt. Sie stehen außerhalb, oberhalb der Zeit und unterstehen einem Gericht und einem Urteil, das höher thront. Denn die großen Meister sprengen die Stile, sie gehen durch sie Hindurch, durch- clen sie wie Goethe die Schäferdichtung, den Sturm und Drang, die Kassik und die Romantik. Denn auch die Größten vermögen sich dem Wellenschläge der Zeit nicht ganz zu entziehen. Aber dort wo sie dicht den Rand des Zeitstils treten, wo sie durch dessen strenge Gesetze hiidurchstoßen, dort entstehen die großen Einzelwerke der Kunst: ob dies tun der Bamberger Reiter ober die Gestalten des Naumburger Chores fhb oder Dürers Melancholie, die am Rande einer einstmals geschloffenen Seit sitzt und die ungeheure Einsamkeit fühlt, die sie nun "" Bereiche

Freiheit überkommen hat, ob nun der.N'"er Tod u

Teufel aus den Wäldern der Gotik hinausrettet und die Gesahren des r-uen Lebens auf sich nehmen muh. Denn nicht das Neue derR b Vnee macht die Stiche Dürers so groß, sondern das Alte der Gotik, m deren Rand sie stehen und deren Form sie verlassen.

Wir dürsen, wenn mir aber von den Künstlern im allgemeinen pre- fcn wollen, nicht bei den Größten beginnen, wir haben "ns vorerst fnmal an den Chor zu halten, an den Grund, aus dem jene Gewaltigen lTe Werke errichten konnten. Denn dieser Nährboden a'lein ifl.es auf es ankommt. Bedenken wir einmal folgendes: Wunderkind

Mozart van feinem Vater an den Kaistrhof nach 6d)onbru n ge!eit t irrten war, fand der kleine Knabe dort einen Hof an dem die vinzefsinnen musizierten, im Kontrapunkt unterwiesen wurden -men N, an dem bei Vater und der Großvater der Kaiferm musiziert u

komponiert hatten, genau wie es später di« Söhne der Kaiserin, Maxi­milian und Joses, hielten. Da war eine Zeit, ba in den meisten Fami­lien des Adels und des Bürgertums Musik betrieben wurde, denn die Lust war damals (wie heute von den Wellen des Radios) gesättigt von der allenthalben aus dem Volke hervorquellenden Musik. Sowie heute die Leute in ihren Freistunden Radiobasteleien vornehmen, so verstanden sie es damals, zu einer ersten die zweite Stimme zu spielen oder ein Stück von einer Tonart in die andere zu transpanieren.

Oder denken wir doch an eine Zeit, da die schwierige, trunkene Sprache Jean Pauls von sooielen Mädchen und Frauen verstanden wurde, daß dieser eigenartige und einzige Dichter ihr Liebling sein konnte und jene Wärme spendete, die in der kühlen Klassik nicht zu finden war. Denken wir daran, welch breites Verständnis der klaren, abgezogenen Weisheit Kants entgegengebracht worden war, und bann werben mir die Kluft begreifen, die Hölderlins Dichtung durchfluten konnte. Nimmer dürfen mir, wenn mir bas Große sehen, bes Nähr­bodens vergessen, aus dem es seine Kraft saugen konnte.

Denn die Kunst an sich ist genau fo eine in sich geschlossene Einheit, roie es um ein in unserer Zeit naheliegendes Beispiel zu nennen, die Technik ist. Wer jemals in einem technischen Museum die Entmicklung der Dampfmaschine, der Lokomotive oder des Autos aufmerksam be­trachtet hat, dem muß sich mohl der Gedanke aufdrängen, daß sich diese Formen der Maschinen ohne Hinzutun des Menschen entwickelt haben. Zuerst war, um das Beispiel der Lokomotive zu erwähnen, ein Wagen vorhanden, wie ihn die Zeit damals zur Verfügung stellte, ein Kutschier­wagen ohne Pferde und Deichsel. Zu diesem kam ein anderes Wesen, die Dampfmaschine, auch noch nicht in sich geschlossen, auch erst jüngst aus den verschiedensten fremden Teilen zusammengestellt; denn man kann immer nur das nehmen, was schon vorhanden ist; das Neue ent­steht erst aus der Verschmelzung, auf dem Wege der Zeugung. Diese beiden verschiedenen Dinge nun durchdringen einander, bilden in lang­samer Verschmelzung neue Formen, stoßen die alten ab und ruhen nicht eher, als bis sie sich einander vollkommen angepaßt haben. Nirgends wird hier ein Sprung gemacht, alles geschieht langsam, 'allmählich, Schraube um Schraube, Rad um Rad. Nicht nur die Natur macht keine Sprünge, auch jene Gebilde, die sie durch des Menschen Hand hervor­bringt, wollen und müssen sich diesem Gesetz beugen.

Wenn wir nun aber fragen, was in der Kunst jenes Treibende und Bildende ist, das den Kräften, den der Natur abgelifteten Kräften der Technik entspricht, fo müssen wir, so schwer es uns fällt, ein fo großes und gewaltiges Wort auszusprechen, bekennen, daß es der Glaube ist, der Glaube an das Göttliche, das über den Menschen waltet.

Denn alles, was wir Stilentwicklung nennen, nimmt seinen Weg vom Kultbau aus und findet van da an erst den Zugang zu den all­gemeinem Leben. Das, was wir zu Eingang unserer Erörterung den großen Chor der Kunst genannt haben, der die überragenden Meister begleitet, bas gewinnt nun, von hier aus gesehen, erst sein ernstes, strenges Gesicht.

Vergessen wir doch nicht, daß die Technik nie jene Höhe und Voll­kommenheit hätte erreichen können, wenn sie nicht von einer solch breiten Masse getragen wäre, deren Kräfte, Wünsche, Träume und Pläne immer wieder in sie einmünden. Die höchsten Berge steigen ja auch nicht über­gangslos aus der flachen Ebene empor, sie wachsen aus den vorge­lagerten Hügelketten und den sie begleitenden Gebirgszügen zum Himmel hinan.

Ohne den Glauben an das Höhere, über uns kann es ebensowenig eine Kunst geben wie vordem eine Technik möglich war, bevor man nicht Sie Natur selbst ins Verhör nahm, um sie nach ihren Kräften zu be­fragen. Soviele Goldmacher und Alchimisten waren in getrennten Werk­stätten an der Arbeit, um ihr, der verschwiegenen, das eine Geheimnis zu entreißen, das sie nicht preisgeben wollte.

Die Kunst felbft hat niemandem zu dienen als dem Allerhöchsten. Als man dies eine lange Zeit nicht sehen konnte, sagte man: die Kunst fei allein um ihrer selbst willen da. Denn daß sie dienen muh (wenn auch nur sich selbst) darüber waren sich wohl alle Zeiten einig.

Dem vereinsamten Künstler muß jedes Werk mißraten, und es wird ihm um so eher mißlingen, je höher er steigen will. Wenn er nicht ein­gebettet ist in bas Streben seiner Zeit, wenn er nicht von jenem großen Chore der Mitstrebenden begleitet ist, wird er nie dorthin gelangen, wohin es ihn zieht, wie wir bas an Feuerbach, an Cornelius unb auch an Makart ersehen können. Denn, wir haben es schon einmal gesagt, die Höhe der Größten wird durch die Höhe der Mitschassenden, die er überragt, bestimmt. Nur die Wogen der Zeit vermögen es. den großen Künstler emporzuwerfen bis an die Sterne. Die tote See lähmt auch ihn unb nach all feinen hohen Flügen sinkt er ermattend unb unter- gehend wieder zurück. ,

Nicht die Kunst selbst also gilt es zu bestellen, nicht ihr ist durch Mäzenatentum unb Förderung allein zu Helsen. Im echolosen Raum verhallt ihr Ruf ungehört unb verstummt in Gram unb Verzweiflung. Der Nährboden ist zu bestellen, das eigene Volk unb dessen Glauben an das Höhere, sie sind aufzurufen.

Der Künstler vermag nichts anderes zu tun, als gläubig zu warten, ob auch ihn die Wogen, die das Allgemeine durchfluten, emportragen werden. Denn niemals noch hat er aus sich selbst, für sich f^lbst ge­sprochen. Immer gehorchte er höheren Geboten, einem größeren Auf­trage Immer war er, ehe er schenken durste, selbst erst ein Beschenkter.

Wenn man heute nach ihm Ausschau hält unb nach ihm ruft, so geschieht es deshalb, weil die Menschen wieder den Wunsch nach Dauer in sich fühlen Denn durch die Kunst allein leben die flüchtigen Tage weiter sie allein setzt ihnen zum Gedächtnis Bauten, sie gibt ihre Wünsche und Träume, ihre Gedanken unb Pläne, geläutert durch die f^orm entschlackt durch die Gesetze, weiter und bewahrt sie fo den kom­menden Geschlechtern. Sie, die Kunst allein, ist das wahre Gedächtnis der Welt Kann sie nicht formen und gestalten, fo versinken die Tage und die Träume der Menschen spurlos im Meere des uferlosen Geschehens.