Ausgabe 
20.1.1939
 
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Da schüttelt sie den Kopf, errötet und sagt leise, mR zitternder Stimme: ».George, ich liebe dich!" ,

George blickt sie durchdringend an, er wird bleich, wie der Schnee im

Garten, und fragt hastig:Was bedeutet das?"

Aber Liane ist nicht aus den Mund gefallen. Sie erwidert prompt: Es ist der Anfang der Wirklichkeit."

Oie wilden Schwestern.

Eine Walfänger-Sage von Hans Friedrich Blunä.

Wenn die Walfischfänger in die Dunkelheit des Polarwinters ge­raten and nicht mehr rechtzeitig heimkehren, dann kommen, so heißt es, dieWilden Schwestern" und bereiten ihnen eins schlimme Zeit. Sie singen vor den Butten auf dem Eis, winseln und heulen und lachen solange, bis der Wahnsinn der Einsamkeit über die Männer fällt und sie, komme was da wolle, dis Türen aufstoßen und in die Polarnacht hinausstürzen, um die lüsternen Lustheulerin-nen einzusangen. Aber selten kehrt einer von ihnen zurück.

Das war schon bekannt, als die nordfriesischen und Hamburger Walsahrer sich vor vielen Jahrhunderten auf Spitzbergen und Grön­land ihre festen Buchten suchten. Und als die Bremer Seeleute um 1845 in der Südsee auf Wale und Robben auszogen, mußten sie er­fahren, daß es da drunten keineswegs anders herging. So daß einige ernstlich vermuteten, von Pol zu Po! sei die Erde ausgehöhlt und des Herodes Schwestern so nannten die frommen Männer jene lüsternen Frauen zum Zeichen des Abscheus vermöchten blitzschnell von Norden nach Süden durch sie hindurchzuhuschen.

Gegen solche Verlästerung der schönen Gespenster hat nun ein Schrei­ber der Stadt Bremen Verwahrung eingelegt; man zeigte mir einmal seinen Bericht in einem langen, handgeschriebenen Lebenslauf. Es hat sich auf Grund feiner Geschichte auch ein Streit darüber erhoben, ob wirklich jene wilden Frauen sich verwandelt und freundlicher geworden sind ober aber, ob es im Gegenteil des Schreibers Liebste gewesen ist, die ihm in letzter Not geholfen hat. Die Geschichte scheint mir wert, erzählt zu werden, mag der Leser selbst vermuten, was er will.

Es ist zunächst nichts Gutes über jenen Dittmar Miller zu sagen. Er war Stadtschreiber zu Bremen und hätte eine gute Laufbahn vor sich gehabt, wär« er nicht in schlechte Gesellschaft geraten. Die setzte ihm so schlimm zu, daß er schließlich aus seinem Amt gestoßen wurde so erzählt er selbst in seinem reuigen Bericht.

Als der Mann nun so von allen verlassen dastand, sand er an einer Fischerstochter «ine Vertraute, die an das Gute in ihm glaubte und die trotz allem ihr Leben mit ihm teilen wollte. Und sie gewannen ein­ander lieb. Aber um ihr Heiratshäuschen zu kaufen, hätte es bei ihrer beider dürftigem Lohn noch lange währen können. Da hörte Dittmar Milles, der sich als Fischerknecht verdungen hatte, eines Tages von Walschiffen der Bremer Reeder, bei denen die Mannschaften auf Anteil führen. Und er rechnete sich aus, daß er sich bei gutem Glück mit einer einzigen Fahrt das Geld für ein Häuschen sichern könne; er meinte auch, wenn er von jenen zwei Jahren Fangzeit glücklich heim­kehre, sei er in Wahrheit von allem Vergangenen gereinigt. Er bat seine Liebste also, Tag und Nacht an ihn zu denken, heuerte an und stach auf einem Walfahrer in See.

Die Bremer sind schon in der ersten Fangzeit mit Macht dem König Wal, der in mächtigen Rudeln die Südsee bevölkert, zu Leibe gegangen. Es galt damals noch, mit jedem Tier einen Kampf zu bestehen, und Dittmer Milles hat sich dabei so gut bewährt, daß er in der zweiten Fangzeit Bootsführer einer - Schaluppe wurde. Das ergab einen er­höhten Anteil für ihn, er war froh und glaubte sich bald aller Sorgen ledig.

Als die Jahreszeit nun wechselte und die Walfänger nach Norden hielten, um ihre Tranfässer auf großen Frachtschiffen im Feuerland zu löchm, zog nach einmal ein klares Herbstwetter über das südliche Eismeer und di« Schiffe gerieten im Schutze der Säbelinseln in solch mächtige Wal- und Robbenherden, daß sie der Versuchung nicht wider­stehen konnten und noch einmal die Boote auf Jagd aussetzten. Aber schon nach einigen Stunden schlug das Wetter um, launisch, wie es da unten ist; ein heftiger Sturm und treibendes Eis nahmen alle Sicht, und sie verloren einander im Dunkel.

Milles hatte das Glück, mit seiner Schaluppe festes Land zu er­reichen. Es war nicht durch fein Zutun allein; einige riesige Packeis- schollen hatten das Boot wie einen Zapfen hochgepreßt und trieben mit ihrer Beute an die Eisbärte der Klippen. Da beeilten sich die Schiff­brüchigen, was sie noch hatten, auf das Gestein zu schleppen. Sie ver­wandten in den ersten Tagen das Kleinholz zu Notleuern. Dann, als sie einsehen mußten, daß ihr Schiff sie aufgegeben hatte, richteten sie sich auf einigen heilen Bootsrippen einen Schuppen her, den sie mit Eis und Schnee umpackten. So bereiteten sie sich auf jenen furchtbaren Winter vor, den bis dahin nur wenige überstanden hatten.

Sie behielten in der ersten Zeit noch ihren guten Mut: es war ihnen gelungen, einige Robben zu schlagen, so daß sie Tranflammen für die dunkle Zeit gewannen. Das war wichtig; denn feit Menschen- aedenken war noch niemand ohne Licht durch die Nacht des langen Winters hindurchgekommen. Als die Helle draußen spärlicher wurde und die Dunkelheit fast schon den ganzen Tag dauerte, so daß sie in der Hütte bleiben mußten, erzählten sie einander ihr Leben in weit aus­holender Breite, zeichneten sich ein Kartenspiel und spürten doch, wie sich langsam die Furcht vor der Dunkelheit entsetzlich über sie legte. Stürme heulten über ihren Lustschacht hinweg, die Tür war verweht, immer seltener glückte es ihnen, noch einmal in ruhigen Stunden nach draußen zu gelangen und die Sterne über dem grauen Feld scheu anzustaunen. Eines Tages war dann die letzte Patrone ihrer Bootsflinte verschossen, sie blieben in ihrer halbhellen Höhl«, fangen oder machten einander

grauen, gähnten, schliefen, stritten sich und wollten oft gar mit den Messern auseinander los, wie es geschieht, wenn Menschen einander zum Ekel werden. .

Und dann kam es; eines Tages vernahmen sie alle jene Stimmen im Wind, von denen sie oft hatten erzählen hören und die so lieblich sein sollten, daß sie die Vergrabenen aus ihren Schächten herausholen. Diewilden Schwestern" hatten sie entdeckt und sangen und flogen mit schwerem Flügelschlag um ihr Eishaus. Die Männer verstopften ihre Ohren mit Werg und banden sich aneinander, sie grölten gegen die Weisen an, obschon sie bald wie ein Wiegenlied der Mutter, bald wie «in Verlocken zu den herrlichsten Gärten, bald wie ein Ruf Hilfe­flehender dicht vor ihren Ohren schollen.

Drei Wochen tobt« der Sturm über ihr Eisloch hinweg und die wilden Schwestern sangen; die Schiffbrüchigen ertrugen es, sie erzählten einander abwechselnd wüst« Geschichten und Kinderreime, sie legten sich die Karten und erdachten ellenlange Sagen, nur um ihre eigenen Stimmen zu hören. Da war ein Graubart Jewers, der noch zur napo­leonischen Zeit Schmuggel betrieben hatte und immer die gleichen Schnippstücke erzählte, bis er vor Heimweh losschrie uni> sie sich über ihn werfen mußten. Da war ein junger Kerl, ein verjagter Student, der einen Aufstand aller Länder gegen die Türken machen wollte. Und Immer heulten zwischendurch die Worte der wilden Schwestern in ihre Nächte, auch wenn sie die Ohren noch so fest verschlossen, immer dring­licher und luftiger wurde ihr Singen und bettelndes Winseln.

Dittmer Milles war der Besonnenste von allen geblieben. Er konnte nicht glauben, daß das Leben, das noch einmal so schön vor ihm auf- gegangen war, für immer zu Ende fei. Er stellte sich vor, was sein Mädchen sagen würde, wenn vom Feuerland ein Brief nach Haufe kam: der uni> der sei bei den Säbelinseln verschollen. Er rief ihren Namen tausendmal und glaubte nicht an den Tod. Je ärger die anderen ihre Hoffnungslosigkeit hinausschrien, um so zäher hielt er am Dasein fest. Er beruhigte die Mucker; er versprach, er achtete auf jeden Trüb­sinnigen, er spottete am lautesten über den Aberglauben.

Dann fiel es eines Nachts auch über ihn. Zu einer Stunde, als die andern, vom Lärm und lauten Zwisten übermüdet, in einen un­ruhigen Schlaf gefallen waren, wachte er auf und hörte oben am Schornstein ganz deutlich zwischen den singenden Weisen der wilden Schwestern etwas wie die Stimme seiner Liebsten. Es war kein lauter Wind, w>e er sonst über sie hin ging, es war ein deutliches, klar ver­ständliches altes Lied, und dazwischen, wenn er sich mühte, die Worte zu verstehen, ein Rusen, er solle hinauskommen, Rettung sei aus dem Weg.

Dittmer Milles sprang auf, er fürchtete, der Wahnsinn habe auch ihn. Aber im nächsten Augenblick war der Laut so echt und verwirrend, der Mann fiel vor Glück auf fein Lager zurück, wurde wieder geweckt und war jetzt schon so weit, daß es für ihn feinen Zweifel mehr gab, daß wirklich sein Mädchen nach ihm suchte. Ja, Milles, der am hef­tigsten über die armen Wahnwitzigen gescholten hatte, verfiel nun selbst in ihre Traumvorstellungen. Mit schon irrer Vorsicht löste er die Riemen, mit denen die Männer sich aneinander gebunden hatten, beruhigte einen Halbschlafenden und kroch lauschend, entrückt vom Singen und von lieben Worten in seinem Ohr, unter den Schornsteinschacht.. Dort schwang er sich aus den Eistisch, den sie sich fürs Kartenspiel geschlagen hatten, hob die Kappe um das Luftloch hoch und hatte sich, ehe die Erwachenden ihn hindern konnten, hinaufgeschwungen und durch das Eisloch gedrängt.

Der alte Jewers kam hinter ihm hoch, drohend, bittend und schreiend, er sei wahnsinnig, die wilden Schwestern würden ihn erwürgen. Milles vernahm nichts mehr. Er lief, so schnell er konnte, er folgte hundert Stimmen, er folgte einer unter ihnen, die ihm das Letzte und Liebste dieses Lebens war, über ftahlkalte, umblasene Eisklippen. Er gab nicht auf Sch nee gruben noch Abhang acht, er kletterte, geführt und verlockt, mit singenden Ohren unter den Steinen entlang, er sank bis an den Gürtel in den körnerfeinen Schnee, klomm wieder auf, schon schlaflahm vor Frost und Wind, und tappte weiter.

Und dann sah Milles die dunkle Bucht unter sich, die der Sturm von der Eisdrift freigelaffen hatte.

hib er sah, während alle Stimmen jäh von ihm abfielen, «in Schiff in chccu, Schutz schaukeln.

Dittmer Milles ist mit letzter Kraft hinabgeklommen. Es gelang ihm, sich hörbar zu machen. Männer ruderten in einem Boot herüber, um ihn aufzunehmen. Dann suchten Matrosen die Eishöhle, fanden die ver­irrten Menschen und brachte sie an Bord.

Es war aber ihr eigener Walfänger, der auf dem Weg nach Kap Horn so tief nach Süden verschlagen war, daß er noch einmal unter einer der Säbelinseln hatte Schutz suchen müssen. Der Sturm, der es getan hatte, war ein Wunder; aber ein größeres Wunder war es, daß die Menschen in der Eiswüste einander gefunden hatten

Dittmer Milles ist glücklich heimgekehrt und in feinem Leben ist nichts Absonderliches mehr geschehen. Er hat seine Tage still und nüchtern neben seiner Hausfrau verbracht und später in Ruhe Be­trachtungen darüber angestellt, die meist so langweilig und bigott waren, daß man sie nicht des Aufbewahrens für wert gehalten hat.

Aber bei aller Frömmigkeit hat er immer daran festgehalten, daß jene wilden Schwestern wirklich find und nicht nur Schlimmes tun, o-n£r,rn au$ ,9ut können. Und er sagt, daß sie den Träumen seiner Liebsten geholfen und sie dahin geführt hätten, wo er mit den andern unterm Schnee wohnte.

Es ist ein gefährlicher Glaube, den er gefunden hat. Viele arme, im Eis Sterbende hören solche Stimmen und schreiten ins weiße Nichts. Ditimer Milles meint aber, daß die Liebe, die ihn umfing, größer als öte anderer Menschen gewesen sei, und wenn das auch ein frommer Unglaube mar, so wissen wir doch, daß es Gesichte gibt, die wahr sind, und daß es mellt über Menschenkraft geht, zwischen den Träumen und den wirklichen Rufen und 'Berufungen zu unterscheiden

Verantwortlich: Dr. Hans Thhrlot. - Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.