Seeleute samt ihrem Gut verwichtet und Turm und Dach des neuen Tetn= pels beschädigt. Sollten die Einwohner der Stadt es wagen, dies« Beschädigungen auszubessern, so werde seine Rache ohne Grenzen sein. Auher- dem aber verlange er zur Sühn« die Errichtung eines Standbildes auf der Säule des Marktbrunnens.
Charikles erhielt ein anständiges Geschenk und ward von zwei Edlen bis zur Mitte des Weges in seine Stadt zurückgeleitet. Das Meerungeheuer stieß in der folgenden Nacht einen dreimaligen, grausigen Schrei aus und war am Morgen spurlos verschwunden. Bald darauf ward über dem Brunnen ein ehernes Neptunbild aufgestellt, und das Loch Im Dache der neuen Kirche blieb offen pnd ließ Sonnenschein und Regen durch. Das trug zum raschen Verfall des Gebäudes bei, heute steht dasselbe nicht mehr, sondern wurde im siebzehnten Jahrhundert durch eine schöne Kirche im Barockstil ersetzt.
Auf eine Unbekannte.
Bon Friedrich Hebbel.
Die Dämmerung war längst hereingebrochen, Ich halt' dich nie gesehn, du tratst heran;
Da hat dein Mund manch mildes Wort gesprochen In heil'gem Ernst, der dir mein Herz gewann.
Still, wie du nahtest, hast du dich erhoben
Und sanft uns allen gute Nacht gesagt;
Dein Bild war tief von Finsternis umwoben. Nach deinem Namen hab' ich nicht gefragt
Nun wird mein Auge nimmer dich erkennen, Wenn du auch einst vorübergehst an mir. Und hör' ich dich von fremder Lippe nennen. So sagt dein Name selbst mir nichts von dir. Und dennoch wirst du ewig in mir leben, Gleichwie ein Ton lebt in der stillen Luft, Und kann ich Form dir und Gestalt nicht geben, So reißt auch keine Form dich in die Gruft.
Das Leben hat geheimnisvolle Stunden, Drin tut, selbstherrschend, die Natur sich kund; Da bluten wir und fühlen keine Wunden, Da sreun wir uns und sreun uns ohne Grund. Bielleicht wird dann zu flüchtigstem Vereine Verwandtes dem Verwandten nahgerückt; Vielleicht, ich schaudre, jauchze oder weine, Jst's dein Empfinden, welches mich durchzuckt!
Kinder suchen eine Antwort.
Bon Waldemar A u g u st i n t).
Durch das Tor von St. Annen trat ein weißhaariger dunkelgekleideter Mann. Er äugte sogleich nach rechts, zu dem Aebtissinnenhaus hinüber, das schon lange als Waisenhaus diente. Man kannte sehen, er wollte das Waisenhaus besuchen und nicht das Altweiberftist, das gegenüber im alten Klostergebäude untergebracht war. Wie alle Besucher schlug er sich sogleich auf die Wegseite, an der sein Ziel lag — jeder schien zu fühlen, daß der gründurchschossene Kopfsteinweg zwei Wellen trennte, die wie Morgen und Abend verschieden waren.
Kaum war der alte Herr im Waisenhaus und im Zimmer der Vorsteherin verschwunden, da wußte es die Mamsell in der Küche, der Knecht und selbst die Kinder: der Vater des Fräuleins von Schilling war gekommen. Und als wären die Wände durchlässig, flüsterte einer zum anderen: der Vater ist gekommen und hat dem Fräulein ein« böse Nachricht gebracht; ihr Verlobter ist verunglückt.
Ein dunkler Schatten lag alsbald über Küche und Garten, man fühlte ihn, obwohl die Sonne heiß aus den Wegen lag und über Blätter und Blüten tanzte. Die Köchin stand wie verdorrt vor dem Borratsschrank, nichts muckste sich, die Kinder standen und hockten aus dem Spielplatz beisammen, seit der dunkle alte Herr im Zimmer des Fräuleins verschwunden war.
Dann hörte man auf dein Flur: Gesine!" Die Mamsell drehte aus Gewohnheit die Hände in der Schürze, obwohl sie trocken und rein waren, kam herbei, und nun härte sie: das Fräulein müsse den Tag über mit ihrem Vater verreisen und sei am Abend wieder zurück. „Passen Sie gut auf die Kinder", sagte das Fräulein von Schilling mit ihrer klaren und scharfen Stimme. Dann ging sie, eine stattliche, etwas zu hagere Dame neben dem leichtgekrümmten, sonst aber militärisch straffen Vater den Klosterweg hinauf — auf der Seit« des Waisenhauses natürlich, denn die Grenze zu wahren, war dem Fräulein in langen Jahren ins Blut übergegangen.
Die Mamsell aber dachte: sollen die Kinder mal einen guten Tag haben. Sie legte sich aus dem Küchenfenster und schrie: „Ihr dürft in die Beerensträucher, meinetwegen auch auf die Wies«. Aber an den Strand, daß mir keiner an den Strand geht!. Hast du das gehört Klaus?"
Im Nu war der Hofplatz leer. Wie Hühner verstreuten sich die Kinder Uber den Garten, krochen unter dem Staket hindurch und liefen über die Obstwiesen, die dem Waisenhaus und dem Weiberstist gemeinsam gehörten. Der einzige, der zum Strand hinunterschlich, war Klaus.
Klaus kannte sich am Strande aus; trotz der Wachsamkeit des Fä„ (eins von Schilling fand er immer Gelegenheit, zum Strand zu komme,. Dann machte er sich einen künstlichen Hasen aus Sand, fing mit ix Hand die kleinen silbergrauen Fische, die einen Stachel auf dem Äiidn tragen, und tat sie in den Hasen. Klaus drehte sich, bevor er an t»i Arbeit ging, nach der Mamsell um. Die Mamsell war nicht zu sehr-, dafür aber waren Ihm zwei Mädchen gefolgt, Ursel und Antje & waren die dümmsten nicht, aber «s waren. eben kleine Mädchen, Klock braunes Gesicht bekam Jndianerfarbe vor Wut. Er stieß die fürchte- lichsten Drohungen aus, die Mädchen aber wichen nicht, schließlich gd er nach. „Meinetwegen", brummte er. Er ließ die Mädchen ins Waf« waten, zeigte ihnen, wie man Fische fing, legte sich selbst auf den Baus und schaute, den Kopf in die Hand gestützt, auf seinen Hafen, in den die kleinen grauen Leiber bald vorwärts stießen, bald wie tote Hohb stücke lagen.
Als die beiden Mädchen miteinander tuschelten, fragt« Klaus, roo> da los wär«.
„Antje hat gesagt", kräht« di« eine, „wir wollen mal ins Kloste» j haus gehen." Ins Klosterhaus — kein schlechter Gedanke, dachte Klaiu, „Aber da kommt man ja Nicht rein", sagte er.
„Doch kommt man da rein", nickten die Mädchen. „Gut! Ins Klostc« | hausl" befahl Klaus. Dann kratzten sie alle drei den Sand von bei Zehen, zogen sich Strümpfe und Schuhe über und standen vor iw i schweren Eichentür des Klostergebäudes. Sie gab nach. Die drei f (anbei i unter einem gewölbten Dach und schauten durch spitz« Bögen Hindu«- in heißes Licht, dos wie blauer Rauch über einem Rasenplatz la.z. j „Schnell wieder raus", kommandierte Klaus, aber ehe die drei Rinbef : sich umgedreht hatten, kam ein altes Weibchen über die Fließen zo ] schlurft, kam mit „Ach, liebe Kinderchen" und „Guten Tag, guten Taz' näher und fingerte aus einer verschlissenen Ledertasche Schokolade her> aus. Und als wären die Kinder «in langersehnter Besuch, humpelte um) trippelte es von allen Seiten. Aus den Ecken und über den Rosen kcmiei schwarz gekleidete Weiber herbei, im Nu standen die Kinder regte und vor Furcht kaum atmend in einem dunklen Kreis.
Klaus wollte wie ein Fuchs durchbrechen und die beiden Mädche« nach sich ziehen, da gab «s wieder Schokolade und Bonbons und Heim \ Bilderchen, von allen Seiten streckten sich gelbe, faltige Hände Horm r, j Die Kinder stopften sich Taschen und Strümpfe voll .
„Wo habt ihr denn eure Mutter?" fragte eine Stimme aus dem Kreis. „Sfcht", sagte eine ander«, „Mutter haben die doch nicht, flu) doch solche
Kichern und Gurren. „Mutter?" sagte die erste Stimme roiebtr. „Hast du deine Mutter nie gesehen, mein Junge?" Klaus schüttelte bm Kops. Da beugte sich das Weiblein über ihn. „So macht die Mutter", sagte es, hielt die Arme im Ring und wiegte sich in den Hüften. „Mm ter hält di« Hände um das Kind, Mutter beugt sich am Abend über bw Kind und gibt ihm ein Küßchen zur Nacht."
Keines der Kinder wußte recht, wie es aus dem Klosterhaus gt kommen war. Aber sie standen jetzt wirklich allein vor der Tür, um) die Tür hatte sich hinter ihnen geschlossen. Alle drei hatten Angst u:u) faßten sich an den Händen.
„Ist das wahr", sagte Antje endlich, „das mit der Mutter?"
„Klar", sagt Klaus. „Jedes Kind hat eine Mutter. Wenn es teil» Mutter hätte, wäre das Kind gar nicht da. So ist es. Nun schert euol nach Hause", befahl Klaus, „ich will meine Mutter suchen."
„Wir auch", piepsten die beiden Mädchen. Klaus sah sie von unten bis oben mitleidig an und machte das Boot los, das am Steg vor her Kette auf- und niedernickte. Er sagte nichts, als die Mädchen ihm schwer geud nachkletterten, zeigte nur nach vorn, und die Mädchen drückten fW aus einer Ruderbank aneinander und hielten sich fest.
Den beiden sank das Herz, als sie sahen, wie das Kloster mit Dächer । und Türmchen immer kleiner wurde, wie die Pappelallee hervortrat um) dahinter die Stadt, über der das Dach des Domes wie eine riesiW Schildkröte aufragte. Auch Klaus erschrak, aber keines der Kinder sagt» wie ihm zu Sinn war. ♦
Als die Dämmerung begann, kam das Fräulein von Schilling jurüfl Sie fand das Haus, in dem sonst alles am Schnürchen lief, wie eine:« aufgeklärten Ameisenhaufen vor. In der Küche saß die Mamsell vor der« Herd und meinte und betete und brachte erst nach energischen ErmM nun gen soviel heraus, daß das Fräulein verstand.
Das Fräulein telephonierte zur Zollstation und zum Gendarm, twtt wenigen Minuten stand sie in der Zollbarkasse und unterhielt sich nä dem Polizeibeamten über die Möglichkeiten, wo die Kinder zu siuhM seien. Ihr« Hand lag ruhig auf dem Kopf des Wachhundes und streichel^ über fein Fell. Die Barkasse fuhr die Ufer ab. „Dort?" Fräulein vor Schilling zeigte auf die Brücke eines Kirchendorfes: da lag das Book das Fräulein Schilling kannte ihre Sachen, da lag das Boot gut W"' taut am Pfeiler. Di« Barkasse legte an, der Hund nahm eine Spur auf und ehe die Schatten auf den Feldern bleich wurden, fand man bn Kinder. In einer Garbenhocke lagen sie nebeneinander und schliefen.
Fräulein von Schilling fühlte den Schrecken übergehen in Zon* packte den Jungen an der Bluse und stellte ihn aus die Beine. wischte sich di« Augen. „Mutter", war das erste, was er sagte.
Dem Fräulein wurde weich ums Herz, sanfter weckte sie das ander» Kind, die Antje. Die stammelte mit süßer Traumstimme dasselbe.
Da beugte sich das Fräulein über das Kleinste, die Ursel, hob es aufj nahm es in den Bogen ihrer Arme, wiegt« es leise hin und her, beN" ihr Angesicht über das Kind und hörte zum dritten Mal wie Hauch da" Wort „Mutter".
Noch heut« erzählt di« Mamsell von diesem Sommertage. „Seitdem: hat das Helm eine Mutter, jawohl. Und man nennt das Fräulein au® in der Stadt nicht anders als die Mutter von St. Annen, so ist es
Verantwortlich: Dr. Hans Thyrlot. — Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.


