ein weißes Tischtuch heraus und breitet es sorgfältig über den Tisch. Dann holt er das Tannenbäumchen und stellt es in die Mitte des Tisches. Den rohhölzernen Kreuzfuß umwickelt er mit einer kleinen weißen Decke. Hierauf zieht er die mittlere Schublade auf. Mit leis zitternder Hand trägt er verschieden« Sachen behutsam hinüber zum Tisch, sedes Ding einzeln, und breitet es auf der reinen Fläche aus: einen seidenen Schal, ein Paar braune Lederhandschuhe, eine dünne golden« Kette mit einem Herzen daran, einen roten Lackgürtel, ein Stück bunten Kleiderstoff. Alles für ein« Frau bestimmte Geschenk«. Sie sind noch nicht getragen, aber sie sehen irgendwie zeitberührt aus, als wären sie nicht mehr ganz neu. Zwischen die Geschenke verstreut Beltmann Süßigkeiten — Gebäck, Schokolade, Marzipan —, und kleine Tannenzweige. Prüf«nd überschaut er sein Werk, rückt noch hier einen Zweig zurecht, dort einen Zucker- kringei. Sein Blick ist wehmütig-ängstlich, als fürchte er die Enttäuschung, die ihn auch heute wieder narren wird. Und doch leuchtet ein kleiner Hoffnungsstrahl aus den dunklen, müden Augen, scheu wie ein vom Wind geducktes Licht. Er hebt die Hand, als möchte sie die ausgebreiteten Geschenke noch einmal liebend berühren, — aber er zögert mitten in der Bewegung, denn er merkt, wie ihm die Lider feucht werden. Da kramt er aus feiner Tasche die Streichholzschachtel und zündet behutsam die Kerzen an. Als der Baum im heimlichen Glanz erstrahlt, löscht er das Zimmerlicht. Er schaut ein« Welle verloren in den Schimmer hinein. Dann setzte er sich auf das rotplüschen« Kanapee, legt die Hände gefaltet aufs Knie und wartet, ob nicht die Flurglocke tönt...
So wartet Beltmann seit fünfzehn Jahren auf seine Frau Marie, die ihn kurz vor dem Weihnachtsfest, eines anderen Mannes wegen, verlassen hat. Seine Not wächst mit diesem Fest, aber auch seine Hoffnung, li« möchte gerade am Heiligen Abend zu ihm zurückkehren, klammerte sich daran, bis sie freilich mit den Jahren immer ängstlicher und verschüchterter wurde. Die kleinen Geschenke hatte er ihr damals zugedacht. Die Kette, die Handschuhe und der rote Lackgürtel sind noch dieselben; nur den Kleiderstoff hat er dreimal erneuern müssen, er brach an den Faltstellen durch.
Beltmann wartet also, und es ist natürlich, daß er an nichts anderes denken kann, als an seine Frau Marie. Er sieht die drei Jahre vor sich, die er mit ihr verlebt hat, die seine glücklichsten waren, wenn er auch später erfahren mußte, wie wenig Marie mit ihm glücklich war. Es hat ihn damals tief erschüttert, als sie von ihm ging und er hat ihren Schritt verdammt und alle Schuld auf sie gehäuft. Mit der Zeit aber nahm er immer mehr Schatten von ihr auf sich. Er war doch wohl zu still und einfach für sie, die Lebhafte, nach dem Leben Verlangende gewesen. Zu sehr in sich gekehrt, zu wenig der Welt zugewandt. Das war sein Fehler, und ein Fehler ist immer Schuld. Die Jahre vergeblichen Wartens hatten ihn freilich nicht anders gemacht, dych auch an Marien würden sie nicht ohne Spur vorübergegangen sein. Vielleicht war sie gesätttgt und verlangte nach Stille und Geborgenheit. Vielleicht kam sie wieder zurück.
Wenn er tagsüber bei seiner Arbeit war, kam ihm seine Hoffnung selbst närrisch vor. Aber diese Narrheit war es, die ihm noch das Leben lebenswert macht«.
Er mußte eingenickt sein, denn er schreckte plötzlich empor und wußte im Augenblick nicht, wo er war. Irgendein Laut hatte ihn wachgemacht. Er rieb sich die Augen, das Licht des Tannenbaumes blendete ihn. Alles blieb still. Er war allein in großer Einsamkeit. Jetzt schreckte er wieder zusammen ... draußen an der Tür läutet« es! Er wagte noch immer nicht zu glauben, daß es Wirklichkeit sei. Wer anders konnte Einlaß begehren, als Marie. Er stand auf und legte die Hand aufs Herz, so schmerzhaft hart schlug es ihm gegen die Brust. Er hätte fliegen mögen, doch die gestaute Erwartung lähmte ihn wie eine ungeheure Last. Mit schleppendem Schritt durchmaß er den kleinen Korridor, nachdem seine zitternde Hand das Licht angedreht hatte. Seine Schläfen pochten. Heiß und kalt lief es ihm über den Rücken. Er riß die Tür auf, sah im schlechten Lampenschein eine weibliche Gestalt, wollte schreien: „Marie!", da bemerkte er, daß es ein Kind war, das vor ihm stand und er tastete nach der Wand, so schwach machte ihn die erneute Enttäuschung.
Während dem sprach das Mädchen mit leiser Stimm«: „Sind Sie Herr Beltmann?" und als er schwach nickte, „bann soll ich Ihnen diesen Brief geben."
„Von wem?", fragte Beltmann noch immer verstört und abwesend.
Da fing das Kind zu meinen an und neigte das Gesicht in deki Zip el des braunen Tuches, das seinen Kopf umhüllte.
Belttnonn sah, wie ärmlich es gekleidet war und daß es vor Kälte zitter»
„Komm' herein", sagte er freundlich, „du kannst drinnen auf Antwort warten und dich dabei wärmen."
Das Mädchen wischte sich das Gesicht, dann wickelte es das Tuch vom Kopfe. Beltmann nahm es ihr ab und sie traten in die wanne, festliche Stube.
Als das Kind, betroffen von soviel Glanz, an der Schwelle stehen blieb, führte es Beltmann in die Nähe des Ofens und nötigt« es in einen Stuhl.
Noch voller Unruhe, öffnete er den Briefumschlag. Ein kleiner Zettel lag dann. „Nimm dich des Kindes an, Heinrich. Du warst immer aut zu mir. Vergib. Marie."
Beltmann starrte den Zettel an, bis die Buchstaben vor seinen Augen tanzten. Mariell Sie lebte, war nah! Aber warum kam sie nicht se'lbtt zu ihm? 1
Er sah zu dem Mädchen hin. Es hatte der Mutter Gesicht, ihr blondes Haar. „Wo ist deine Mutter?", fragte er ängstlich, Da fing das Kind wieder zu weinen an. „Mutter ist tot, schluchzt« es.
Weltmann zuckte zusammen. Er mußt« sich setzen.
„Seit wann?" fragte er endlich.
Verantwortlich: Dr. Fr. W. Lang«. — Druck und Verla
„Seit einer Woche. Im Krankenhaus." Das Mädchen nannte eine klein« Stadt, nahe der Grenz«.
„Und wie heißt du?" .
.Marie."
Beltmann schluckt«. Es bauerte lange, bis er die Frag« stellte, vor der er Furcht empfand.
„Wie alt bist du Marie?"
„Dreizehn Jahr«." . "
Die Worte schlugen wie Keulen auf ihn ein. Also des anderen Kind, nicht das feine, wie er gehofft. Er stand auf, drehte Marien den Rücken zu und ging ans Fenster. Sie war also tot, war nicht zu ihm zurück- gekehrt, schickte ihm aber ihr Kind, dessen Vater der ander« war. Sein Herz füllte sich mit Bitterkett. Hatte sie ihm durch ihr Fortgehen noch nicht genug Leid angetan? Mußte er auch noch diese neue Kränkung ertragen?
Er sah durch die Scheiben. Es hatte mit schneien aufgehört. D1« Straße und die weiten FeDer lagen unter dem stillen, ebenen Weiß. Dunkel, fast schwarz, stieg der Himmel aus der Helle empor. Sternengespickt hob er sich über die Welt, als behüte er sie in Frieden vor Leid und Ungemach.
Des Mannes Gedanken aber waren ruhelos. Des anderen Kind. Wo mochte dieser Ander« fein? Hatte sich das vergeltende Schicksal auch an Marien erfüllt? War sie einfam und verlassen gestorben, wie er einsam und verlassen gewesen war, und auch einmal sterben würde?
Er erschrak vor der bösen Fährte, auf die ihn sein Unmut gelockt. Schickte ihm die Tot« nicht ihr Kind? Sprach nicht ein fast übermenschliches Vertrauen zu ihm aus ihrer Ditte. Sie hatte fein Herz im Tode erkannt und legte ihr Kind, ein Stück von ihr, in feine Hut. Er hatte sie geliebt, konnte er ihr diese Liebe schöner beweisen?
Beltmann wandt« sich ins Zimmer zurück. Das Mädchen hatte sich in den Stuhl zurückgelehnt und schaute mit großen Augen auf den gaben« gedeckten Disch.
„Willst du bei mir bleiben, Marie?", hört« sie jetzt des Mannes freundliche Stimme. r <
„3a, sagte sie leise/ „ich bliebe schon."
Sie schloß die Augen, als blende sie plötzlich der Helle Glanz. Ihre Brust atmete erregt, als quälten sie schlimme Erinnerungen. Dann stand das Kind rasch von seinem Stuhl auf, faßte Beltmanns Hand und legte seine heiße Wange darauf.
Er wehrte ihr verlegen und unbeholfen. Fast stand er selber scheu wie ein Kind neben ihr. Lächelnd legte er seinen Arm um ihre Schulter und Mrte sie an den Tisch.
„Das gehört alles dir, Marie."
„Mir?", jubelte das Mädchen.
„Ja, und nun mußt du Vater und du zu mir jagen."
Marie lachte und meinte in einem zugleich, nahm die Geschenke einzeln vom Tisch, strich mit leisen Händen darüber hin, legte sie wieder an ihren Platz und dankte mit glücklicher Herzlichkeit Dann aber stutzte sie. Ein Gedanke gewann über sie Macht. „Wußtest du denn, daß ich kommen würde?"
Beltmann senkte den Kopf. Seine Augen schimmerten. „Ich wußte es", antwortete er. „Seit fünfzehn Jahren wartete ich auf die Erfüllung." „Seit fünfzehn Jahren?" Das Kind sah verständnislos zu ihm empor. Er wollte zu ihm reden, ihm seine seltsamen Worte erklären. In seiner Seele klang alles hell, was er ihr hätte sagen können: Verstehen kannst du das jetzt noch nicht. Das will seine Zeit. Jemand ging von mir unb jemand kam heute zu mir zurück. Ich hoffte lange. Die Hoffnung ist der Lichtschein im Leide sdunkel der Menschen. Wenn sie töricht ist, erfüllt sie das Schicksal nicht, ober auf eine andere Art. Ich" liebte deine Mutter Marie, und wartete auf sie. Nun bist du, bas Kind Marie, gekommen und ich werde dich hegen, wie es die Hoffnung der Toten war.
So klang es in Beltmann, aber er merkte, daß sich das nie aus« sprechen ließ, bei jedem Versuch zerfloß was er gedacht, wie Nebelhauch. Er legte die Hand an den Kops des Kindes und drückte das blaffe Gesicht an feine Brust, daß es die Tränen nicht sehen sollte, die unaufhörlich aus seinen Augen rannen.
Christrose im Garten.
Von Hedwig Forstreuter.
Im Garten rührt sich schwer der Tannenbaum, Die nassen Aeste klopfen an di« Scheiben, Durch Wipfelbeugen und durch Wolkentteiben Sieht man die Sterne öberm Giebel kaum.
Die kahlen Sttäucher sind herabgesenkt. Mit ihren Zweigen tief zum Grund gebogen, D dunkle Trauer, ganz von Tod getränftl Zerzaust und frierend starrt der Efeubogen.
Und wenn die Nacht kommt, steht der Garten stumm/ Als warte er auf ein geheimes Zeichen, Di« Birke schwankt und sieht sich sehnend um, Wenn früh am Himmel Mond und Sterne bleichen.
Ging eine Rose auf am Boden dicht Im Gartenbeet, ganz in ihr Blühn verloren, Es sttahlt aus ihrem Kelch: „Christ ist geboren!" ___________________Ein golbner Griffel schreibt in weißes Licht, g: Brühische Universitätsdruckerei, R. Lange, Gießen.


