Lichtnacht.
* Don Herbert Böhme. Allen Nächten Sterne leuchten, dieser Nacht sei du das Licht. Gib den Glanz aus deinen feuchten Blicken, bis der Schmerz zerbricht
unter soviel heiliger Helle dem Verschenken zugetan, bis sich dir vor ärmster Schwelle wird der Weihnacht Wunder nahn.
Steht dein Herze ganz in Gnade nur von Freuden hell erglüht, des Gesanges Wort belade dann mit Liebe, bis es blüht.
O, dies Wunder, Stern zu werden, o, dies glücklich frohe Sein.
Geht ein Leuchten über Erden. Erde gcht zum Himmel ein.
Denkwürdige Weihnachten.
Von Hans Sturm.
Drei Weihnachtsereignisse legten in alter Zeit den Grund zur kulturellen Zusammenarbeit der germanischen und römischen Welt: der Uebertritt des Frankenkönigs Chlodwig zum Christentum (496), die Bekehrung des Sachsenherzogs Widukind zur christlichen Lehre (785) und die Krönung Karls des Großen am Christtag des Jahres 800 zu Rom. Von der Elbe und der Raab bis zum Ebro, von der Eider bis über den Tiber reichte die Macht des Frankenkönigs, als er im Advent 800 in Rom einzog. In der feierlichen Christmette kniete der Frankenherrscher in der Peterskirche vor dem Hochaltar, umgeben von seinem Heergefolge; während der Papst ihm die Krone aufsetzte, stimmten die Römer in den Ruf ein: „Carolus Augustus, dem gekrönten, friedbringenden Beherrscher des Römischen Reiches Deutscher Nation — Leben und Sieg!" So huldigte Rom, die neue Zeit ahnend, der nordischen Macht.
Unter den Nachkommen Karls des Großen zerfiel dessen gewaltiges Reich, und erst unter Otto dem Großen wurde es wieder hergestellt, allerdings nicht in demselben Umfange. Dieser Herrscher wählte den Weihnachtstag als „Tag des Hofes", an dem er Reichstage abhielt und Entscheidungen traf. Den Christtag des Jahres 941 verschönerte er durch eine Feier, auf der er sich mit seinem Bruder Heinrich, der nach mehreren mißlungenen Aufständen um Gnade bitten mußte, versöhnte; im Dom zu Quedlinburg wurde die Aussöhnung vorgenommen.
Schlimme Zeiten waren es, als Karl IV. zum Kaiser gewählt wurde. Gesetz- und Rechtlosigkeit herrschten, und was die herumstreifenden Söldner- Horden nicht fanden, raffte der aus dem Süden eingeschleppte schwarze Tod, die Pest, hinweg. Um Ordnung zu schaffen und Zerwürfnissen mit den Fürsten vorzubeugen, erließ der Kaiser am Weihnachtstage 1356 die „Goldene Bulle", jenes berühmte Reichsgrundgesetz, das rund ein halbes Jahrtausend als deutsche Verfassung gedient hat; dieses Gesetzwerk, das seinen Namen von der Kapsel (bulfa aurea), jn der sich das angehängte kaiserliche Siegel befand, erhielt, regelte die Stellung der sieben Reichsfürsten, die zur Wahl des Kaisers berechtigt waren, und verlieh ihnen fast
völlige Landeshoheit. „
Am Heiligen Abend des Jahres 1530 setzte Nikolaus Kopernikus, der Frauenburger Domherr, den Schlußstrich unter ein Werk, an dem er viele Jahre in aller Stille gearbeitet hatte, und nannte es „De revolu- tionibus orbiutn coelesticum“; in diesem astronomischen Werke widerlegte er das bis dahin gültige geozentrische System des Ptolemaus der annahm, die Erde sei der Mittelpunkt des Weltsystems, und setzte an seine Stelle das heliozentrische System, das die Sonne als Mittelpunkt ansteht, um die sich die Erde und die anderen Planeten bewegen. Aus Rücksicht auf die öffentliche Meinung und auf feine Gegner, zu denen auch Luther und Melanchthon gehörten, ließ er es erst kurz vor feinem Tode (1543) auf Zureden von Freunden drucken. r s ,
Im Spanischen Erbfolgekrieg hatte das bayerische Oberland als Schlachtfeld gedient; bei Höchftedt wurde des Landes Schicksal entschieden, der Fürst mußte fliehen, und schwer lastete die Hand der Eroberer In den stillen Schneenächten des Winters 1705 liefen Mahnboten von Dorf zu Dorf, von Gehöft zu Geböft, das Volk zum Befreiungskampf aufzurufen. Die versteckten Waffen wurden verteilt, und hier und da wurden die Oesterreicher vertrieben. Nun zogen 5000 Bauern gegen München, stürmten um Mitternacht den Brückenkopf an der Isar and drangen in die Stadt; doch die von den Feinden entwaffneten Münchner konnten ihnen nicht helfen. Die Oberländer wurden zuruckgescylagen, stellten sich aber bei Sendling en noch einmal. Sie -wurden m der Christnacht 1705 umzingelt, und wer nicht fliehen konnte, starb den Heldentod. So endete der bayerische Bauernkrieg unter den Sternen der Weihnacht.
Im Dezember 1745 war der z w e i t e S ch l e s l s che K r i e g zu Ende, Dresden hatte kapituliert. Es schien zweifelhaft, ob Diedrich der Große jetzt noch unter den damaligen Bedingungen Frieden schließen wer . Aber er blieb dabei. „Ich habe wohl nur noch em Dutzend Jahre zu leben , sagte er, „und will diese ruhig hinbringen und an dem Gluck meiner Untertanen arbeiten. Das ist mähre Große. Ich ? „ur daß
Waffen greifen, als zu meiner Verteidigung. Co forderte er nur O B ihm der Besitz Schlesiens nochmals zugestanden werde- »nd noch am erf Weihnachtsmorgen des Jahres 1745 wurde der Fr.edensfchlutz m
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Frankfurt a. M. den spateren König F! r l e b r i 4be5fe!ben Jahres verlobte sich im April mit ihm und zog am 22. Dezemoer oesi« x.
als Braut des Kronprinzen von Preußen in Berlin ein. Am Heilige« Abend wurde das Paar im Weißen Saal des Schlosses vor dem Alta» getraut. Als Königin gewann Luise die Herzen ihres Volkes. Drei Weihnachten verlebte sie mit ihrer Familie auf der Flucht vor dem Korsen, der durch seinen Sieg in der Dreikaiserschlacht bei Austerlitz und den merkwürdigen Frieden, den Oesterreich zu Preßburg am zweiten Weihnachtstage des Jahres 1805 abzuschließen gezwungen wurde, auf der Höh« feiner Macht zu stehen schien. Kurz vor ihrem Tode (1810) schrieb di« Königin Luise einer alten Freundin: „Ich weiß es, meine Liebe, nut wenige Winter noch, und Preußen ist frei!"
Ein düsteres Christfest erlebte Napoleon 1812 nach seiner Flucht aus Rußland. Präsident von Schön berichtete aus Gumbinnen, wo er den Durchzug der zusammengebrochenen „großen Armee" gesehen hatte, nach Berlin: „Seit Terxes ist ein gleicher Rückzug einer großen Armee nicht geschehen!" Erst am zweiten Weihnachtstage brachten die Berliner Zeitungen ein Bulletin Napoleons über den Untergang der „Großen Armee", das, nachdem die früheren Erklärungen alle gelogen hatten, auf die Wahrheit vorbereiten sollte. Dabei war der Kaiser bereits am 18. Dezembe« als Flüchtling in Paris eingetroffen. Am Tage nach der Veröffentlichung des Bulletins erfuhr man in Berlin, daß in der zertrümmerten Arme« etwa 200 000 Deutsche gewesen waren. Ueber die „weihnachtliche Stimmung" in Berlin schrieb Professor Heinrich Steffens: „Jeder erwartet« einen großen Augenblick und schien für ihn gewafsnet. Und doch wat der Moment der Tat noch nicht da, aber sie war schon im Innern viele» tausend Gemüter, die den Tag der Tat sehnsuchtsvoll erwarteten."
Fritjof Nansen schildert eine Weihnacht im hohen Norden in seinem Werke „I n Nacht und Eis" mit schlichten Worten: „24. Dezember minus 24 Grad. Heute ist also Weihnachtsabend. Kalt und windig ist es draußen, kalt und zugig hier drinnen. Wie einsam es ist. Noch niemals haben wir einen solchen Weihnachtsabend gehabt. Nun läuten zu Haus di« Glocken ... Jetzt werden die Lichter angezündet, die Kinderschar wird hereingelassen; in Freude und Jubel tanzt sie um den Baum. Wenn ich wieder nach Hause komme, muh ich ein Weihnachtsfest für Kinder veranstalten ... Auch wir mit unseren ärmlichen Mitteln feiern ein Fest, Johannsen hat die Hemden gewechselt, indem er das äußerste Hemd zuerst anlegte. Ich habe dasselbe getan und dann die Unterhosen gewechselt^ um andere anzuziehen, die ich in etwas warmem Wasser gewunden habe« Auch ich habe mich in warmem Wasser gewaschen und fühle mich als ganz neuer Mensch. Die Kleider kleben mir nicht mehr so stark am Körper ... Zum Abendessen hatten wir Fiskegraiin aus Fisch und Maismehl, mit Tran anstatt mit Butter gebacken und gebraten, und zum Nachtisch in Tran geröstetes Brot ..."
UeberaU, wo Menschen des Heiligen Abends gedenken, steht, damals wie heute, „der große milde Weihnachtsftern".
Erfüllunq.
Von Hermann Walter Kaden.
Den ganzen Tag über ist Schnee gefallen. Jetzt, am Abend, rieselt et nur noch ganz zart hernieder, als sei das Wolkenbett, das grau und dicht über der Stadt hing, fast leer geworden und schütte die letzten Flocken aus. Im Schein der Laternen glitzern die Schneekristalle Der Lärm der Straßen klingt sehr gedämpft, wie wenn alles Pantoffeln trüge uni» sich hüte, ein lautes Wort zu reden. Aus den letzten Läden eilen verspätete mit Päckchen beladene Weihnachtskäufer nach Haufe. Hin und wieder schleicht einer mit einem Tannenbäumchen unter dem Arm an den Häusern entlang, das Gesicht fast ganz in den aufgestülpten Mantelkragen versteckt, als schäme er sich, daß der Baum heute am Heiligen Abend noch nicht lichtergeschmückt und behangen in festlicher Stube steht, Es wird immer leerer in der Stadt. Die Läden löschen ihr lockendes Licht, während in den Häusern immer mehr Fenster sich erhellen. In den Straßenbahnen sitzen nur wenige Fahrgäste. Alle Menschen zieht es heut« ins Haus.
In der Vorstadt, in der Heinrich Beltmann wohnt, ist es säst kirchen- still. Hier liegt der Schnee in manchen Straßen noch unberührt und das Gehen macht Mühe. Beltmann kommt nur langsam vorwärts, doch «r hat keine Eile, es ist, als strebe er nur widerwillig feinem Ziele zu. Dort steht endlich das Haus, in dem er seit achtzehn Jahren wohnt. Er steigt langsam die knarrenden, schlecht beleuchteten Stiegen hoch. Aus den Türen, an denen er bis zum dritten Stock vorüber muß, bringt Geruch von Tannenharz und Weihnachtsgebäck. Manchmal, wenn gerade innen eine Zimmertür geöffnet wird, erschallen freudig erregte Stimmen ober Frauen- und Kinderlachen.
Beltmann durchzuckt es bann und er bleibt für einen Augenblick an der Treppe stehen und lauscht. Aber dann macht er eine Bewegung, als schüttle er etwas ab, und geht weiter.
Oben im dritten und letzten Stock brennt das Licht besonders schlecht. Man kann kaum das Namensschild lesen. Seltmann klingelt nicht. Er sieht mit ängstlich-erwartungsvollem Blick nach dem Gitter des Blechbriefkastens 'Doch da blinkt nichts Weißes, kein Brief, keine Karte, nichts. Er zieht einen Schlüsselbund aus der Hosentasche unb schließt die Wohnungstür auf Kühle weht heraus. Er knipst bas Licht auf dem kleinen Korridor an, legt Hut unb Mantel ab, zieht bie burchnäßten Schuhe aus und schlüpft in bie Filzschuhe, die vor dem einfachen Kleiderständer 'tehn. Dann öffnet er die Stubentür, läßt bas Licht in dem Zimmer angehen unb dreht den Flurschalter ab. Auch die Stube ist kalt. Ader im eisernen Ofen liegen schon Papier, Holz unb Kohlen, bie schichtet Beltmann immer am Morgen hinein, ehe er auf feine Arbeit gcht. Das Feuer prasselt. Dalb ist das Zimmer mollig warm. Die kleine Stube ist einfach, doch behaglich eingerichtet. Tisch, Kommode, Schrank, Kanapee, Es riecht auch hier nach Nadelharz unb Weihnachtsgebäck. In der Ecke auf dem Fußboden steht ein kleiner, mit Kerzen, Glaskugeln und Lametta geschmückter Tannenbaum. Beltmann tritt an den Tisch, nimmt bie geblümte Decke herunter, faltet sie fein säuberlich zusammen, glättet sie mit ber Hanb, und leat sie in den oberen Kommodenkasten. Nun nimmt er aus dem unteren


