Ausgabe 
18.12.1939
 
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Siebzehnhundert Franken? Aha, vielleicht muhte er t*c gnädige grau von einer Kathedrale entbinden." ,

Ich bitte dich, Mama, lah mich nicht m Verlegenheit.

Nichts nicht einen Centime; du hast deine alte Mutter um einen Taugenichts, um ein Faß ohne Boden verlassen, und nun kommst du in seinem Austrage, denn du kommst in seinem Austrage...

Mama, für wen hältst du ihn?"

Ich halte ihn für das, was er ist, für einen Mann ohne Ordnung, der dich und deine Kinder an den Bettelstab bringen wird."

Aber, Mama, denke doch an die Eingeladenen, die kommen werden. Man wird glauben, daß wir arm seien, wir werden unser Ansehen ein­büßen, Paul wird seine Patienten verlieren; also, sei gut, Mama, gute, ^Margarete ergriff sie bei den Händen und bedeckte sie mit Küssen.

Roosje ließ es geschehen. Einen Augenblick lang war sie gerührt, ihre Züge entspannten sich, und sie betrachtete ihre Tochter, wobei sich ihre Augen ein wenig feuchteten; aber der unbeugsame Haß der armen Eifersüchtigen wachte im Herzen der Mutter. Sie lächelte noch einmal, aber diesmal ein schreckliches Lächeln, und sagte mit einer wilden Nutze: Weiht du, was man tut, wenn man keine zweihundert Franken hat und viele Lebte eingeladen hat? Man geht zum Bäcker, bestellt ein großes Schwarzbrot, Rettiche und ein Viertel Butter, weil man ein großes Fest geben will. Jeder der Eingeladenen erhält eine große Schnitte, eme Scheibe Rettich, Pfefser und Salz. Man sagt ihnen: ,Das Fest ist heute ein wenig mager, wir sind arm. Aber an dem Tage, wo wir es uns leisten können, zweihundert Franken aus dem Fenster und in eure Mäuler zu schmeißen, werden wir euch benachrichtigen!"'

Mama, ich bitte dich!"

Nichts, nichts, nichts, nichts!"

Mama!..."

Willst du fünszig Centimes?"

In diesem Augenblick läutete es am Gittertore des Landhauses. Einige Augenblicke später Hopfte das Mädchen an die Tür von Roosjes Zimmer.

Ist die gnädig« Frau hier?" fragte sie.Ja", antwortete Margarete, die hinter der Tür stand, und zeigte sich.

Der Diener des Herrn Baron hat eben dieses Päckchen für den Herrn Doktor oder die gnädige Frau gebracht."

Zitternd öffnete es Margarete.

Im Umschlag lagen sünfzehn Hundertsrankennoten der Bank von Frankreich und vier grün« Noten zu fünfzig Franken der Belgischen Nationalbank. , , L

Ach, Mama, wie froh bin ich setzt, sagte Margarete, als sie die Quittung ausstellte.Du siehst jetzt wohl, daß ich nicht gelogen habe, Mama."

Sie fiel Roosje um den Hals, di« sich enttäuscht die Lippen biß, aber doch an dem Festessen teilnahm und für Paul fast etwas wie Achtung bekommen hatte.

26. .

Von ihrer Schönheit und Jugend berauscht, schritten Paul und Mar­garete sorglos durch das Leben. Sie liebten sich wie Kinder, suchten sich, flohen sich, liefen im Haus, im Garten und überall hintereinander her. Sie spielten. Wenn es läutete, und Margarete wollte in Abwesenheit des Mädchens öffnen, so folgte Paul seiner Frau, und Roosje hörte Ster der Tür auf dem Vorplatz das Geräusch zweier lauter Kusse.

nn Roosje diese schöne Liebe sah, tauchte ihre Vergangenheit vor ihr auf. Auch sie hatte geliebt, auch sie war glücklich gewesen. Sie erinnerte sich besonders eines Tages, den sie mit ihrem Geliebten, der später ihr Mann wurde, auf dem Lande verbracht hatte. An einem Jahrmarktstage gingen sie über die Felder und ließen den Festplatz, der sich am Ufer eines Teiches befand, weit hinter sich und mit ihm das Fiedeln, das Bumbum und Trara von Geigen, Trommeln und Trompeten. Lange gingen sie ziellos durch blühende Kornfelder und über Landwege, unter dem weiten Himmel mit feinem ausgedehnten Horizonte.

Ein Gewitter drohte, und es begann schon dunkel zu werden, als sie wieder zum Jahrmarktsplatze zurückkehrten.

Sie setzten sich auf eine der für Spaziergänger bestimmten Bänke und betrachteten von dort, Hand in Hand, träumerisch das herrliche Schau­spiel, das die Teiche barboten; alles erschien ihnen wie ein Rahmen für ihre Liebe.

Das Becken des einen der beiden Teiche lag höher als das des anderen. Ein Deich trennte sie. Im unteren zitterten die Schilfwedel im Hauche der lauen Brise, im oberen glänzte klares, tiefes Wasser. Beide Teiche waren' von Ulmen und Pappeln umgeben, und in einigen Winkeln, durch die unregelmäßigen Ufer gebildet, standen Weiden und Akazien, aus denen hier und da das rote Dach eines Landhaches oder der schlanke Umriß eines kleinen Holzhauses sich abhob. Der Himmel erschien stahl­blau, die Sonne war nahe daran, in den violetten Wolken unterzugehen, und am Horizont, hinter dem sie bereits die Halste ihrer Scheibe ver­barg, öffnete sich ein riesenhafter Strahlenfächer in die Unendlichkeit. In den Buden wurden die Lichter angezündet, die, im Wasser sich wider­spiegelnd, langen feurigen Schlangen glichen. Der Lärm der Trompeten und Trommeln, die Rufe der Schausteller, der Papageien, Adler, das Brüllen der Löwen und Knurren der Tiger, die in den Buden ein­geschlossen waren, wirkte betäubend. Die mit rotem, von Metallplättchen besetztem Stoss ausgeschlagenen Karusselle drehten sich schwindelerregend und boten mit ihren Lichtern einen feenhaften Anblick. Männer, Frauen, Mädchen und Knaben lachten, pfiffen, fangen; es war das seltsame Ge­räusch der Massen, bei dem immer der rohe Ton überreizter Leidenschaft vorherrscht. Sie blieben auf ihrer Bank allein, in sich selbst und ihre Liebe versunken.

Leute aus allen Kreisen gingen an ihnen vorüber, unter anderen auch ein« junge Frau. Sie führte zwei Kinder und ging am Arm ihres Man­nes. Hinter ihnen kamen zwei sehr aufgeregte Dienstmädchen, die von toller Lustigkeit wie besessen waren. Im Vorübergehen warfen sie ver­

zehrende Bücke aus den" Gesiebten Roosjes, die still unb nicht ohne einen gewissen Stolz unter den Blicken dieser beiden Bacchantinnen litt. E, folgte eine Frau von etwa fünfzig Jahren, lang aufgeschossen, trocken und mager; die ganze Bande gehörte zusammen. Die Frau warf auf Roosje einen Blick, der verächtlich fein sollte, aber nur neidisch war, und sagte bitter:Das ist der Liebesweg." Roosjes Bräuttgam hatte t* nicht gehört, aber Roosje wiederholte es ihm.

Was kann uns das ausmachen", sagte er, ,I>ese Frau ist eifer« süchtig.aubst daß alle Frauen eifersüchtig sind?" fragte sie.

Ja, und du noch mehr als die andern."

Das war richtig. , . .

Sie standen auf und gingen langsam weiter, um eine stillere Cu» samkeit aufzusuchen. Sie stützte sich gern auf seinen starken Arm, indem sie beide Hände faltete und mit Freud« das Spiel seiner Muskeln fühlte Er knallte beim Gehen mit den Fingern wie mit Kastagnetten und sagte plötzlich:Ich habe mich verbrannt.'

Me, verbrannt?" fragte sie und tat, als ob sie nicht verstünde. * Er tat einen langen Seufzer und antwortete:Ja, und ich liebe dich! Wohin geht dieser Seufzer?" fragte sie.

Zu dir!"

Und auch zu andern?" m ..

D nein du kennst mich nicht! Man kann einen gemeinen Menschen für' einen Augenblick lieben, wenn seine Form schön ist, und ihn dann gleich verlassen." Er war Bildhauer.*Aber du, in dir ist mein Herz, mein ganzes Sein. Oh, ich lieb« dich!"

Und er küßte sie zärtlich mit jenen zarten Küssen, die mehr sind als Sinnenliebe.Ich liebe dich wegen deiner Güte, wegen deines Mutes. Sie arbeitete wie ein Pferd, mehr als ein Pferd, vierzehn Stunden täglich.Ich liebe dich wegen deines guten Herzens und weil bu

Seine Stimme umschmeichelte sie, als ob sie den Wein der wahren Liebe, die ganz Güte, Liebkosung und Bewunderung ist, mit allen Poren in sich ausgesogen hätte. Auch sie warverbrannt" und lieh sich bewun­dern. Sie bogen in einen der kleinen, von Liebenden gern gesuchten dunklen Fußwege ein, der sich bei dem Dunkel der Nacht ins Leere zu verlieren schien. Hinter ihnen ertönte durchdringender fiarm aus den Buden, deren Besitzer alles in Bewegung setzten, um den Zuschauern mit schreienden Farben in die Augen zu springen und den Zuhörern durch das wilde Schlagen der Trommeln und den grellen Ton der Blechmusik die Ohren zu zerreißen. .

Sie fühlten sich im Schweigen, in der Lieb«, in der Nacht.

Langsam schritten sie, dicht aneinander gedrückt, dahin. Wollüstig« süße Berührung! , .. , . '

Niemals", sagte sie ein wenig zitternd,sind wir so weit in bet. Dunkelheit gewesen."

Ich bin bei dir, gut für zehn Mann und bewaffnet.

Sie wußte, daß er nicht bewaffnet war; aber ihre Hand, di« sich aus seinen Arm stützte, fühlte die Bewegung feiner Muskeln, hart wie Eisen.

Neben ihnen im Teiche, der ruhig wie eine silberne, an einigen Stellen blind gewordene Platte batag, spiegelten sich die Schattenbilder der Bäume wider, die rote, goldglänzende Leinwand der Karussells, M bei Bewegung des Wassers zitternden Lichter und der graublaue Himmel an dem bleiche Sterne schimmerten.

Sie blieben stehen. Die Nacht hüllte sie in ihren Schatten. St« betört Furcht vor ihm.

Wollen wir uns die Buden ansehen?" sagte sie.

Ich liebe die Menge nicht", erwidert« «r,bleibe bei mir!" Sie wollt, «s nicht, weil sie die eigene Furcht und die Furcht vor den Leuten, b« vielleicht hinzukommen könnten, nicht zu beherrschen vermochte. Sie stell!« sich deshalb zornig und sagte mit Frauenlist:Niemals zeigst du mit etwas. Ich bin immer ganz allein. Bring' mich doch zu den Duden!

Und so gingen sie wieder zum Jahrmarktsplatz, einer wahren Teufels­herberge von Seiltänzern, heulender Blechmusik, Lärm und Licht. S« waren von diesem Treiben noch ziemlich weit entfernt und fast allein auf der kleinen Straße, di« am Teich entlang führte. Roosje neigte bei Kopf und wurde traurig, was er sogleich bemerkte.

Schon wieder", sagt« er mit fünftem Vorwurf.Ich hab« auch Kum­mer, aber vergesse ich ihn nicht bei dir? Mut, Rose!"

Du bist ein Mann!"

Das weiß ich wohl, aber weil ich ein Mann bin und dich siebe, 1° mußt du mir gehorchen. Willst du jetzt gleich lachen, aber sofort?!!" &'< lachte und fiel ihm um den Hals. Die Siebe gewann bei ihr die Oberhaus.

Der Lärm und das Licht der Buden wurden immer deutlicher. mischten sich unter die Menge. Sie wollt« in der ersten Reihe stehen. der sonst sonst, wenigstens ziemlich sanft war, wenn er sich allem befand packte, wenn er sie am Arme führte, die Wildheit eines Hahnes, dem feine Hennen folgen. Die Menge öffnete sich vor ihnen.

Vor einer prächtigen Bude blieben sie stehen. Zunächst sahen sie Po< dneU ganz in schwarzem Samt mit Flittem; er ging aus den Absatzes di« Schuhspitzen in der Luft; dann kam die Mutter ©igogne und Nein« schwarzgekleidete Kerle mit roten Gesichtern, die um fk herumttinzmo Hierin lag irgendein« Anspielung, die die Menge zum Lachen brudjp, besonders der enge Gürtelumfang dieser kleinen Männer und di« ihrer dicken Gesichter. ,

Dann verschwanden sie, hinweggedreht wie eine Windhose. S)ier<w lief Policinell wieder über die Bühne auf den Hacken, die Fußspitzen der Luft, stets sehr ernst und in Samt mit Flittern gekleidet.

Die Mutter Gigogne kam mit den Männchen wieder, schürzte ihre» Rock und verwandelte sich unter dem Beifall der Menge in einen BaU°"! ein Meisterwerk der Technik. Der Ballon wurde durch den gleichen Wn°> der Windhose hinweggeführt und erhob sich bis zur Decke der Buyu- Die Menge klatschte von neuem. Der Vorhang senkte sich, eine üanöiap' zeigend, die nur Häuser mit schwarzen Ziegeln darstellte, die sich rotem Rasen und einem schokoladefarbenen Himmel abhoben.

(Fortsetzung folgt.)