Ausgabe 
19.5.1939
 
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SietzenerZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

MgängM- Zreitag. den 19. Mai Nummer 58

ein Wohlgefallen hast an deinem Knechte, erkühnt er sich, dir In dieser traulichen Einsamkeit einen Rat zu erteilen: Gib mich nie aus deiner Hand in die Hand eines Herrn, der mächtiger wäre als du! Denn in der Schmach meiner Sanftmut müßte ich ihm allerwege Gehorsam leisten und seine Befehle ausführen auch gegen dich, o König von Engel­land ... Aber ich rede töricht ... wo ist der König, der mächtiger wäre als du? Welche Herrschaft kann mit der deinigen t)obern ohne ihren eigenen Schaden und Verlust? Siehe, es lebt keiner, der dich vor Gericht zöge! ... Darum rede ich töricht und spreche von etwas, das nicht vor- handen ist, von einem Traum, einem Hauch, einem Nichts!'

Der König mochte diese Rede nicht höher anschlagen als der Kanzler; denn nachdem er ein bißchen gesonnen, gähnte er wie zu einer unnützen und unangenehmen Betrachtung und befahl mir, ihm einen Becher Wei­nes zu reichen. Auch ich konnte mir aus der Rede des Kanzlers nichts machen und legte es mir erst später aus, daß der heimlich zu Tode Ver­wundete verdeckter und zweifelnder Weise von der dunkeln und lang­samen Rache Gottes sprach.

Herr Heinrich erhob den Becher, betrachtete das schimmernde Gold des Rheinweins, als ergötze er seinen Geist an dessen Klarheit, leerte den starken Trank auf einen Zug und lachte, daß ihm die Augen übergingen.

,Wie du mir vorkommst, mein Thomas', lallte der Herr mit unsicherer Zunge, denn er batte durstig getrunken, und der Wein stieg ihm zu Kopfe, ,immer erhabener!... Meiner Treu ich weiß nicht, was ich rede, aber nicht übel Lust hätte ich, dir ein Mehglöcklein um deinen Ziegenhals zu hängen und dich in Teufels Namen mit einem Ruck auf den Stuhl von Canterbury zu fetzen! ... Dort throne mir und orakle gegen den heiligen Vater! ...'

Der Kanzler erhob sich rascher, als seine Gewohnheit war. .Unter dieser Eiche ist nicht gut wohnen', sagte er. ,Es mag in der Vorzeft grau­samer Zauber unter ihr getrieben worden sein! Ihr Schatten ver­wirrt das Hirn.'

Hier verstummte das Gespräch.

So ganz neben das Ziel traf übrigens mein Herr und König in der Laune seiner Trunkenheit nicht, wenn er meinte, der Kanzler ergebe sich zeitweilig tiefsinnigen und wunderbaren Betrachtungen. Ich selbst' weiß davon zu erzählen. In der Vorhalle, wo ich oft meines Herrn gewärtig mich stundenlang aufhielt und auch der Kanzler zuweilen, ohne meiner zu achten, in tiefem Sinnen auf und nieder schritt, hing in einer düstern Ecke ein großer, hölzerner Kruzisixus, ein grobes, mageres Werk, aber ein Haupt mit rührenden Zügen. Der König hielt ihn hoch in Ehren, weil sein Vorfahr, Wilhelm der Eroberer, ihn vor der Schlacht bei Hastings inbrünstig, angebetet und durch seine Macht dann auch den Sieg erlangt hatte. Auf dieses-Bildwerk hatte der Kanzler sich sonst wohl gehütet, seine verwöhnten Augen zu heften; denn er verabscheute das rieselnde Blut und das Häßliche. Aber in jener Zeit hörte ich zuweilen mit Verwundern, wie er mit dem gebräunten Kruzisixus Zwiesprach hielt. In arabischer Zunge, ich vernahm es deutlich, flüsterte er mit ihm. Ich freute mich, daß ec sich an den guten Tröster wandte, obschon mir dabei fast unheimlich zu­mute war; denn, Herr, ich hörte davon zu wenig und zu viel und Dinge, die ich nicht gern wiederholen mag, weil sie, wenn nicht Eure Seele gefährden, doch Eurer Frömmigkeit zum Aergernis sein könnten. Mußt' ich doch nicht, inwieweit Herr Thomas das maurische Wesen von sich getan, und ob er, wie wir, den Hochgelobten, der am Kreuze hängt, als den heiligen Gott selber anrufe. Einzelne Stoßseufzer, unzusammen­hängende Worte nur vernahm ich in der allmählich aus meinem Gedächt­nisse entschwindenden Sprache, die mich erbauten oder auch erschreckten. Innig und schmerzvoll sprach er zu dem stillen Gekreuzigten, aber lästerlich und wie zu seinesgleichen, so schien mir.

Also geschah es eines Tages, daß der Kanzler wiederum vor dem Bildnisse stand, ohne mich gewahr zu werden, der, in einer Ecke des weiten Gemaches auf einem Schemel sitzend, sich stille hielt und gering machte.

.Auch du hast gelitten', so hauchte er, .und wohl so grausig, als du hier in der Marter schwebst! ... Warum? Warum? ... Der Welt Sünde zu tragen, steht geschrieben ... Was hast du gesühnt, du himmlisches Ge- müt? ... Friede solltest du bringen und an den Menschen ein Wohl- aesallen ... aber, siehe, diese Erde dampft und stinkt noch von Blut und Greuel ... und Schuld und Unschuld wird gemordet wie vor deiner Qgif! ,,,

Sie haben dich geschlagen, angespien, gemartert... du aber beharrtest in der Tapferkeit der Liebe und batest am Kreuze für deine Mörder ... Verscheuche den Geier des unversöhnlichen Grams, der mein Herz ver­zehrt! ... Damit ich in deine Stapfen trete ... Ich bin der ärmste und elendeste der Sterblichen ... Siehe, ich gehöre dir zu und kann nicht von dir lassen, du geduldiger König der verhöhnten und gekreuzigten Mensch-

Nachdem der Kanzler noch eine Welle mit dem Bilde geflüstert, wendete

DER HEILIGE

Novelle von Conrad Ferdinand ttteyer

6. Fortsetzung.

;ch bin dessen mlcht gewiß, Herr, aber ich muß es glauben, daß mein ki::g in jenen Tagen sich gegen den Kanzler mag ausgelassen haben über hi trauer, die er ihm wider Willen bereitet. Wenn auch nur mit wenigen iie; velbeckten Worten, hat er ihm wohl sein Leid bezeigt und gebeichtet, zh denke, daß er die Last von sich abzuwälzen sucht«, und zwar auf diese ritte Schultern hier, was ich ihm nicht verüble, denn so ist der Lauf der Bet, und zu befahren hatte ich dabei nichts. Der Kanzler war viel zu vie, um das Werkzeug mit der Hand, die es führt, zu verwechseln, und »i-lzu hoch, um einen Knecht seiner Rache zu würdigen.

ii Hersteht mich! Herr Heinrich mag das Spiel des Zufalls und mich Klagt und verlästert haben, was das böse Sterben des Kindes angeht; ki Raub desselben und die Fleischeslust rechnete er sich nicht hoch an, M er kannte in diesen Dingen kein Recht und kein Gesetz. Auch trug i: He «Tat damals leicht, glaub' ich, weil unser aller Richter sie ihm ra nicht in ihrer vollen Schwere zugewogen hatte.

Sn jenen Tagen begab es sich, daß der Kanzler einmal gegen Abend Im König auf die Jagd nachgeritten kam und die Herren unter einer viihin schattenden Eiche sich lagerten. Ich saß an der lichten Seite des Bitnmes und kraute einem Jagdhunde hinter den Ohren. Der König bitte meine Treue und war gewohnt, meinetwegen sich keinen Zwang nzüun, und Herr Thomas sah über mich hinweg oder, wann er mir lila Bück schenkte, war es kein unfreundlicher, denn jener von mir ti.ti Gnad es Sarg gesprochene Koranvers hatte ihm gefallen und wohl- jckn. So war ich Zeuge eines wunderbaren und dem Menschenver- t'it» unglaubwürdigen Gespräches, das aber so wörtlich wahr und jmß ist, als daß ich hier bei Euch fitze.

I Die beiden Herren beredeten sich über ein Schreiben des Königs von z«nkreich, das Herr Thomas aus seinem Gewände hervorgezogen hatte. £' »nterhielt nämlich einen geheimen Briefwechsel mit dem Kapetinger r S-aris, dem dazumal sein Kanzler, der Abt Sugerius, gestorben war »6 der, um einen Ersatz zu finden, Herrn Thomas, als den klügsten Ir.n der Eide, gerne feinem Herrn abtrünnig gemacht und in den teeren Dienst gelockt hätte. Dieser tat nicht unwillig unb erfuhr unter * ungesucht ihm in die Hand gefallenen Larve auf einem kurzen und jt< n Wege alles, was er von den Anschlägen des fremden Königs gegen in Peinigen und die normannische Krone durchaus wissen muhte.

n dem Briefe, den der Kanzler Herrn Heinrich übergeben hatte, "cte der König von Frankreich ihm wieder hart zusetzen, in seine l fte überzutreten, denn mein Herr ergötzte sich mit wahrhaft könig- che- Lust an dem Schreiben. ... «.

. Schau, schau!' spottete er, »zehntausend Pfund bietet er dir. Er °l es sich etwas kosten lasten. Aber daraus wird nichts, mein Vetter nnkreich. Diesen preiswürdigen Mann last' ich nimmermehr fahren!

er legte die Hand liebevoll auf die Schuiter seines Günstlings. Dann 'c >te er in übermütig vermessener Laune: »Hast du etwas gegen mich dem Herzen, mein Thomas, und willst es mich entgelten lasten, les rer Mann, ohne Gefahr deines Leibes und Lebens, wohlan, dazu

Rat werden! Morgen send' ich dich in den Geschäften, die du W nach Paris zu dem, der um dich wirbt! Laß sehen, ob es ihm I' jgt, dich zu verführen und mit Schmeichelwort zu Falle zu bringen!

wundert Euch nicht allzusehr über diese unvernünftige Scherzrede Piiie freche Sicherheit meines Königs. Sähet Ihr die zweie zusammen- den gewaltigen Leib und den Löwenkopf des einen, die feinen ^<»maßen und die milde Miene des andern, es wäre Euch verstand- leroefen. ' .

1' drauf entstand eine Stille. Ich glaubte, der Kanzler empfinde es i*®1" daß Herr Heinrich, der so tief in seiner Schuld stand, rhm die An- F'renfjeit seines fchmiegsameu und unterwürfigen Wesens, die doch .^ Majestät allein zugute kam, in grausamem Leichtsinne vorhalten *tite. Doch erwiderte Herr Thomas nach einer Weile ohne merkliche

Ernis in ruhiger und wie sage ich philosophischer Rede: Mas «gen dich auf dem Herzen habe, ob wenig oder viel, du Mst Grund, Gebieter, an meiner Treue nicht zu zweifeln. So böse bin ich nicht iri auch nicht fo kurzsichtig und abenteuerlich, daß ich an dir zum Ver- «r würde. Doch hat deine scherzende Weisheit meinen wunden Punkt üen; denn du kennst meine unvollkommen« Natur und mein zur j'-jebrigung der Dienstbarkeit geschaffenes Wesen. Sei es frühe Ge- .hrheit des Herrendienstes, fei es di« Eigenschaft meines Stammes uno ./"5- ich kann dem gesalbten Haupte und den hohen Brauen der Komge

Widerstand leisten. Und da du jo glücklicher Laune bist und