Ausgabe 
18.9.1939
 
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einem alten Manne in einem einsamen Hotelsaal eines abgelegenen Waldlandortes er spielt, als wolle er mit seiner Musik die Götter in die Knie zwingen, wie Orpheus einst. Peter Nickel, der Organist, sitzt da wie versteinert, eine Skulptur der Andacht. Er versteht die Kunst dieses Spiels. Die Zeitungen tonnten Johannes Müllers Spiel nicht beschreiben. Es ist größer als jedes Wort.

Lm Krämerladen.

Bon K. j). Waggerl.

David ist ja eigentlich noch ein Kind, noch nicht einmal der Schule ganz entwachsen, aber trotzdem übernimmt er gegen Abend da Mutter sich nicht wohl sllhlt die Schlüsselgewalt in Haus und Laden. Meles war er schon in seinem Leben, Glöckner und Pfarrknecht, Einsiedler und Klaubauf, aber Krämer war er noch nie. Er steht hinter dem Ladentisch und mustert seine Reichtümer, die Würste und Speckseiten neben Laternen und Kälberstricken und Mistgabeln an der Decke. Die Gläser mit Zucker­waren, die Regale voll von Töpfen und Geschirr, die unzähligen Laden und Fächer, Schachteln und Dosen. So ungefähr muß es in Gottes Werk­statt ausgesehen haben, als er die frischgeschaffene Welt einrichtete. Es ist alles da, was es an Gütern und Genüssen auf der Erde gibt. Willst du einen Rosenkranz hier ist ein Bund Rosenkränze in allen erdenk­lichen Sorten. Willst du etwas Irdischeres, eine Mundharmonika zum Beispiel, auch die kannst du haben, Peitschenschnüre und Melissengeist, Blumensamen und Filzpantoffeln.

Es ist gar nicht leicht, einen solchen Kramladen zu führen. In dem Sanzen Durcheinander muß doch ein gewisser Sinn und eine strenge irbnung liegen, man muß gleichsam alle Bedürfnisse der Menschen nach Preis und Herkommen und Beschaffenheit im Kopfe haben. Zudem sind die Bauern eigensinnig, sie wünschen eine ganz bestimmte Sorte Tuch oder Feigenkaffee, heuer, diese, im nächsten Jahr jene, und die andere nähmen sie geschenkt nicht mehr. Jeden Drahtstift drehen sie hin und her hast du keine mit geriffelten Köpfen? fragen sie. Nicht als ob solche Nägel besser hielten, aber die letzten waren geriffelt, die Bauern können sich nicht ohne Umstände an glatte gewöhnen. Und keinem ist es jemals recht zu machen. Da kommt einer und verlangt eine Lampe, die hat er irgendwo gesehen, Excelsior heißt sie. Er ist tief beleidigt, weil David keine solche Lampe hat. Jeder Hausierer führt sie, behauptet der Mensch. Ja, wie denn, wenn sich Mutter nun schleunig eine Kistewoll anschaffte? Die hätte sie in zehn Jahren noch liegen!

Das ist ja die Kunst, diese weitläufige und vielfältige Sammlung von Dingen so einzurichten, daß sie sich in Wochen und Monaten allmählich verkrümelt und erneuert. Dieses Bündel Teesieben, und hier diese Schachtel mit tausend Perlmutterknöpfen, wer im ganzen Dorf braucht denn jemals so eine Unmenge von Sieben und Knöpfen? Und dennoch finden alle ihren Käufer, Mutter weiß es beinahe auf die Stunde zu sagen, wann sie ihre Teesiebe los sein wird.

Cs wäre wunderbar, denkt David, wenn er sich nun mächtig ins Zeug legte und alles im Laden verkaufte! Dann fände Mutter nur leere Regale und schlüge die Hände über dem Kopf zusammen. O Gott, würde sie sagen, hat jemand eingebrochen? Aber David lächelte nur und zöge einen riesigen Sack unter dem Ladentisch hervor, der wäre bis an den Rand mit Geld gefüllt, mit lauter blanken Silberstücken ...

Es kommt ja auch schon jemand, der Vorstand. Holla, sagt er, ist der Krämer wieder aufgestanden?

Er will eine Rolle Kautabak, bitte sehr! Und dann gibst du mir noch ein Paket Malzkaffee, sagt er, die geringere Sorte.

Gut, aber David kann leider keinen Malzkafsee finden.

Darf es nicht ein Stück Kernseife sein? Die wäre zur Hand.

Nein, sagt der Vorstand, dann lass' es nur, es eilt nicht.

Er sucht sich eine Handvoll Schuhnägel zusammen, eine Dose Leder­schmiere. So, das wäre alles. Was bin ich dir schuldig?

Ach ja, wieviel denn nur? David nimmt einen Zettel, er benetzt den Bleistift zwischen den Lippen und fängt eine umständliche Rechnung an. Der Vorstand hilft auch mit, wir müssen einen Strich machen, meint David, ein Strich muß auf alle Fälle darunter sein.

Jawohl, sechs und acht und neun, bleibt zwei wieso denn, sagt der Vorstand, das kann doch nicht stimmen? Dafür kaufe ich mir ja eine Kalbin, sagt er.

Ach, freilich, weil David den Punkt vergessen hat! Mit einem Punkt dazwischen ist alles in Ordnung.

Bei anderen Kunden ist der Handel weniger leicht zu schlichten als beim Borstand. Es erscheint die kleine Franziska von den Weberleuten. Bis zur Nase ist sie in ein großes Wolltuch geknotet, ein grauer Knäuel, der auf dünnen Pilzbeinen läuft. Franziska bohrt die Hand durch ihre Hüllen und läßt zwölf Groschen aus der geballten Faust auf den Laden­tisch fallen.

Was willst du denn haben? fragte David.

Keine Antwort.

Kannst du nicht reden? Sag doch, was du heimbringen sollst!

Finsteres Schweigen. Franziska zieht die Hand wieder in ihr Gehäuse zurück und wartet.

Daraus wird in Ewigkeit nichts, man muß die Sache von einer ande­ren Seite her anpacken. Wenn David der Reihe nach auf alle Dinge zeigt, die es im Laden gibt, dann wird sich ja schließlich das Richtige finden.

Ist es also eine Erbswurst? Eine von diesen Kuhketten? Nein.

Vielleicht ein Paar Schuhriemen? Oder dieser Topf Marmelade?

Auch nicht. Franziska folgt dem Finger Davids mit den Augen, aber sie bleibt stumm.

Nun, was denn nur? Etwa so eine Mausefalle? Möchtest du diese kleine Gießkanne haben, sieh her, rot gestrichen und mit Blümchen bemalt? '

Franziska betrachtet die Kanne und' plötzlich nickt sie heftig mit dem Kopf. Gefunden!

Wer hätte auch gedacht, daß die Weberin mitten im Winter nah einer Gießkanne schickt! Wenn sie aber glaubt, so ein prächtiges Stuf für ein paar Kupferlinge zu haben, so irrt sie. Der Preis steht angeschrii. ben, David kann keinen Groschen nachlassen. Die kleine Franziska nimnif das Paket und verschwindet wortlos, wie sie erschienen ist.

War das nicht ein Meisterstück an Scharfsinn? Gewiß, aber ble Weberin ist anderer Meinung. Nach einer Weile kommt sie selbst gt* laufen und ist außer sich vor Aufregung. Was das heiße, zetert sie, ob man sie zum Narren halten wolle? Seit Wochen schickte sie das Kinb jeden zweiten Tag nach einer Kerze, die Spatzen wüßten das schon, uni nun brächte Franziska plötzlich diese lächerliche Gießkanne nach Hauftl Sieh dich vor, sagt die Weberin aufgebracht, daß ich dir die Späße nicht austreibe!

Nun, was das betrifft, erklärt David kühl, so sollte sie lieber trachte», ihrer Tochter das. Reden beizubringen.

Uebrigens macht David jetzt Feierabend, die Mutter ruft zum Essen. Er schließt die Läden und schiebt den Balken vor, und zum Ueberflujji stellt er noch einen Stoß Viechtöpfe an die Tür, um nächtlichen Mord­brennern das Handwerk zu verleiden.

Oie Salzburger Hochzeitsstiege.

Von Franz Karl Ginzkey.

Mit der Liebe fing es an. Das war zu Beginn des siebzehnten Jahr­hunderts, da erbaute der höchstkunftfinnige, aber auch sehr eigenherrliche Erzbischof Wolf Dietrich für die schöne Salzburger Bürgerstochl« Salome Alt, die er kühnlich zu seiner Gattin erhoben hatte, ein romantisch gestaltetes Schloß unb benannte esAltena u". Wir können es mit den Worten von damals beschreiben:ain schöns, groß, geviert, herr­liches Gepeu, mit einem wolgezierten, glanzeten Thurn, und inwendig, auch außen herurnd, mit schönen Gärten von allerlei Kreutlwerch, Paum- gewächs und Früchten geziert und »ersehn."

Nach dem traurigen Ende des allzu leidenschaftlichen und wohl auch zu wenig diplomatisch geglätteten Fürsten (er starb nach sechsjähriger Gefangenschaft auf seiner eigenen Festung Hohensalzburg) übernahm sein geriebener Nachfosger Mark Sittich das schöne Schloß, taufte es tu M i r a b e 11" um unb ließ nun gleichfalls feine Geliebte darin wohnen, die aber diesmal die Frau eines anderen war.

Etwa hundert Jahre später wurde das Schloß vom großen Sau? meister Lukas von Hildebrand fast gänzlich umgebaut. Und ein weiteres Jahrhundert darauf, es fehlt nicht viel an der Zeit, zerstör!« der verheerende Stadtbrand, der das halbe rechtsufrige Salzburg ein- äscherte, auch ben größten Teil des alten Schlosses. Glücklichekweise aber blieb die Hauptstiege verschont, von der nun die Rede ist. Auch der neue Umbau, der diesmal in der üblichen Nüchternheit der franzisceischen Zei! erfolgte, verschonte gottlob die schöne heitere Stiege' und so können wir uns auch heute noch daran erbauen. Sie wurde schon unter Hildebrand von dem rühmlichst bekannten Bildhauer Raphael Donner (wir verdanken ihm auch den schönen Brunnen am Neuen Markt in Wien) im Verein mit demMarmorierer" Balthasar Haggenmüller ge­schaffen. Wir besitzen heute noch den Kontrakt der Hoskammer mit beiden., wonach Balthasar ,chie völlige Architektur samt dem ersten Vestibulo und Hauptgesims" zu übernehmen hatte. Raphael aber ben SkulpturenschmuK von weißem Unterfpergermarmorftein nach allergnädigstem Contento (!® auch wie und auf waß Manier solche alsdann verlangt werden, vo» sainer eigenen Handl mit seinem böften Fleiß, Kühnst und Studio nach und nach zu verförtigen".

So ist uns diese Stiege, im Volksmund bisher® n g e l ft i e g e" ge­nannt, bis heute erhalten geblieben, als eines der reizendsten Denkmäler des Spät-Barock, wohl auch schon mit einem Schuß ins Rokoko hinüber Was Meister Donner wollte, ist ihm zweifellos geglückt, das Schritlmah» die Harmonie im Aufwärtsstrebenden durch die drollig köstlichen Engel­chen anzukündigen, die auf dem üppig verzierten und durchbrochenen: Marmorgelünder ihr holdes Unwesen treiben. Sie sind wie vom Him­mel herabgefallen und wollen jetzt scheinbar wieder hinauf. Und gut mütig, wie sie sind, wollen sie auch den Menschen helfen, höhersteigenb- das Licht zu gewinnen. Es war keine Kleinigkeit für den Meister, im Reigen der einundzwanzig Engelkinder, worunter sich auch vier Doppel- gruppen befinden, immer das selig Höherstrebende anzudeuten und sich doch niemals dabei zu wiederholen. Allen ist in ben runden satten Gesicht- lein ein überirdischer Ausdruck eigen, wie sollte es auch anders (ein? De deutet eines schwebend nach oben, ein anderes rerfelt sich wohlig auf seinem Sitz unb boch bewegt unb beflügelt zugleich; da hält sich eines das Händchen aufs Herz, als empfände es plötzlich Menschenleid, ein anderes stützt die molligen Aermchen auf unb spielt Besinnlichkeit, die im Himmel boch wirklich überflüssig ist. Und immer ist alles froh und kühn bewegt und gelagert, aus Marmor wird Lebendigkeit, ein Triumph der Form im Spiel des Lichtes.

Meister Donner schuf seine singende Stiege damals vor 200 Jahren für feinen Fürsten, zu dessenallergnädigstem Contento". Wie wäre ihm aber zu Mute gewesen, wenn er oorausgesehen hätte in unsere heutige Zeit und in das neue Wunder, das sich nunmehr vollzogen? Aus der Engelstiege ist eine Hochzeits stiege geworden, denn der schöne alte Marmorsaal in ben sie führt, hat sich nun zum S t a n be s am t ge« wanbeit! Wie viel auch sonst zufriedene Menschen diese Stiege hinaus­geschritten fein mögen (es werden nicht immer Zufriedene gewesen fein), niemals hat sie sich so sinngemäß erfüllt als heute: verliebte junge Men­schen hinaufzuführen in die helle oftergläubige Hoffnung auf ein kommen­des gemeinsames Glück, bas vielleicht auch für sie von kleinen rosigen Engelchen umsäumt ist.

Verantwortlich. Dr. Fr. W. Lange. Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei, R. Lange, Gießen.