Ausgabe 
18.9.1939
 
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Heimat.

Von Hans Franck.

Und ließest du die Heimat auch, weltwärts gewendet das Gesicht, kannst scheiden dich von Baum und Strauch, von deiner Heimat nicht.

Sie ist von dir so sehr ein Teil wie Mutter, Vater, Weib und Kind, die nicht von dir geschieden, weil sie fortgegangen sind.

Vertriebest du aus deinem Tag herzlos die Heimat Stück für Stück, des Nachts, in deines Herzens Schlag, kehrt sie als Traum zurück.

Sie ist in deinem letzten Hauch, ist in dem Blick, der dir zerbricht. Denn liehest du die Heimat auch die Heimat lüht dich nicht.

Orgelspiel am Wochentag.

Von H. Linden.

Einer von jenen Meistern, welche scheinbar mit leichtester Hand die Seelen der Menschen durch alle Regionen der Verzauberung heben, sühren und versenken, Lichchöhen hinauf, Abgründe hinab ist Johan­nes Müller, ein großer Pianist, Magier des Flügels.

Am Tag nach dem Konzert sitzt, in gewollter Einsamkeit, Johannes Müller auf einer Flußterraffe. Breit, unbestimmbar in der Farbe, wälzt unten der Fluh sich meerwärts. Die Luft des Sommertages zeigt jene phantastische Helligkeit, die allen Dingen den durchsichtigen Schein des Gläsernen verleiht, eine Luft, welche die Gedanken in die Ferne sührt.

Ein unerwartetes Telegramm hat den Reiseplan durchbrochen. Jo­hannes Müller braucht nicht, wie bei früheren Konzerten in Köln, sofort om nächsten Tag abzureisen; plötzlich hat er, der Rastlose, zwei unvorher­

gesehene Tage Zeit.

Der Pianist sitzt am Rhein. Seine Augen gewahren wohl die herrliche Plastik des Bildes der Häuser, der Schisse und der Brücken, in Rauch und vielfachen Glanz gehüllt aber die Blicke schweifen darüber hin­weg, den vereinzelten winzigen Silberflockenwolken nach, die langsam, als wolltest sie die strahlende Bläue des Rheinlandhimmels nicht ver­lassen, nach Osten schweben.

Johannes Müller springt auf. Sein Entschluss ist gefotzt. Die stumme Lockung der Ferne hat gesiegt. Trotz der plötzlichen zwei freien Tage und im Bewußtsein aller Reize Kölns wird er die Dornstadt sofort ver-

Wenige Minuten später durchrast ein blaues Auto, der Wagen des Pianisten, die rechtsrheinische Üandschast. Der Strom ist verschwunden; seine sanfte Schwester, die Lohn, biegt sich an lieblichen Waldungen entlang. Johannes Müller fährt dicht heran an den Fluh, verlangsamt das Tempo, erreicht Limburg und nähert sich rasch dem Ziel.

Das impulsiv sich gesetzte Ziel ist ein Dorf, das wahrhaft entzückend liegt. Schlicht krönt es einen breiten, niedrigen Berg, den dichter Wald geheimnisvoll-blaugrün verdunkelt. Wer das Dorf betritt, kommt, auf« märtsfteigenb, durch Wald, wer es verläßt, kommt abwärtsgehend, durch Wald. Beim Kommen wie beim Verlaßen grüßt den Wanderer der Ruf des verborgenen, aber zuverlässigen Kuckucks. Auf dem Plateau steht das Dorf mit feinen achtundachtzig Häusern, die mit Ausnahme der amtlichen Gebäude und der vier Gastwirtschaften altersfchwarze Movsdächer haben. Kreideweiß ragt der hohe Turm der Pfarrkirche über das wellige Land, das unzählige Getreidefelder mit einem gelben Leuchten erfüllen.

Vor der Kirche stoppt der Pianist den Wagen, steigt aus, durchschreitet den Garten der Toten, betritt das kühle Haus Gottes, erklimmt die ge­wundene Treppe, erreicht die Galerie, fetzt sich vor die Orgel, klappt sie mit dem Mechanismus vertraut auf und beginnt, langsam zunächst, wie unschlüssig ober zerstreut auf dem edlen Instrument zu spielen.

Diese Orgel war die Vision gewesen, die den Johannes Müller auf »er Rheinterrasfe in Köln mit Heimwehgewalt überrascht hatte.

In diesem Westerwalddorf war Johannes Müller geboren worden. Auf dieser Orgel, dem seltsamen Instrument mit gestufter Tastatur und ichlanken Silberpfeifen, hatte der große Virtuose, der Magier des Flügels, zuerst die himmlische Macht der Musik staunend erleben ge­lernt. Der einzige Sohn des früh verstorbenen Gärtnerehepaars das im benachbarten Schloß die Blumenhäufer verwaltet hatte, Wattenknabe !rit dem elften Jahr Johannes Müller, dessen Name nunmehr nut Riesenbuchstaben auf den Litsassäulen der Großstädte erscheinend, den Musikfreunden die Gewähr größter Genüsse bedeutet war feit Zwölf Jahren nicht mehr in seinem Geburtsort gewesen.

Nun sitzt Johannes Müller an der Heimalkirchenorgel und spielt. Wenn er nach links sieht, trifft fein Blick das sanfte, tiefglaubige Ge­richt jenes Apostels des Abendmahltisches, der Johannes heißt wie er elbft, am rechten Fenster leuchtet der Goldkopf der Magdalena. Jo­hannes Müller spielt, was er damals gespielt hatte, vor jenen vielen Jahren, das, was einer Kirche und einer Orgel gemäß ist. Nichts von *«n Feuerstürmen weltlicher Leidenschaften, jene Tonwunder von Bach §nd Händel spielt er, welche unmittelbar, geradewegs fid) an die H>m- ^elssehnsucht der Menschenseele wenden, Melodien, die .Johannes Müller nie vergessen hat, die zwar nicht in die KonyrtprogEime lPsstn, die man von ihm, dem Tonbeschwörer irdischer Schönheit, forde, »ie er aber zu Hause, allein für sich selbst, auf dem Flügel oft genug ufflingcn ließ.

Der Meister sitzt mit dem Rücken gegen das Kirchenschiff. Aber wenii er auch umgekehrt sähe, würben feine Augen wohl kaum der Dinge ansichtig geworden fein, die sich inzwischen vollzogen haben. Das b« sondere Erlebnis dieses Nachmittags hat den Pianisten völlig in bet Gewalt.

In der Tat ein aufregendes Ereignis für das einsame Wald- landdorf: Orgelspiel am Wochentag!

Pfarrer und Kaplan sind verreist zur Bischofskonferenz nach Lim­burg. Die Haushälterin, einziger Insasse des Pfarrhauses, hat die ersten Töne mit Schrecken vernommen. Dieselbe Entgeisterung hätte das runde, rotbackige Gesicht Anna Hilles gespiegelt, wenn das schrille Geläut der Feuerwehr plötzlich durch die offenen Fenster gejagt wäre. Die Haus­hälterin rennt den Ouergang, der Pfarrhaus und Kirche verbindet, entlang, betritt, etwas keuchend, die Halle, erblickt den Rücken des Un­befugten, stürzt hinüber zu Peter Nickels Haus. Da aber Peter Nickel nicht nur Küster und Organist, sondern auch Bauer ist und als Bauer am meisten zu tun hat, ist er immer eher auf seinen Feldern als im Haus oder Kirche zu finden.

Unterdes wächst das Drgelfpiel zum Alarm.

Die Bauern treten aus Häusern und Stätten, gebückte Gestalten auf den Feldern richten sich auf und starren lauschend zum Kreideturm hin­auf. Ein leichter Wind treibt die Schallwellen weiter Kreis um Kreis; dort, wo sich die Töne verlieren, erlöschen, ruft einer dem andern zu: Die Orgel die Orgel Am Wochentag Nachmittags vier Uhr Was mag es bedeuten? Und die meisten de^ Bauern und Bäuerinnen lassen die Arbeit ruhen, legen die Geräte nieder, eilen hinauf zum Dorf. Der Kirchhof ist zu klein für die Lebenden. Auf der Straße drängt sich die Menge. Diejenigen aber, die im Kircheninnern Platz fanden, be­nehmen sich fonderdar, unbegreiflich. Still stehen sie, starren und lauschen. Niemand von ihnen kommt aus den Gedanken, die Treppe hinaufzu­steigen, dem Fremden auf die Schultern zu klopfen und ruhigen Tönes zu fragen: ,H«, was soll das? Was machst du da? Wie kommst du dazu, dich an unsere Orgel zu setzen und zu spielen? Wer gab dir das Recht?

Ueber eine halbe Stunde schon spielt Johannes Müller. Der lauschen­den Menge kommt es vor, als sei die Orgel gar nicht mehr ihre Orgel. So wunderbar, wie sie jetzt tönt, am Wochentag, hatte sie noch an keinem Sonntag geklungen, selbst nicht an den höchsten Feiertagen. Die Bauern wissen zwar nicht, daß dieser Fremde, von dem sie nur den Rücken sehen können, in ihrem eigenen Dorfe geboren wurde, sie würden auch nicht wissen, wer Johannes Müller in der großen Welt ist aber sie spüren, daß der Fremde, der dort oben als Unbefugter spielt, ein Meister ist, ein Zauberer vielleicht. Dieses Gefühl hält sie von jeder feindlichen Aktion zurück. Peter Nickel, den der Alarm endlich erreichte, erscheint. Von neuem staunen die Bauern. Der Küster und Organist, also eigentlicher Herr des Instrumentes und in Abwesenheit der beiden Geistlichen einzige Amtsperson im Kirchengebiet, steigt wohl, so gut es seine sechzigiährigen ^Beine erlauben, die Emporentreppe hinauf, tritt wohl energisch auf den Fremden zu und sieht ihm scharf ins Gesicht. Aber siehe, auch er, der Küster, der Mann mit der Amtsgewalt, ist keineswegs der Mutige, der dem Fremden hart auf die Schulter klopft und dem soeben am Kirchenportal angelangten Gendarmen winkt.

Johannes", jagt der Küster,du bist also doch einmal heim ge­kommen!"

Als Johannes Müller diese Stimme hinter sich hört, die immer noch jenen merkwürdig-heisern Klang hat wie früher, dreht er sich um, die Finger verlaßen die Tastatur, so daß die himmlischen Silberpfeifen zum Schweigen kommen, und nun sieht die unten starrende Menge, daß der Fremde erstaunlicherweise jener ist, der auf Schultern klopft. Auf die Schultern Peter Nickels; allerdings in einer ganz andern Art, in einer herzlichen, vertrauten, liebenswürdigen Art.

3a", sagt der Pianist, die Orgeltastatur sachte zuklappend,komm, lieber Peter Nickel, laß uns gehen!"

Die zwei Männer steigen die Treppe hinab, gehen Arm in Arm durch die schweigende Menge, die sich, aber immer noch kopsschütelnd, zu zerstreuen beginnt, hinüber zumGoldenen Hirsch". Gleich funkelt gelber Rheinwein in grünfüßigen Gläsern.

Aber ich habe dich nicht vergeßen, lieber Peter Nickel", lagt Jo­hannes Müller und prostet dem ersten Musiklehrer seiner Laufbahn zu.Ich weih", erwider der Küster,immer kam etwas von dir. Zei­tungen, Postkarten, Geschenke. Es hat mich immer gefreut. Aber ich wartete auf dich. Ich weiß, daß die Welt groß ist und ich las in den Zeitungen, wie groß du geworden bist. Nun bist du also doch noch ein­mal gekommen. Ich danke dir."

Ein etwas verlorenes Lächeln gleitet über Johannes Müllers Ge­sicht. Er fagt:Wenn du wüßtest, mein Lieber, wie da draußen die Zeit vergeht, zerrinnt, rast, und wie man immer unterwegs fein muh, auf her Reife von Stadt zu Stadt, von Vertrag zu Vertrag, von Konzert zu Konzert, dann würdest du begreifen, wenn ich sage: die Jahre, die ich fort bin, erscheinen mir wie Monate--".

,Hch begreife", sagte der Küster schlicht.

Johannes Müller, drückt dem alten Mann stumm die Hand. Sie sitzen zusammen bis tief in die sternensilberdurchsprühte Nacht. Der weitge­reifte Pianist erzählt. Der Organist lauscht. Auf dem Holztisch häufen sich leere Flaschen. Der Wirt, miteingeladen, atemloses Staunen in kleinen verkniffenen Augen, trinkt freudig und fleißig mit. Geschichten, wie sie Johannes Müller erzählt, waren in der Wirtsstube noch nie ge­hört worden.

Am Nachmittag des nächsten Tages verlassen Peter Nickel und Johan- nes Müller gemeinsam das Dorf. Sie gehen langsam durchs grüne Hell­dunkel duftender Tannenwaldgänge, dann ein Stück weihflimmernde Landstraße entlang und sind nach einer halben Stunde im Nachbarort, der Bahnhof und Kurhoiel hat. Im Hotelsaal steht sogar ein Bechstein- flügel. Eine Stunde hat er versprochen, vorzuspielen, und er spielt, der Johannes Müller, der Magier des Flügels, als säße er nicht allein mit