Ausgabe 
18.9.1939
 
Einzelbild herunterladen

Später trat der Frühling zurück und verbeugt« sich artig vor dem Sommer des Lebens. Die Sonn« weckte keine Blüten mehr, aber sie lieh in ruhigen Tagen die Frucht reifen."

Und was wurde aus Elisabeth?" fragte Kelling.

Meine Frau!" erwiderte Krätke und dachte an daheim.

Sie schwiegen. Kellings Blicke hingen in der Luft, versponnen und verträumt. Man konnte den Offizier für eine unbedachtsame, ja wilde Natur halten. Der Mund, voll und geschwungen, wurde von einem herrisch kühnen Kinn getragen, das dunkle, etwas wirr« Haar vermochte der Ulanenhelm, die Tfchapka, nicht völlig zu verdecken. Es waren die Augen, die das Antlitz beherrschten. Aus ihm strahlte jene ruhige, heitere Gelassenheit, der alle guten Eigenschaften anvertraut waren.

Ich war noch nie verliebt, weder in ein Märchen, noch in ein Mädchen", sagte er.

Kelling sagte es eigentlich zu sich selbst, als eine lockere Abrechnung aus dem Buche der Erinnerung. Allein die Rechnung, die er in das Schweigen fallen liest, schien nicht ganz ohne Bruch aufzugehen. Er verbefferte sich:Mehr als verliebt meine ich! Geliebt geliebt habe ich noch nie!"

Krätkes Zartgefühl schwieg behutsam zu der lauten Träumerei seines Vorgesetzten und hielt den alten Faden fest:Heute ist es freilich anders! Ein Ritt, das Geplauder der Kameraden, eine Nacht am Lagerfeuer das find die heimlichen Ursprünge eines Liedes. Auf einmal ist es da!"

Er verhielt, denn er merkte, dah er in einen Kathederton hineinge­kommen war: der Oberlehrer pfuschte sich wieder einmal in den Reiter hinein. Aber er wollte nicht, dah das Ziel in ihm noch mächtig war.

So meine ich es auch", lachte Kelling,die Liebe, käme sie, mühte da fein wie ein Gedicht. Aus dem Himmel gefallen. Einem vom Winde ins Gesicht geweht wie ein Blütenblatt. Teufel, ich werde romantisch! Sie stecken mich an, Krätke."

Die Sonne kletterte mit jener scheinbaren Ruhe, di« der Jahreszeit entsprach, höher. Sie legte sich gemächlich auf die riesigen abgeernteten Felder, die grünen Krautstrecken, auf die «infamen Baumgruppen.

Man sah kein Dorf, kein Gehöft, das Land war hügelig; zwischen den Hügeln aber, in Hohlwegen und Talsenken, in Büschen und Bäumen wohlbewahrt, nisteten die Häuser.

Langweiliger Ritt", sagte Kelling.

Krätkes Augen schweiften rundum und voraus, reiterlicher Gewohn­heit treu. Und jetzt hatte er etwas entdeckt.

Cs war zunächst ein winziger Punkt, der sich ins Blickfeld schob. -Aber der Punkt bewegte sich, kam näher und war auf jeden Fall ein« Abwechslung. *

Ein Wagen!" sagte Krätke.

Kelling nahm das Glas an die Augen:Wenn Glas und Augen nicht täuschen, ein sranzösisches Militärsuhrwerk!"

Kelling hob den Arm, im Trab näherten sich die Ulanen dem Wagen. Krätke erkannte als Insassen einen Mann und eine Frau.

Aus einmal blieb der Wagen stehen. Das Pferd drängte an den Straßenrand und schob die Nase sehnsüchtig dem Gras entgegen. Der Mann und die Frau redeten, wie man von weitem sehen konnte, leb­haft auseinander ein.

Als dl« Ulanen das Fuhrwerk umringten, schwieg der Streit.

Bregnon, der männliche Insasse, hatte rote Flecken im Gesicht, was bei ihm soviel war wie bei anderen Menschen das Erblassen.

Er käme aus Mereville und sei dort daheim, um es genau zu sagen: er sei der Vorsteher des Bahnhofs Mereville, diese Dame aber und das Wort Dame betonte er fei ein Eisenbahnfahrgast, dem die kriegerischen Handlungen die Weiterreise verwehrt hatten!

Premierleutnant Kellipg aber hörte die Erklärung kaum. Alle Sinne schienen plötzlich wie durch einen Zauberspruch erloschen zugunsten des Gesichtssinnes, seine Augen hingen an der Begleiterin des wortreichen Kutschers. Er verlor sich in Wohlgefallen. Als er es fpürte, sah er Ann Moreland nur noch von der Seite an, schwebend zwilchen Be­wunderung und Keckheit. Es war eine der schönsten Minuten seines achtundzwanzigjährigen Lebens.

Die Dame", erklärte Bregnon,ist Engländerin und das immer gastliche Frankreich hat die Verpflichtung übernommen, di« Reifende nach Calais zu bringen."

Bregnon klagte tauben Ohren. Kelling war in dem gleichen Grade versunken, wie Bregnon seine Stimme erhob.

Was meint er, Krätke", fragte er versonnen.

Er will die Dame nach Calais bringen!" sagte Krätke lachend.

Calais?" Kelling wandte sich wieder voll zu Ann.Calais ist viel zu weit!" Er sprach zu ihr wie zu einem Kinde, dem man einen phan­tasievollen Plan ausreden will:Sie werden auf solche Weise Catais nie erreichen!"

Denn ich darf Sie nicht passieren lassen", fuhr er fort, höflich wie ein Kavalier im Ballsaal, der um einen Tanz bittet und von vornherein weist, dah der schönste Walzer versagt ist.

Wenn er mich zur Hölle schicken müßte, würde es auch mit einem Lächeln geschehen, meinte Ann Moreland im stillen. Ihr Wille versuchte sich zu behaupten:Ich muh aber nach Calais! Irgendwo muh ich doch wieder auf die Bahnlinie stoßen, nicht wahr?"

Er lachte:Auf eine Bahnlinie? Soweit der Himmel und die Erd« ist: UebcraU auf uns, überall auf uns!" Ann glaubte, dah er übertrieb, wohl um ihr die Umkehr leicht zu machen.

Sie sah bärtige, braungebrannte Männer, sie roch den Dunst der Pferdeleiber, sie sah den kleinen Wald der Lanzen.

Der Stationsvorsteher saß mit eingezogenem Kopf geduckt auf dem Bock und dachte darüber nach, daß man vielleicht in Mereville über ihn lachen würde.

Kelling sagte:Sie kommen aus Mereville! Das ist ohnedies unser nächstes Ziell Wenden Sie!"

Die Ulanen nahmen den Wagen in di« Mitte. Bregnon und Ann

sprachen kein Wort miteinander. Ann hätte die Augen geschlossen. Ah« sie war hellwach und ärgerte sich.

*

Es hat sich niemals feststellen lassen, wer die erste Kunde vom Rast, der Preußen nach Mereville gebracht hat.

Labatut' Wirtschafterin Celestine verbarg sich bebend und betend in ihrer Altm ntommer. Vielleicht dachte sie an die Tugendlilie ton

Amiens ur nte nicht, wie wenig alles gefährdet war: die Tugend,-

die Lilie u: e selbst.

Sie pres ne Fäuste an die Ohren, als könnte der Lärm der Rein durch den D u ihrer Taubheit bringen und ihre Seele erschüttern.

Labatut stand am Fenster hinter der Gardine. Bei Gott, die Ula« brachten den großsprecherischen Bregnon zurück!

Daß die Deutschen kommen würden, damit hatte sich Maurice Laba!«! abgefunden.

Aber dah sie Bregnon und Ann Moreland zurückbrachten, beides ihm, dah die Hand des Himmels nicht nur schwer herniedersausen, fonbirn

auch streicheln konnte.

Die Reiter stiegen auf ein Kommando Kellings ab. Labatut warlttt mit fliegenden Pulsen auf das Klopfzeichen, dann öffnete er.

Kelling legte die Hand an die Tfchapka und fragte nach dem Maire. I Ich bin der Maire!" sagte Labatut und schielte nach dem Wagen.

Ulanen sicherten den Eingang des Hauses. Labatut zeigte auf las Gefährt:Mein Herr Offizier, würden Sie der Dame gestatten, roir'er mein Haus zu betreten?"

Der Dame? Ihr Haus?"

Ja", sagte Labatut eifrig,die Dame unsinnige Wagenfahrt antrai!"

Ann sah in steifer Feindseligkeit gegen dem Bock.

Kelling fragte Ann:Sie wohnten im

war mein Gast, bevor sie Mi alles, was um sie vorging, auf Haufe des Maire?"

Lin: «den liljrtn «s M

inten

Asm

Nit

tWl

M!

Gen

Glück mit Trompetenklang zu verkünden. Die beiden liebenden Seelen wußten 1

wußten daher auch nicht, was inzwifhn

üm Hilter

Lin

näi

inb oi »ü, i ils m »fa, 3ofj taun ®b in ichn.

ffie

seinen bisherigen Herrn, aber war es nicht auch und zuerst treulos lassen worden?

Zwar hatte Theophile Poiporence von Louison geträumt, aber will das sagen? Als er erwachte, war es später Morgen.

davon.

Seine Aufgabe war zerbrochen. Die Landstraße war eben keine Eist« bahn. Arn liebsten hätte er sich auf die Schienen gelegt und ein Grt* gemacht, nach dem Fahrplan, den er im Kops hatte. Aber er ton n«

«ne nflani « X , Ja:

dah ihm die Seele weh tat.

Ulanen führten das Pferd Louison und den Fouragewagen u»- Beides war nun Kriegsbeute. Die Stute stand sich nicht schlecht dabei, sie kam in gute Hände und verständige Pslege. Ihr Pferdeherz ahnte is,I denn sie wieherte hell. Recht besehen, verriet das Pferd mit dieser Freude

in Mereville vorgegangen war.

Theophile aber hatte ein schlechtes Gewissen und trieb die GriM Sieh nach, ob Louison noch auf dem Platze ist!"

Sie machte sich gehorsam davon, dann legte sich Theophile noch ei» mal zurück und hielt im halben Dämmerschlaf eine Gewisfensprüfung:

Du bist kein guter Soldat, Poiporence. Du verschläfst und oerlieif deine Zeit, die auch die Zeit Frankreichs ist, anstatt dich durchzuschlaM

Auf! Auf! Erst die Pflicht, dann die Liebe!

Und wenn es die Pflicht nicht erlaubt, dann darfst du dich auch niH der Liebe opfern.

Du mußt fort, Theophile!

Es waren goldene Gedanken. Mit Recht gerieten sie in einer Slui# über ihn, in der die Stille dieser abseitigen Straße durch einige entfernt! Laute um so stärker Hervorgehoben wurde, im Hofe schnatterten @änif, ein Huhn gackerte und zeigt« an, daß es feiner Bestimmung gefolgt twn und ein Ei gelegt hatte. Es war eine Stunde des Friedens, ganz W angetan, den Krieg vergessen zu machen.

Da klapperten Germaines Holzschuhe auf der Treppe, aber nicht w haglich und bedächtig wie sonst. Es war ein eiliges böses Klippklapp!

Ah", riß es Theophile hoch:Beauvisage ist zurückgekehrt!"

Er hörte den Ruf der Grifelle:Theophiiil, Theophiiil!"

Aber es war feine Natur, nichts zu überhasten und nichts zu üw fürchten.

Er legte sich noch einmal zurück und schloß die Augen. Aber @ermai11 schoß bereits zur Tür herein, setzte sich aufs Bett, daß es krachte, pa®;1 Theophil am Schopf und riß ihn mit hartem Griff hoch, da sie ihn schilpt trunken wähnte:Die Preußen, Theophil die Preußen sind da!"

Er blinzelte aus blöden Augen. Aber er verstand. Also di« Prcutz«" und nicht der Hausherr! i

Germaine berichtete: Bregnon hatte Louison und das Fuhrwerk M sich und eine fremde Person benutzt, war großartig davongefahren iü kleinmütig, von den Ulanen eskortiert, zurückgekehrt.

Also ist keine Straße frei, und ich kann nicht weg", überlebt Theophil,und wer hat jetzt Louison?"

Die Ulanen!" - M

Dann hat sie es gut", meinte Poiporence mit der Seelenruhe w gewesenen Pferdepflegers. Louison war gewissermaßen eine Gesänge®, aber er? -

Hast du irgend jemand gesagt, daß ich bei dir bin?" fragte 11 Germain«.

(Fortsetzung folgt.)

Ann nickte stumm.

Da half ihr der Offizier absteigen und führte sie ins Haus. Ihre Haid, klein und zart, fühlt sich an, wie ein junger Vogel, dachte er.

N

Hi

ftiir K 811b. b Dt L'!> Wau !tibt

ui . $0

Ne "Mii Situ . $1

Nb s« R( teilt N

ft

Im Hause Beauoisage herrschte Amor. Der heimliche Gott hatte maine zugeflüstert, daß es nicht klug fei, das nächtlich ins Haus gefallsnt

solchen Gedanken nur hegen, weil er wußte, daß .fein Zug mehr sich.

Doch war es süß, mit der eigenen Trauer zu spielen. Es tat ihm wohl, Der

Auch Bregnon durfte auf einen Wink Kellings gehen. Er nun# sich, ohne feiner Arche und ihrem Vorspann einen Blick zu schenkn 2-