Ausgabe 
18.8.1939
 
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der Hurtebise-Ferme. Man hört schon Schreie von Schulterwehr zu Schulterwehr:

Die Boches haben unsere Front eingekeilt und durchstoßen. Und hinten meutern sie, hinter uns gibt cs keine Linie, keinen Widerstand mehr, Kameraden, wir sind verloren!"

Sie schreien es, und wissen nicht, daß die Deutschen diese tragischen Deutschen, den Augenblick gar^ nicht erkannt haben. Nicht einmal ein Regiment, nein nur schwache Stoßabteilungen haben sie eingesetzt. Und das Ziel ist keineswegs der Vormarsch, sondern nur ein ganz kleines vorspringendes Grabenstück, das ausgebügelt werden muß. Die Deutschen werden sich mit dem Erreichten zusriedengeben. Ach, sie ahnen nicht, diese tapseren Feldgrauen, daß sie nun den Sieg Deutschlands und den Niedergang Frankreichs auf den Spitzen ihrer wenigen Bajonette tragen. «Sie selbst verhindern die Panik, indem sie nicht weiter vor­dringen, nicht über das erreichte und vor dem Sturm vereinbarte Ziel hinwegschreiten, obwohl ihnen das weit und breite Hinterland osfen- steht.---

Deutsche Tragik!

Hinten aber, bei den französischen Stäben, gerät alles in Aufruhr. Der gefürchtete und erwartete deutsche Angriff, der groß angelegte Durchbruch ist da. Man hält es für unmöglich, daß die Deutschen noch nichts von den Meutereien und von der Müdigkeit im französischen Heer wissen. Natürlich, da vorne der Vorstoß auf Craonne und am Winter­berg ist der Auftakt zur Offensive.

Dicht hinter Craonne liegt die 70. französische Division in Ruhe. Es ist eine Elitetruppe, bestehend aus Soldaten der östlichen Grenzbezirke. Der General begibt sich persönlich mit seinem Stab in die Quartiere. Er möchte jeden einzelnen Poilu umarmen, jeden einzelnen anflehen, jetzt Frankreich nicht im Stich zu lassen, angesichts des beginnenden deutschen Durchbruchsversuchs. Er nimmt ihnen das Versprechen ab, noch einmal die Pflicht, die ganz groß« Pflicht zu erfüllen. Lastwagen rollen an, gesteuert von Offizieren und bewährten Unteroffizieren. Den ersten Lastwagen besteigt der General mit seinem Stabe. Er will zusammen mit seinen Offizieren an der Spitze seiner Truppe kämpfen, im Graben stehen oben auf der Hochfläche von Craonne. Er will stehen oder sterben. Und sein Beispiel zündet. Denn die Poilus folgen ihm stumm und ergeben, und in ihren Augen lodert wilder Trotz. Sie sehen sich schon als Opfer, als sinnloses, unerhörtes Opfer. Aber dennoch, sie gehen nach vorne und sind entschlossen, zu kämpfen. Ein schneidiger, opferbereiter Führer hat hier, im Augenblick höchster Rot, das Schicksal der Schlacht gewendet.

Und dann sind die Regimenter in der Feuerzone, und der Kamps beginnt. Das vermeintliche Loch wird geschlossen, wird zugedeckt mit lebendigen Leibern, die zum Gegenstoß schreiten. Die Lücke ist geschlossen. Und der deutsche Heresbericht kann erbitterte Nahkämpfe melden und kann weiter hinzufügen:

Am Westhang des Winterberges in unsere Stellungen einbezogene französische Gräben wurden gegen starke Angriffe gehalten."

Gleichzeitig gibt der deutfche Heeresbericht unumwunden zu, daß es sich hierbei nur um einen Erkundungsstoß gehandelt hat. Nein, die Deutschen haben die Meuterei wirklich Nicht erkannt. Die Sorge der französischen Generäle war versrüht.

Erst nach Wochen soll das Große Hauptquartier bei uns erfahren haben, daß in jener Stunde die Meuterei genau 45 französische Divi­sionen ersaßt hat. Das heißt: 75 Infanterie-Regimenter, 22 Jäger- Bataillone, 12 Artillerie-Regimenter, 2 Kolonial-Regimenter und ein Dragoner-Regiment.

lieber die Hetze der französischen Defaitisten, über die Wühlerei der russischen Agenten, von der Arbeit der Drückeberger und Deserteure hinter der Front wird man erst nach Jahren, lange nach dem Krieg, bei Oeffnung dec Archive und bei Sammlung von Berichten, furchtbare Einzelheiten und bittere Wahrheiten erfahren.

Sieg der Pflicht deutsche Tragik.

Die Tage vergehen langsam und voller Spannung. Jede Stunde kann den gefürchteten wirklichen deutschen Vorstoß bringen. Der Oberkomman­dierende, General Petain, hat sich auf Inspektionsreise begeben. Er besucht jede Division, jedes Regiment, jeden Poilu im Reserve- oder Ruheauartier. Er spricht mit den Soldaten, er kostet ihr Essen, er trinkt ihren Pinard, er hört ihre Verbitterung und vernimmt ihre Klagen. Er läßt mit sich reden, der Oberkommandierende, General Petain. Gewiß, auch er kann der Truppe keinen sofortigen Frieden versprechen. Aber diese sinnlose Niedermetzelei, die erfolglosen Angriffe um unmögliche, ferne Ziele, die wird er unterbinden, das verspricht er ihnen.

Seine Schläfen find weiß, er hat etwas Gutmüfiges an sich, dieser Oberkommandierende. Seine Haltung ist väterlich. Die Soldaten hören auf ihn. Es tut ja so gut, einmal als Mensch behandelt zu werden.

Die Truppe bekommt wirkliche Ruhezeit nicht Tage nur, ausgefüllt mit sinnlosem Gamaschendienst. Der Poilu liebt das Exerzieren nicht. Seine Einstellung ist eine andere als die des Feldgrauen da drüben. In einem sauberen Gewehrgriff sieht er keineswegs den Ausdruck feiner Soldatentugenden. Das wird ihm nie beizubringen fein. Während sich der Feldgraue über feine eigene stramme Haltung freut und sie durch Exaktheit in Uniform und Waffen erhöht, läßt sich der Poilu gehen und macht es sich bequem. Er will ganz wie zu Hause leben in seinem bescheidenen Ruhequartier.

Gut, General Petain kommt diesem Wunsche entgegen. Es ist kein weiches Nachgeben, es ist mehr väterlich« Sorgfalt, entsprungen aus der tiefen Kenntnis der Soldatenseele. Nichts wird versprochen, aber es wird gegeben, was man nur eben geben kann.

Diese Rundreise des Oberkommandierenden von einem Quartier zum andern zeitigt baldigen und gründlichen Erfolg. Langsam will die Meuterei abbrechen. Sie macht wenigstens keinen Fortschritt mehr. Sie bleibt auf ihren Herd beschränkt. Die schweren und schwarzen Tage wollen schon vvrübergehen, da zieht ein neues Ungewitter um Himmel empor: Die Russen meutern.

Die vor Monaten von Rußland auf den westlichen Kriegsschauplatz geschickten Regimenter des Zaren sind gleichfalls müde. Mit welche, Hoffnungen und mit welcher Begeisterung hatte man sie damals aus­genommen, bei ihrer Landung in Marseille, diese Russen! Das männer­arm gewordene Frankreich hatte sie mit offenen Armen empfangen. Uni nun meutern sie. , -

Nach den Kämpfen am Brimont sind von den stolzen Regimentern noch rund 5000 russische Soldaten Übriggeblieben. Die andern liegen in Lazaretten oder ruhen drüben vermodernd im Trichterfeld, unter den Mündungen der deutschen Maschinengewehre. Diese fünftausend Russen hat man weit ins Hinterland geschafft, ins Lager Curtine bei Chälons an der Marne. Aber auch dorthin ist der Ruf der Meuterer gedrungen Bei diesen Russen werden sie mehr Glück haben, so hoffen die Draht­zieher. Und siehe, es scheint, als sollte hier der Aufruhr seine größter Blüten treiben, wenn auch etwas verspätet. Denn am 9. Juni bekenn! sich die russische Hilfsbrigade offen zur Meuterei und zur Revolution. Ein Flugblatt wird verteilt. Es ist hektographiert und wird in Masse« unter die Soldaten geworfen. Darin heißt es:

Soldaten Rußlands! Ihr seid nach Frankreich verkauft worden al< Gegenleistung für französische Munitionslieferungen. Wollt ihr es euch gefallen lassen, als Sachwert behandelt zu weihen? Wir wollen der! Frieden genau wie das russische Volk. Nieder mit der französische« Bourgeoisie, die in der Fortsetzung des Krieges ein Geschäft sieht. Weigert euch, nochmals an die Front zu gehen, um euch für Frankreich nieder­

schießen zu lassen."

(Schluß folgt.)

Auftrag.

Vo n Ludwig Höltr>.

Ihr Freunde, hänget, wenn ich gestorben bin, Die kleine Harfe hinter dem Altar auf. Wo an der Wand die Totenkränze Manches verstorbenen Mädchens schimmern.

Der Küster zeigt dann sreundlich dem Reisenden Die kleine Harfe, rauscht mit dem roten Band, Das, an der Harfe festgeschlungen, Unter den goldenen Saiten flattert.

Oft, sagt er staunend, tönen im Abendrot

Von selbst die Saiten, leise wie Bienenton; Die Kinder, hergelockt vom Kirchhof, Hörten's, und sahn, wie die Kränze bebten.

Almrast.

Bon Hans Kloepfer.

In meinen Arbeitstag schagen die Almen herein. Nicht immer natür­lich, aber oft genug, daß sie mein Wandern und Mühen im Tale per-- heißungsvoll trösten und mir einen frohen Weitblick gönnen wie einen, frischen Trunk an staubiger Straße. Oder wie etwa auch ein Flick­schneider zuzeiten von seiner Stichelarbeit aufblickt nach den hohe» Lindenkronen vor seinem Dachsensterlein, um sich ein Stücklein Herr­gottsweite in die enge Kammer zu holen.

Und dann kommt ein Tag, von köstlicher Vorfreude begrüßt, an dem ich auswärts steige im geheimnisvollen Morgengrauen durch kühle Wald­schatten, über tauige Wiesen, langsam erst, dann immer schneller. Einen sandigen Hohlweg geht es entlang am Waldsaum. Nur eine mannshohe Erdwelle und der eifengraue Almzaun trennen mich noch von den freien Bergwiesen, darinnen die Quellen klingend sprudeln. Nun bin ich oben, und die letzten Schritte führen mich aus traulicher Erdnähe hinaus vor die leuchtende Unendlichkeit. Da liegen weitum die Almen, schenken mir das Glück ihrer Höhe auf freien, leichten Wegen, die ich ftunbenroeil übersehen kann. Und schließen sich zum Kranze wie die schimmernden Gefilde der Seligen. Schon im Raume hoch emporgehoben über allem, was Pflügen und Graben und Roden und Schlagen braucht, was hart« Arbeit fordert und sauren Schweiß und zitternd« Sorge in Wettern und Hagel schlügen. Sehen herab in der lächelnden Selbstverständlichkeit der Schönheit auf das kraus« Furchennetz, das unser Menschenwerk im Laus« von Jahrhunderten der Erde ins Antlitz gegraben und über dem unsicher und ruhelos das graue Gespinst unserer Sorgen roeb*

Das ist ein weiches Fließen der Formen, frei und leicht, und doch durch feine Brechungen der Linie immer wieder reizvoll aufgelöst, mit sparsamsten Mitteln vor Eintönigkeit bewahrt. Und meilenweit gekrönt vom flutenden Sonnenlicht und heiliger Stille. Das laute Gehaben der Industrie, der Kleinlärm werkender Alltäglichkeit, all die tausend Stim­men, in denen das Menschenlos zum Himmel schreit, sie sind verklungen, versunken, schon drunten in den blauen Waldgründen, die ihren Fuß umsäumen. Und nur die letzten, die größten, die Grundakkord« aus dem Leben auf Erden werden über diese freien Borde getragen, der mächtig« Orgelklang der Winde, das Rauschen der Wasser, all die Stimmen der Tiere, die frei wandeln wie an ihrem ersten Schöpfungstage. Es ist das große Gesetz der Vereinfachung, das auf unser kompliziertes Empfinden wirkt, befreiend und läuternd im künstlerischen wie im ethischen Sinne. Wo anders sonst noch stürmen die Wolken über einsame Höhen wie vor tausend Jahren, werfen Bilder in die Seel« voll stiller Kraft, die nichts gemein haben mit heute und morgen, die zeitlos sind wie die ewig« Natur, Der alte Hochwald im letzten Almwinkel schirmt gleichmäßig bleichende Baumleichen und saftigen Jungwuchs, kein wehleidiges Men­schentum sährt ihm störend in die große Linie des Werdens und Ver­gehens. Und die vom Anfang aller Zeiten an die freien Hohen durch­streifen, die Hirten und Jäger, fi« tragen noch heute ihr Amt heroben still und wetterfest, nur statt der Felle den rauhen Loden, statt des Speers und der Armbrust die Büchs«. Nur das Meer zeigt Bilder, die