Ausgabe 
18.8.1939
 
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Wetzenerzamilieiiblälter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Zlhrgang Freitag, den t8. August Nummer 63

Line Armee meutert

SCHICKSALSTAGE FRANKREICHS 1917

Lin Bericht von P. C. Ettighoffec

» p g r l g h t b g Bertelsmann Gütersloh

18. Fortsetzung.

höchste Zeit für die französische Armee, daß nun energisch durchgegriffen md, denn in Massen tauchen nun Flugblätter auf. Es ist alles genau |t Die im Frühjahr drüben hinter der russischen Front. Anscheinend sind lier die gleichen Kräfte der Zerstörung am Werk. Die Flugblätter enthalten Mit kurze und wenige Sätze und stellen Behauptungen auf, die sich jedem, iu>) dem einfachsten Poilu, einprägen. Da heißt es:

Es ist nicht wahr, daß Elsaß-Lothringen von Deutschland unterdrückt md. Die Elsässer wollen gar nicht zu Frankreich. Unsere Regierung führt »n Annexionskrieg, möchte nicht nur Elsaß-Lothringen wiederhaben, toern auch das Saargebiet und das linke Rheinufer. Der Poilu muß Unten, weil England den deutschen Konkurrenten auf dem Weltmarkt «drängen will."

Ein anderes Flugblatt enthält die Rede Poincarss, gehalten im Jahre 1915 vor dem Alliierten Kriegsrat. Darin heißt es unter anderem:

..Nicht nur Elsaß-Lothringen muß an Frankreich zurllckfallen, sondern Ilie Grenzen müssen die des ehemaligen Herzogtums Lothringen sein. 2ii Grenzen dieses Herzogtums wird Frankreich nach seinem Gutdünken benchnen, und zwar so, daß die strategischen Forderungen und wirt- Mllichen Möglichkeiten dieses Territoriums beachtet bleiben. Natürlich WS das Saarbecken und überhaupt das ganze Saartal wieder an Frank- ttk) zurückfallen. Das linke Rheinufer muß unter allen Umständen von Trtschland getrennt werden und einen Pufferstaat bilden. Deutschland ir in diesem Staat weder politische noch wirtschaftliche Interessen mehr Wien."

Welche Möglichkeiten für die Rädelsführer der Meuterer! Hier zeigt sh deutlich die Angriffspolitik der französischen Machthaber, während int dem Poilu immer das Vaterland als brutal und schmachvoll ange- Mfen und als höchst gefährdet bezeichnet hat.

i inzwischen ist es den Feldgendarmen und den Vertrauensleuten ge- Rcn, die Aufrührer in kleinere Abteilungen zu zerstreuen. Nur noch fertige bewaffnete Hausen sind's, die sich regellos und ohne Zusammen- iig untereinander dem Wald von Compiegne nähern. Und da stellen sich WM Feldgendarmen entgegen, fordern zur Uebergabe auf. An vielen leien zeitigt diese Aufforderung raschen Erfolg. Aber unweit von Mons werden mehrere Beamte angegriffen und entwaffnet. Man haßt s. die Feldgendarmen. Man bezeichnet sie alsUrlaubsschemschnuffler MEtappenhengste". Man beschimpft sie alsDrückeberger und vimschenschinder". Und nun sind drei von ihnen in der Gewalt der Bitterer. ..

! Vewehrreinigungsstricke werden zusammengeknupft, den bedauerns- *n:en Feldgendarmen um den Hals gebunden. Und dann geschieht das, N im Dreißigjährigen Krieg oft genug geschah: Die unbeliebten Auf- Mr baumeln entseelt über dem Straßenrand und unter wiegenden men. Die Meuterer aber ziehen weiter, blutrünstig grölend, zu allem

2ie Bestie Mensch ist erwacht. , _ "

irgendwo haben sie einen Zug angehalten, gestürmt und bestiegen.

Sui vorgehaltener Waffe zwingen sie den Zugführer mit Volldampf b-Pfahren, Richtung Paris. Sie wollen in einigen S unden dort sein *i> das Parlament aus dem Bett holen. Der 3.3unt soll die Revolution b ter Hauptstadt sehen. Aber rasch herbeigerufene Kavallerie riegelt die Wnlinie ab. ..... ...

3er Zug wird angehalten. Maschinengewehrfeuer peitscht über die "ien hinweg. Die Meuterer sind gleich wieder nüchtern und kommen Fjus, stellen sich mit hochgehobenen Händen auf, so wie es gechrdert K unten am Bahndamm, werden abgeführt, ihrem ungewissen Schicksal liegen. Man wird mit ihnen nicht sanft verfahren, gewiß nicht.

[Sie zuverlässige Republikanische Garde, diese Elitetruppe aus.att- Wj-Nten Unteroffizieren, im Verein mit der Feldgendarmerie und einigen i'ivllerieabteilungen, packt überall energisch zu. Aber wer weiß, abdieses ^3<fen genügen wird. Werden die Meuterer nicht alles überspülen und 'Nichten? Ueberhaupt, wie steht's mit der vordersten Linie? Was machen Besatzungen der Schützengräben um diese Stunde t

.. Wenn die Deutschen jetzt un greifen ...

. 3>e Frontlinien halten noch. Auch zu ihnen ist die Nachricht von großen ''itereien hinter der Front gedrungen. Es mag noch so schlimsn ' i" da ist eine alte Anhänglichkeit, verbunden nut einem letzten Michl

gefühl, verankert in der Tiefe des Herzens. Sie wissen, diese Front- truppenteile, daß ihre Kameraden im Hinterland sie nicht mehr ablösen wollen. Statt nach vorn Zu kommen, rücken die Ablösungen meuternd ins Hinterland. Der Grabensoldat bleibt wieder einmal verlassen und aus sich selbst angewiesen, wie schon so oft. Es ist das Schicksal des Grabenkämpfers, immer allein zu sein und als Unbekannter seine Pflicht tun zu müssen. Die Frontbataillone halten noch ihre Stellungen, aber auch hier, von Schützengraben zu Schützengraben, von Unterstand zu Unterstand, von Vorposten zu Vorposten, wandern die Flugblätter und erreichen ihre Wirkung. Die Kraft der Grabenbesatzungen wird immer mehr unterhöhlt. Und wenn der Feind jetzt angreift---

Ja, was bann? Was wird fein, wenn der Feind angreift? Warum greift der Feind jetzt nicht an? Weiß er nichts von diesen Unruhen, weih er tatsächlich noch nichts von der großen Müdigkeit im französischen Heer? Es könnte doch fein, daß der Feind zufällig, rein zufällig---

Wird ihn der Poilu dann durchlafsen? Wird der Grabenpoften mit gekreuzten Annen daftehen? Theoretisch wird er es sicher tun, ganz be­stimmt wird er es tun, wenn er die revolutionäre Parole des Hinterlandes und der Etappe richtig verstanden hat.

Und da wird die bereits schwer erschütterte Front auf eine ernste Probe gestellt.

Der 78. Reservedivision, der ich damals angehörte, bleibt es vorbehalten, diese geschichtliche Probe zu machen.

Ohne etwas von Meuterei, von Unruhe oder Müdigkeit im französischen Heer zu wissen, greifen zwei Kompanien des unserer Division angehörenden Infanterieregiments 260 die französischen Stellungen bei Vauxaillon an. Zusammen mit einem Stoßtrupp des Sturmbataillons 7 und zwei Kom­panien des Infanterieregiments 53, brechen die 260er in der Morgenfrühe des 1. Juni aus ihren Gräben und stoßen eine Teilbrefche in die fran­zösischen Linien. Es sind zusammen noch keine tausend Feldgraue, die da angreifen. Und doch zeitigt ihr Vorgehen einen ungeahnten Erfolg, denn mehr als tausend Meter der französischen Stellung rollen sie auf.

Dies geschieht am 1. Juni, wohlgemerkt zu einer Zeit, da die fran­zösische Fronttruppe noch nicht voll und ganz durchseucht ist. Selbst die gefangenen Franzosen, drei Offiziere und 178 Mann, halten dicht und erwähnen nichts von der Müdigkeit ihrer Kameraden, von den Unruhen und den Meutereien im Heer. Der Poilu der vordersten Linie ist wieder Soldat geworden und hat sich noch einmal besonnen im Augenblick, da ihn der Gegner anfttirmte.

Deutscher Heeresbericht.

Großes Hauptquartier, 2. Juni 1917.

Heeresgruppe Deutscher Kronprinz.

Bei Allemant, nordöstlich von Soissons, führten ein hannoversches und ein westfälisches Regiment, wirksam unterstützt durch Teile einer bewährten Sturmtruppe, Artillerie, Minenwerfer und Flieger, einen Angriff mit vollem Erfolge durch. In überraschendem Ansturm wurde die französische Stellung in etwa 1000 Meter Ausdehnung genommen und gegen wiederholte Angriffe gehalten. 3 Offiziere und 178 Mann sind gefangen, zahlreiche Maschinengewehre und Minenwerfer erbeutet worden.

Der Poilu wehrt sich, wenn er angegriffen wird. Aber nun, am 2. Juni, wirkt sich der Schwarze Tag der Armee auch schon in der vordersten Linie aus, und der Deutsche Heeresbericht kann melden:

Heeresgruppe Deutscher Kronprinz.

Die Gefechtstätigkeit längs der Aisne und in der Champagne war im allgemeinen gering.

Immer noch ohne Kenntnis von den Unruhen und Meutereien beim Gegner, brechen am 3. Juni deutsche Stoßtrupps der 15. und 41. Infan­teriedivision gegen den Winterberg bei Craonne in das gegnerische Stellungssystem ein. Aber diesmal haben die Deutschen den wundesten Punkt der ganzen Front berührt. Craonne war die Fahne des Wider­standes und das Fanal des Angriffs auf der gesamten Front des Damenweges. Und dieses Craonne ist nun in Gefahr, wieder an den Feind verlorenzugehen. Die deutschen Stoßtruppen wollen eigentlich nur eine geringe Frontverbefferung. Aber siehe, sie stoßen hier ins Leere.

Dor Poilu steht nicht mehr.

llcbcrrafcbenb schnell und leicht bringen bte Deutschen burch. Eine ganze französische Division gerät ins Wanken. Das ist bas Unternehmen, bas ber Anfang des Durchbruchs fein könnte. Hier winkt ber Sieg, ber mühelose Vormarsck an bie Marne, bas immer noch lockenbe Ziel seit

Eine Panik broht beim Gegner auszubrechen, eine furchtbare Panik, wie bamals, am blutigen 16. April auf ber Hochfläche rechts unb links