w
die
die
mir
»M
Verantwortlich: vr. Fr. W. Lange.
— Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei, R. Lange, Gießen.
%
«Erinnerungen.
Bon Hermann Hesse.
Wmtr „6 »6
,6ie
Eine Rauchsäule schraubte sich himmelwärts, vom Wind gebeugt. Aus dem Norden kam keine Antwort. Später ließ ich eine Magnesiumfackel aufleuchten, die ich ans Ende einer langen Bambusstange gebunden hatte. Sie brannte bedeutend heller und riß ein blaues Riesenloch in die Finsternis. Die Brenndauer betrug etwa zehn Minuten. Dann wuchtete ' Nacht wieder herein. Ich fühlte mich einsam und verlassen.
w S* 9
mir e De |ttm d $e
Ro De wsd«
R° Ht|em «er,
»5 A *n
A »erbe
MlKl , A & - Wed tetam M Ni$e
ch
A „81
klie fote.
Mtor w .« Mt '%Pt
Ä! Nes
De
Es ist schon seit "Stunden dunkel, drüben über dem See liegen Hügeldörfer mit roten Fenstern, eines vom andern und jedes von .....
durch Regen, Wolken, Sturm und Finsternis getrennt. Sie glänzen herüber und verschwinden, je nachdem der Sturm die niedrig hängenden Wolken treibt. Bon diesen Dörfern ist mir jedes bekannt und lieb, jedes ein Freund und eine Erinnerung. Dort ein Sonntag mit Freunden vertrunken! Dort ein Regennachmittag im Gespräch mit Wirtin und Wirtskindern hinter beschlagenen Fenstern verdämmert! Dort ein Abend, feucht und blau, am Rand der Weinberge verträumt, mit aufblinkenden Sternen, herüberwehender Dorfmustk und leisem Rauch aus abendblassen Kaminen, der hinter den schwarzen Kronen von Pappeln und Obstbäumen aufstieg!
Der Ofen, längst erloschen, wärmt noch gelinde, im Bratloch schläft die Katze, erwacht zuweilen für Minuten und fängt zu schnurren an. An den Wanden stehen mit tausend breiten und schmalen Rücken meine Bücher. Und so oft ich ans Fenster gehe und an den feuchten Scheiben wische, liegen jenseits überm See di« Dörfer mit leis glühenden Fenstern an den Hügeln, jedes eine Erinnerung. Und auf der Welt kein Laut, als der Pendelschlag der Kuckucksuhr, das feine Tropfen am Fenster und hie und da das zarte, schläfernde Schnurren der Katze. Ich spiele, wie man es an diesen langen Abenden gerne tut, mit Erinnerungen, alten Briefen und Tagebüchern und Gedichten, die ich als Knabe und als Jüngling schrieb. — Wie anders man damals war! Ich lese:
.. ist seit jener Nacht, daß ich vom Leben weiß, daß es ist wie die Bewegung eines Schläfers, den ein Traum erregt, wie das Aufwallen einer kleinen Woge, wie das Lallen eines Halbwachen, und daß es kaum wert ist, gelebt zu werden." Und:
„Wie schön du warst, wenn du dein feines, tröstendes Frauengesicht über meine fiebernden Augen beugtest! Wenn du mit mir der Erinnerung eines alten Liedes lauschtest, still, vorgebeugt, das tiefe Aug« in die Nacht gewendet, die helle, vergeistigte Stirn von einer losen Locke marchenblonden Haares überhangen. Wenn du das Auge senktest und duwm^st!" meme ^ani> mit deiner weißen Linken suchtest. — Wie schön
Das schrieb ich, als ich wenig über zwanzig Jahre alt war; ich schrieb <5 "n Spa herbstabenden und hatte das Gefühl, ich nehm« mit diesen Worten Abschied von meiner Jugend. Es ging mir schlecht, ich erlebte nichts als Enttäuschungen, und nachts saß ich in meiner Mansarde wach unt) schrieb traurige Gedichte ohne zu wissen, daß ich gerade in dieser Schwemmt eine der süßesten Iugendwonnen durchgenoß. 'Nun klingt mir Ees was ich damals schrieb, so wunderlich, ein wenig lächerlich vielleicht, und doch so suß und Wohllaut, wie nichts seither mehr in mir Hang. — „Wie schon du warst!"
Da stehen meine Bücher, mehr als tausend, alle in Hungerjahren langsam zusammengespart, ein schöner Schatz mit vielen Perlen darin. ^ie stehen auf guten, festen Brettern und liegen nimmer wie früher am Boden und auf dem Bett und Sopha herum. An den Wänden hängen ein Paar gute Bilder, und der große Ofen brennt so lang ich will, ich brauche die Scheite nimmer zu zählen und zu sparen. Sogar ein Fäßchen Wem liegt im Keller, mit einem freundlichen Hahnen im Spundloch. und -B'n'Wdjtel liegt beständig Tabak genug. Es geht mir also gut, sehr gut; selbst meine Katze wird fett, sie bekommt Milch, so viel
21ber seit die Wälder rot sind und der See im Herbststurm blitzt und
Knie des Ofenrohres lieferte einen Eimer voll Wasser. Die Kälte haste inzwischen um ein Grad zugenommen, und verschüttetes Wgsser gefror im Augenblick, wo es den Fußboden berührte. Zunächst erschien es mir untunlich, den Ofen abzustellen, denn alle Uhrwerke konnten stehenbleiben, von mir selbst zu schweigen. Jrn Schlafsack dachte ich an herrliche heiße Wüsten und Palmengärten, was tatsächlich ein Wärmegefühl zu erzeugen schien. Etwas später stand ich auf und löschte den Ofen.
Am Sonntag, dem 22., geriet ich wegen der Gefährten auf dem Schlepper in fürchterliche Unruhe. Beim Erwachen bildete der Kopfteil des Schlafsackes einen dicken Eisklumpen. Die Oelleitung aus dem Behälter zum Ofenbrenner mußte mit Meta aufgetaut werden. Dreimal — morgens, mittags und abends — bemühte ich mich vergeblich um Funkverbindung mit Kleinamerika. Mit wunden und klammen Fingern zerlegte ich den Empfänger, aber ohne irgend etwas zu erreichen. Der Aether schien ebenfalls eingefroren zu fein. Wohl ein dutzendmak guckte ich durch die Falltür, und jedesmal narrten mich Sterne am Kimm. Die Kälte verminderte sich auf —50 Grad. Jedoch erhob sich gleichzeifig ein Südostwind von 30 Stundenkilometern. Wieder erstarrte das Benzin, so daß ich den Stollen auf Kosten der Stube Heizen mußte.
Nachmittags erftarben meine Hoffnungen, und mit ihnen erstarb die freudige Erregtheit, die das angesagte Kommen der Freunde ausgelöst hatte. Innerlich fühlte ich mich wie ausgehöhlt. Alles, was menschlicher Verstand ersinnen konnte, war getan und versucht worden, aber umsonst. Immer stärker bemächtigte sich meiner die Angst, daß der Gruppe Poul- ters ein Unglück zugestoßen sei. Es gab keinen Grund, etwas anderes anzunehmen. Trotzdem kletterte ich um 15 Uhr mühselig aufs Dach und entfachte zwei Benzintöpfe. Mindestens ein Dutzend Zündhölzer verlöschte im Wind, ehe ich mit der Flamme ans Benzin kam. Endlich fing es Feuer, mächtig auflodernd und die ans Halbdunkel gewöhnten Augen blendend.
laubgrün und meerblau wird, fest die Ofenbehaglichkeit anfing und ich mein Segel vom Strand geholt und unter Dach gebracht habe, befällt mich öfters ein Zorn über dies bequeme Hinleben. Wenn ich abend» beim Dunkelwerden zum Strand hinuntergehe, rauschen an der Schiffs, lände die Pappeln stark und zart, der feuchte Wind umarmt mich schnell, springt auf den See und fährt stöhnend über das bewegte Wasser hin. Dann tut mir die Seele im Leibe weh, daß ich kein Einsamer und Wan< derer mehr bin, und ich gäbe mein bißchen Haus und Glück gern für einen alten Hut und Ranzen, um noch einmal die Welt zu grüßen und mein Heimweh über Wasser und Land zu tragen.
Und gestern, ich war allein noch wach im Haus, schlug mir der Wind so dringlich ans Fenster und über dem Kapellenturm flogen die Wolken so eilig und begierig durch die Nacht, daß ich nicht länger sitzen bleiben konnte. So nahm ich leise Mantel, Hut und Stock und ging hinaus. Da schrie der Sturm in der Höhe, unten schlug im Dunkeln der unruhige See, im ganzen Dorfe war kein Fenster mehr hell, und nur am Ufer schritt unwillig der Grenzwächter auf und ab, tief in den dicken Mantel gehüllt und mit ausgestelltem Kragen. Und als ich auf die erste Höhe kam, da lag weichin schwarzes Land und Wasser, See, dahinter der bleich scheinende Himmel gespannt, an dem die schweren Wolken stürmten. Die langen Bergzüge bückten sich im Schlaf und streckten da und dort Traum- hörner gegen den Himmel. Das ging wie eine breite, heftige Woge über mein Herz, als bräche meine ganze Jünglingszeit mit aller Freiheit und Macht auf mich herein, höbe mich vom Boden und riffe mich in unerhörte Weilen mit. Oh, du Wald, du stiller schwarzer Wald, und du Seeweite und du schlafende Insel im Wasser! Oh, ihr fernen Berge! Unvermerkt fiel ich in meinen Wanderschritt, als ob es in alle Fernen ginge, und die von der Nacht verhüllte Gegend lag als ein Märchenland verschwiegen um mich her. Bis nach einer Stunde der erste Kreuzweg kam. An diesem stand ich lachend still und dachte an mein Haus, auch fiel mir ein, daß ich beim stürmischen Fortgehen die Lampe nicht gelöscht hatte. Die schien nun weiter, solange das Del es vermochte, über die gelben Seiten eines alten Büchleins, über Tisch und Wände und durch die Scheiben ins schlafende Dorf hinaus.
Nun wußte ich wohl, daß ich morgen zurück sein müsse, und mein heißes Wandergefühl fing langsam an, geringere Wellen zu schlagen. Aber die schöne Nacht war mein und ich wollte sie nicht von mir weisen, wie sie wartend vor mir lag. Und wie ich, erwägend am Kreuzweg
zögerte, begann ein starkes Heimweh mich zu ziehen. Hinter Wald un-
weiten Hügelwiesen wußte ich eine alte Stadt mit runden Türmen liegen, nauj der es mich schon lang gelüftete. Ich hatte aber in alle der Zeit nicht
gewagt, einmal hinüber zu wandern, denn es lag dort ein Stück schöner
Jugend von mir und lauerte auf meine Wiederkunft, um mich mit Heimweh zu überfallen. Jetzt in der Nacht schien mir die Stunde gut. Ich ging den schönen, bergigen Weg durch Wald und Matten, ich saß eine Weik und rastete vor dem Tor der Stadt, hörte dem Brunnen zu, nahm einen kühlen Schluck von ihm und lief wieder weg und heim, noch ehe die Morgenhelle kam und die wohbekannten Häuser aus der schönen schlummernden Dämmerung weckte. Da war mir fast, als hätte ich eine Tat getan.
Auf dem Heimwege war mir sonderbar zu Mut, indem ich an vergangene Jahre dachte und an die alte Stadt mit den runden Türmen und an das, was ich dort einst erlebt hatte. Nichts zum Erzählen. Eine Liebesgeschichte, einfach und schön, aber nicht frei von Schuld, und ihr Schatten hat mir ganze Jahre verdeckt. Nun schritt ich träum enb durch die schwarze Nachtwelt, meinem lieben Dorf entgegen, hoch am Hügel hin über dem finsteren See. Und allmählich liefen meine halbwachen Gedanken weiter und ich dachte an alle die Frauenbilder, vor denen ich in Iünglingsjahren gekniet war, bereit, ihnen mein Liebstes und Bestes zu schenken, nur um näher ans Innere des Lebens zu kommen, nur um eine Antwort zu finden auf die dunkel in mir fragenden Stimmen. Und wie haben alle diese Versuche, diese ersten Flüge ins Land der Liebe geendet! Alle ohne die rechte Antwort, alle unfroh und unerlöft und die meisten nicht ohne Reue und Schuldgefühl.
Und von fast allen meinen Freunden wußte Ich dasselbe und sah es an Fremden täglich. Es stirbt ja kaum einer daran. Wir werden älter, werden Männer, tun den Kranz aus den Haaren und finden unsere Ruhe Ader wie ist es mit jenen Frauen, mit den Mädchen, um die wir etnft so sehnsüchtige Jrrgänge taten, die uns den ersten Morgenglanz der Liebe schenkten? Was fühlen sie, wenn wir von ihnen gehen? Und was fühlen sie, wenn sie am Ende einer an hohen Träumen reichen Jugendzeit dem Letzten Ja sagen und di« Hand geben? Wir Männer, wir tret« ben hundert Dinge, wir schassen und forschen und arbeiten, wir haben 2lmt und Beruf und Schaffensfreuden — aber was haben sie die Frauen, die nur in Liebe leben, nur auf Liebe hoffen können? Wie selten geschieht es, daß ihnen jener Letzte auch nur einen Teil von dem zu geben hat, w«w ihr die Ersten, die Jünglinge und schüchtern-kühnen Anbeter versprochen haben!
Der Sturm lief lärmend auf mich an und warf mir Regen und harte, welke Blätter ins Gesicht. Vorwärts kämpfend, gab ich den Klagen Abschied und ließ die ungelösten Rätsel hinter mir liegen. Ich dachte daran, was wir alle einst als Knaben, als kühne, freche Knaben vom Leben als unser gutes Recht erhofften! Und wie verzweifelt wenig davon wahr geworden ist! Und doch ist das Leben gut, und ist schön, und rührt uns leben Tag mit heiligen Kräften ans Herz. Vielleicht geht es auch den armen Frauen mit der Liebe so. Man erzählte ihnen von Märchenwäldern und mondbeglänzten Gärten, und sie finden nachher ein rauhes Stück "and, wo statt Rosen geringe Kräuter wachsen. Von denen binden sie sich einen Strauß, stellen ihn ins Fenster, und wenn abends das Dunkel die Farben auslöscht und der singende Wind aus der Ferne her kommt, liebkosen sie ihren Strauß und lächeln, und es ist, als wären es Rosen und als wäre das Ackerland draußen ein Märchengarten.
Genug, genug! Was brennt die Lampe noch? In meinen Iugend- gedichten kann ich morgen weiterlesen.


