SichenerZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1959 ~ Montag, -en 17. Juli Nummer M
Eine Armee meutert
SCHICKSALSTAGE FRANKREICHS 1917
Lin Vericht von p. S.Ettighoffer
Copyright b y Bertelsmann Gütersloh
9. Fortsetzung.
Wie ferner Donner, wie Trommelwirbel zum Sturm, dies Dahin- 1 lauschen der Kavalleriemassen, dies Stampfen der Hufe, dies Daherbrausen ' liner lebendigen unaufhaltsamen Kraft. Aus der Gegend von Boirh folgen | sie 36 ungedeckt anfgefahrenen Rohre der deutschen Feldartillerie, schwenken | legen Südwesten und jagen ihre Schrapnells gegen die Schwadronen.
Es sind in erster Linie die Reiter des 3. Garde-Dragoner-Regiments, 1 sie sich jetzt todesmutig nach Süden zur Nationalstraße durchschlagen B vollen. Das Gros der 10. Husaren und der Essex-Veomanrh hat sich in U Ronchh festgesetzt und kommt nicht mehr über die Ortschaft hinaus, weil das U «eutsche Feuer die Ausgänge abriegelt. Zwischen den Trümmern, hinter I Nauerresten und Schntthaufen sitzen die Reiter ab, greifen zum Karabiner, | liben die mitgebrachten Maschinengewehre vom Sattel der Handpferde I mb besetzen die Ortschaft, richten sich darin zur Verteidigung ein.
Mit wachsender Wut brausen die deutschen Granaten in das Trümmer- iyrf, finden der Ziele genug im dichten Gedränge von Menschen und Pfer- ien. Die Tiere müssen weg, müssen zurückgeführt werden, sofort! Man bindet , ie zusammen, Zügel an Zügel. Einige Reiter steigen in den Sattel und | plvppieren mit den Pferden zurück. Die deutsche Artillerie sieht diese Be- dcgung und schickt den Abziehenden ihre Granaten nach.
In dieser Minute haben auch die Trümmer der Dragoner-Schwadronen I Ke Nationalstraße erreicht. Sie erblicken die Tanks. Endlich die Tanks! I über die Panzerkolosse liegen still. Einige brennen lichterloh, andere glim- I een noch schwach. Und da erkennen die Reiter, daß alles vergebens Ivar md daß auch hier der Durchbruch niemals stattfinden kann. Sie schwenken 11 chts ein, reiten im Bogen zurück. Nebel und Pulverqualm hüllen sie ein ' s illid verschleiern diese letzte Bewegung.
Noch einige Sekunden lang singen ihnen die Spitzgeschosse nach. Dann ' Iderklingt das Donnern der Hufe, verrauscht in der Ferne hinter der un- I durchdringlichen Wand von Gas, Nebel ttnb Badendunst.
Die Reiterattacke ist vorbei, so rasch, wie sie gekommen ist. Ein Spuk '■< Ims vergangenen Jahrhunderten, der Eingriff Cromwettscher „Jronripons", k i bet sagenhaften rotröckigen „Eisenseiten", in das maschinenmäßige Gefüge k f einer neuzeitlichen Schlacht---
I _ Gefallene Reiter, tote nnd verwundete Pferde, Ausrüstungsgegen- Ustinde jeder Art bedecken die Angriffsfläche. Im zertrommelten Schneefeld I •' l't sich der Weg der Reiterattacke deutlich ab, bildet eine dunkel verwühlte I Eahn. Einzelne Reiter, nur leicht verwundet, hasten zu Fuß über das Trichin bcfeld zttr britischen Stellung hin. Verwundete Tiere versuchen aufzustehen, I litten nieder, nehmen nochmals ihre Kräfte zusammen, um es dann auf- H geben und sich geduldig mit großen, glänzenden Augen in ihr Schicksal ?' | it ergeben. Erschüttert wenden sich die Feldgrauen ab. Der Krieg ist hart. :! lind dieser harte Krieg hält nun für Minuten seinen Atem an. Fast schlveigt
Feuer hüben und drüben. Es ist wie ein starres Verwundern nach dem Achtbaren und heldenhaften Erleben dieses Angriffes.
| , Da heulen die britischen Granaten daher. Die Feldgrauen ducken sich ^eder in die schlammige Tiefe der Trichter und Gräben. Wieder hat die Eaterialschlacht die Oberhand. Ein Durchbruchsversuch ist mißlungen. J«r nächste wird schon wieder eingeleitet mit Granaten ohne Zahl.
In diesem Augenblick erfährt General Nivelle, daß es der tapferen "litlschen Kavallerie trotz rücksichtslosem Einsatz von Mann und Pferd nicht Ölungen ist, die vom britischen Trommelfeuer erschütterte deutsche Linie W durchbrechen. Eine Weile grübelt der Oberbefehlshaber nach, faßt sich "ier sofort und erklärt:
.»Aber wir werden es schaffen. Die Vorbereitungen des Marschalls 5" *9 genügten wohl nicht. Unserer Kavallerie liegt die Attacke im Blut. lEnn unsere Regimenter tragen die glorreiche Tradition der Großen fcmee!"
Gr denkt in diesem Augenblick nicht an Waterloo, der französische Ober- M^hlshaber, und an den blutigen Vorsommer des Jahres 1815, da die | »eiet jener britischen Reiter auf der Hochfläche von Mont St. Jean ■ seien die Alte Garde ritten und die Bataillone der Bärenfellmützen zu- i ^uneusäbelten —
Drüben in den Quartieren bei Arras, wo die Trümmer der britischen 1 ~ griffsregimenter in Ruhe liegen, überzählt man nüchtern und nicht ohne M>»lz bte schweren Verluste der Morgenstunde. Die Leiche des an der Spitze Mner Truppe gefallenett Generals Bulkeleh-Johnson hat man inzwischen 1 S ünden. Unter den Sterbenden fand man auch den Leutnant Earl of ; llrlie, während der Sohn des Earl of Portalington mit erheblichen Wunden
noch reitend das Hinterland gewinnen konnte. Die meisten Pferde sind nicht mehr zurückgekehrt und liegen tot im Trichterfeld. Nur 800 Menschen und Tiere haben mit letzter Kraft, verwundet, gepeitscht vom hohlen Knall der Spitzgeschosse, in enger Schlachtordnung wieder ins britische Hinterland zurückgefunden. Etwa 100 Pferde erreichten reiterlos die deutschen Linien und wurden inzwischen in rückwärtigen Stellungen von den Feldgrauen abgefangen. Alles andere liegt zusammengeschossen int Angriffsfeld.
Nur eine knappe Viertelstunde dauerte dieser Spuk aus blanken Säbeln, lvirbelnden Hufen, stürzenden Leibern und brausendem Dahinrasen. Jetzt hat sich die Materialschlacht wieder besonnen und rollt heftiger, rücksichtsloser über die Landschaft hinweg. Und die deutschen Schützen, die sick- unter dem Hagel von Brisanzgeschossen in der Tiefe schlammiger Trichter tarnen, bis zum nächsten Feindvorstoß, können es kaum fassen und verstehen, wie alles kam und >vie alles seinen unerbittlichen, natürlichen Lauf nahm. Bor bett eiskalt gerichteten Mündungen deutscher Maschinengewehre brach der letzte große Kavallerieangriff im Westen zusammen.
Getan die Pflicht! Neuer Kampf, neuer Opfergang, neues Heldentum für Freund und Feind bereitet sich vor. Und der Frontsoldat nimmt alles hin mit jener Selbstverständlichkeit, die Bewunderung hervorruft. Niemand spricht darüber, weil das alles so alltäglich geworden ist, wie Essen und Trinken und wie die Ablösung und die endlos zahlreichen Dinge, die man nicht mehr besonders erwähnt.
lieber Not und Tod spricht der deutsche Soldat int Trichterfeld nicht. Er bleibt stumm und kämpft. Aber in seiner Erinnerung lebt diese letzte große Kavallerieattacke fort als ein Schauspiel von unerhörter Wucht, aber auch als eine jener heldenhaften Zwecklosigkeiten, die vielleicht eine streng abwügende Geschichtsschreibung verdammen lvird.
Jene aber, vor deren Mündungen diese stolzen Regimenter zusammenbrachen, erklären und werden dies immer wiederholen:
„Der britische Kavallerie-Angriff vom 11. April 1917 war groß und heldenhaft, und wir sind stolz auf einen Gegner, der ihn wagte."
Deutscher Heeresbericht.
Großes Hauptquartier, 12. April 1917.
Westlicher Kriegsschauplatz.
Heeresgruppe Kronprinz Ruprecht.
Auf dem Nordufer der Scarpe 'wurden bei heftiger Artilleriebeschießung Angriffe der Engländer auf Vimp nnd bei Fampoux abgeschlagen.
Südlich der Bachniederung führte der Gegner starke Kräfte zum Stoß gegen unsere Linien vor. Nach mehrmals gescheitertem Ansturm ging uns Monchh verloren. Nördlich und südlich des Ortes brachen englische Angriffe, an denen auch Kavallerie und Panzerkraftwagen teilnahinen, verlustreich zusammen.
Heeresgruppe Deutscher Kronprinz.
Von Soissons bis Reims hat sich der Feuerkampf bis zu äußerster Heftigkeit gesteigert.
In der westlichen Champagne ist gleichfalls der Artilleriekampf im Wachsen. Erkundungsvorstöße französischer Infanterie wurden abgewiesen.
Rittmeister Freiherr von Richthofen schoß den 40. Gegner ab.....
Der Erste Generalquartiermeister: Ludendorff.
„Die Stunde ist gekommen!"
Und die Schlacht am Damenweg? Nivelle ist mit den einzelnen Schießergebnissen nicht zufrieden. Ueberall, wo französische Patrouillen gegen deutsche Gräben vorfühlen, stoßen sie auf geordnete Abwehr und holen sich blutige Köpfe. Stellenweise schreiten sogar feldgraue Kompanien aus ihren Gräben zum erfolgreichen und tief angelegten Gegenstoß.
„Trommelt weiter, trommelt heftiger und härter!" befiehlt Nivelle und fordert neue Munitionsmengen an. Alles wird genehmigt. Die Negierung hat keinerlei Bedenken. Warum denn auch? Es muß so sein. Sie hat Nivelle ihr vollstes Vertrauen geschenkt, also wird sie in allen Punkten seinen Anweisungen nachkommen.
Drüben aber ordnet die deutsche Abwehr ihre Kräfte. Je dichter der Hagel schwerer und schwerster Brisanzgeschosse, je undurchdringlicher die Gasschwaden, je toller der Feuerwirbel auf die gelockerte Infanterie niedergeht, desto kräftiger die Antwort aus deutschen Batterien, die sich an steilen Hängen und Schluchten eingenistet haben. Nivelle klopft die weite Landschaft ab, und die Schläge seiner Artillerie lösen sofort das Aufbellen der deutschen Geschütze. Die Augen der Welt sind auf die an der Aisne-Front entbrannte Schlacht gerichtet.
Deutscher Heeresbericht.
Großes Hauptquartier, 13. April 1917. Heeresgruppe Deutscher Kronprinz.
Der heftige Ariilleriekampf längs der Aisne und der westlichen Champagne dauert mit ivachsender Stärke an. Vielfaches Vorfühlen von Er- - kundungsabteilungen wurde zurückgewiesen; dabei blieben 100 Franzosen in unserer Hand.
(Fortsetzung folgt.-


