des Flugiages nach, dann ergibt sich nach dem Werk Gunnar Hov - d e n a k s folgende Deutung des Unglücks:
Amundsen, der bei völlig windstillem Wetter in Tromsö ausstieg, wählte wahrscheinlich einen nordwestlichen Kurs, um einer aus Norden kommenden Nebelbank zu entgehen, denn zwischen Spitzbergen und Nordnorwegen lag an diesem Tag ein breiter Nebelgürtel, Und Amundsen glaubte sicher, vielleicht durch eine Kursänderung nach Westen, die sich durchaus mit dem Ziel des Fluges vereinbaren ließ, wieder freie Sicht zu gewinnen und aus der gefährlichen Zone zu kommen. Als er trotzdem auf die Nebelwand stieß, wagte er dennoch, wohl im Glauben, es handle sich nur um ein schmales Randgebiet, den Blindflug. Diese Annahme unterstützte eine Meldung, die er kurz vor seiner Abreise von Tromsö aus Björnöa empfing, die klares Wetter meldete, was darauf deutete, daß der Nebel sich nicht allzu weit nach Norden, dem eigentlichen Ziel erstrecken konnte. So wird es also verständlich, daß Amundsen und seine erfahrenen Flugbegleiter sich entschlossen, über oder durch die Nebelwand zu kommen, anstatt unverrichteter Sache nach Tromsö zurückzukehren. Es ist schwer zu sagen, wie lange wohl die „Latham 47" durch den Nebel flog, der breiter und tiefer war, als man dachte. Unter Berechnung aber der durch Strömung und Wind abgetriebenen und an verschiedenen geographischen Orten und zu verschiedenen Zeiten entdeckten Fundstücke ist man geneigt, eine Flugdauer im Nebel, die zwischen ein bis zwei Stunden schwankt, anzunehmen, bevor das Unglück geschah. Auch die Untersuchung des Tanks wirft kein ganz klares Licht auf die erst« Ursache des Verschwindens von „Latham 47". Fest steht aber, daß das Flugboot gezwungen wurde, zu wassern, und daß es sich mindestens einige Minuten schwimmend halten konnte, währen- die Besatzung arbeitete, um die Katastrophe zu verzögern. Dabei kann es sich aber nur um wenige Minuten gehandelt haben. Denn mit dem abgerissenen Schwimmer war die Querschiffsstabilität,, zerstört, und hätte man sie bei ruhiger See vielleicht ^auch Hilfsweise durch Benzintanks wieder- herstellen können, so war es än diesem Tage infolge des Seegangs und der Brise, die in einer Nebelzone herrschen, vollkommen hoffnungslos. Das Flugboot muß daher in kurzer Zeit gesunken sein, und in dem kalten Wasser hat niemand lange leben können.
Der Forscher Gunnar Hovdenak schließt so seine Untersuchung über den Tod Roald Amundsens: „Man mag die vier Franzosen und Dietrich so n beklagen, die ein unerbittliches Schicksal fortriß. Sie hatten das Leben noch vor sich. Aber bei Roald Amundsen war es anders. Die nordwestliche und nordöstliche Durchfahrt hatte er entdeckt, und auf den beiden Polen der Erde war er gewesen. Für ihn gab es wohl keine große Tat mehr auszuführen auf dem Felde, in dem seine großen Eigenschaften lagen. Widerstand und bittere Erfahrungen hatten begonnen, Schatten über sein Leben zu werfen. Der unglückliche Zwist mit Nobile hatte auch etwas vom Glanz des Namens Roald Amundsen genommen, über die Latham-Expedition tat mehr als diesen Glanz wiederherzu- stellen. Indem er entschlossen alle früheren Meinungsverschiedenheiten auslöschte und vergaß, und mit dem eigenen Leben als Einsatz Nobile ?iu Hilfe kam, warf Roald Amundsen neuen und ewigen Glanz über einen und den Namen Norwegens." Mit dem Ruhm der größten unmenschlichsten Tat flog er in den Nebel und verschwand in der Unendlichkeit des Polarmeeres, in dem er selbst sterben wollte.
Das Schicksal begnadete Roald Amundsen mit einem Geschenk, das 'es- nur an Wenigs und Auserwählte zu vergeben hat: mit einem ritterlichen Tode.
Unvergängliches Afrika.
Von Eva Mac Lean.
Als wir in die Bucht von Monrovia einfuhren und der Kapitän „Fallen Ankert" kommandierte, sank gerade die Sonne ins Meer. Die Hafenbehörden in der Negerrepublik Liberia sind nach Sonnenuntergang nicht mehr zu sprechen, kein Schiff wird einklariert, kein Hafenarzt kommt, um den Dampfer kür seuchenfcei zu erklären, niemand kann infolgedessen herunter von Bord — und keiner herauf. Man mußte die Nacht über also still liegen und warten, bis die Herren drüben aufgestanden waren. Eine ganze Nacht in Ruhe — nach zwei Wochen rauschender Fahrt und pochenden Maschinen. Man würde wohl unruhig schlafen heute ohne die gewohnte Begleitmusik.
Mit dem bloßen Auge war die Stadt noch recht gut zu erkennen. Zwei Meilen entfernt lag sie am User, am Strand die Negerhütten, weiter hinauf die Villen der Europäer und der wohlsituierten schwarzen Liberianer. Eine hübsche junge Deutsche, Kaufmannsgattin, mit dem Reiseziel Monrovia, stand mit uns an der Reling und starrte mit einem geradezu verzweifelten Blick hinüber. Sie hatte einen hälbjährigen Deutschlandurlaub hinter sich, wollte zurück zu ihrem Mann. „Und nun", sagte sie erbittert, „kann ich noch- tnal zwölf Stunden auf ihn warten". Da faßte einen der Passagiere ein Menschliches Erbarmen, er ging und holte aus seiner Kabine ein Fernrohr mit Stativ und brachte beides auf der Kommandobrücke in Stellung. Es war ein riesiges Ding, das wie eine kleine Kanone aussah und eine zwei- ündvierzrgfache Vergrößerung hervorbrachte. Drüben woben schon graue Dämmerungsschleier um die Stadt. Plötzlich flammte in einem der weißen Häuser ein strahlendes Licht auf. „Da wohnen wir!" schrie die junge Ehefrau auf. Das Rohr ging in Stellung, sein freundlicher Besitzer schraubte daran herum, und nach einer kleinen Weile sagte er: „Ganz deutlich zu fdhen, ein Mann ans der Veranda, ein roter Blumenstrauß auf dem Tisch lind daneben eine Blendlaterne." Die junge Frau — sie hieß Anneliese — starrte durchs Fernrohr, alle Damen waren schrecklich gerührt und wollten auch einmal durchsehen, und der Kapitän schmunzelte, denn Kapitäne haben tznmer Verständnis für Liebe auf hoher See. So hat Frau Anneliese an diesem Abend doch noch ihren Mann wiedergesehen, allerdings nur über zwei Meilen hinweg, dafür aber in zweiundvierzigfacher Vergrößerung.
So heiß wurde es diese Nacht, baß die Passagiere in den Kabinen wie t*e Braten Im eigenen Saft schmorten. Es waren zwar nur 32 Grad, aber
starke Luftfeuchtigkeit bewirkte, baß sich der Wasserdampf an den Buße« wänden in dicken Tropfen niederschlug. Silbern dunstete der Morgen herauf über die Barre stieg glühend-rot der Sonnenball und verschwand wieder ä Wolkendunst. Ueber diese Barre, die den großen Ozeandampfern die Ei«- fahrt in den St. Paulsfluß verwehrt, an dessen Mündung Monrovia liegt, schossen jetzt Ruderboote heran, ein Tender schleppte die Leichter herbei, und dann nuckelte eine Barkasse herüber und brachte Annelieses Man«, Wir sahen ihn das Fallreep hinaufeilen und gingen ein Stückchen weiter, um die Wiedersehensfreude nicht zu stören. Nun hatten sie sich also wieder, für ein oder zwei Jahre, wie dies an vielen Westküstenplätzen so üblich ist, in deren Tropenklima weiße Frauen nicht allzulange aushalten. Die Kindei haben sie meistens zu Hause gelassen, nun reisen sie hin und her, zwischen Mann und Kindern, zwischen Heimat und afrikanischer Westküste, und müsse« überall ein Stück von ihrem Herzen zurücklassen.
Einen Tag vor Monrovia, in Freetown, war der Innenminister vo« Liberia von Bord gegangen, ein braunschwarzer Herr, der dort das Flugzeug nahm, um etwas schneller in seine Hauptstadt zu kommen. Er hatte in Amerika studiert, war ein gesprächiger Mann und wies mit besonderem Stolz ein Buch vor, das in vielen photographischen Ausnahmen die Schönheiten Liberias zeigte. Liberia hatte Gold und Diamanten, Eisen, Edelhölzer und Gummi — einen unschätzbaren Reichtum an Rohstoffen, verborgen in einem wilden Urwald, der von noch zum Teil kaum bekannten Eingeborenenvölkchen bewohnt wird. Darüber herrscht die Oberschicht der Liberianer, Nachkommen freigelassener amerikanischer Sklaven, also ein nicht bodenständiges Element, das hier Geld herausschaffen will um jeden Preis.
Seit zehn Jahren hat die amerikanische Kautschukfirma Firestone in Lande Einzug gehalten, hat im Hinterland den ungeheuren Landbesitz von einer Million Acres erworben und beschäftigt jetzt schon zwanzigtausend Eingeborene, die dabei sind zu roden, niederzubrennen und Gummibäume zu pflanzen. Ein Stab weißer Angestellter wacht über dieses kapitalistische Unternehmen ganz großen Umfanges, und Firestone ist der ungekrönte König der Republik. Aber während er Straßen zur Küste baut und weite Strecken jungfräulichen Urtvaldes dem Hackmesser und Feuer zum Opfer fallen, beginnt im Innern schon die Lebensmittelknappheit. Denn zwanzigtausend erwachsene Männer können keinen Reis mehr bauen und wolle« auch keine Bauern mehr fein. So gerät das zukunftsreiche Land in die Verstrickungen kapitalistischer Wirtschaftsmethoden, die sich an anderen Gegenden der afrikanischen Westküste schon so verhängnisvoll ausgewirkt haben. Firestone hat das ganze Land vom Flugzeug aus photographieren lasse« und ein Bildwerk hergestellt, eben jenes Buch, welches der Innenminister immer unter dem Arm herumtrug, voller Stolz über so viel „Fortschritt".
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Der Zufall führte uns einen jungen Deutschen in den Weg, der uni freundlicherweise sofort in seinen rotlackierten Wagen Packte und auf eine Spazierfahrt durch Stadt und Urwald mitnahm. Er gehörte auch zu beit Firestone-Leuten und war drei Autostunden auf der amerikanischen Straße zur Küste gefahren, um unseren Dampfer zu besuchen — nicht etwa, mir wieder einmal kühles deutsches Bier zu trinken, was die Weißen tatsächlich« aus den verborgensten Schlupfwinkeln oft zur Küste lockt —, sondern um. sich deutsche Bücher zu kaufen. Es gibt so viele leere Stunden im Busch.
Wer Wagen hüpfte über die Steine der rnonrovianischen Straße», unb, wir sahen uns dies merkwürdige Gebilde einer Stadt an, die eine Nachahmung europäischer Wohnkultur ist, bei der aber überall, wie durch einen mcherigen Mantel, das großsprecherische Unvermögen des Negers hindurch- blich. Siegesstatuen an Treppenaufgängen, von denen der Zement abbröckelte, zweistöckige Häuser mit eingeschlagenen Fenstern, schließlich bie Hauptstraße mit Gras und Unkraut, von der der Minister allen Ernstes: behauptet hatte, sie sei so ähnlich wie unsere Reichsautobahnen, nahmen wir staunend zur Kenntnis. Kirchen gab es in Massen, denn von den vierzehn, christlichen Sekten, die um die Seelen der Monrovianer werben, hat jede ihr eigenes Gotteshaus. Es war gerade Sonntag, und die schwarzen @in< wohner wanderten ihren Kirchen zu, die Männer in eleganten weißen Ja- ketts und engen Beinkleidern, die Mädchen und Frauen in seidenen Spitzem Keibern und Lackschuhen. Hinter der Stadt kam der Flugplatz und nicht loeit davon die Funkstation, einst von Deutschen erbaut, im Kriege bombardiert und vernichtet. Hinter Palmen versteckt lag das Haus des deutschen Konsuls, ein schöner luftiger Bau in einem herrlichen Garten. Der Konsnl hatte sich ein Sonntagsvergnügen gemacht und war auf Krokodiljagd in den Busch gefahren.
Und dann kam der schweigende grüne Urwald, zwei Baumwände z« beiden Seiten der Straße. Wir hielte» a» einer Lagune und sahen einet fremden Vogelwelt zu. Eine afrikanische Schnepfe stelzte durch das seichte Wasser, gelbe und rote Webervögel schwirrten durch die Palmen, und buntfarbige „Witwen" mit langwallenden Schwanzfedern schwangen sich durch die Luft. Ein Neger stand plötzlich neben uns, trug ein meterlanges, sauber in Schilfhalme eingeschnürtes Krokodil in seinen Händen und bot es zum Verkauf an. Als wir ihm in ein Dorf folgten, tarn uns der Häuptling entgegen, um die Schultern einen schönen handgewebten Mantel. FraueN, mit sonderbar gezapften Haaren, saßen vor den Hütten, und Männer von herkulischem Körperbau, in malerische Tücher gehüllt, grüßten »ns freundlich. Da turnen wir ja wieder mitten in Afrika — im'sonnenüberstrahlten dunkelsten Erdteil!
Es ist eigenartig, wie stark das Glücksgefühl jedesmal ist, wenn man bet unberührten afrikanischen Natur begegnete, ihren Menschen, Tieren und Pflanzen, wenn man fie spürt in ihren Gerüchen, in der Hitze, wenn alle Sinne sich wieder mit diesen Eindrücken vollsaugen tvollen. Es ist etwas von dem Rauschzustand der Entdeckerfreude darin. Wir fuhren zurück zur Küste, an den Hafen mit feinen Faktoreien, den Lagerfchuvpen, den Radios und Flugzeugen, in jene afrikanische Küstenwelt, deren Europäisierung unvermeidlich ist. Aber es ist gut zu wissen: dort, hinter diesem geschäftigen Getriebe, da wartet noch das alte, das ewige, das unvergängliche Afrika — auch heute noch — und auch auf dich.
Derontwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Drühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Dieben.


