^Auf Bergeshöhn.'
Don Ricarda Huch.
„Ueberm Staub und Lärm der Gassen, Wind und Wolken zugesellt, fühl' ich tröstend mich umfassen eine makellose Welt.
Seine Flügel senkt mein Sehnen, alle Wünsche gehn zur Ruh, und die Quelle meiner Tränen schließt sich sacht von selber zu."
Ricarda Huch.
Zu ihrem 75. Geburtstag am 18. Juli.
Don Annemarie von Puttkamer.
An einer Stelle ihres Werkes, an der sie über die Beziehung der Geschlechter zueinander spricht, sagt Ricarda Huch: „Beide Geschlechter sind im Alter am schönsten, denn die Schönheit ist die höchste, die zugleich so typisch und so persönlich wie möglich ist." Für dieses Wort ist die nun fünfundsiebzigjährige Dichterin selber wandelndes Beispiel. Schon chre Jugendbilder erregten Staunen: das vielleicht nicht i>m landläufigen Sinn schöne, doch auffallend kühn geschnittene Gesicht, an dem jeder einzelne Zug groß ist, von einem strahlenden, fast schwärmerischen Ausdruck verklärt. Und doch, wie versinkt dieses Jugendantlitz vor dem großartigen und geheimnisvollen Altersgesicht der heutigen „Ricarda". Das Gesicht des jungen Mädchens zeigt das, was ihr durch Erbteil und Erziehung zu eigen gegeben war, und das war viel. An dem Altersgesicht aber haben die großen formenden Mächte, Erfahrung und Schicksal, gearbeitet, es gewissermaßen nach innen und in die Tiefe gebaut. Run sieht uns ein Gesicht an, an dem alles Zufällige weggeschmolzen ist, auch alles nur zeitlich Gebundene, das heute schon ewigkeitsumwittert blickt und fast wie ein Monument wirken würde, wenn nicht der Zug teilnehmend überlegenen Humors um den Mund und in den tiefliegenden, von schweren Lidern halb verdeckten Augen wäre.
Das Typische und das Persönliche! Ricarda Huch als Typus einzuordnen, ist allerdings nicht leicht. Sie steht so sehr für sich, ist so sehr Ausnahme, daß sie nirgends hinzugehören scheint als zu sich selbst und auch in ihrer Erscheinung seltsam „fremd" wirkt, lieber den Kreis ihrer patrizisch-bürgerliche Herkunft ist sie weit hinausgewachsen, und doch ist ihre hohe edle Gestalt eine zutiefst deutsche, ja sogar nordische, geblieben. Vielleicht haben so die uralten germanischen Seherinnen und Priesterinnen ausgesehen. Wie ungeheuer ist aber auch der Kreis der Erfahrung, den diese Frau abschritt und der ihr Persönliches erweitert und gesteigert hat. Zu dem niemals verleugneten oder verloren gegangenen niedersächsischen blutmäßigen Grundelement kommt das besondere Erbteil einer Familie, in der beste deutsche Bürgerkultur heimisch ist und in der schöpferisch dichterische Phantasie mit zur Tradition gehört. Dazu die geistigen Aneignungen, vor allem der Süden, der ihr durch jahrelanges Beheimatetsein in Triest und durch die Ehe mit einem italienischen Mann zu einem Stück der eigenen Natur geworden ist.
Aber Ricarda Huch ist ja gerade dadurch Dichterin, daß ihr« Erfahrung sich nicht auf den Umkreis des eigenen Schicksals beschränkt, sondern di« Welt einbezieht, daß sie in die Tiefen der Zeit hinab- gestiegen ist. aus Urkunde und Ueberlieserung, aus Steinen und Landschaft längst verfunkenes Schicksal seherisch geschaut und durch ihr Dichterwort neu ins Dasein gerufen hat. In ihrem ersten Roman, den „E r - innerungen von Ludolf Urfleu dem Jüngere n", hält sie sich noch an ihre bürgerliche Herkunftswelt, und zu ihr kehrt sie auch in dem um zehn Jahre später geschriebenen „M i ch a e l Unger" zurück. In beiden Büchern zeigt sich bereits Ricarda Huchs dichterische Meisterschaft: die Fähigkeit, in kleinen Einzelbildern, manchmal in wenigen Sätzen, das ganz« Wesen des Dargestellten aufleuchten zu lasten. In den Skizzen „Aus der T r i u m p h g a s s e" baut sich aus dem Mosaik von Figuren und Schicksalen aus der Elendsgasse von Triest das Bild einer ganzen Rasse aus: die unterste Volksschicht der südlichen Hafenstadt, die trotz unsäglicher Verkommenheit verklärt ist vom Ab- Ö antiker Größe und dem Triumphstrahl der Phantasie. Dieser nsatz zwischen heimlichem Adel und tatsächlicher Niedrigkeit klingt in dem Roman „Von den Königen und der Krone" noch tiefer und steigert sich hier ins überpersönlich Mythische.
Der überquellende Reichtum von Ricarda Huchs Phantasie, ihre Art, di« Wirklichkeit mit bildhafter Klarheit und zugleich doch als Bruchstücke eigenen Traums zu schauen, macht sie zur Romantikerin, ja, di« Romantik bedeutet« für sie eine Gefahr. Sie war sich dessen bewußt und sand die genialste Weise, sich gegen diese Gefahr abzugrenzen, indem sie sie darstellte. Ihre beiden Bände „Blütezeit und Ausbreitung und Verfall der Romantik" ist die tiefgründigste Schilderung dieser erregenden Epoche, in der „eine Schar junger Männer und Frauen erobernd über die breite träge Masse Deutschlands hinstürmte". Nur jemand, der innerlich mitgestürmt ist, für den die Erkenntnis Selbsterkenntnis war, konnte das Gesicht dieser Zeit so lebendig deuten.
Indem sie sich so der Vergangenheit zuwandte, betrat Ricarda Huch das Gebiet, aus bem ihr Einzigartiges gelingen sollte: die historische Darstellung, die bei ihr weder gelehrte Arbeit noch frei schaffende Dichtung ist, sondern eine bisher unerreichte Beseelung und Wiedererweckung des Gewesenen. Daß dabei im Lauf der Jahre die freie Phantasie immer mehr zurücktritt, die einfache Darstellung der geschichtlichen Wirklichkeit immer beherrschender wird, ist kein Nachlassen ihrer Dichterkraft, vielmehr im Gegenteil ein Wachsen des echt Seherischen innerhalb ihres Dichtertums. In den beiden Garibaldi-Romanen wirkt bei aller
Gröhe der Darstellung die subjektive Phantast«, die romantische Färbung, sogar etwas störend. In dem Lebensroman des edlen Märtyrers des Risorgimento, des Grafen Federigo Confalonieri dagegen, ist die historische Darstellungsart schon zu voller Meisterschaft herangereift. Ihre höchste Höhe aber erreicht sie in dem Werk, das Ricarda Huch unserem Volk in Schicksalsahnung des Kommenden unmittelbar vor dem Weltkrieg geschenkt hat, in dem „Großen Krie g". In diesem dreibändigen Zeitgemälde des Dreißigjährigen Krieges hat die Dichterin sich nicht um Einheitlichkeit der Darstellung bemüht, sondern scheinbar willkürlich setzt sie Punkt neben Punkt, Ausschnitte aus dem Leben des Fürsten neben solche des Landsknechtes, des Bauern, des Psarrers, der Mutter, des Handwerkers. Aus diesem scheinbaren Gewirr aber wächst ein Bild von großartiger und erschütternder Anschaulichkeit, mehr als das, aus Chaos, Zerrüttung und Untergang steigt unversehens etwas empor, was dieser grausigen Epoche deutscher Wirrnis einen Sinn gibt: sie erscheint zuletzt nicht allein als Todeskampf einer sterbenden, sondern auch als Geburtswehen einer neuen Zeit.
Die Versenkung in die Realität der Geschichte hat Ricarda Huch vom Einzelschicksal fort und den großen Fragen der Gemeinschaft, der völkischen Entwicklung, des Glaubens und der Weltanschauung zugeführt. In den Werken „Natur u n d G e i st", „Luthers Glaube", „Vom Sinn der heiligen Schrift", „Entpersönlichun g", setzt sie sich mit den religiös weltanschaulichen Fragen auseinander, die unserer Zeit wie jeder Zeit neu gestellt sind. In der psychologischen Studie über Wallensiein, der Biographie des Freiherrn vom Stein, den Skizzen der revolutionären deutschen Bewegung um 1848 unter dem wenig glücklichen Titel „Alte und neue Götter", vor allem aber in ihren „Lebensbildern deutscher Städte" und in ihrem großen, noch nicht abgeschlossenen deutschen Geschichtswerk, setzt sie die Geisterbeschwörung unserer nationalen Vergangenheit fort.
Selbstverständlich ist es, daß es bei einem Werk von so umfassenden Ausmaßen Unterschiede und Stufen der Beseelung gibt. Ricarda Huchs Darstellung des deutschen Mittelalters zeigt, daß gewisse Bezirke des „alten Reiches" für sie stumm geblieben sind. Aber nur der oberflächlich schwankende Mensch, der kein eigenes Zentrum in sich selber hat, kann „allen gerecht werden". Und er wieder kann es nicht, da ihm überall die wirkliche Lebendigkeit eigener Anschauung fehlt. Die schenkt sich nur dem starken, von eigenem Glauben wurzelhast gespeisten Menschen. Bei Ricarda Huch ist diese nährende Geisteskraft ein edler, kampf- froher, dabei sehr durchgeistigter Protestantismus. Ueberall, wo dieser Protestantismus, der eine geistige Grundhaltung bedeutet, aus Verwandtes trifft, da reden für sie die Steine, da ist ihr Macht gegeben, die Stimmen zu beschwören. So ist sie für uns zur Seherin und Künderin weiter Gebiete unserer Geschichte geworden, und wir hoffen zuversichtlich, daß sie ihre Darstellung unserer Vergangenheit tis nah an unsere Gegenwart heranführen wird.
Erinnerung.
Von Ricarda Huch.
An unserer Seite geht Erinnerung Und flicht des Weges Zier zu Kranzgewinden. Wie Bienenflug um sommerliche Linden Summt süß Musik von ihrer Füße Schwung. Vom Schmelz der Dinge schimmern ihre Hände, Sie hüten erd- und meerversunknen Hort.
Er rührt und hebt sich auf ihr weckend Wort Und funkelt jung wie Tau in das Gelände. Nicht Blumen sind's, was sie zum Kranz gelesen, Sie sammelt Saat des Gebens, das verging. Aus neuer Hoffnung, längst versiegten Zähren, Verschmiedend glühend Heut und starr Gewesen, Biegt unser goldnes Leben sie zum Ring, Daß es unendlich kreist in ew'gen Sphären.
Eine Deuterin der Geschichte.
Von Dr. Johannes Günther.
Aus einer gründlichen Geschichtsforschung und aus einer nach innen gekehrten Lebensbetrachtung erwächst der Dichterin Ricarda Huch eine eigenroertige Schau des Weltgeschehens. Schon ihre Vorarbeiten zeigen denkerisches Gepräge oder di« Möglichkeiten poetischer Gestaltung. Dem wissenschaftlichen Tun ist stets in reizvoller Weise die künstlerische Grazie beigesellt, ohne uns doch nur einen Augenblick lang irre zu machen an der Genauigkeit ihres Vorgehens. Wir vertrauen uns ohne ein Gefühl des Gehindertseins der Führerin an. Ricarda Huch, als Epikerin berufen und berühmt, ist im eigentlichen Erfolg ihres Wesens Dramatikerin. Was Schiller von der Wirkung des Dramas sagt:
„Wenn du das große Spiel der Welt gesehen, so kehrst du reicher in dich selbst zurück; denn wer den Sinn aufs Ganze hält gerichtet, dem ist der Streit in seiner Brust geschlichtet."
Das erfahren wir auch beim Lesen der großen geschichtlichen Werke, die uns Ricarda Huch schenkte. -
Geschichte wird vorwärtsgetrieben durch Persönlichkeiten, die, selbst- gläubig und der Gemeinschaft, in die das Schicksal sie hineinstellte, z'«>° treu und einsatzbereit dienend, mutig über bas Gegebene hinausgreifen. Eine große Persönlichkeit reicht der anderen ihre 'Waffen weiter. Eno-


