Ausgabe 
16.6.1939
 
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französischen Heer weiß doch, roorur teidigt seine bedrohte Heimat. Was

Jahrelang habe ich mich mit der Meuterei der französischen Divisionen am Damenweg beschäftigt. In der Mitte des damaligen Geschehens steht

Gegners neidlos an. ,

Wir, di« Feldgrauen, achten Poilus und Tommies, in ihrem opstw willigen Einsaß. Und wir wissen genau, daß heute die hohen Leistung«!« unseres feldgrauen Heeres auch bei seinen ehemaligen Gegnern ancrkenM werden. Damals, im Jahre 1917, führt« die planmäßig genährte Unt«r schätzung des Feindes zu jenen bitteren Enttäuschungen, die den Po«" erschütterten, als er, trotz des gewaltigsten Trommelfeuers, das je ul« die gemarterte Erde himveggebraust war, den feldgrauen Gegner iw überrennen konnte.

Dem französischen Infanteristen wurde ganz plötzlich die ernüchterns! Erkenntnis, daß der deutsch« Soldat and«rs war, als ihn Zeitungen »» Witzblätter hingestellt hatten, nicht ein gefühlloser, sturer Gehorsam kadaver, sondern ein opferbereiter, nimmermüder Sohn seines Volk«- Man hatte dem zum Sturm schreitenden Poilu einen leichten Sieg sprachen, über die zermalmten deutschen Divisionen hinweg, und wa wagte der Gegner noch Widerstand. Nicht genug! Er schritt bald |elH zum Gegenstoß.

Das war Verrat! Man hatte den Poilu belogen, ihn nutzlos geopfert Nicht genug! Beim Gegner, der planmäßig erschüttert und erledigt st" sollte, war noch alles in Ordnung, während beim Angriffsheer manchs auszusetzen war, zum Beispiel der Sanitätsdienst, und die Lebensmut«! Versorgung, und der Nachschub, und das Drückebergertum, das gar W Blüten trieb. Ja, wer war da schuldig?

Nur einer, Nivelle, der Oberbefehlshaber!" schrie der um fcin<lL®!5 betrogene Poilu und meuterte. Nivelle aber hatte die deutsche 1101* nur so hingestellt und eingeschätzt, wie man sie überall, In allen Rxw der Bevölkerung sah, eine Folge der ständigen Verhetzung. Nivelle yo mit einem feigen Massengegner gerechnet, stieß aber attf zähe, deutz>m Tapferkeit. ...

Verdun, wo Nivelle einige geschwächte Truppenteile in einem Tucht­feld, das sowiefo aufgegeben werden sollte, mit feinen frischen Xrupp®' überrumpeln konnte, war kein ehrlicher Maßstab.

Nach Tagen und Wochen fand das horizontblaue Heer seine ehre wieder. Es hat vielleicht heute noch nicht erkannt, daß C9 seinen Führer zu Unrecht schmäht«. Schuldig war nicht er, der Gene» > sondern nur die üblen Stimmungsmacher.

Hüben aber das Frontheer im schlichten Feldgrau nahm auch hin ein hartes, unerbittliches Schicksal geduldig auf sich und blieb nocy seinen Trümmern von vorbildlicher Disziplin und eiserner Tapferkeit.

(Fortsetzung folgt.)

Frontnacht. , . ... «

Da drüben, beim Franzmann, soll 5 nicht mehr stimmen -

hieß es.Da haben ganze Divisionen gemeutert, da sind die Regimenter mit der roten Fahne aus den Stellungen marschiert. Die wollten Schluß machen mit dem Krieg, so oder so. Das französische Heer ist müde--

Wer behauptet das? Unfug! Meutereien ganzer Divisionen? Unglaub­lich unmöglich! Man möchte lachen, nur lachen, weiter nichts! In Ruß­land ist so etwas möglich, jawohl, in Rußland! Ader nie in einem hoch­kultivierten Land wie Frankreich! Der einfachste Soldat irn deutschen- und französischen Heer weih doch, worum es in diesem Krieg geht. Jeder ver­teidigt seine bedrohte Heimat. Was weiß der russische Muschik vom Ziel des Krieges? Seine Heimat liegt vielleicht tausend und mehr Kilometer vom Kriegsschauplatz entfernt. Niemals wird sich der Kampf bis dorthin verirren, in jene Einöden. Diese Heimat scheint nie gefährdet Es ist also schwer, dem Muschik glaubhaft darzustellen, daß er an der Front seine Heimat verteidigt. Warum soll er denn für etwas, das er nie begreifen wird in einen endlosen Krieg marschieren, selbst nur ein Atom, ein mm« Siges Schräubchen in der mächtigen russischen Dampfwalze, in jener Walze, die eigentlich nie richtig ins Rollen gekommen ist! Aus diesen und vielen anderen Erwägungen heraus ist's kein Wunder, daß die Russen plötzlich nicht mehr mitmachen wollen. Aber die Franzosen?! Nein, Meu­terei beim französischen Heer war ausgeschlossen, dafür besah doch der Poilu zuviel Vaterlandsliebe und zuviel soldatische Tradition.

Das Gerücht von einer Meuterei im französischen Heer hielt fiep bet uns nur wenige Tage. Zu toll, um wahr zu [ein! Keine Spur von Mog-

bie tragische Gestalt des französischen Oberbefehlshabers General Nivelle. Kein Heerführer des Weltkrieges wurde fo oft und fo verbissen angegrif­fen. Viele Geschichtsschreiber haben seine Taktik verdammt und ihr allein : die Schuld an den furchtbaren Disziplinlosigkeiten von Mai und Juni: I

1 Im" iwrstege nden Tatsachenbericht erscheint Nivelle so, wie ihn ein: deutscher Soldat aus jener wilden Kampfzeit nach dem Studium vieler Quellen sieht. Die verpönte und als untragbar verschriene Taktik d«» Feldherrn Nivelle war richtig und mußte eigentlich den glanzenden Sie, an Frankreichs Fahnen hesten. Die große Tragik des Feldherrn Nivell- war nur daß seine Gegner deutsche Soldaten waren, an deren Zähigkeit und Opfe'rbereitschaft der wundervoll erdachte und glänzend ausgearbeitete Plan einer unerhört hestigen und gewaltigen Durchbruchsschlacht scheiterte.

Ein Jahr später Hal Marschall Fach die deutsche Front durch klein«, heftige, überall geführte Hammerschläge zermürbt und die seldgraii« Mauer zum Weichen gebracht", erklärt die französische Geschichtsschrei. buna Nein, nicht Fach allein! Damals war Amerika aus dem Plan. Amerika mit einer Million frischer, kampfgeschulter Soldaten, die de, Krieg alsverdammten Kirmesrummel" bezeichneten und mit jungen­hafter Neugier, gleich beim Betreten europäischen Bodens, fragten:No, wo habt ihr sie denn, diese lächerliche Schießbude?"

Solcher Uedermacht, solchem Material, solchem Uebersluß, selbst oben ohne kräftige Lebensmittel, ohne ausgeruhten Ersatz und reichliche JRii- nition, war das todwunde deutsche Frontheer nicht mehr gewachsen.

Unbesiegt durch Wasfen, nur von Hunger und Uedermacht erdrückt, zog e« sich langsam, in steten Kämpfen, planmäßig in Aufnahmestellungm zurück. Nicht die kleinen, zahlreichen Hammerschlage Fachs die unent­wegten, nimmermüden Teilangriffe auf ganzer Frontbreite hatten allein die Deutschen aus ihren Stellungen verdrängt. Die Fochfche Taktik kann,, keinen Durchbruch. Ihr fehlte das Großzügige und Gewaltige ber Nwell«- eben Pläne. Fach zermürbte einen zahlenmäßig unterlegenen Gegner, ttn ungleichen Kamps von Menschen, Maschinen und Matenal ohne Enf gegen Menschen allein. _______ r .. ...

Nivelle aber wollte den brutalen, rücksichtslosen, mannt,chen Durch­bruch, den Krieg im weit und breiten Feld.

Soldatischer war Nivelle!

Deshalb ist sein Schicksal um so tragischer.

Mit einem anderen als dem felbgrauen Gegner vor den Spitzen seinm Bajonette und den Mündungen seiner Geschütze hätte Nivelle unfterblia)<tr Feldherrnruhm gepflückt.

Das unbedeutende Ereignis einer Frontnacht an der Lasfaux-Ecke, in Frühsommer 1917, wurde der äußere Anlaß zu diesem Bericht, der kucg und schlicht von zwei tapferen Heeren erzählen will.

Eine Zeitlang waren die Poilus irr« an ihrer Führung. In Wick- lichkeit gegen dies« Führung vollkommen recht. Sie wollte den große« Schlag gegen die feldgraue Front führen und glaubte, die EndschlcW wagen zu dürfen. Seit Kriegsbeginn war ja eine maßlose Hetze gegt« das deutsche Heer entbrannt. In Zeitungen und Zeitschriften, in »n und Karikatur wurde der Feldgraue als brutaler Feigling l)ing«lteuu der nur etwas erreicht, wo er in zehnfacher Uebermacht auftritt. Dien kindische Unterschätzung und bewußte Herabminderung eines Gegners T kein deutscher Charakterzug. Und wer seinen Kampfgegner verachM bandelt nicht soldatisch. Ein ehrlicher Soldat erkennt die Tapferkeit feines

Ins Hinterland gebracht. An sich nichts Neues, eme solche Rückkehr deut­scher Kameraden aus Kriegsgefangenschaft. Em Wagnis auf Seben und war's, nichts für Aengftliche. Nur wer sich auch innerlich voll und aan, Soldat suhlte, nur wer Verwundung und vielleicht ein bitteres Ende dem gesicherten Leben hinter Stacheldraht vorzog, nur der konnte eine solche verwegene Fluch auf sich nehmen. Viele Truppenteile haben deutsche Kameraden, geflohen aus Kriegsgefangenschaft, vor ihrem Draht­hindernis ermittelt und in die Sicherheit der Graben geleitet. Nein, be­stimmt nichts Neues, diese Rückkehr von flüchtigen Gefangenen. Wahr- cheinlich hätten wir schon zwei Stunden spater nicht mehr an diese Episode gedacht, wäre da nicht plötzlich ein Gerücht entstanden, «me soge­nannte Latrinenparole. Es verbreitete sich so rasch, wie die Nachricht von einer bevorstehenden Ablösung, dies Gerücht. Es hielt sich, wurde lebhaft besprochen und bildete den Kernpunkt dieser an sich reizlosen

Rückläuser wollten sicher nur dicke Töne reden und sich inter­essant machen, diese Himmelhunde!" knurrten die Musketiere.

Es folgten bald mehr ober weniger ruhig« Tage an der wilden Laffaux-Ecke. Dann kam die Ablösung. Statt die verdiente Etappenruhe zu genießen, marschierten wir in wohlausgefüllten Tagesmärschen in die Materialschlacht, der schweren Abwehrkämpfe um Verdun.

Als der Herbst die Bäume zu färben begann, ruhten ach so mele mei­ner Kameraden vom Damenweg in Frankreichs Erde. Und ich selbst lag verwundet im Heimatlazarett, weitab vom Geschützdonner und hatte Zeit nachzudenken. Und ich zermartert« mir den Kops und stellte mir die Frag«:Ja, wenn es aber doch so gewesen ist! Wenn tatsächlich das fran­zösische Heer damals gemeutert hat!" Stundenlang, tagelang grübelte ich und teilte auch meinen Stubenkameraden diese Gedankengange mit.

Glaubst du, daß sie beim Großen Hauptquartier nicht alles genau wußten?" sagte einer, der mit schwerem Schulterschuß dalag.

Wenn sie's aber wußten, wenn sie von dieser großen Meuterei im französischen Heer Kenntnis hatten, warum dursten wir dann den Durch­bruch nicht versuchen mit anschließendem Marsch aus Paris? beharrte ein anderer mit Beinschuß.

Und der Schulterschuß:Man wird oben wissen, warum. Bestimmt hätten die Franzosen im Falle eines deutschen Angriffs ihre Ordnung und Disziplin wiedergefunden und hätten dann erst recht erbitterten Wider­stand geleistet." . .

Wir sprachen hin und her und dachten uns aus, wie schon es gewesen wäre auf einem solchen Vormarsch. Besonders das Wegnehmen großer Proviantämter malten wir uns in den glühendsten Farben aus In unsren Eingeweiden knurrte dabei der Hunger, denn im Herbst 1917 war auch die Lazarettkost schon sehr spärlich und krasllos.

Im Dezember jenes Jahres war ich wieder felddienstfähig draußen bei der alten Fronttruppe. Und dann kamen die Zeiten der wilden Pa­trouillenunternehmen und das Anftemmen gegen einen neuen, übermüti­gen Feind. Vor uns waren die ersten Amerikaner geschlossen aufgetaucht. Niemand dachte nunmehr an eine überraschende ober leichte Beendigung des Krieges. Nur Kampf würde es noch geben, das wußten wir, nachdem wir uns einige Male mit den neuen Gegnern gemessen hatten Kampf, bitteren Kampf bis zu Sieg ober Tod. Ein Zwischending schien uns alten Frontknochen fortan unmöglich. Wir nahmen es dahin wie unser Schick­sal. Kein Mensch dachte noch ernstlich an die Latrinenparolen qon den französischen Meutereien am Damenweg. ..

Erst Jahre später habe ich die Wahrheit erfahren, eine Wahrheit, die mich erschütterte. Die französische Armee hatte tatsächlich gemeutert. Und bi« Rückläufer bei uns und an mehreren anderen Teilen der Front hatten wirklich nicht übertrieben, sondern nur die nackte Wahrheit erzählt. Trotz­dem, alles schon zu spät; denn inzwischen hatten die Offiziere drüben ihre Truppe wieder fest in die Hand bekommen.

Eine Gelegenheit, den Krieg rasch und vor ber Ankunft größerer Truppenmassen aus USA., vielleicht mit geringen beutschen Verlusten, siegreich für die Mittelmächte zu beenden, war unerkannt verstrichen.

Deutsches Schicksal ist Kamps und nicht blinder Zufall.

Der Krieg ging weiter, und wir, die ausgepumpten, schlecht genährten, aber stahlhart gewordenen Feldgrauen trugen ihn noch durch 500 kamps- crfüllte Fronttag« und 500 lange, dunkle Frontnächte.