Ausgabe 
16.6.1939
 
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SiehenerZammeMätter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang 1939 Zreitag. den 16. )uni Nummer 45

Eine Armee meutert

SCHICKSALSTAGE FRANKREICHS 1917 Lin Bericht von p. e. Ettighoffer

Copyright b y Bertels in ann Gütersloh

Dar Ereignis einer Nacht an der Laffaux-Ecke.

In jener Frühsommernacht des Jahres 1917 war höchste Alarm- dirsitschast befohlen. Das 2. Bataillon RJR. 258 lag in vorderster Linie Oij dem schmalen Rücken des sogenannten Assenberges. Hier waren die ifanzosen stellenweise, im Verlaufe der Rioelleschen Offensive vom l. April bis Ende Mai, in das deutsche Verteidigungssystem an der Laf- fux-Ecke gedrungen und hatten Teile der Siegsriedlinie besetzt. Hart ti-.b zielbewußt durchgeführte Sturmangriffe der drei Jnfanterieregi- msnter, die unserer erprobten Division angehörten, hatten das Gleich- «wicht in diesem Frontabschnitt wiederhergestellt und ab Juni den Bigner in die Verteidigung gezwungen. Das Artilleriefeuer ritz selten ol. Die Fliegertätigkeit war stark. Und oft vergasten die Franzosen oisere Anmarschwege, die alle durch tiefe Schluchten führten. Eine Werst unruhige Stellung.

Der einzige Zugang zur vordersten Linie war ein schmaler Kabel- pben, auf den immer wieder rücksichtslose Feuerüberfälle prasselten, tagsüber, mit Hilfe des gut getarnten Grabenspiegels, war uns vom »rdersten Kampfgraben aus ein herrlicher Blick über den Damenweg riglich. Der Affenberg liegt ja am westlichen Ende dieses vielumkämpf- tit Höhenweges. Aber wenige meiner Kameraden haben je mit Genug d.rch den Grabenspiegel geschaut, denn jene Landschaft barg damals i*-r Tod, Grauen und Vernichtung.

Ich war Führer vom Trägerzug des il. Bataillons. Jede der vier ; fanteriekompanien und auch die Maschinengewehrkompanie hatte eine ß'uppe ab kommandiert zur Bildung dieses Trägerzuges. Mit meinen fi> if Gruppen legte ich täglich zweimal, oft dreimal den H>eg von der Mdersten Linie über den Pinon-Riegel bis Schloß Pinon zurück. Wir kleppten die Verwundeten zurück, brachten Lebensmittel, Munition und f»st nach vorne, beförderten in schweren Lasten wuchtige Stollenbretter, rvlhanzzeug, Sandsäcke und Minen. Streckenweise ging5 im Laufschritt

Schlucht zu Schlucht, wenn es galt, dem ständigen Störungsfeuer os szmveichen. Neun Tage schon hatten wir vom Trägerzug diesen kiiettlauf mit dem Tode durchgehalten. Manchen hatte es unterwegs zpackt. Wir beneideten unsere Kameraden der vordersten Stellung.

Vom Wachtdienst waren wir befreit. Wir lagen nachts hinter der lotirberjten Linie am oberen inneren Rande der Klaraschlucht in zwei pißen feuchten Stollen, die bei jedem Granateinschlag bedenklich wankten. Mere Trägertätigkeit war meist bei Einbruch der Dunkelheit beendet. Dinn lagen die Schluchten unter solch schwerem Feuer, daß ein Durch- !<*nmen nur mit großen Verlusten möglich war. Tagsüber konnte man i Ibon eher der Gefahr in der Feuerwalze ausweichen, aber nachts war

Sperrfeuergürtel oft undurchdringlich. Bei Verdun hatten die Feld- Muen auch die Schluchten gefürchtet, aber dort waren die Mulden 1®nigftens weiter und viel flacher. Hier dagegen, an der wilden Laffaux- Gffe, stiegen alle Hänge kurz und steil empor. Jede schwere Granate, die Jff dem Grund einer solch engen Schlucht zerschellte, hatte eine vielfache Artung.

Der Bataillons-Kommandeur ließ den Trägerzug, der tagsüber so M leisten mußte, nachts in Ruhe. Nur bei allerhöchster Gefahr hatten einzuschwärmen, durch den Kabelgraben zur vordersten Kampslime, ">tn dort am kritischsten Punkt eine der Kompanien zu verstärken. >)n Aurr- 'chkeit wäre wahrscheinlich keiner von uns lebend durch den Kaoei- Mben gekommen, denn beim geringsten Anlaß legte der Feind eme ® durchdringliche Wand von Granaten und Explosionen an den -Kano «-^laraschlucht und in den Kabelgraben.

So war die taktische Lage in jener Fruhsommernacht, da wir aiar- »ert wurden. ... , ,

, ."Der Feind soll, wie es heißt, seine Stellungen uns gegenüber heute 1 »nbets stark besetzt haben." So sagte der Melder beim Ueb erbringen ^2 Alarmbefehls. Wir schnallten um, legten die Handgranateii gr: n- ®'ieit, taten die Gasmaskenbüchse vor die Brust. In der pechschwarze Mternis der beiden Stollen war es minutenlang ein raunendes -tonen ®» Suchen, untermischt mit kräftigen Soldatenflüchen. Dann wurde e »eher ruhig. Jeder lauerte bewaffnet, umgeschnallt und kampfbereit ®sf seinem Platz. Draußen war's eine Nacht, so schon und so ruhig, uns selten eine gegönnt wurde. Kein Schuß wert und b^ech kau Leuchtkugel. Der Krieg schlief. Oder lauerte er nur, sammelte er ,,r lein'« Kräfte zu neuem Sprung?

Um 2 Uhr in der Frühe verließ ich den Stollen, wollte zum Ba­taillons-Gefechtsstand, dort etwas Neues über die Lage und den ver­muteten Angriff erfahren. Als ich den dumpfen Stollen verließ und in die frische Frühsommernacht trat, fuhr mich die kalte würzige Luft an wie ein Hieb. Ringsum duftete die von Granaten durchwühlte und taufendfach aufgebrochene Erde. Sie duftete nach Korn und gutem Brot. Und es dufteten ferner die sterbenden Bäume, die frisch umgeschossenen Sträucher, die es im Vollsaft ihres Wachsens unerbittlich gepackt hatte. So duftete es bei ländlichen Festen, so nach Erde und nach verwelken­dem Grün.

Nicht lange genoß ich die Stille der Nacht. Vorne aus dem etwa 200 Meter entfernten Kampfgraben zischte eine Leuchtkugel. Und auf französischer Seite waren es jetzt schon zwei, drei Leuchtfallschirme. Und es begann der Tanz Zuerst schoß langanhaltend ein fran­zösisches Maschinengewehr. Die kupfernen Spitzgeschofse peitschten alle über die Böschungen hinweg und pochten als dumpfe oder helle Ham- merschlüge gegen die sterbenden Baumstümpfe der Klaraschlucht. Jetzt setzte ein zweites, ein drittes Maschinengewehr ein, und bann kam elementar der Orkan aus Rohren aller Kaliber.

Es zischte, heulte und gurgelte, es tobte und spritzte und spie, es fang, johlte und brüllte. Die Hölle war los. War das der erwartete fran­zösische Angriff? Laufend und stürzend, kriechend und von Granatloch zu Granatloch springend, erreichte ich wieder die beiden Stollen, wo der Trägerzug fix und fertig zum Eingreifen bereitsland. Wir lauschten hin­aus und erwarteten von Minute zu Minute den polternden, atemlosen Lauf eines Melders, der uns den Bataillonsbefehl zum Einsatz bringen würde. Nichts geschah, nichts. Dagegen flaute das Feuer sehr bald ab. Also doch nur einer jener nervösen Ueberfätte, wie fast alltäglich.

Um 2 Uhr 30 war wieder olles ruhig. Im Osten kündete sich schon der junge Tag an. Die Front schwieg. Bis zur halben Höhe war die Klaraschlucht mit Gas- und Geschoßqualm gefüllt. In langen weißen Schwaden zog der chemische Nebel an der zertrümmerten Kleinbahn entlang auf die Ailleval-Ferme zu.

Für die Franzosen war nun der Zeitpunkt des Angriffs an diesem Tag verpaßt. Vorbei die kritische halbe Stunde der beginnenden Däm­merung. Man konnte schon wieder Einzelheiten auf mehr als hundert Meter im Gelände deutlich erkennen. Und da sah ich vier deutsche Sol­daten hastig nach rückwärts zum Pinon-Riegel streben. Mit Bedacht vermieden sie die gasgefüllte Tiefe der Klaraschlucht, hielten sich oben am Höhenrand, der noch nicht voll und ganz vom Feind eingesehen werden konnte. In 50 Meter Entfernung etwa mußten sie an unserer Unterstandsgruppe vorbei. Ich sah sie daherkommen, völlig zerrissen die Uniformen, die Gesichter von krankhafter Blässe, die Augen dunkel unter- schattet. So sehen Menschen aus, die soeben vom Krankenbett aufstehen ober ein furchtbares Erleben hinter sich haben. Waffen hatten sie keine bei sich, auch kein Koppel. Nicht einmal die unentbehrliche Gasmaske trugen sie auf der Brust. Beim näheren Hinschauen merkte ich, baß ihre Uniformen mit Heller Farbe beschmiert waren. Auf Brust und Rücken las ich bie Buchstaben P. G.

Das waren doch bas waren Kriegsgefangene, deutsche Kameraden, die von drüben kamen, ohne Zweifel geflohen über die Front hinweg. Der vierte Mann winkte mir vergnügt zu. Es war mein Regimentskamerad Klaus Fisch, im Zivilberuf Kunstmaler, Eifelmaler, damals Zugführer bei der 6. Kompanie. Er hatte wohl den Auftrag, diese drei Rückläufer sicher und rasch in die Etappe zu bringen. Kamerad Klaus Fisch hatte ja immer mit Vorliebe verwegene, kitzlige und auch seltsame Aufträge übernommen.

Eine Stunde später wußten wir alles. Diese drei Kameraden waren vor fast 14 Tagen aus einem Gefangenenlager in der Nähe von Fisrnes, in der französischen Etappe geflohen. Fast zwei Wochen lang hatten fie sich in der Gegend Herumgetrieben und auf den günstigen Augen­blick zum Durchqueren der Front gelauert, hatten sich von Gras, Blät­tern, Wurzeln, Abfällen und unreifen, kaum nußgrohe-n Aepseln ge­nährt und waren nun am Ende ihrer Kraft. Tagsüber hatten sie sich in den Steinbrüchen aber in Granatlöchern versteckt gehalten, um nach Anbruch der Dunkelheit den Marsch zur vordersten Linie anzutreten. Zuletzt waren sie im Durcheinander einer Ablösung auf den Spuren eines französischen Bataillons nach vorne gekommen, hatten unbehelligt die vordersten Linien erreicht, und waren zwischen zwei Schulterwehren auf die Deckung geklettert, um dann langsam, unter dem Drahtverhau hinweg, ins Niemandsland zu kriechen. Zum Schluß wurden sie noch entdeckt, als sie schon dicht vor dem deutschen Graben waren, ungefähr am Schnittpunkt unserer Bataillonsstellung mit der des Nachbarregi- ments Die Franzosen sahen die Bewegung im Gelände und forderten Sperrfeuer an. Wahrscheinlich hatten fie die Nerven verloren, bei der unheimlichen Ruhe dieser Nacht, und vermuteten einen deutschen Pa­trouillenvorstoß.

Die drei Rückläufer wurden nach Beendigung des Feueruberfalls sofort