Verantwortlich: Dr. tzan» Thyriot. - Druck und Verlag: Drühlsche UniversltLtSdruckeret R. Lange, Dieben.
Bei Zenny Lind in Nyckelviken.
Bon Andre Baron Foelckerfam.
Eine halbe Stunde ist es her, seitdem das kleine Fährboot, das non Stockholm aus in die Schären fährt, mich an Land gefetzt hat. Seit einer halben Stunde steige ich den Waldabhang hinauf, dessen Baumkronen im Nebel stehen. Den Wellenschlag gegen die Klippen, der noch lange zu mir Hinanfdrang, höre ich nicht mehr; nur das Tropfen von den Bäumen — der einzige Laut, der in die tiefe Stille hineinklingt.
Dieser Wald, der, nur sechs Kilometer von Stockholm entfernt, sich meilenweit über die Schären hinzieht, gibt einem dasselbe Gefühl von großer Einsamkeit wie die weiten Wälder in Norrland, Zwischen den Bäumen liegen von den Klippen heruntergestürzte Granitblöcke, halb versteckt von Moos und Gestrüpp, Mitten im Walde eine kleine Lich° tung mit einem offenen Brunnen und einigen verwahrlosten alten Apfelbäumen, Bon den Grundmauern des Hauses, das hier gestanden hat, sind nur noch ein paar grobbehauene Feldsteine da.
Der grasüberwachsene Weg ist mehr zu erraten, als zu erkennen. Er soll von hier nach Nyckelviken gehen, wo Jenny Lind, die „schwedisch« Nachtigall", gewohnt hat. Aber mir scheint, er führt mich kreuz und quer durch den Wald, Wahrscheinlich habe ich mich verirrt. Es gibt hier niemand, den ich fragen kann. Solange ich hier gehe, habe ich kein Dach gesehen, bin ich keinem Menschen begegnet. Hier scheinen nur Eichhörnchen, Igel und Füchse zu leben.
Der Weg macht eine scharfe Wendung. Unerwartet öffnet sich vor mir der Wald. Sein Gestrüpp, sein« dichtstehenden dünnen Bäume, an denen das Moos in grauen Fetzen hängt, Vie meterhohen, rostroten Farnbüschel, die Granitblöcke am Wege, über den alte, weiterverzweigte Wurzeln kriechen — alles hört plötzlich auf.
Nor mir liegt eine Wiese, silbern im nebligen Dunst. Bewaldete Abhänge umschließen wie eine dunkle Mauer die helle Fläche, die alles Licht dieses grauen Tages in sich gesammelt zu haben scheint. Es ist, als dringe nie ein Windhauch hier ein, als würde das Gras hier nie gemäht, kein Bogel je durch einen fremden Laut erschreckt, und als gingen nie mehr Menschen über diesen Weg, der am Wiesenrande, unter riesigen Eichen, zu einer Höhe hinaufführt.
Äm Ende der Wiese läuft ein halbverfallener Zaun. Dahinter ragt, über einem Gewirr von Büschen, das spitze Türmchen eines Lusthauses, dessen Wetterfahne die Jahreszahl 1750 trägt. Ein paar morfche Stufen führen hinaus. Hinter schmalen französischen Fenstern hängen Schilfjalousien herab; die Treppe, di« einst aufs flache Dach führte, gibt es nicht mehr. Ich kenne dieses Bild von einem alten Stich — dieses Lusthäuschen steht im Garten von Stora Nyckelviken. Dort, wo die Wipfel der Linden aussteigen, muß Jenny Linds Wohnhaus liegen.
Die Gartenpforte ist verschlossen. Ich gehe am Zaun entlang und finde einen Durchschlupf. Hinter entlaubten Hecken taucht das helle Haus auf mit feinem hohen schwarzen Ziegeldach. Die Fensterläden sind geschlossen.
Auf einem Seitenwege kommt ein alter Mann mit einem Schubkarren. Er trägt einen altmodischen, breitkrempigen Hut. Ein kleines Mädchen trabt neben ihm. Die beiden hätten auch vor 80 Jahren au diesen Wegen umher geh en können.
Auf meine Frage, ob ich mir den Garten ansehen dürfe, nickt der Alte und fetzt seinen Weg fort. Das kleine Mädchen ist stehengeblieben. Es sieht mich neugierig an. Dann dreht es sich um und läuft dem Alten nach, die dünnen hellen Zöpfchen hüpfen auf und ob.
Plötzlich sind die beiden verschwunden, und ich frage mich, ob ich wirklichen Menschen begegnet bin. Der Garten sieht nicht aus, als hätte ein Gärtner de» Sommer über hier gearbeitet; die Bäume sind unbeschnitten, die Büsche wachsen noch allen Seiten, die Gewächshäuser
Und dann stellte man zum mindestens zehnten Male.fest, daß man über die ersten drei Seiten seines Buches einfach richt h,nauskam. Wei man nicht aufhören konnte, trotz allem an Monika zu denken. Wie jpat mochte es jein? Gleich elf Uhr! Natürlich wurde sie nun nicht mehr anrufen. Sie hatte sich ja entschieden.
Als das Telephon bann doch ging, »ar ferne Stimme ka" und abweisend. „Bitte, Jürgen!" sagte Monika, sehr leise. „Ich muß dich ruuh sehen. Gleich, ja? Es geht doch nicht fo — Scf) plage ch'ch herum, seit du fort bist. Du verlangst so viel von mir. Biecht du überhaupt, was du verlangst?" Und als er nicht antwortete, sehrZchuchtem:^„Also gut. Komm nur her. Ich habe den Tisch so schon gedeckt. Unser Eßpaket darf Nicht verderbende ^urnee?" fragt« er, blank und hart in Siegerlaune.
„Ich' sage ab!"
Im Hörer blieb es sekundenlang still. „Jürgen!" rief Monika dann plötzlich, zornig und verzweifelt. ,Zch werde Klöße für dich kochen und Schnitzel panieren - ganz wie du willst. Ich bin ein lammerliches Mädchen, gar nicht dazu geeignet, nur berühmt zu werden. Genügt es dir?
Jal Danke. In zehn Minuten bin ich da — wie vorhin. Und dann jagte ein junger Mann in einem Tempo über die Straße, daß alle Leute ihm kopfschüttelnd nachsahen.
Schnee.
Bon Christian Morgen st er n.
Aus silbergrauen Gründen tritt ein schlankes Reh im winterlichen Wald und prüft vorsichtig, Schritt für Schritt, den reinen, kühlen, frischgefallnen Schnee. Und deiner denk ich, zierlichste Gestalt.
sind verfallen. Cs ist, aks hätten alle Dinge hier sich menschlicher Einwirkung entzogen, seitdem Jenny Lind unter ihnen Ulebt hat. Und doch hat sie nur ein paar kurze Sommer hier gewohnt. Aber die Landschaft ist seitdem so geblieben, wie sie sie gesehen und geliebt hat; es ist als hätte sie Züge ihres Wesens in sich gesammelt und bewahrt. ...
9 Der Hof Nyckelviken bestand als Bauernhof schon um 1500 und hat seitdem oft den Besitzer gewechselt; das Wohnhaus ist mehre^ Male umgebaut worden. 1765 bis 1767 besaß es der französische Gesandte Baron Louis Auguste de Brei eui l.deres vergrotzerte unb mit Wandmalereien und Stuckarbeiten schmückte. Seit >ener Zeit steht das Helle Haus mit seinen grünen Fensterläden und dem hohen Mansardendach unverändert. Breteuil hätte keinen besseren Rahmen finden können für eine Geselligkeit, die raffinierte Eleganz in unberührter und rdy- Uscher Natur zu entfalten liebte. Der Staudengarten mit seinem Lust- Häuschen und den gewundenen, versteckten Wegen hinter gestutzten Hecken, di« Terrasse, von der man weit über das Meer sieht, die Lindenalleen und weiten Rasenflächen, die sich bis zur Bucht hinziehem alte Eichbäume, Klippen, das Meer — das gab eine reich nuancierte Kutisie
kleiner, rechteckiger, von Granitblöcken eingefaßter Teich striegelt das „Billardhäuschen" mit seinen alten, grünlichen Fensterscheiben. Dieses Häuschen hat einen einzigen großen Raum mit einem Rokoko- komm aus grünem schwedischen Marmor. Im Alkoven, hinter dem Kamin, zieht sich längs den Wänden ein Sofa.
Eine Allee von hohen Linden verbindet wie em Bogengang den Billardflügel mit dem Wohnhaus«. Steht man am Eingang des Billard- Häuschens und blickt durch die Allee ins Wohnhaus hinein, scheint es, als führe die Allee durchs Haus hindurch und weiter bis — nach Ber- failles! Eine jener im 18. Jahrhundert beliebten Perspektivspielereien, die auch aus Breteuils Zeit stammt
Ich gehe am Teich vorüber, die Rasenplatze hinab, zur Bucht. Links Kt wie eine schützende Wand die Allee riesiger Eichen gegen den ld. Sie schützt die Stille hier, in der längst vergessenes Leben nachklingt. Wer dieses Leben vernimmt, ertappt sich dabei, auf den Rasen- flächen Pfaue zu sehen, die nicht mehr da sind; er sieht geisternde Schwäne auf dem unbewegten Teich und auf den einsamen Wegen Gestalten in wippenden Reifröcken. „ ...
ochmal wie ein Fluß durchschneidet die Nyckelmk (die Schlusselbucht) die steil aufsteigenden Granitklippen und entzieht 'sich, nach einer scharfen Biegung, meinem Blick. Sie hat die Form eines Schlüssels. Wo die Bucht sich zum Meere öffnet, stehen drüben schroffe, karge Felsen. Sie gleichen allen Ufern der Stockholmer Schären; nur von Nyckelviken aus gesehen wirken sie fremd, kalt und abweisend wie -eine andere Welt,
Der Gesang der Jenny Lind übte seine geheimnisvolle Wirkung aus nicht nur durch die technische Bollendung ihres hohen, silberklingenden Sopran, sondern durch die tiefe Ergriffenheit, die er bei den Zuhörern hervorrief.
Man sprach damals in Europa und Amerika von einem Jenny- Lind-Fieber. Man verkaufte „Jenny-Lind-Hüte" „Jenny-Lind-Schals", „Jenny-Lind-Sonnenschirme". Dabei war sie selbst vollkommen gleichgültig gegen die Mode. Die enormen Einnahmen durch ihre Konzerte verwandte sie zum größten Teil als Geschenk an Bedürftige; so geschah es nicht selten, daß sie sich selbst die Erfüllung eines Wunsches versagen mußte. Als sie erfährt, daß ihr Vormund und väterlicher Freund, der Hofgerichtsrat M. Munthe, für die Stora Nyckelviken zum Sommer 1860 gemietet hat, schreibt sie: „Ich finde, es ist eine Gnade, daß wir eine so schöne und sriedliche Stelle gefunden haben!" und sie erkundigte sich, was an Möbeln und Geschirr vorhanden, und wieviele Betten es gäbe, „denn vier bis sechs Gastbetten mässen schon da sein". Sie ladet gleich Gäste zum Midsommerafton (Sonnwendfest) ein Alle sollen vollzählig erscheinen und ihre Freunde mitbringen. Platz könne man immer schaffen!
Wenn sie an Sommerabe oben in Nyckelviken oder bei Munthe s, im nahegelegenen Beateberg mit ihren Freunden musizierte, sammelten sich in der Bucht unzählige Boote, angezogen von ihrem Gesang.
Infolge ihrer ausgedehnten Konzertreisen durch Europa und Amerika f :m Jenny Lind nur selten nach Schweden. Daß sie sich di« Verbundenheit mit der schwedischen Landschaft erhielt, verdankt sie wahrscheinlich den kurzen Sommern in Nyckelviken. In einem Bries an Prof. O. Byström schreibt sie: „Unser« nordischen Stimmen haben einen Charme, den keine anderen Stimmen der Welt besitzen.' Die ganze Poesie unseres Landes, die Hellen Sommernächte, die Ankunft des Frühlings wie mit einem Zauberschlag, unser« Klippen und Seen, all das endet man in unseren nordischen Stimmen wieder. Sie duften sozu- gen nach Tannen- und Fichtenwald!"
Jenny Lind hat mehrmals daran gedacht, Nyckelviken zu kaufen. Sie sehnte sich»danach, wenigstens „einen kleinen Flecken Erde" in Schweden zu besitzen. Aber sie muß diesen Plan aufgeben. Sie kommt später auch nicht mehr nach Nyckelviken zurück.
Ihre Auffassung von der tiefen Beziehung ihrer Kunst und der schwedischen Landschaft (wie sie sie in ihrem Briefe an Byftröm schildert) mag Jenny Lind das Bewußtsein gegeben haben, daß sie hier ganz der empfangende Teil gewesen sei; sie konnte nicht wiffen, wi« stark diese Landschaft, in der sie gelebt, den Grundton ihres Wesens in sich aufgenommen hat und ihn nun, wie ein spätes Echo, an uns weitergibt.
Es ist grau und dämmrig geworden. Die weiten Ausblicke verschwinden. Nebel schließen Garten und Hans immer enger ein.
Ich gehe eine steil« Holztreppe hinunter. Der Weg führt an einer Schlucht vorüber in den Waid. Nach einer Viertelstunde komme ich auf eine breite asphaltierte Straße hinaus, Lastwagen und Autos flitzen vorbei. Hinter kleinen, gepflegten Gärten mit geharkten Kieswegen Hegen in Reihen Vorortvillen. Ich steige in einen Bus, der mich nach Stockholm zurückträgt — ins Heute.
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