Ausgabe 
16.6.1939
 
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Fußreike.

Von Eduard Mörike.

Am frifchgefchnittnen Wanderstab, Wenn ich in der Frühe So durch Wälder ziehe, Hügel auf und ab: Dann, wie's Vögelein im Laube Singet und sich rührt, Oder wie die goldne Traube Wonnegeister spürt In der ersten Morgensonne: So fühlt auch mein alter, lieber Adam Herbst- und Frühlingsfieber Gottbeherzte, Nie verscherzte Erstlings-Parobieseswonne.

Also bist du nicht so schlimm, o alter Adam, wie die strengen Lehrer sagen; Liebst und lobst du immer dock, Singst und preisest immer noch, Wie an ewig neuen Schöpsungstagen, Deinen lieben Schöpfer und Erhalter.

Möcht es dieser geben, Und mein ganzes Leben Wär im leichten Wanderschweihe Eine solche Morgenreise!

Oie blinden Passagiere.

Eine Geschichte von C h r i st i a n M u n k.

i Kapitän Flanagan hatte sich bereits dreimal nach Natie umgeblickt. 3i! genügte. Natie wurde blaß, und die Stauer suchten nach einem Lzerettenitummel, um ihn dem kleinen Natie anzubieten. Denn wen Liagan scharf angesehen hatte, der kroch mit Kummer in die Ko,e. ,o xil ist gewiß. Flanagan war ein Mann wie Sturm hinter Seid en pap^er. M-ichmal raschelte es nur, aber wenn irgendein Mann vom Borschiff niildem Finger an das Seidenpapier stieß, dann platzte es, und es brach eicherzbrechender Orkan über den armen Mann vom Vorschiff Zufammen, tui ev sich bleich und demütig an eine Flasche Schnaps machte, die er i»r dem Strohkissen seiner Koje versteckt hatte. >

Lßenn die Fahrensmänner zwischen Kap Horn und Haparaudaden »men Flanagan hörten, dann wurden sie still. Er war ein Zw-izentner nm, schwarzbehaart wie der Teufel und breit wie der Schrank, der m kiier Kajüte stand. Er trug immer einen steifen Hut, ob er gerade in der Sch-Bay fuhr oder an den Midway-Jnfeln herumkreuzte, emen hübschen stz arzen, steifen Hut, mit dem ging er auf der Brücke auf undi abund s!li,te. Nur wenn er mit den Dreiminutensluchen anfing und rote Adern

hals kriegte, dann nahm er den Hut ab bis sein ^utansall herum *- Die verwegensten Seemänner machten einen Bogen um 'hn. und Ul der eiserne Jim wurde bescheiden und artig wie em Kmd, wenn Uiagan in der Tür stand.

f Las alles wußte Mister Smith nicht.

MKifkr^Sickch stand"schon seit drei Wochen in den Slums deiOstseits Bet Manhattan herum und versuchte blind aus em Sch'ltöukmnmen. Marei war er dreimal ins Wasser geschmissen, siebenmal »«rpruge t wor- M' und hatte ein Ohr im Laderaum derVulcama gelassen, als man dort an die frische Lust bat. Mister Smith dachte daß er etzt woh

Mnug bezahlt hätte und nun eigentlich ein Recht darauf befolge, unbemerk |l« Bord zu kommen, um als blinder Passagier mich Kuba zu.fahren .'! dachte er, und daran erkennt ein befahrener Mann, sn^unorf Büschen von Mister Smith beschossen war. Eine FahrtvonNeuyork Ich Havanna ist mehr wert als das Ohr emes armen Mannes so viel Bteilt fest. Mister Smith war dünn und kläglich anzusehen, er war die ln bsal in Person, und seine Schultern hingen. h. < Tnrhter

Dieser unglückliche Mister Smith hatte eine Tochter, und diese Tochter dünn und blond und frisch wie eine Pr.se Seewind, wenn er um d,e

Bit "in Sckiif für uns, was?" Und Paula hielt die Hand über bk Aug n ,i;»> betrachtete den Frachter, der sauber und frisch >m Rai lag.

Unser unglücklicher Mister Smith hatte ein Herz für seine Tochter uno f törichtes Köpfchen, sonst hätte er wenigstens nach dem Namen des Uitäns gefragt. Und hätte er gefragt, so hatte er von einem raf

M ® ts gehört, und er wäre mit seiner Tochter nie anBord 99 3 snau[a 1!? tat er nicht. Und als es Nacht geworden war, kletterte Bei ne

Angewandt über die achtere Stahltrosse an bas mcr sch.

B spähte sie nach der Wache, aber es war niemand zu |epen. aijo B Ol»tte sie dem zitternden Mister Smith, der in semem g - ' sy^rter

Schatten einiger Fässer stand und mit den Zahn n wackelte. Mister B °nith glückte es mit vielen Schnaufern ebenfalls, bis c,otenbein 1 klld zu klettern. Hier schnitt er sich in die Hand riß s'ck e n Hofenbe^^ B U verlor fein Hütchen und rollte kläglich an Deck, wo Paula r sch I Xw SSÄ beiden an der Schanze liegen und^beobachttten ' l Deck. Als sie schließlich sicher waren, daß sie ungesehen nach i ^eictjen konnten, liefen sie lautlos wie zwe, Schatten auf das 1 Ick st, 0: He in den Kettenraum hinabkletterten. «jeder bann

B Keuchend warfen sie sich aus die öligen, nassen Kettt Rtretär- Itäten sie sich ein geschütztes Plätzchen, indem sie »n Licht eines Stteicy

Holzes herumtasteten und schließlich im Hintergrund eine Ecke fanden, in der man sich verbergen konnte. Sie hatten zwei Brote, eine Büchse Fleisch und auch eine große Flasche Milch eingepackt, aber sie ahnten nicht, daß der Kettenraum der gesährlichste Ort für blinde Passagiere ist, denn wenn die Ankerkette gehievt wird und hereindonnert, so hat sie fchon oft einen unglücklichen Mann erschlagen. Ja, es ist schon vorgekommen, daß der Maat an der Ankerwinsch beim Fieren der Ankerkette ein dummes Gesicht machte, weil die Sette so sonderbar aussah. Und wenn er sie genau be­trachtete, so war die Kette rot. Und sie war rot vom Blut eines in der Finsternis erschlagenen Mannes. Das alles ahnte Mister Smith nicht, und erst recht nicht die kleine Paula, die sich in die Ecke gekuschelt hatte, um zu schlafen, denn es war gegen drei Uhr und die Zeit, wo der Mond über Hoboken untergeht.

Mister Smith saß geduldig auf der Kette und überlegte, ob alles richtig getan worden war. Es war sehr still in der Kettenkammer, man hörte nur von draußen das Schlagwasser, und hier drinnen hörte man die kleinen, vogelhasten Atemzuge des schlafenden Mädchens.

Zur selben Zeit hatten die Heizer die Kessel aufgemacht. Die Saäelute wurde gedichtet und alles klar gemacht für die Abreise, denn um vier sollte das Schiss oblegen. Kapitän Flanagan rannte auf der Brücke um­her, und er hatte schon zweimal den Hut abgenommen, und dreimal hatte er sich nach Natie, dem Jungen, umgeblickt.

Es lag Sturm in der Luft, so viel war sicher. Drüben über der Back- bordjeite sah man von der Brücke aus den brandigroten Himmel des großen Neuyork, in den die Tausende von Wolkenkratzern hineinstteßen, am höchsten die Nadel des Empire-State-Building. Hier an Bord jedoch sah niemand hin, hier arbeitete jeder Mann, um mit der abziehenden Flut den Atlantik zu gewinnen. _ . , . .. . , ...

Ties im dunklen Kettenraum aber sah Mister Smith und zündete sich eine Zigarette an. . .. ,, .

Schön, so im Dunkeln zu sitzen, nur bas glimmende Zigarettenende leuchtet gemütlich.

Aber sonderbar, die Zigarette riecht etwas brandig.

Mister Smith versucht im Dunkeln zu erkennen, woran es liegt. Er chnuppert nachlässig umher. Ach was, er wird sich geirrt haben. Bald wird der Dampfer abfahren, bald werden die Maschinen anfangen zu arbeiten, und dann geht die Reise nach Kuba, mit einem blinden Passagier im Kettenraum und einem kleinen schlafenden Mädchen. Es ist schon zu leben, denkt Mister Smith. ~ . ...

Da schnuppert er schon wieder umher. Teusel, es rieckst wahrhaftig etwas brandig hier unten. Was ist es denn bloß?

Es vergeht eine Zeit und die Zigarette ist zu Ende. Mister Smith drückt sie sorgfältig aus. So, jetzt wird er sich ebenfalls >n die Ecke legen und ein Ende zu schlafen versuchen. Und er legt sich neben das ttef atmende Mädchen und versucht einzufchlafen. Aber es wird ihm >m Halb- 'chlaf plötzlich klar, daß er hier unten im Rauch hegt. 3a, berSetten» raum muß voller Rauch fein. Und der Rauch riecht nicht fo hübsch harm­los wie der einer Zigarette, nein er riecht böse und gefährlich uno erstickend!

Es riecht nach Brand! m

Und plötzlich ist Mister Smith hellwach. Um Gottes willen, wenn es hier vorne nach Rauch riecht, stimmt etwas nicht, das ist klar! Es brennt "^Mister Smith rüttelt seine Meine Tochter Paula, die schlaftrunken hochfährt.

Das Mädchen Paula reibt sich die Augen und gähnt und begreift erst allmählich daß sie in einem dunklen Settenraum hegt. Aber das erste, was sie sögt, ist:Es ist ja so rauchig hier. Pap!"

Und der Baier hustet, und die kleine Paula hustet auch

Und der Vater sagt:Komm, steh auf, wir müssen rasch weg. Wir schleichen an Land, bas Schiff brennt irgendwo!"

Als sie beide versuchen, durch das Oberluk an Deck zu klettern, zupft die kleine Paula ihren Vater am Aermel und flüstert:

Aber wir müssen das doch dem Kapitän fa«m daß es brennt!

Das geht nicht, Kind, bann geht es uns schlecht!

'Nein, wir müssen es ihm sagen, sonst brennt das Schiss ab

Miskr Smith war nie ein mutiger Mann gewesen, aber jetzt denkt er noch und dann Heftern sie beide an Deck, Mister Smith unb das kleine Fräuleck Und sie verbergen sich hinter der Winfch. Nicht weit von ihnen ist eine Bohle, die an Land hinunterführt, das ist die Rettung. Aber sie laufen nicht die Bohle hinab, die beiden, sondern sie warten, bis em junger Matrose pseisenb an ihnen vorubergehf. Da zupft ihn Mister

-» gjj«

oor sich im fahlen Mondlicht einen bleichen Mann hinter der Wmsch aus­tauchen, der zitternd hervorstößt:

®as6 jegf1 g"sch^'ging rasch. Natie rannte zum Kapitän Flanagan, her foFort die chafenseuerwehr alarmierte. Und während die donnernden Jeu rwaaen hernnbrausten, wurden Mister Smith und das kl-.ne Frau- stin ^ula auf die Brücke zu Flanagan geführt, der duster und r.esig

Passagiere, ins Wasser schmeißen sollte man °^Mitt^r Smith "im gelben Mäntelchen zitierte wie nie in (einem Leden. mnn hnoon dachte er, und das kleine Fräulein begann zu heulen.

Jlanaaan holte jetzt zu feinen Dreiminutenflüchen aus und nahm den steiftn Hut ab^ Man sah fogar die Adern an feinem Hals bedrohlich an- '^^ vlötllick wandte er sich ab, als ein Feuerwehrmann zu ihm trat unb £ Äte, Ml das g'euer gelöscht fei. Das Schiff fei gerettet, weil ÄSVÄ TaSn'sianW« 1» ndn.n M« Smith um und knurrte: