„Nun, Siska", sagte Roosje, sich an das dicke Mädchen wendend, „was sagst du dazu? Die Faulen sind schon unterwegs. Statt sich in seinem Arbeitszimmer zu befMen, um, wie zwei große Männer, die ich kenne, zu studieren, treibt er M herum. Ja, anstatt in seinem Zimmer zu bleiben und zu arbeiten, wie die ehrenwerten ,Krurn-Jan' und .Alsodaswas La Forst', zu denken, zu überlegen und Gott um die Heilung der Kranken zu bitten, läuft er umher. Das ist schon ein richtiger Nichtstuer, ein ,Zon- Klopper', ein Pflastertreter, wenn die Sonne scheint. — Wann ist er weggegangen, kleine Hexe?" *-
„Um fünf Uhr morgens."
„Meine Tochter läuft mit ihrem Mann« mit?"
„Ja, sie besuchen manchmal die Kranken zu zweien. Während des Besuches wartet Frau Margarete in einem Zimmer oder auf der Straße."
„Kranke?" sagte Roosje. „Wenn man Kranke hat, wohnt man dann in Uccle? Gibt es überhaupt Kranke in Uccle? Wer kommt denn hierher, um ihn aufzusuchen?"
„Die ihn brauchen, Frau Roosje."
„Geh hinaus!"
„Ich werde das tun, was man mir aufgetragen hat. Frau Margarete sagte, daß sie nicht vor neun Uhr zurückkäme, aber wenn Sie inzwischen frühstücken wollen ..."
„Ich werde nicht frühstücken!"
„Doch, Baesin, ich bitte Sie", sagte Siska. „Jetzt ist es sieben Uhr, und ich bin seit vier Uhr auf und habe Hunger. Riechen Sie doch, wie gut der Kaffee ist. Frühstücken Sie, Baesin!"
„Ha, du willst essen, du!" rief Roosje, „ich aber ersticke vor Wut! Nimm das weg, sage ich!"
„Hören Sie zu, Baesin", sagte Siska, legte eine Hand auf Roosjes Arm, die andere auf die Platte. „Hören Sie zu: ich ersticke nicht vor Wut, aber ich habe feit vier Uhr morgens Hunger und will essen. Frau Margarete hat gesagt, Sie sollen frühstücken, ohne auf sie zu warten. Sie wissen, was Sie mir selbst gesagt haben. Uebrigens bin ich nicht hierher gekommen, um vor Hunger zu sterben. Wenn Sie finden, daß starker Kaffee, Eier, Weißbrot, daß das alles zu viel ist, so finde ich, daß es gerade genug ist, um mich das Spülwasser und das trockene Brot vergessen zu machen, das ich so lange gegessen und getrunken habe, Sie wissen schon wo. Ich will Ihnen auch noch etwas anderes sagen: Wenn die Leute Ihnen Gutes tun, behandeln Sie sie, als ob sie Ihnen Böses täten. Das ist nicht gerecht. Wenn ich an ihrer Stelle wäre, würde ich Ihnen Böses tun, um vielleicht Gutes von Ihnen zu erlangen. — Geben Sie mir die Platte", sagte sie zu dem Mädchen, das gern gehorchte, um Roosje zu mißfallen.
Roosje fetzte sich, den Ellenbogen auf die Tafel, das Kinn in die Hand gestützt, in die Nähe ihres Tellers. Durch diese Bewegung schob sie alle Falten und Fältchen ihres bösen kleinen Gesichts nach oben, so daß es wie ein Paket erschien, an dem man nichts Vorspringendes sah als die dünne Nase und die Pupillen, die wie Katzenaugen in der Dunkelheit leuchteten. Siska setzte die.Platte auf den Tisch, goß Roosje Kaffee ein, schnitt ihr eine Scheibe Brot, bestrich sie mit Butter, legte ihr drei Eier aus den Teller und stellte ihr alles hin, ohne sich weiter um ihre Herrin zu kümmern: dann bediente sie sich selbst, aß die Hülste des Brotes, fast alle Eier und leerte die Kaffeekanne.
Sie sah nicht, wie Roosje angesichts dieses fabelhaften Appetits verstohlen das Wenige, was Siska ihr gelassen hatte, verschwinden ließ.
Brot, Eier, die Kuchen, der Kaffee, alles ging dahin. Roosjes Wünsche erfüllten sich. Bis Besseres kam, plünderte sie die Eßvorräte ihres Schwiegersohnes.
23.
Roosje verachtete Paul aufs tiefste. Seine Ruhe und Milde erschienen ihr als Zeichen von Schwäche. Sie ahnte nicht die wahre Kraft, die unter diesem friedlichen, fast empfindsamen Gehaben verborgen war. Da er kein Pedant war, konnte er in ihren Augen auch kein Gelehrter sein. Sie kannte andere „Hasen" als diesen Pfennigdoktor. Unter den Gästen des „Kaiserlichen Wappens" war da zunächst ein alter Schulmeister, der eine gewisse Einbildungskraft, eine nicht ganz genügende Nernunft und ein nur verneinendes Urteil befaß. Roosje verstand davon nichts und hielt ihn für einen großen Mann. Dieser große Mann las sehr viel und sprach gern über geschichtliche Fragen. Pläne, Ordnung der Ideen, genau sestgestellte Tatsachen, Daten und Personennamen, die von der Geschichtsschreibung gebracht wurden, versuchten an die Tür feines Gehirns zu klopfen. Eintritt verboten! Irgend etwas Untrennbares hielt dort Schildwache.
Ein anderer Gegenstand der glühenden Bewunderung Roosjes war ein Dichter, der seit fünfundvierzig Jahren (er war sechzig Jahre alt) versuchte, die Avokalypse in französische Verse zu übertragen. Gelehrte Kommentare sollten sich am Fuße der Seiten befinden, um die Wahrscheinlichkeit und Wirklichkeit der im Gedicht angeführten Dinge zu beweisen. Die von ihm mit Tinte bedeckten Blätter waren unzählbar. Uebrigens fehlte ihm jede Kenntnis des Griechischen und Lateinischen. Bei jeder Gelegenheit zitierte er sein Lieblingsgedicht, und von der Höbe der „zwölf Türen, die zwölf Perlen waren", und der „Stadt, die nicht von der Sonne, noch vom Monde beschienen zu werden brauchte" und zu der man „den Ruhm und die Ehre der Nationen bringen werde", beurteilte er die Ueberweltlichkeit geschichtlicher und politischer Fragen, ja sogar die Volkswirtschaft und die Frage der Kinderarbeit in den Fabriken.
Diese beiden „berühmten" Gelehrten hatte Roosie immer bewundert. Wenn der Meister, wegen einer gewissen Unreaelmäßigkeit im Bau feines rechten Beines der krumme Jan genannt, zu ihr kam, um sein Gläschen Genever zu trinken und redete, so erschien es Roosje, als ob Fluten von Büchern aus feinem Munde kämen
Der Dichter mit Neman La Forst, trug den Spitznamen „Alsodaswas", weil er jeden feiner Sätze mit diesen Morten begann, wenn er sich über die Avokalnvse verbreitete Er kam manchmal zum Kaiserlichen Wappen", mit wirrem Haar, feine Apokalypse unter dem Arm, und bestellte dann l°in Gläschen mit aeballter Begeisterung. Die weihe, jeder Behandlung cmnärt spottende Locke, die auf die Stirn von „Alsodaswas" herabhing
und beim Licht der Kerzen gelb schimmerte, rief Roosje den heiligen Johannes in ihr katholisches Gedächtnis, der als die Locke die feurige Zunge trug, die auf das Haupt der Apostel sich niedergelassen hatte. Weder „Alsodaswas" noch der krumme Jan lachten jemals, und ihre feierliche Haltung zwang Roosje zur Bewunderung. Eines Abends hörte sie eine sehr anregende Unterhaltung mit an, in der der krumme Jan und „Alsodaswas" nicht der gleichen Meinung waren. Es handelte sich um die vier Tiere der Apokalypse, von denen eines den sieben Engeln sieben Gefäße voll von Gottes Zorn und anderen Dingen gibt, dem Zorn, der nach der Meinung von „Alsodaswas" Belgien beträfe, und zwar das Unheil, das auf BelAen im allgemeinen und auf Gent im besonderen kommen würde.
Der krumme Jan behauptete, Gottes Zorn sei kein Ding, das man in Flaschen ober in eine Faß füllen könne, wie Gerstenbier oder das man aus goldenen Vasen oder Halblitergläsern trinken könne. Hierauf schlug der erzürnte „Alsodaswas" den krummen Jan heftig und überzeugte ihn mit Hilfe einer Reihe Faust- und anderer Hiebe davon, daß er unrecht habe, die Wahrhaftigkeit der Logik und der Voraussagungen der Apokalypse zu bezweifeln.
Der krumme Jan ging zeitig zu Bett und kühlte seine Beulen. „Alsodaswas" hatte für ihn, dem er unrecht getan hatte, eine wilde, kaum verhohlene Verachtung und betrachtete ihn von da an als einen nüchternen Menschen, der zu schwerfällig war, um sich jemals in höhere Sphären zu erheben.
Roosje bewahrte für beide eine große Verehrung. Das Volk hak viel Achtung vor dieser Art von Gelehrten, und Frau Servaes, verwitwete van Steelandt, gehörte trotz ihres vornehmen Namens zum Volk.
Vor diesen Vorbildern an Weisheit verblaßte bie- befcheibene Wissenschaft bes Doktors wie ein Nachtlicht im Scheine zweier Sonnen.
24.
Paul unb Margarete gingen übers Lanb unb burch die Stadt, über Berge unb Täler, burch Straßen unb Gäßchen, unb suchten bie Schaubühne bes Gebens auf, um Lehren buraus zu ziehen, die dem erwarteten Sohne später nützen sollten; denn daß es ein Sohn würde, fühlte Margarete an ihrem guten Allgemeinbefinden.
Sie befanden sich in der Rue des Minimes. Neben dem Brunnen lag ein Haufen von Salatblättern, Pflaumenkernen, Lumpen in allen Farben und Staub, wahrscheinlich das Ergebnis des Auskehrens der benachbarten Häuser. Drei arme alte Hunde liefen ganz ruhig auf diesen Haufen zu, durchwühlten ihn, sahen, daß nichts für sie darin war und liefen trübselig, wie sie gekommen, wieder davon. Ohne viel Hoffnung hatten sie ein wenig Nahrung gesucht; da sie sie nicht fanden, waren sie kaum enttäuscht, weil Enttäuschung für sie eine Gewohnheit geworden war. Paul und Margarete folgten ihnen. Die drei großen, außerordentlich mageren, armen Tiere zeigten dumpfe Bedrücktheit, aber auch eine gewisse Entschlossenheit in ihrem Gebaren. Die abgefcheuerten Stellen des Felles ließen sie als ehemalige Zughunde erkennen, die wenig ober gar nicht gefüttert unb bann, weil schwach ober krank, fortgejagt worben waren. Der brüte, kleiner unb älter als bie beiben anberen, trug um den Hals noch ein Stück Strick, an bem sich eine Art Schlinge befand. Die Schlinge hatte wohl einen Stein gehalten, aber bem Tiere war es wahrscheinlich gelungen, sich auf bem Grunbe irgenbeines Teiches vom Strick zu befreien. Dieser Hunb schien bis bahin als Rentner gelebt zu haben, benn fein Fell zeigte keine abgeschabten Stellen. Seine Haltung war weniger entschlossen als bie seiner beiden Begleiter. ,
Sie gelangten alle drei zu einem anderen Haufen, wo sie einige alte Häute und Reste von Gräten fanden. Die Gräten verschwanden bald, worauf sie sich ängstlich auf die Häute stürzten. Sie standen auf ihnen unb zogen sie mit ber ganzen Kraft ihres geschwächten Körpers an sich, wobei sie wie Diebe, bie eine Ueberraschung fürchten, scheu nach rechts unb links blickten. Sie waren so wenig ans Fressen gewöhnt, daß ihnen bie hier gefunbene Nahrung als Diebstahl erschien. Eine Frau aus bem Volke, bie am Arme nahe bem Ellenbogen ihren Korb mit Kohlenschlacken trug, kam aus der Rue des Malades, lief auf den Haufen zu und durchwühlte ihn, was bie drei Hunde aber nicht störte. Die Schlacken, nach denen bie Frau suchte, waren ihnen gleichgültig. Sie wollte bie Hunde erst verjagen, aber als sie knurrten, fürchtete sie sich und begnügte sich mit ihrem Platze. Das Gesicht ber Frau hatte einen ähnlichen Ausbruck wie bas ber Hunde.
Außer dem bei ihr recht trüben Strahl von Verstand, der aus dem Gesicht jedes Menschen spricht, war sie wie die drei Tiere, traurig, von einer Gewohnheitstraurigkeit, und schüchtern, weil sie ständig schlechte Behandlung und Mißachtung auszuhalten hatte. Auch sie glaubte Unrechtes zu tun, wenn sie auf einem Abfallhaufen einige Schlacken sammelte.
Plötzlich kam aus einem vornehmen Hause ein dicker „Herr", ein fröhlicher Mann, der sicherlich gerade gut gegessen hatte und seine Freundin besuchen wollte. Der „Herr" war von einem prachtvollen Neufundländer begleitet, mit dickem wohlgewaschenen Felle. Wie fein Herr schritt er mit dem festen Schritte der Wohlgenährten dahin. Kaum hatte er die drei Hunde bemerkt, als er sich heftig unb unüberlegt auf sie stürzte. Die drei armen Hunde hielten mit eingezogenem Schwanz ihr Stück Haut fest und standen bewegungslos. Sie schienen diesen reichen, so tauberen unb wohlgenährten Hund zu bitten, ihnen ihre armselige Nahrung zu lassen.
Der Neufundländer ging um sie voll Verachtung herum und beleidigte sie in feiner Sprache. Sie verstanden ihn und knurrten, worauf auch er begriff, daß sie böse waren, benn er knurrte auch. Sein Herr unterhielt sich gegenüber der Minoritenkirche mit einer Dame. Der Neufundländer schien zu zögern, auf welchen Hund er sich zuerst stürzen solle. Einer von den dreien ließ ihm keine Zeit dazu; es war her kleinste, der, welcher einst wie der Angreifer auch wohlgenährt gewesen war. Er sprang ihm an die Kehle. Der Neufundländer warf mit einer einzigen Bewegung ben Armen auf den Abfallhaufen, mit zerrissenen Ohren unb blutigem Schwänze.
(Fortsetzung folgt.)


