GiehenerZainilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1959 Freitag, den 15. Dezember Nummer 10
Die Hochzeitsreise
Roman von Charles de Coster
Deutsche Übertragung von Arthur Seiffhart
10. Fortsetzung.
Roosje glaubte jetzt einen Ausweg gefunden zu haben, um ihre Würde zu wahren, und wandte sich an Margarete: „Wie schmecken denn die Rebhühner?" fragte* sie.
„Willst du etwas davon hoben, Mama?" fragte Margarete.
„Ja, nur um zu sehen, aber ich bin sicher, daß sie nicht gut sind."
Paul reichte Roosje eine starke Portion, die sie ganz aufoß, von Scham und Vergnügen errötend. Zu Ende gekommen meinte sie: „Na, das ist das Geld nicht wert, es besteht ja nur aus Sehnen und Knochen." Paul schwieg. Margarete wurde traurig.
Siska erkannte wohl das Unrecht Roosjes, aber Roosje war ihre Herrin: auch das Schweigen Pauls fand Siska häßlich, weil es Roosje viel Vergnügen bereitet haben würde, wenn er etwas Böses geäußert hätte. Aber Siska fand auch, daß Paul im Rechte war zu schweigen, und betrachtete nacheinander die beiden Feinde mit ihren großen, guten, flehenden Augen, um sie zu bitten, die Feindseligkeiten einzustellen. Und wider ihren Willen stossen die Tränen, als sie Margarete, das Adoptiv- kind ihres guten Herzens, die sie so liebte, traurig sah.
Nun wurde Huhn und Salat aufgetragen. Jetzt hatte Siska einen großen Entschluß gefaßt und wandte sich mit ihrer guten Stimme ernst an Roosje: „Baesin, was ich jetzt sagen werde, muß ich Ihnen sagen. Ich weiß nicht, ob Sie Essig getrunken oder Absinth gegessen haben, aber Sie sind nicht gut und machen Fräulein Grietje meinen..."
„Schweig, Siska", sagte Margarete.
, Nein, ich werde nicht schweigen. Was ich sage, ist gerecht, und jeder muß nach der'Gerechtigkeit sprechen. Wenn Leute wie Sie , fuhr sie fort, sich zu Paul wendend, „alles tun, was sie können, um jemanben gut aufzunehmen — ich spreche nicht von mir, mein Platz ist in der Küche —, wenn man sieht, daß man diesem Jemand gutes Ragout und ferne Pasteten (Siska konnte die Pasteten nicht vergessen) und gute Weine gibt, wenn man alles das ißt und trintr, hierbei wandte sie sich ZU Roosje, „und bann mit Undank bezahlt, so sage ich, daß das nicht gut ist! Hier ist ein Huhn, das groß und fett und sicher sehr teuer gewesen ist, und wenn man dieses Huhn auf den Tisch bringt, so ist das, weil man den Gästen damit Vergnügen bereiten will. Ich sage nur das, und wenn man ihnen Vergnügen machen will, so darf man nicht Undank erwidern. Jetzt verlange ich, daß Herr Paul, Frau Margarete und Frau Roosje sich die Hand geben und sagen, daß sie es nicht mehr tun werden.
Händedrücken wurden ausgedauscht. Angesichts des Huhns wurde Friede geschloffen. Uebrigens waren auch noch andere Überlegungen n Roosje aufgetaucht, die sich schon darüber ärgerte, daß sie nicht genug Vorsicht und Heuchelei gebraucht hatte. Als Paul und Margarete mit Roosje einen herzlichen Händedruck austauschten, sagten j " es nicht mehr tun". Aber sie wußten eigentlich nicht welch- Art von Verbrechen sie nicht mehr begehen soltten, »m Siska zu gefallem
So endeten die erregten Zwischenfalle dieses Mahles, das mit einer gewissen Zahl anderer in Pauls Familie beruhmi wurde.
21.
Roosje stieg in ihr Zimmer hinauf, um sich M legem ^wkas Zimmer befand sich neben dem ihrigen, was sie mit Genugtuung emp, fand, ohne es merken zu lassen. Sie nef Siska, um dem, während sie sich selbst auszog. Em°- Mi nute lang ersuchte sw m geblich, das gute Mädchen wach zu halten Trotz allem guten -Minen konnte Siska ihrer Herrin nicht länger zuhorem Sie hatte zum Ersten Male feit ihrem Hochzeitstage zuviel Wein getrunken und tat r überwältigte sie. Gluttot, mit zwinkernden Augen f J ®nr)c »rhob mit einer großen Willensanstrengung, neigte ihren sih ,
ihn wieder, seufzte, bekam den Schlucken und kmckt-! mitihren amen Deinen ein, als ob diese sich auf einmal in ® ' gffnen. Decgeb-
Von Zeit zu Zeit versuchte sie, Augen und Mund 3” ^rgeo, sich es Bemühen l Unbewußt murmelte sie .statt , - trnen,b,eincrn Möbel- was Roosje sagte, ja und nein; wahrend sie sich 8 »einen, stück festhielt, um nicht nach hinten zu fallen bat sie rntt dem Körper' den Händen, dem Gesicht und bem -Bim mit so ergötzlichen, bemitleidenswerten und weinerlichen Mab-
daß sie Roosje ein Lächeln der Verachtung entlockte und zu der iRay
nung zwang: „Geh schlafen, du hast zu viel Wein im Kruge deines Kopfes."
Siska begriff; sie hätte gern auf diese Beleidigung geantwortet. Nach vergeblichen Versuchen, durch Worte und Gebärden zu widersprechen, zog sie sich schließlich in chr Zimmer zurück, um sich dort auszukleiden, zu Bett zu gehen und sich vor dem Einschlafen gedankenlos zu bekreuzigen.
Roosje dachte nicht ohne Zorn, daß Siska nicht aufwachen würde, selbst wenn man eine ganze Batterie zur Verfügung gehabt hätte, deren acht Geschütze mit einemmal losdonnerten. Sie beschloß daher, ihrem Unmute wegen der Vorgänge und ärgerlichen Aeußerungen Siskas während des Mahles und besonders ihrer Entrüstung wegen ihres Benehmens vor dem Zubettgehen bei einer besseren Gelegenheit Ausdruck zu geben.
Paul und Margarete hörten Roosje, deren Schlafzimmer über ihrem Zimmer lag, hin und her gehen. Aber sie konnten nicht sehen, wie sie den Preis der Mattatzen, deren drei auf ihrem Bett lagen, um es weicher zu machen, und den Preis der Sprungfedermatratze unter diesen drei Matratzen, und den des zum Bett führenden Fußtrittes und die Kosten der feinen Leinentücher, die, ganz weiß und frisch, noch den Geruch der Wiesenbleiche an sich trugen, berechnete. Sie konnten nicht sehen, rote beunruhigt sie über den Preis des Stückes wohlriechender Seife war, die auf ihrem Waschtische lag, wie sie den Schildpattkamm, alle die Bürsten und sonstigen Gegenstände prüfte; wie sie, neugierig, ein englisches Handtuch unter den anderen fand und es wütend hin und her drehte; wie sie sich ärgerte, eine Karaffe spanischen Weines neben einem Glase Wasser stehen zu sehen; wie sie diese Karaffe ganz leerte, mit einer unsicheren Genugtuung, die sie zu verheimlichen versuchte, als ob jemand da wäre, um sie zu beobachten. Sie konnten nicht sehen, wie sie sich schließlich als Standbild des Hasses hinstellte und Gründe für Entrüstung und Zorn in den zahlreichen Zeichen zarter Aufmerksamkeit suchte, dte ihre Tochter und ihr Schwiegersohn für sie bereitet hatten.
Paul und Margarete hörten sie lange hin und her gehen. Schließlich schliefen sie ein und ahnten nicht, daß Roosje bis drei Uhr morgens keine Ruhe fand, daß sie abwechselnd hin und her ging, sich setzte und suchte, welche Rache sie aus den Aufmerksamkeiten, die man ihr bewies, und aus dem Vergnügen, das man ihr hatte machen wollen, brauen könnte. Im Morgengrauen, gegen fünf Uhr, als Roosje endlich schlief, glaubte sie, sie sähe im Traume Margarete ganz weißgekleidet auf den Fußspitzen in ihr Zimmer kommen. Margarete kam, um zu sehen, ob sie ruhig schliefe, und legte auf die Bettdecke einen Strauß Sommer- und Herbst- rosen, so durch ein gemeinsames Band die Blumen verbindend, die in blassen Nebeln leben, und jene, die bald aufhören werden, sich den Küssen der Sonne zu öffnen.
Als Roosje am andern Morgen um acht Uhr erwachte, ohne zu wissen, wie spät es sei, fand sie den Strauß auf ihrer Bettdecke; sie rief Siska, die aus dem Nebenzimmer kam und ihr beim Ankleiden half. ,Hetzt wollen wir hinuntergehen", meinte Roosje. Von Siska gefolgt, trat sie stolz und störrisch in das Speisezimmer mit der ausdrücklichen Absicht, ihrer Tochter eine Szene zu machen, weil sie sich erlaubt hatte, in der Nacht ohne ihre Erlaubnis in ihr Schlafzimmer einzudringen.
22.
Weder Paul noch Margarete waren im Zimmer.
Roosje läutete. Das Mädchen erschien und trug auf einer Platte mit vergoldeten Rändern Kaffee, die die Luft würzte, Kuchen, Brötchen mit Butter, Spiegeleiern und einer Flasche so kalten Wassers, daß das Glas ganz beschlagen war.
„Wo ist der Herr? Wo ist die Frau?" fragte Roosje. „Schlafen die Nichtstuer noch? Warum kommen sie nicht zum Frühstück? Warum leistet man mir nicht Gesellschaft? Das ist ja schön, gleich am ersten Tage. Was bedeutet das alles? Kuchen, Gier? Die scheinen ja eine Goldgrube in Uccle gefunden zu haben. Wo sind sie?"
Siska, die mit durch Hunger weit geöffneten Nüstern das Früsttick witterte und ausgezeichnet fand, flehte Roosje mit beruhigenden Ge- bürden an. .
Antworte mir doch, kleine Truthenne", wiederholte Roosje. „Frau Roosje", antwortete das Mädchen, „ich bin ebensowenig eine Truthenne roie Sie. Wenn ich es wäre, so wäre ich vielleicht mehr wert als Sie, weil ich nicht so zähe bin. Die Herrschaften sind um fünf Uhr morgens fortgegangen und haben mich beauftragt, Sie zu bitten, zu frühstücken, ohne auf fie zu warten. Sie werden bald zurückkommen. Das Frühstück ist fertig, und — wenn Sie wollen —"
Das Mädchen rückte einen Stuhl hin.
.Ich will nichts, weder dich noch den Stuhl noch das übrige. Trage alles wieder weg und sage mir, wo sie sind!"
Die Herrschaften geben mir keine Rechenschaft darüber. Wenn Sie das Frühstück nicht wollen, werbe ich es wieder in die Küche tragen."


