Ausgabe 
15.12.1939
 
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©er Kachelofen.

Von Friedrich Bischoff.

Wie war es doch? Ich weiß es noch, Verschlummernd im Alkoven, Dort glummte rot das Ofenloch, Stand braun der Kachelofen.

Und wohlig warm im Ofenrohr, Als ob es schnarrend tropfe, Da klapperte, da plapperte Der Deckel mit dem Topfe.

Der Feuermann fuhr stumm hervor Mit rüttelrotem Schopfe.

Und rotberockt, mit blauem Hut, Oh, wie sie fleißig hüpften, Die Funkelflammen, goldbeschuht, Und Funkenbänder knüpften.

Die Stube sah im Spiegel zu. Sie schaute tief von innen, Wie's munkelte und funkelte Und dunkel glomm von hinnen. Sie sah sich selbst und ging zur Ruh Und ließ das Feuer spinnen.

Das wisperte und knisterte. Und wirbelte im Reigen; Tat ab den roten Rock, die Schuh, Mußt in die Asche steigen ...

Vorm Fenster hing der Abend blau Schneeschüttelnd in den Zweigen: Das flimmerte und schimmerte Hinschlummernd schon im Neigen. Der Ofen sah es ganz genau. Hieß Topf und Deckel schweigen.

Mit Genehmigung des Propyläen-Verlages dem neuen Gedichtbuch von Friedrich BischoffDas Füllhorn", Lieder der Balladen der Kindheit, entnommen.

Oie Fahrt zum Weihnachtsmarkt.

Bon Waldemar Augustiny.

Einen ganzen Tag hatte man geschlachtet und gerupft und die nackten Leiber angesengt, lieber den Hofplatz tänzelten die weißen Federn, kam (in Wind, so wirbelten sie hoch, und dann sanken sie wie Schnee. Es roch än bißchen dumpf und süßlich nach Blut, und auf roh zusammen- jehauenen Tischen lagen die vielen Enten und Gänse, ließen ihre Hälse taumeln, und die toten Köpfe bewegten sich im Wind.

Am nächsten Morgen aber, als das Geflügel beim Licht der Stall- liternen aufgeladen werden sollte, gab es Aufregung. Der Knecht war Irant, der den Bauern begleiten sollte; er lag im Bett und krümmte sich, bas Gänseklein, das die Frau gekocht hatte, war fett gewesen, und der knecht hatte sich den Leib zu voll gestopft. Nun standen der Bauer und He Frau, nachdem der Wagen beladen, Stroh für die Mitfahrenden hneingepackt und unter das Stroh die Geldkiste geschoben war, beisammen inb überlegten.

Ich nehme den Boß mit", sagte der Bauer. Die Frau ober zuckte mit len Schultern. Der Boß hatte vor zwei Tagen erst an die Haustür geklopft, er hatte bleiben dürfen, weil man beim Schlachten Hilfe brauchte, kr würde über Weihnachten noch auf dem Hof sein, dann würde er »eiterstromern, wie diese wandernden Gelegenheitsarbeiter es eben halten, ler Boß war ein fremder Mensch, gar kein Verlaß auf ihn, und nicht einmal sagen kannte das die Frau. Denn der Boß lehnte am anderen Ende les Wagens, über fein bärtiges Gesicht zuckten die Lichter der Laternen.

Nimm wenigstens den Hans mit", bat die Frau und hatte Sorgen­salten auf der jungen Stirn.Es geht schnell, wenn ihr noch einen lugenblick wartet, bring ich ihn."

Den Hans?" Der Bauer schilpte die Unterlippe vor. Schien ihm unnötig, den Hans aus dem Bett zu holen, mit zwölf Jahren schlief man f'ft gegen Morgen, aber seinetwegenGut", sagte er,weck den (jans."

So kam es, daß Hans zum ersten Mal zum Weihnachtsmarkt durfte.

Du fährst tnn wegen dem Boß mußt auf das Geld passen , sagte die Mutter, als sie dem Jungen, der noch wirr vom Schlaf war, den heißen Kaffee an die Lippen hielt und ihm einen Brotknust in die Hand drückte.

Jcb werde aufpaffen, dachte Hans und turnte auf den Wagen. Er legte sich neben den Boß auf das Brett, Vaters Rücken hatte er vor sich, daß er ihn mit dem Stock erreichen konnte. Seinen selbstgeschnitzten Stock, eine Keule beinahe, die ihn bei allen Jungen gefürchtet machte, hielt Hans Mischen den Knien. Die Füße kuschelte er ins Stroh, und mit den Zehen tonnte er die Kiste fühlen, die tief im Stroh vergraben lag.

Noch war die Kiste ja leer, aber Hans fühlte sich in seiner Rolle und toelt den Stock fest in der Hand, und wie der Wagen die lange dunkle Äraße entlang, rumpelte, hütete er sich, daß ihm die Augen zufielem Ue »ach und gefnannt. Aus den Wäldern schrien Kauie dunkle Wwfel »änderten vorbei, unbeweglich blieb die rnesserdunne Sichel des Mondes i>ie Räder fnarrtm, und wie Säcke runwelten die Manner neben und pr ihm. Hans sah und hörte alles, er fühlte den Schauder des Wmter- |»orqens, saß aber, die Keule in der Hand, aufrecht und tapfer wie V Gegen Morgen, als der Himmel grau wurde und die Luft zu glänzen pqonn von weißen, lautlos schwebenden Kristallen, tauchten wie e |®auer die unübersehbaren Häuser der Stadt auf, darüber hoben sich

dünne, zittrige Stangen, die Fabrikschornstelne, und noch höher, maste grün, ragten die Türme von Dom und Kirchen.

Da fühlte sich Hans seltsam beruhigt und begann sich zu freuen, und die Gefahr, die vom Boß drohte, schien im leicht. Der Vater wurde munter und pfiff den Pferden eins, daß sie mit den Ohren spielten, nur der Boß bekam ein dunkles Aussehen. Er hatte sonst einen weichen Ausdruck in fernem runden, stacheligen Gesicht, anders als der Bauer, dessen Haut sich über eckigen Backenknochen spannte und bläulich schimmerte von der Rasur. Der Boß bekam einen düsteren Ausdruck, nachdem er zweimal, ohne es zu wollen, mit feinem Stiefel gegen die Füße des Jungen gestoßen war gerade über dem Holzdeckel der Kiste. Der Boß bedachte, daß an diesem Markttage vielleicht mehr zu holen sei als ein Silberstück für das Handlangen.

Davon merkten aber weder der Bauer noch sein Junge. Sie fuhren mit ihrem Geflügel, das sich hoch wie pralle Säcke auf dem Wagen türmte, durch die Straßen. Sie tarnen sich fremd vor mit ihrem Gefährt zwischen Elektrischen und Autos und fühlten die Ruhe ihres Heidehofes wie eine unsichtbare Mauer um sich im Tuten, Quäken, Quietschen und Brüllen der Stadt.

Dann aber gab es keine Zeit zum Nachdenken. Sie hielten in einer Straße, die von Wagen verstopft war. Der Bauer brachte die Pfsrde in einen Ausspann, darauf holten sie zu britt Bocke und Tischplatten und schichteten sauber wie eine Sondsackmauer die toten Leiber der Weih­nachtsvogel. Nun standen sie in der engen Budengasse, durch die sich das Siadtvolk schob, und hatten zu tun mit Rufen und Angreifern Sie hielten die Tiere am Hals empor, und auch der Boß machte sich gut dabei, sie schlugen mit der flachen Hand auf die prallen Bäuche und nannten die Preise. Das war selbst für den Boß nicht schwer, denn um jeden Hals baumelte ein Papier, auf dem standen Preis und Gewicht.

Das Geschäft ging gut. Wurden auch in Stadt und Land die Zeiten beklagt, man kaufte, weil eben Weihnachten war. Die Enten und Gänse fanijen ihre Käufer, bis Mittag war der Tisch bereits gut geleert. Taler auf Taler fiel klirrend in die Kiste.

Als der Tag die Neig« überschritten hatte, leerte sich der Markt, man durfte wagen, einen Augenblick beim Kaffee zu verschnaufen. Der Vater ging zuerst, da hatte Hans wachsame Augen, daß alles Geld, was noch kam, richtig in der Kiste verschwand und daß die Kiste von keiner Hand angerührt wurde. Dann kam der Vater wieder, und nun ging Hans. Er fühlte sich müde vom langen Stehen und auch von den vielen Gerüchen der Tiere, der Honig- und Kuchenstände und dem welken Hauch der im Treibhaus gezüchteten Blumen. Er taumelte fast, indeß die Glocken der Domtürme donnernde Klänge über feinen Kopf zerschlugen, zum Er- frifchungswagen und schluckte die viel zu heiße Brühe.

Endlich ging auch der Boß. Hans lehnte am Verkaufsstand, sein Kops begann gerade zu nicken, die Kiefern schmerzten vom unterdrückten Gähnen. Da sah er, und wurde wach wie je, da sah er, wie der Boß heimlich mit einem Mann sprach, der ein Fahrrad durch die Gasse schob. Die Gruppe war nicht zu Übersehen, denn der Mann mit dem Fahrrad mußte auf­fallen. Eben wollte Hans dem Vater zuslüstern, da war der Boß wieder da und stellte sich hinter Hans. Hans mußte feine Entdeckung bei sich ver­schließen. Als sie am Abend zur Stadt heraushumpelten, war es Hans eng und schwer ums Herz. Wie albern kam ihm (eine Rolle am Morgen vor, denn da war die Kiste noch leer gewesen. Nun aber wurde es ernst.

Indessen, es geschah nichts. Der Himmel wurde dunkel, Sterne tarnen nur wenig, Mond war noch nicht da. Die Wipfel wanderten wieder dunkel vorbei, die Pferde trabten gut.

Die halbe Strecke war vorbei. Da hielt der Vater vor einer Schenke. Mitten im dunklen Land stand eine Schenke mit hellen Fenstern. Ein Lautsvrecher krächzte bis auf die Straße. Der Bauer warf Hans die Zügel zu und tippte den Boß an. Hans schickte flehende Blicke zum Vater, aber in der Tür verschwand der Bauer, der Boß hinterher.

Hans blieb allein auf dem Wagen zurück, er hielt Zügel und Keule in den Händen, fein Herz schlug. Da jagte ein Radfahrer, eine dunkle Gestalt, ohne Lampe vorbei. Und plötzlich hörte man das Surren der Räder nicht mehr, es wurde ganz still. Dann hörte man leise Tritte. Hans wollte auffpringen, den Vater rufen, schreien, da flüsterte jemand:Du, Junge!" Hans drehte sich um nichts als Dunkelheit Überall, nur das Fenster gab ein bißchen Licht. Hans beugte sich herab und sah auf den blonden Kopf eines Mädchens, einer kleinen Deem von vielleicht elf, zwölf Jahren. Du, Junge, wollen wir schnell ein bißchen spielen?"

Hans band die Zügel fest, holte die Kiste aus dem Stroh hervor und kletterte vom Wagen herab. Er war so froh, daß es kein Räuber war, der ihn angesprochen hatte, er vergaß feinen Jungenstolz, er dachte auch nicht daran, daß er den Posten verließ, auf den fein Vater ihn gestellt hatte. Hand in Hand liefen die Kinder ums Haus.

Nicht lange darauf, da ging der Boß mal eben vor die Tür. Er käme gleich wieder, sagte er zum Bauern. Er hatte ein wildes Gesicht, als er auf die Straße trat und sah, daß der Wagen leer war. Mit einem Satz war er oben, raufte im Stroh, daß die Halme um feinen Kopf stoben und sich im Haar verharkten, aber die Kiste war fort.

Da ließ der Boß die Hände sinken und kletterte langsam vom Wagen und dachte an den Knaben. Die Gier nach dem Gelde versank, wie sie hochgeschossen war. Er dachte: Wo ist der Hans? Er holte den Bauern, die Zunge ging ihm schwer, aber der Bauer verstand. Sie gingen ums Haus, die Wirtsleute hinterher. Knecht, Magd, das ganze Wirtshaus suchte nach dem Knaben, der mitsamt der Geldkiste verschwunden war. Sie rissen die Stalltür auf, weil Licht durch die Ritzen schien. In der Tür blieben alle vier stehen.

Da knieten beisammen im Stroh Hans und das Mädchen. Eine Puppe hatten sie genommen, die lag in Seinen gewickelt in einer alten kaputten Krippe. Und Schafe, weiß Gott, wie sie aus ihren Kofen gekommen waren, standen oder lagen auf den Knien um die Kripve herum und streckten ihre Mäiller vor und blickten mit sanften Augen ins Licht.

Da drehte der Boß sich um und fuhr mit dem Aermel über fein Gesicht, es zuckte von alten Erinnerungen, die wach wurden. Er wischte auch über